Maritime Briefe an eine Dame

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Autor: J. v. A.
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Titel: Maritime Briefe an eine Dame
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 250-255
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[250]
Maritime Briefe an eine Dame.[1]
I.

Verehrte Freundin! Ihr Abschiedswort: „Schreiben Sie!“ war mir Befehl. Der im wohldisciplinirten Dienste Seiner Majestät am Bord groß und im kaum minder ergebenen Dienste der Schönheit am Lande alt Gewordene kann nur – gehorchen. Ich schreibe. Ueber Sie, meine Gnädige, aber die Folgen! Möge nicht Goethe’s Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht wieder los wurde, zu spät als drohendes Schreckgespenst Ihnen erscheinen! Einmal entfesselt, sind wir Seeleute gefährlich wie das Element, das uns trägt, und unberechenbar, wie die versiegelte Segelordre in der Tasche des Commandanten. Sorglos lichten wir die Anker, unbekümmert, wohin unser Kiel uns führt, ob zu Freud’ oder Leid, ob in lachende Gefilde oder an unwirthsame [251] Gestade, ob zu Ruhm und Ehre oder zu Kampf und Untergang. Vogue la galère!

Wollen Sie es darauf hin wagen und sich meiner Leitung anvertrauen? Unterschätzen Sie die Ihrer vielleicht harrende Gefahr nicht, auch wenn Ihr ahnender Geist Ihnen wohl längst gesagt, daß der Kiel, der sich Ihrem Dienste weiht, nur einer harmlosen – Gans entstammen dürfte. Wer weiß, ob ich Sie nicht besser und sicherer auf einem guten Schiffe durch Wind und Wellen geführt hätte, als durch den Tintenocean einer Reisebeschreibung, zu dem ich kein kritisches Senkblei besitze und für den jedes journalistische Seezeichen mir fehlt. In diesem Fahrwasser, mit mir als Lootsen am Bord, müssen Sie jeden Augenblick gewärtigen, auf der ödesten aller Sandbänke, „Langeweile“ genannt, zu stranden.

Was kann ich wenigstens Ihnen, der viel Gereisten, der viel Belesenen erzählen, das Ihnen neu und darum merkwürdig wäre? Giebt es noch Gegenden der von uns bewohnten Erdenhälfte, die Ihr schönes Auge nicht geschaut? Giebt es von der andern, uns abgewendeten, noch Beschreibungen in Buch- oder Journalform, in die Ihr kaum minder schönes Näschen sich noch nicht gesteckt? Ich möchte zweifeln und damit zugleich an der Lösung meiner Aufgabe verzweifeln, wenn mir nicht zur rechten Zeit Rabbi Ben Akiba’s weises Wort einfiele, der da behauptet, es gäbe überhaupt nichts Neues unter der Sonne. Hat er Recht (und ich traue es dem klugen alten Herrn zu), warum sollte dann ich, der freilich stümperhaft Anfangende, aber, weil auf hohe Ordre handelnd, jeder moralischen Verantwortung Enthobene, mich scheuen, schon Dagewesenes noch einmal, und zwar mit dem eigenen kleinen Lichtchen zu beleuchten?

Blättere ich nun in meinen Aufzeichnungen und ist die Erinnerung geschäftig, vorhandene Lücken auszufüllen und zu ergänzen, dann zieht das Erlebte in bunter Reihenfolge vor meinem geistigen Auge vorüber, und wünschte ich mir den glühenden Pinsel eines Tintoretto, um die farbenprächtigste Leinwand vor Ihnen als „Bilder ohne Worte“ entrollen zu können. Will ich aber wählen, was ich Ihnen, der ich nur das Beste gönne, eigentlich vorführen soll, dann bin ich in Verlegenheit. Ich entdecke nämlich, daß ich die meisten Länder mehrere Male, einige in einem Zeitzwischenraume von einem Jahrzehnt und darüber gesehen, und daß ich sie jedesmal anders gesehen. Wann sie nun am eigenartigsten, am anziehendsten und also am würdigsten waren, von Ihnen geschaut zu werden, das ist eben die große Frage. Sinke ich in Ihrer, der dem geistigen Fortschritte so bedingungslos Huldigenden, Schätzung gar zu tief, wenn ich offen bekenne, daß ich mir Länder und Völkchen lobe, wie sie waren, ehe sie die Cultur beleckte? Frack und Cylinder mögen, als Gipfelpunkte einer vollendeten gesellschaftlichen Bildung, achtungswerth, als höchste Errungenschaften eines geläuterten Kunstsinnes sogar anmuthig und kleidsam sein, an die Körper und auf die Köpfe meiner lieben Japaner aber passen sie z. B. sicher nicht. Sie sind doch insgesammt recht komische Erscheinungen, diese in’s Gewand der europäischen Mode gekleideten Wilden und Halbwilden – die freigewordene und sich in ihrer Caricatur einer Lady noch freier dünkende Negerin ebenso wie der Südsee-Insulaner, der den gegen seine köstlichen Landesproducte eingetauschten Vatermörder stolz als Lendenschmuck trägt, der Japaner, der, nicht wissend, daß man Kinder anders kleiden könne, als Erwachsene, schon seine kleinsten Rangen in den Frack zwängt und sie „süß“ darin findet, nicht minder als die Majestät von Siam, die an hohen, officiellen Galatagen in Höchstihren nackten Beinen prangend sich sehen, in gewöhnlichen, nicht officiösen Stunden dagegen mit Schuh und Strümpfen bekleidet sich modisch gehen läßt.

