Macht der Vorurtheile und des Aberglaubens

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Textdaten
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Autor: Anonym
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Titel: Macht der Vorurtheile und des Aberglaubens
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 3, S. 333–340
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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IV.
Macht der Vorurtheile und des Aberglaubens.
In einem zur untern Pfarre des Anspachischen Marktfleckens Berolzheim an der Altmühl gehörigen Weiler wurde auf einem Bauernhofe zu Ausgang des letzten Winters ein Hund toll, und biß, weil die Leute unvorsichtig mit ihm umgingen, da man sie doch| gewarnt hatte, den ältesten Sohn des Bauern, einen sehr hübschen Menschen von ungefähr 20 Jahren in das Kinn und in die Unterlippe. Er ging, nach der gewöhnlichen Art des Pöbels, nicht zu einem vernünftigen Arzt, sondern zu einem Quacksalber in der Nähe, und bekam von demselben ein Zettelchen, auf welchem einige kauderwelsche Worte standen, welches er mit einer Brodrinde verschlucken mußte. Man warnte so wohl ihn, als seine Eltern, sie sollten sich nicht auf dieses elende und der gesunden Vernunft widersprechende Mittel verlassen, sondern wirksamere und zuverläßigere Gegenmittel gebrauchen; es half aber nichts. Der junge Mensch ging einige mahl zum braunen Bier und zu Tänzen, und erhitzte dadurch sein Geblüt noch mehr. Ungefähr 14 Tage nach dem erhaltenem Bisse spürte er ausserordentliche Trägheit in allen Gliedern, und eine unaussprechliche Angst. Er glaubte sie durch Anstrengung und Arbeit wegzubringen; allein es war zu spät. Schon am folgenden Tag trat der erste Grad der Tollheit ein. Seine Eltern wollten es zwar verhehlen, und es für eine eben zur Zeit grassirende Seuche gehalten wissen; allein der des andern Tages herbeygehohlte sehr geschickte Chirurgus| Welsch von Berolzheim erklärte es gleich für die Wasserscheu, und überzeugte sich in der Folge durch vorgehaltenes Wasser und andere Experimente, die er machte, noch mehr hievon. Er eröffnete solches dem Vater und ging wieder nach Berolzheim, um das bey Amte liegende Pulver[1] gegen den tollen Hundebiß zu hohlen. Ehe er aber wieder kam, war unterdessen der zweyte und dritte Grad dieser Krankheit eingetreten, und der junge Mensch schon gestorben. Er schäumte zuletzt, wie die, welche zugegen waren, sagten, gewaltig, warf Speichel auf die um ihn stehende Personen, und bellte, wie ein Hund, aber nur in den letzten Augenblicken: übrigens behielt er den Verstand bis an sein Ende. Nun ergriff seine Eltern, Geschwister und alle, die um ihn gewesen waren, ein panischer Schrecken, sie gingen haufenweise nach Ellingen, der ehemahligen Residenz des Landcommenthurs der Balley Franken, und ließen sich daselbst von einem Franciscaner mit einem glühenden Eisen auf die Hand brennen, welcher dabey einige lateinische Worte sprach. Dieß ist das einzige in unserer Gegend von dem gemeinen Mann anerkannte Mittel wider den tollen Hundsbiß. Ob das Brennen überhaupt ein Verhütungsmittel| bey Personen, die nicht beschädigt worden sind, sey, muß man nach dem Zeugniß erfahrner Ärzte dahin gestellt seyn lassen. Wenigstens sagte der Franciscaner zu den Leuten, die sich von ihm brennen liessen, selbst: daß es auch dem jungen Menschen nichts würde geholfen haben, weil ihn der Hund in die Lippe gebissen, und er mit dem Speichel sogleich das Gift eingesogen hätte; sein Mittel wäre aber nur für äusserliche Verwundung. Die Leute werden aber hier nicht, wie sonst geschiehet auf die Wunde, sondern auf dem Vordertheil des Arms zunächst an die Hand gebrannt.
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 Diese Geschichte ist ein abermahliger Beweis von den traurigen Folgen des Leichtsinns, der Vorurtheile und des Aberglaubens; aber auch von den Wirkungen des überflüssigen und unvorsichtigen Hundehaltens, wovon dieser Theil des Anspacher Landes, der sogenannte Altmühlgrund, wimmelt. Durch keinen Ort oder Weiler kann ein Fremder gehen, wo er nicht von einem Heer Hunde angefallen wird, die ihn, weil sie bey Tag und bey Nacht ledig sind, bis an das Ende des Orts mit ihrem Gebell verfolgen. Das Anspacher Land ist vom lüderlichen Gesindel zimlich gesäubert, zum Feldhüten dürfen Hunde| bey schwerer Strafe nicht gebraucht werden, und es ist auch in diesen Gegenden nicht nöthig, weil das Wild ebenfalls ziemlich dünne ist. Wozu braucht man also so viele überflüßige Hunde?
