Malerische Wanderungen durch Kurland/Privatgut Ilgen, Dubnalcken, Zierau

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Die Jagd auf dem Pappen-See Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Appricken
{{{ANMERKUNG}}}
[120]
Privatgut Ilgen, Dubnalcken, Zierau.

Von Liebau aus führe ich meinen Leser wieder zurück, durch Grobin, das er schon kennt, nach dem Privatgute Ilgen, welches mit seinem großen schönen Schlosse, und den umliegenden vielen Wirthschafts- und Nebengebäuden, sich beynahe besser als das benachbarte Städtchen Grobin ausnimmt. Ilgen verdient vorzüglich wegen seiner mit jedem Jahre ansehnlicher werdenden Strumpffabrik bemerkt zu werden. Die Fabrikate bestehen in Damenkapots, baumwollenen Chemisen, Kamisölern, Mänteln, Pantalons, Bettdecken, Damenröcken und vorzüglich Strümpfen, und werden aus Spanischer und anderer Wolle zubereitet. Erstere wird von hundert Schafen Spanischer Race gewonnen, die dieses kalten Klimas ohngeachtet, treflich gedeihen, und vorzügliche Wolle geben. Die Fabrik hat vier Weberstühle, und beschäftigt, außer einem

[121] Werkmeister und dessen Gesellen, noch funfzehn andere Personen. Jemehr es unsern Gegenden an guten Fabriken fehlt, um desto bemerkenswerther sind sie, wo man sie so gut als diese hier findet —.

Ich gebe meinen Lesern hier ein Verzeichniß der Preise der Fabrikate, vom Jahr 1806[1]. Der Leser wird bemerken, dals die Preise nicht größer sind als dieselben Artikel aus dem Auslande hieher gebracht, kosten; dagegen aber versichern alle Kenner, daß [122] sie stärker und fester sind. — Wie gut wäre es, wenn der vaterländische Gemeingeist seine Richtung dahin nehmen würde, inländische Produkte, wenn sie die ausländischen an Werth übertreiten, oder ihnen doch gleich kommen, allen andern vorzuziehen! Sicher würde dieses Industrie und Kunstfleiß vermehren, und manche schon jezt gute Anlage, wie z. B. diese hier, und die Tapetenfabrik in Hasenpoth oder die Tuchfabrik in Blinden, würde sich in den Stand gesetzt sehen, durch einen größern Absatz die Auslagen nicht nur zu decken, sondern auch so beträchtlich zu gewinnen, um große Vervollkommnung oder auch neue Anlagen möglich zu machen. —

Bey dem Privatgute Dubnalcken, das man auf der Straße von Liebau nach Goldingen erblickt, bemerke ich eine Pyramide von Holländischen Ziegeln erbaut, die ein geräumiges Grabgewölbe verschließt, in richtigen Verhältnissen und in einem sehr guten Geschmack erbaut ist. — Schade, daß die Pyramide an der Spitze eines hohen Eichenwaldes liegt, und im Sommer von [123] Laub verdeckt wird, im Winter aber zwischen den nackten Zweigen hervorragt, Da das Monument etwas niedriger als der Boden liegt, auf welchem die Eichenbäume stehen, so verliert es sich unter den Monumenten der Natur, den großen Eichenbäumen, und erscheint viel kleiner, als es wirklich ist.

Bey Dubnalcken, muß ich die mir auf meiner Wanderschaft so willkommene Bemerkung der vorzüglichen Wohlhabenheit der Bauern dieser großen Güter erwähnen. Es giebt wenige Bauerknechte — die Wirthe nicht einmal gerechnet — welche nicht ein Vermögen von mehrern hundert Thalern besitzen. — Dieser Wohlstand der hiesigen Bauern, der sich nur auf Menschlichkeit und Gerechtigkeit des Gutsbesitzers gründet, hat diesem auch die Liebe derselben mit ganzer Seele erworben, und gab einen schönen Beweis davon, als eines der Wirthschaftsgebäude, mit Heu und Stroh gefüllt, und den andern Gebäuden ganz nahe, in Brand gerieth. — Was unmöglich schien, that der Eifer und die Liebe, der sich mit der größten Schnelligkeit versammelnden Bauern. — [124] Das schon ganz in Brand gerathene Gebäude wurde noch halb gerettet, und der Schaden war viel geringer als — man ihn nur vermuthen konnte. Der Wohlstand der Bauern in einem Lande, wo dieser, wie hier, größtentheils von der Menschlichkeit der Gutsherrschaft abhängt, ist für diese ein schöneres Denkmal als es Menschenhände erbauen können.

Bey Dubnalcken verlasse ich die mit Werstpfählen, wie mit Minutenzeigern geschmückte Landstraße, um meinen Weg über Zierau und Appricken, nach Alschwangen und Pilten zu nehmen. —

Bey Zierau, diesem großen ansehnlichen Edelhofe in der schönsten Bedeutung des Worts, bemerke ich für den Leser nichts, weil gerade hier das Gefühl der innigsten herzlichsten Freundschaft zu laut und warm in meinem Herzen spricht, um durch Aufzählung alles Guten und Schönen, das ich hier sah und fand, auch nur jene Gefühle zu entweihen. Der Freund schmeichelt nicht, und das müßte hier scheinen in jedem Worte, das seine innigste Überzeugung ausspräche, [125] hier, wo er die frohesten Ruhestünden nach mühevoller Arbeit — hier, wo er Theilnahme für seine Leiden und Freuden, wo er Herzen fand, auf deren Freundschaft er stolz ist, und in einem Kreise des gebildetsten Umgangs, unter den schönsten Freuden der Künste, und des guten Geschmacks, Tage und Wochen verlebte, die seiner Erinnerung die schönsten Bilder der Vergangenheit vorhalten, und noch jezt in der Gegenwart den frohsten Genuß gewähren,



  1. Wöchentliche Unterhaltungen vom Jahr 1806. 4ter Band S. 254.
    • Geplüschtes wollenes Zeug zu Mänteln und Kapots, die Elle zu 1 Thlr. albr.
    • Kastorzeug zu demselben Gebrauch, die Elle zu 2 1/2 Fl.
    • Damenröcke, das Stück zu 4 bis 5 Thlr.
    • Säcke zu Pantalons, das Stück zu 4 bis 5 Thlr.
    • Fertige Pantalons, nach Maaß, das Paar zu 5 bis 6 Thlr.
    • Schlafkamisöler, das Stück zu 4 bis 5 Thlr.
    • Feine baumwollene Strümpfe, das Paar zu 5 bis 6 Fl.
    • Zwirne Strümpfe, das Paar zu 3 bis 4 Fl.
    • Ganz feine Kastor- und Saittestrümpfe, das Paar
    zu 6 bis 8 Fl.
    • Gröbere Kastorstrümpfe, das Paar zu 3 bis 5 Fl.