Und hierbei – stopp! Die Mode hat mich in logischem Gedankengange bis zu dem dunkeln Piedestal des Beherrschers von Siam geführt. Und da wollen wir vorläufig auch bleiben. Wohlverstanden – in Siam nämlich!

Das Wunderland steigt, wie mit dem Zauberstabe berührt, vor mir empor. Die große Audienz unseres Gesandten, der wir in seinem Gefolge beiwohnten, entfaltet sich wieder in ihrem ganzen fremdländischen Glanze, mit all ihren barocken Seltsamkeiten vor meinen geistigen Augen. Ich habe gefunden, was ich für Sie suchte. Jene Tage in Bangkok sind es werth, vor Ihnen aus dem Meere der Vergessenheit emporzutauchen.

Zuvörderst aber muß ich, um es zu ermöglichen, dem Urgreis Chronos ein wenig in’s Handwerk pfuschen, indem ich dem Rade der Zeit einen kleinen Schwung nach rückwärts gebe und Sie, meine Gnädige, ersuche, sich in Zeiten zurückzuversetzen, wo Sie noch ein so junges Fräulein waren, daß Sie Ihrem schon damals getreuen Verehrer noch geruhsam Ihre nicht ganz orthographisch geschriebenen Briefchen und Ihre Küßchen senden und sich dafür en revanche die schönste Puppe der alten und neuen Welt bestellen konnten. Ueber achtzehn Jahre führe ich Sie zurück, bis in das Jahr 1861, in dessen letzten Monat, den December, jene mir denkwürdig scheinenden Tage fallen.

Wir lagen mit Seiner Majestät Schiff „Arcona“ auf der Rhede von Bangkok zur Disposition unseres Gesandten, des Grafen Eulenburg, desselben, der nachmals als Minister des Innern so viel von sich reden machte und dessen glänzende Laufbahn mit jener Expedition begann. Das Schiff befand sich auf der Rückreise von Japan und China, wohin hauptsächlich der diplomatische Auftrag gelautet, und nachgerade (es war im dritten Jahre unserer Abwesenheit von Hause) warteten wir mit einiger Ungeduld auf weitere Befehle, namentlich auf die Rückberufungsordre, die jeden Tag eintreffen konnte. Der Gesandte war an Land in ein Gebäude gezogen, das ihm die siamesische Regierung eingeräumt, und wir Anderen an Bord vertrieben uns die Zeit, so gut oder so schlecht wie es eben gehen wollte.

Sonderlich günstig sah es mit der Unterhaltung aber just nicht aus. Wir lagen acht bis neun Seemeilen vom Lande ab, das uns nur durch einen grünen Streifen über dem Horizont angedeutet wurde. Die Hitze war sehr groß und erschien uns doppelt drückend nach der verhältnißmäßig kühlen Witterung, die wir noch vor Kurzem in China gehabt. Zudem war gerade die Zeit der jährlich wiederkehrenden Ueberschwemmungen, und Pachnam, der Hafenort von Bangkok, der einzige für uns zu Boot erreichbare Ort, lag fast vollständig unter Wasser. Demungeachtet entschlossen sich v. B …, der Schwager unseres Commandanten, der Gesandtschaftsarzt und ich zu einer Entdeckungsreise, und fuhren wir eines Morgens in unserer kleinen Jolle dem Ausfluß des Menam, an dem sechsunddreißig Seemeilen stromauf Bangkok und zwei Seemeilen von der Mündung entfernt Pachnam liegen, zu. Die Sonne ging gerade auf, als wir in den Fluß einfuhren, und beleuchtete ein seltsames Bild. Von den Ufern des Flusses war nichts zu sehen, und nur die üppige, jetzt aus dem Wasser hervorragende Vegetation deutete ihr Vorhandensein an. Da, wo die Bäume nicht zu dicht standen, konnten wir mit unserem Boot im Urwalde umherfahren, aber nirgends fanden wir eine Stelle, auf die wir unseren Fuß hätten setzen können; denn selbst da, wo der Schlamm einmal über dem Wasser emporragte, war er so weich, daß wir rettungslos darin versunken wären. Außerdem aber pflegen solche trocken gefallene Stellen von Alligatoren und giftigen Reptilen zu wimmeln und sind schon aus dem Grunde keine einladende Landungsstellen. Gegen acht Uhr erreichten wir Pachnam und legten bei einem halb im Wasser begrabenen Tempel an, in der Hoffnung, von ihm aus endlich eine trockene Stelle zum Spaziergang oder gar zu der ersehnten Jagd zu finden. Wir manövrirten uns durch den nassen Hof des Tempels und folgten einem endlich aufgestöberten Siamesen, der uns nach einem Hause leitete und uns einzutreten nöthigte. Auch hier fanden wir den Hof überschwemmt und konnten nur über eine Bretterbrücke in das auf Pfählen stehende, überall offene Gebäude gelangen. Im Inneren desselbe stießen wir auf einen alten, dicken Herrn in ungemein leichter Bekleidung, der uns nicht wenig verwundert entgegenstierte und uns schließlich als der gebietende Gouverneur von Pachnam vorgestellt wurde. Obgleich wir natürlich keine Ahnung von der Existenz einer solchen Standesperson hatten, faßte ich mich, als gewandter Europäer, doch rasch und ließ dem alten Herrn durch einen Siamesen, der etwas Englisch verstand und deshalb dolmetschte, bedeuten, wir seien eigens gekommen, um Seiner Excellenz unsere Aufwartung zu machen. Diese Artigkeit schien dem mangelhaft toilettirten Dicken nicht wenig zu gefallen und zu schmeicheln. Er schmunzelte äußerst gnädig und ließ sofort eine kleine Collation von Thee, englischen Biscuits und wundervollen Bananen auftragen, eine Erfrischung, die uns, die wir ohne etwas genossen zu haben von Bord gefahren waren, hochwillkommen war. Nachdem wir uns erquickt und in Erfahrung gebracht hatten, daß des Wasserstandes wegen von Jagd keine Rede hier sein könnte, der Fluß dagegen reichlich von Alligatoren und Schlangen wimmele, erklärten wir unseren officiösen Besuch für beendet, nahmen Abschied und bestiegen wieder unsere Jolle, um auf gut Glück weiter zu fahren.