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 Man glaubte bisher, daß jeder Hund unten an der Wurzel der Zunge einen Wurm habe, und wann dieser groß würde, so verursache er, größten Theils wegen der heftigen und äusserst empfindlichen Schmerzen, die er an diesem Ort verursache, die Tollheit oder Wut. Allein dieser vermeintliche Wurm ist nichts anders, als ein am untern Theil der Zunge befindliches ungefähr drey viertel Zoll langes muskelhaftes Band, welches fast allen Thieren, die zu dem Hundegeschlecht gehören, eigen ist, und zur Erleichterung und Bequemlichkeit beym Saufen ihnen von der weisen und gütigen Natur gegeben zu seyn scheint, um die Zunge beym Lecken des Wassers desto schneller hin und her ziehen zu können. Dieser Muskel wurde nun für einen Wurm angesehen, mit welchem er freylich die größte Ähnlichkeit in der äusserlichen Form hat, da er sich bey dem schnellen Herausnehmen so gar zu bewegen scheint, sich aber bloß, wann er in die freye Luft oder| auch in das Wasser kommt, zusammen krümmt, und es ihm überhaupt, bey genauer Untersuchung an der innern Einrichtung und sonstigen Beschaffenheit eines Wurms fehlt. Es ist nunmehr eine durch Anatomie und Erfahrung erwiesene ganz falsche und so gar äusserst gefährliche Meinung, den Hunden diesen sogenannten Tollwurm zu nehmen, um dadurch zu verhüten, daß sie nicht ganz wütend werden oder um sich beissen, sondern beym eintretenden Fall nur den ersten Grad dieser Krankheit, oder die so genannte stille Wut bekommen, da durch das Hinwegnehmen dieses Muskels den Hunden das Lecken des Wassers beschwerlicher gemacht, und auf diese Art eine größere Veranlassung zum Tollwerden gegeben wird. Durch wiederhohlte und genaue, insonderheit auf Befehl der königl. Preußischen und fürstl. Lippischen Regierung, von sachkundigen Männern in den letzten Jahren angestellte Untersuchungen und Erfahrungen,[2] ist es ausser allen| Zweifel gesetzt, daß Hunde, welchen der sogenannte Tollwurm kunstmäßig geschnitten worden, nicht bloß die sogenannte stille Wut bekommen haben, sondern in den äussersten Grad derselben verfallen sind, und Menschen und Thiere mit tödlichem Erfolge gebissen haben; daß also diese Operation nicht bloß unnütz, und kein zuverlässiges Verwahrungsmittel gegen das Tollwerden der Hunde, oder gegen den Ausbruch der Wut sey; sondern dieser irrige Wahn ist zugleich äusserst gefährlich und erzeugt die traurigsten Folgen, indem die Leute aus allzugroßem Vertrauen auf dieses unzuverlässige Mittel in eine schädliche Sorglosigkeit verfallen, und nicht die nöthige Vorsicht in Aufbewahrung und Wegschaffung bedenklicher Hunde anwenden. Hoffentlich wird man also in denjenigen Ländern Frankens, wo nach ehemahligen obrigkeitlichen Gesetzen dieses Wurmschneiden unumgänglich nöthig war, oder auch ohne Gesetze die Operation vorgenommen wurde, durch Gesetze oder Landeskalender diese Entdeckung dem großen Publicum bekannt machen, ohne sich dadurch abhalten zu lassen, daß den Forst- und Jagdbedienten für diese Wurmschneiderey und das dem operirten Hunde anzuhängende| Zeichen eine Gebühr von einigen Kreuzern entgeht.



  1. Woraus besteht dieses Pulver?
  2. Man s. Hamiltons Bemerkungen über die Mittel wider den Biß toller Hunde und anderer Thiere, nebst Widerlegung des Irrthums vom Wurmnehmen, aus dem Englischen übersetzt von D. Michaelis, 1787. wovon in Götzens Buch: Natur, Menschenleben und Vorsehung ein Auszug steht, Pyls Repertor. für die öffentl. und gerichtliche Arzneywissenschaft. Scherfs Archiv der medicin. Policey.