[252] Bei einem mitten im Fluß auf einer kleinen Insel belegenen Fort machten wir Halt. In Ermangelung irgend eines anderen comfortableren Eingangs landeten wir bei einer Schießscharte, welche fast den Wasserspiegel berührte, und drangen durch dieselbe in das Innere des Forts, das wir durch etwa fünfundzwanzig gar nicht so übel gehaltene Kanonen armirt und von einigen alten Männern und Weibern bewohnt fanden. Hier war endlich eine trockene Stelle und Schatten, und beide Vortheile nutzten wir aus, um nach – Cocosnüssen zu schießen, die wir als einzige Jagdausbeute an Bord brachten, woselbst wir spät Abends, abgehetzt und halb geröstet, wieder anlangten. Daß wir zu unserer Bewirthung nichts vorfanden, als einige Früchte und ranziges Schweineschmalz, kann wohl nicht gerade opulent oder gar lucullisch genannt werden, mußte aber in Geduld und möglichstem Humor hingenommen werden.

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Der große Verbrennungsplatz Bat-Si-Het in Bangkok.

Die in Folge der noch immer nicht erledigten Vertragsbedingungen uns aufgenöthigte Ruhezeit benutzte ich nach Möglichkeit zu meiner Belehrung. Ich sammelte so viel Material über Land und Leute, wie ich irgend erlangen konnte, und wurde dabei vom Glück begünstigt, indem ich auf Leute stieß, die eine vollkommene Einsicht haben konnten und gefällig genug waren, mir jede Frage zu beantworten, ja mir Gelegenheit gaben, mich selbst zu informiren.

Zunächst wird es Sie, die eifrige Politikerin, interessiren zu hören, was ich über die Regierungsform in Erfahrung gebracht. Darnach war Siam, und ich kann bei der Conservativheit der Eingeborenen wohl dreist sagen: ist Siam eine absolute Monarchie in des Wortes weitester Bedeutung. Es regieren stets zwei Könige. Der erste steht an der Spitze des ganzen Staates, leitet seine Politik und ist unumschränkter Gebieter und Herr, zieht auch nur in schwierigen Fällen den zweiten König zu Rath. Ueber Leben und Eigenthum seiner Unterthanen herrscht er bedingungslos. Gefällt ihm z. B. ein Grundstück, so nimmt er es dem bisherigen Besitzer einfach fort und entschädigt ihn nach eigenem Ermessen. Grundeigenthum giebt es deshalb in Siam wenig; das Land wird dem jeweiligen Inhaber immer wieder auf ein Jahr verliehen – eine Art feudalen Lehnsrechts also. Zeichnet sich irgend ein Handwerker durch besondere Geschicklichkeit aus, so muß er in den Dienst des Königs treten, das heißt: der Mann darf nur für Seine Majestät arbeiten und wird dafür unterhalten. Das Streben nach dem „Hoflieferanten“ soll in Folge dieser Einrichtung in Siam lange nicht so lebhaft sein, wie bei uns zu Lande.

Die Thronfolge ist erblich, doch nicht nach dem Rechte der Erstgeburt, vielmehr steht es dem König frei, sich seinen Nachfolger unter seinen Söhnen auszusuchen. Der zweite König (vangua) ist nicht an Macht, doch an Rang dem ersten beinahe ebenbürtig. Er führt, wie jener, den siebenfachen Sonnenschirm, das Zeichen königlicher Würde, grüßt den andern, vor dem sich Jeder sonst in [253] den Staub werfen muß – oder wenigstens damals mußte – nur durch Aufheben der Hände und nimmt seinen Sitz neben ihm ein. Wichtige Verträge dürfen nur mit seiner Genehmigung abgeschlossen werden, aber im Uebrigen ist sein einziges Amt die Anführung im Kriege. Beiden Königen, namentlich dem ersten, werden beinahe göttliche Ehren erwiesen.

Von den Prinzen sind immer drei die Leiter des Hofstaats und Beaufsichtiger der obersten Beamten, welche letztere aus fünf Rangclassen bestehen, deren erste die Minister bilden. Ob diese Eliteclassen unter einander sehr harmoniren, vermag ich nicht zu sagen, in einem Punkte jedenfalls sind sie merkwürdig einig: das Volk zu knechten und auszusaugen. Das große Heer schmarotzender Würdenträger und übermüthiger Beamten ist ein schwerer Druck für sämmtliche niederen Classen.

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Schwimmendes Haus in Bangkok.

Ich bedaure überhaupt innigst, Ihnen, der für alle Menschenrechte so warm Plaidirenden, melden zu müssen, daß mir, des gewissenhaftesten Forschens ungeachtet, es nicht hat gelingen wollen, irgend welche Rechte des Volkes feststellen zu können, sondern daß ich einzig und allein von Pflichten desselben gehört. Derer aber schien mir Legion zu sein und darunter recht seltsame und drückende. Was sagen Sie z. B. zu der Verpflichtung, die jeder Siamese hat, dem Staat eine bestimmte Zeit als Sclave und eine andere als – Priester zu dienen?

Trotz dieses Druckes von oben herunter ist der Siamese im Allgemeinen gutmüthig, gehorsam und respectvoll, nicht allein gegen Höhergestellte, sondern auch gegen das Alter. Auch ist er von Natur ehrlich. Diebstähle sollen zu den Seltenheiten gehören und Mordthaten noch vereinzelter vorkommen. Neugierig und naiv wie ein Kind, will er alles haben, was er sieht, ist aber auch zu jedem Gegengeschenk bereit. Leidenschaftlich ist er nur beim Spiel. Dieses besteht, so viel ich es verstehen konnte, aus einer Art „Paar oder Unpaar“. Die Spieler sitzen um eine große, fast wie ein Roulette aussehende Matte herum, auf welcher sternartig einige schwarze Streifen gemalt sind. Zwischen diese deponiren nun die Spieler ihre Sätze; der Bankhalter zählt aus einem vor ihm liegenden Haufen kleiner weißer Muscheln zwanzig ab, und je nachdem der Rest paar oder unpaar ist, zieht er die Einsätze ein oder zahlt die Gewinne aus. Die Spielwuth ist eine außerordentliche. Es soll nicht selten vorkommen, daß leidenschaftliche Pointeure Hab und Gut und zuletzt sich selbst und ihre ganze Familie verspielen. Und wie die Species „Mensch“ sich überall gleich ist! Auch hier sind die allerleidenschaftlichsten und diejenigen, die das zahlreichste, das ausdauerndste und das wagehalsigste Contingent stellen, die – Damen!

Wie das Spiel die größte Passion der Siamesen ist, so ist die Musik ihre höchste Lust, obgleich die große Kostbarkeit der Instrumente die Ausübung dieser Kunst nur Wenigen möglich macht. Die hauptsächlichen Instrumente sind die Laosflöte und das Glockenspiel, außerdem noch Handtrommel, Pauke und kupferne Hörner. Eigenartig sind nur die beiden erstgenannten. Die Laosflöte besteht aus einer Anzahl von verschieden langen, regelrecht an einander befestigten Rohrstäben, welche unten mit einem Mundstück und Fingerlöchern versehen sind. Ihre Form erinnert an die alte, [254] classische der Panflöten und ihre Töne sind sehr rein, weich und angenehm. Fast schön aber klingt das Glockenspiel, das aus einer Scala aufgereihter Metallglocken, die auf einem kleinen kahnartigen Kasten als Resonanzboden ruhn, besteht und das mit zwei Klöppeln geschlagen wird. Die Klänge dieses Glockenspiels sind voll und sehr melodisch, dringen auch ungewöhnlich weit in die Ferne. Von den übrigen Instrumenten, meist schlechten Nachahmungen europäischer, läßt sich kaum etwas Interessantes sagen.

Die Kleidung des Volks ist eine überaus einfache und dem Klima angemessen. Die Siamesen tragen den Kopf, bis auf eine Krone über der Stirn, ganz kahl geschoren und zwar bei beiden Geschlechtern gleichmäßig. Da auch die übrige Kleidung, eine leichte Jacke und der „Sarong“, ein um die Lenden geschlungenes Tuch, genau denselben Schnitt haben, so ist es oft äußerst schwierig, den Siamesen von seiner Siamesin zu unterscheiden. Die Priester haben, wie alle Buddha-Priester, den Kopf ganz kahl geschoren, und ihre Sarongs und Shawls sind hellgelb.

Der in Siam herrschende Gebrauch, die Todten zu bestatten, ist uns so oft in die Augen gefallen, daß ich das Bild, obgleich es kein allzu geeignetes für Damenaugen ist, Ihnen doch mit einigen Strichen skizziren muß. Ich verspreche aber, sie so schonend als möglich ziehen zu wollen. Die Angehörigen der höchsten Rangclassen, welche die nicht unerheblichen Kosten nicht zu scheuen brauchen, verbrennen die Leichen der Ihren. Der Hauptverbrennungsort Bangkoks ist der Wat-Si-Het. Für die genannten vornehmen Reichen befindet sich hier ein viereckiges, auf Säulen ruhendes und von einer Kuppel mit langer Spitze bedecktes offenes Gebäude und in diesem eine steinerne Erhöhung von etwa sechs Fuß Länge und vier Fuß Breite. Auf dieser Erhöhung wird nun ein Gestell von vergoldetem Blech, das, in einer Höhe von zehn Fuß, von einem offenen Baldachin überdacht ist, errichtet, und auf ihm ruht der Todte. Der hohle Raum unter dem Gestell ist mit brennbaren Stoffen angefüllt, welche mittelst eines Leitfeuers angezündet werden, worauf die Verbrennung vor sich geht, ohne daß man mehr als einen leichten Rauch wahrnimmt. Diese Art der Bestattung hat nichts Abschreckendes.

Weniger vermögende Leute werden in Siam zwar auch verbrannt, aber nicht auf die gleiche kostbare und auch auf eine weniger ceremoniöse Art. Ihre Leiche kommt in einen rothen Kasten, Hände und Füße auf dem Rücken befestigt und mit dem Gesichte nach unten gelegt. Dieser Kasten wird dann auf einen richtigen Holzscheiterhaufen gestellt und mit Stäben abgestützt. Nachdem die Gebete in näselndem Ton abgeleiert sind, werfen die Umstehenden ein zusammengewickeltes Tuch sich gegenseitig, zweimal kreuzweise, über dem Scheiterhaufen zu, und dann wird dieser angezündet. Während er brennt, wird fortwährend Wasser über den Kasten gegossen, sodaß dieser möglichst lange der Zerstörung widersteht und von innen heraus brennt. Ich sah so ein Kind von zwölf Jahren verbrennen und mußte die Geschicklichkeit der Leute, die das traurige Geschäft leiteten, bewundern. Sie erhielten den Kasten so lange, bis die Leiche gänzlich zerstört war; dann erst fiel die eine Seite ein und zeigte durch die entstandene Lücke das glühende Gerippe des Kindes.

Die Art, wie die Armen Siams ihre Todten – wie soll ich sagen? „beseitigen“ ist wohl der schonendste Ausdruck, möchte ich am liebsten verschweigen und gehe auch, versprochenermaßen, so rasch wie möglich darüber hinweg. Da die Kosten einer Verbrennung unerschwinglich für sie sind, werfen sie die Leichen ihrer Angehörigen einfach den Raubthieren und den Vögeln unter dem Himmel zum Abnagen vor. Man findet nur zu häufig gefräßige, fette Hunde und gierig krächzende Geier bei ihrem ekeln Schmause. So empörend uns diese Sitte oder Unsitte erscheinen mag, der Siamese muß nichts sein Gefühl Verletzendes darin finden; denn es soll nicht selten vorkommen, daß auch leidlich Vermögende, die aber ihren Angehörigen alle Bestattungsausgaben zu ersparen wünschen, ihren todten Leib rechtskräftig den – Geiern vermachen.

Doch fort mit diesen unschönen Bildern!

Um aber den Uebergang zu andern, Ihnen, meine Gnädige, hoffentlich mehr zusagenden Schilderungen zu finden, will ich eines kleinen Jagdabenteuers erwähnen. Die beachtenswerthe Geschicklichkeit eines unserer Officiere hatte nämlich dabei Gelegenheit, sich im günstigsten Lichte zu zeigen, und erwarb unserm tapferen Freunde im siegreichen Kampf mit einem Meerungeheuer den glorreichen Namen des „großen Haitödters“. Verschiedene Haie, die herausfordernd unser Schiff umkreisten, hatten uns zuerst geärgert, dann aufgeregt und zuletzt zum höchsten Jagdeifer angefeuert. Mit den stärksten Angelhaken gingen wir den Ungeheuern zu Leibe, freilich lange ohne jeden Erfolg, da die ungewöhnlich starken Burschen auch die massivsten, größten Haken gerade bogen. Unser Freund ließ nun eine mächtige Harpune zurecht legen und, als ein Hai einmal wieder an der Angel saß, ihn langsam und vorsichtig an die Meeresoberfläche ziehen. Dann warf er ihm die schwere Harpune durch den Leib und schoß ihm zur Sicherheit noch ein paar Spitzkugeln in den Kopf. Das Wüthen und Schlagen des todtwunden Thieres war unglaublich; die doppelten Angelhaken zermalmte er und nur die Harpune saß, und an dieser holten wir ihn endlich auch an Deck. Das Ungethüm war über zehn Fuß lang bei einem Umfang von fünf Fuß acht Zoll in der Mitte des Leibes; das herausgeschnittene Gebiß aber erwies sich als so groß, daß ein Mann bequem zwischen den Zähnen durchkriechen konnte.

Von sonstigen Jagdresultaten ist nur Eines zu vermelden. Ich hatte Gelegenheit gehabt, die Bekanntschaft des Gouverneurs von Bang-Sa-Mung zu machen, und dieser hatte mich aufgefordert, bei ihm in Bang-Pra zu jagen, mir auch jede Unterstützung zugesagt.

In Begleitung zweier, gleich mir, mordlustiger Kadetten und ausgerüstet mit zehn Flaschen Champagner, meinem Gastgeschenk, war ich denn auch zu ihm aufgebrochen. Ich fand den hohen Würdenträger, umlagert von allen seinen Frauen, seinen Beamten und Dienern in der offenen Veranda seines Hauses sitzen. Er empfing uns sehr freundlich und nahm mein bescheidenes „Mitbringsel“ sichtlich angenehm berührt auf, entsetzte sich aber mit seiner gesammten Umgebung nicht wenig, als wir später ihm zu Ehren einen Pfropfen knallen ließen. Unsere Unterhaltung war keine sonderlich eingehende oder gar geistreiche, da es sich herausstellte, daß der von uns mitgenommene Dolmetscher, ein Malaye, fast gar kein Englisch verstand und auch nicht Witz genug besaß, etwas Gesagtes zu errathen. So beschränkte sich unsere Annäherung auf gemeinschaftliches Thee- und Champagnertrinken, Bananenessen und sich dabei ab und zu Anlächeln und Zunicken. Trotzdem wage ich zu behaupten, daß wir einen günstigen Eindruck hinterließen, namentlich bei den Damen. Kein voreiliges, spöttisches Lächeln, Gnädigste! Die bescheidene Aufklärung folgt. Ich war nämlich so umsichtig gewesen, meine Taschen mit allerlei mir von befreundeten Damen daheim mitgegebenen Herrlichkeiten, als da waren Perlenhalsbänder, imitirte Granatbracelets etc., anzufüllen. Mit diesen rückte ich denn in’s Treffen und machte erstaunliches Glück damit. Die braunen Schönen rissen ihre vom Betelkauen gefärbten Mäulchen sperrangelweit vor Entzücken auf und warfen mir so feurig dankbare Blicke zu, daß ich es für die häusliche Ruhe meines gütigen Gastgebers gerathen fand, mich zurückzuziehen, zumal auch meine Taschen leer waren. Wir verabschiedeten uns also unter allgemeinen Freundschaftsgrüßen.

Kaum in unser Boot zurückgekehrt, empfing ich dort den höflichen Gegenbesuch des Gouverneurs. Wir tranken, nickten und lächelten uns wieder zu und trennten uns endlich aufathmend. Zuvor aber nahm mich der Dolmetscher bei Seite und wußte mir, trotz seines mangelhaften Englisch, klar zu machen, daß Seine Excellenz mich um ein paar meiner weißen – Schuhe ersuchen ließe, da hochseine gerade zufällig zerrissen seien. Ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen und erkaufte mir, durch bereitwillige Vergabe meiner netten, neuen Schuhe noch ein ganz absonderlich anerkennendes Abschiedsschmunzeln.

Am andern Morgen ganz früh brachen wir zu der verabredeten Jagdpartie auf – eine stattliche Schaar, da außer uns Jägern noch zwei von unsern Bootsleuten und eine große Anzahl Kulis mit uns waren. Viel Jagdbares aber trafen wir, leider, nicht an. Ein großer Maraboustorch, ein Affe und allerlei kleines Gethier war speciell meine ganze Beute. Um elf Uhr etwa machten wir bei einem Cocoswäldchen Halt und hier, in der drückenden Hitze, ist mir zum ersten Male der volle Werth der Cocosnüsse, dieser unübertrefflichen Frucht, welche über Nacht die ganze Frische und Kühle des Thaus annimmt und bewahrt, klar geworden. Wir schwelgten geradezu in ihrem aromatischen Kern und in ihrer köstlichen, labenden Milch.

Der Platz, den wir zu unserem ersten Ruhepunkt gewählt, war überaus malerisch. Vor uns lag das Wäldchen mit seinen hohen, vielkronigen, unter der Last ihrer Früchte sich neigenden [255] Palmen, hinter uns dichtes Gebüsch von wildem blühendem Jasmin und rings umher die mit Tamarinden, Teak und Bambusholz bewachsenen Höhen. Die Vegetation war eine so echt tropische, daß ich mir nachher oft mit meinem Hirschfänger, als wir in den Urwald eindrangen, Bahn brechen mußte. Bald geriethen wir in Gras, das über uns zusammenschlug; bald rannten wir gegen Mauern von Dornen und Gestrüpp, und bald fanden wir uns in einem Bambusdickicht, in dem die niedergebogenen Stämme regelrechte Bogengänge bildeten, während die vertrockneten und im tollsten Wirrwarr umherliegenden fast undurchdringbare Barrièren herstellten. Auch auf eine heiße Quelle, die, unter Gras versteckt, hinfloß und eine sehr hohe Temperatur aufwies, stießen wir. Spuren von Tigern begegneten wir mehrere Male, fanden sogar ihre Lagerstätte und Reste ihrer Mahlzeiten, aber nicht einer von ihnen war so höflich, sich unsern Büchsen zu stellen.

Um diesem an sich nicht uninteressanten, in seiner Grundidee aber ziemlich verfehlten Jagdausflug die Krone aufzusetzen, mußte ich zuletzt noch die übrige Gesellschaft verlieren, im Dschungel (diesen Morästen unter urweltlichem Gestrüpp) mich verirren und mich erst nach drei Tagen und drei Nächten des Umherirrens an Bord zurückfinden. Von den ausgestandenen Mühseligkeiten und durchlebten schweren Stunden lassen Sie mich schweigen! Auch davon, wie mich ein glücklicher Zufall, nein, geben wir dem die Ehre, dem sie gebührt, wie Gottes gnädige Hand mich auf den rechten Weg geleitet. Auch von diesem Extrajagdausflug brachte ich keine einzige Tigerklaue als Jagdtrophäe mit, dagegen eine andere Beute, an der ich nachmals noch Monate lang zu zehren hatte oder die vielmehr an mir zehrte – das regulärste, elendeste Dschungelfieber nämlich.

Sehr wohl und behaglich fühlte sich übrigens kaum Einer an Bord. Die starke Hitze lastete immer drückender auf uns Allen, die mangelhafte Verpflegung war auch nicht dazu angethan, die gesunkenen Kräfte zu heben; hohläugig und abgemagert schlichen die Meisten umher, und mit wahrem Jubel wurde der Dampfer begrüßt, der endlich den Brief des Gesandten an unsern Commandanten, Commodor Sundewall, brachte, mit der Benachrichtigung, daß die Empfangsaudienz beim König für den nächsten Tag anberaumt sei. Gleichzeitig erfolgte eine Aufforderung an das Officiercorps, sich an dem officiellen Acte betheiligen zu wollen, sowie das Ersuchen, dreißig Mann Seesoldaten zur Disposition zu stellen.

Am andern Morgen, Punkt sieben Uhr, bestiegen wir sämmtliche dienstfreien Officiere denn auch den Siamesischen Dampfer, Eigenthum des zweiten Königs, der uns abzuholen kam und uns den Fluß hinauf nach dem Hause des Gesandten führte.

Die Fahrt auf dem Menam war heiß und anfangs wenig lohnend. Die ganz überschwemmten Ufer, oder vielmehr Nichtufer – denn aus der weiten Wasserfläche hob sich kein Streifen Land, den man mit diesem Namen hätte beehren können – boten überall denselben schon beschriebenen Anblick einer aus den Fluthen emporragenden, überraschend üppigen Tropenvegetation mit keiner anderen Abwechselung als gelegentlich einigen auf Pfählen gebauten Häusern oder eben solchen Tempelchen.

Recht eigenthümlich dagegen ist der erste Eindruck, den, beim Einlaufen, die Haupt- und Residenzstadt Bangkok selber macht. Wie überall im Fluß sieht man auch hier vom festen Lande wenig. Das Ufer wird nur durch die an beiden Seiten des Flusses stehenden Häuser bezeichnet. Außer diesen vorgeschobenen Gebäuden bildet aber noch eine zweite Häuserreihe, die auf dem Flusse schwimmt, eine breite Straße. Diese natürlich nur kleinen, einstöckigen Baulichkeiten, die aber immerhin groß genug sind, eine Familie zu beherbergen, ja, den Meisten noch gestatten, einen Laden zu eröffnen, sind auf Flößen von Bambusrohr errichtet und werden von Pfählen, welche in den Grund gerammt sind, an der Stelle, die sie einmal einnehmen, im reißenden Strome festgehalten. Gedenkt nun ein pfahlgesessner Siamese auszuziehen, gefällt ihm sein Nachbar oder seines Nachbarn Weib nicht mehr, oder haben sich gefährliche Concurrenzgeschäfte in seiner Nähe aufgethan, kurz, wünscht er aus einem beliebigen Grunde sich zu verändern, so zieht er einfach sein Haus aus der Reihe der übrigen und läßt sich mit ihm den Strom hinab, bis zu der ihm passenden Stelle treiben – eine Einfachheit des Verfahrens, wie geschaffen für einen Umzugswüthigen und zudem als höchstes Muster einer jeden „Freizügigkeit“ nicht warm genug zu empfehlen! Mich selber hat die Erinnerung an diese „abschwimmenden“ Siamesen noch nachträglich manch liebes Mal mit blassen Neid erfüllt, als ich in spätern Jahren mir selbst ein Haus gegründet hatte und clavierklimpernde, violinkratzende oder Zukunftsarien donnernde Virtuosen den Penaten desselben gefährlich wurden, oder gar, als ich, selbst pfahlgesessen im gesegneten Wilhelmshaven, den dortigen zähen Schlick nicht Miene machen sah, seine in ihn gerammte Beute „auf Wunsch“ in bessere Gefilde forttreiben zu lassen.

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aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 16, S. 262-264

[262] Das Haus des Gesandten lag auf festem Lande, aber auch hoch über dem Grunde. Es bestand aus einem nicht sehr breiten Hauptgebäude, das die Wohnzimmer des Grafen, seinen Speisesaal und die Empfangszimmer enthielt und das mit einer hübschen Veranda versehen war. An diesen Haupttheil lehnten sich zwei Flügel, jeder etwa acht Zimmer fassend und (durch ein kleines für die Dienerschaft bestimmtes Hintergebäude geschlossen) mit der Front zusammen einen viereckigen, großen Hof bildend. Auch um diesen herum zog sich eine geräumige Veranda, auf die sich sämmtliche Thüren öffneten. Die Zimmer waren hoch und luftig, da das Dach selber die Decke bildete, wiesen aber weder Tapeten, noch überhaupt eine Bekleidung der Wände auf und entbehrten überhaupt jeder nennenswerthen Bequemlichkeit.

Müde und abgespannt und von der Sonne durchglüht, waren wir nach 4 Uhr an Ort und Stelle angelangt. Um 7 Uhr dinirten wir bei dem Gesandten, dessen liebenswürdiger Humor und seltene Gabe der anregenden Unterhaltung damals in vollster Blüthe stand und selbst unsere erschlafften Lebensgeister so lange galvanisirte, wie wir uns unter dem Zauber seiner Gesellschaft befanden. Kaum aber hatten wir uns von ihm verabschiedet, als der Rückschlag eintrat und Jeder nicht eilig genug sein Lager und die ersehnte Ruhe aufsuchen konnte.

Am nächsten Morgen war jede Müdigkeit bald abgeschüttelt, und wohlgemuth rüstete ich mich gleich nach dem Frühstück, in Begleitung mehrerer Cameraden, den uns zur Verfügung bleibenden Vormittag zu einem Streifzug durch die Residenz zu benutzen.

Ein Spaziergang durch die Straßen Bangkoks ist aber ebenso schwierig, ja fast noch schwieriger zu unternehmen, als in unserem Venedig, da, wie in der alten Lagunenstadt, aller Verkehr sich auf die Wasserstraßen concentrirt. Die Stadt wird durch den Menam, an dessen Ufern sie sich in einer Entfernung von über sechs Kilometern hinzieht, und durch seine Nebenarme und Canäle in zahlreiche Inselchen getheilt, und auf diesen stehen die Pfahlbauten, deren hohe Verandas man nur mittelst einer Treppe, respective einer Hühnersteige erklimmen kann, so dicht an einander gedrängt, daß man sich nur mühsam durch die überengen Gäßchen winden kann und froh ist, sich wieder in’s Boot flüchten zu dürfen. Der Menam selber, in dessen Wogen der Herzschlag des Verkehrs pulsirt, auf dem die Märkte abgehalten werden, jeder Transportweg für Menschen, Vieh und Waaren sich befindet, alle Läden und Werkstätten sich öffnen, kurz, auf dem ganz Bangkok lebt und webt, er bietet ein seltenes, belebtes und hochinteressantes Bild. Nur schwer und ungern reißt man sich von seinem Anblick los.

In der Mitte der Stadt erhebt sich der große, von einer hohen, mit Zinnen geschmückten und von Kanonen armirten Mauer umgebene Palast des ersten Königs. Er soll im Innern, auch in den Räumen, die wir nicht zu sehen bekamen, überaus prächtig sein. Daß seine Staats- und Empfangszimmer es waren, kann ich aus eigener Erfahrung constatiren – davon aber später! Der Palast des zweiten Königs giebt dem ebengenannten an Größe wenig nach und soll ihm auch im Innern annähernd gleichkommen. Außerdem stößt man aber noch auf zahlreiche, in chinesischem Stil außen mit hohen, schmalen, reichornamentirten Fronten und innen mit weiten, luftigen Sälen geschmückte Paläste der Großen des Reichs.

Ganz besonders schön und hervorragend aber sind die Tempel Bangkoks. Obgleich ebenfalls, wie alle buddhistischen Gebäude, in chinesischem Geschmack aufgeführt, überragen sie ihre Vorbilder um ein Bedeutendes an Pracht und Gefälligkeit der Formen. Zu dem erwähnten Baustil gesellt sich bei ihnen der mehr leichte, elegante der spitzen Obelisken, die, jedesmal eine Grabstätte bezeichnend, das Ganze sehr passend und dem Auge wohlgefällig verzieren und ihm ein noch reicheres, phantastischeres Gepräge aufdrücken. Am besten kommen diese Vorzüge bei dem „Wat-schin“, einem wirklich prachtvollen Gebäude, dessen ganzes Mauerwerk außerdem noch bis zu seiner höchsten Spitze, also bis zu einer Höhe von 150 Fuß, mit aus Muscheln und Porcellanstücken geformten Blumen geschmückt ist, zur Geltung. In einem andern Tempel, dem „Wallah-ya“, dessen Giebel, Thüren und Fenster in geschmackvollster Weise eingelegt sind, stießen wir auf einen 50 Fuß hohen, sitzenden Buddha. Der größte und vornehmste Tempel aber ist der „Wat-po“, in dem sich die Gräber der Könige befinden. Sie sind ebenfalls durch Obelisken angedeutet und erheben sich, unten ziemlich breit anfangend und oben ganz schlank sich zuspitzend, in erstaunlichen Mengen. In seinem Innern befindet sich die Kolossalstatue eines liegenden Buddha von 140 Fuß Länge und 40 Fuß Höhe. Außerdem gehört zum Wat-po, neben dieser Hauptgottheit, aber noch eine kleine Untergottheit, und zwar ein respectabler Alligator, welcher sich in einem besondern, sehr hübsch mit künstlichen Felsenpartien und Brücken etc. geschmückten Nebengebäude aufhielt. Gegen Erlegung der landesüblichen Münze, eines Tikal (etwa 2 Mark 50 Pfennig nach unserm Werth) zogen ihn seine Wärter und Priester aus dem Wasser. Es war ein tüchtiger Bursche von über 12 Fuß Länge und mit einem kolossalen Rachen begabt. Die ihm aufoctroyirte Heiligkeit schien übrigens seinen sündigen Gelüsten keinerlei Abbruch zu thun; denn erst am Abend des vorangegangenen Tages hatte er einen Wasser holenden Knaben gefaßt und zermalmt – eine Erzählung, die uns übrigens doch zu einem kleinen Bogensatz um Seine gefräßige Gottheit herum veranlaßte!

Unter diesen Streifereien war uns der Vormittag vergangen – verflogen müßte man sagen – und der große Moment der Audienz nahte. In Eile wurde Toilette gemacht, höchste Gala, und um drei Uhr standen wir bereit, „zu Hofe“ zu gehen. Wir brauchten auch nicht lange auf die Boote, die uns abholen sollten, zu warten. Außer den vielen enorm langen, zur Aufnahme der Gesandtenbegleitung bestimmten, erschienen noch zwei höchst prächtige und ebenso eigenthümliche für den Gesandten selber und – für den Brief unseres Königs Wilhelm an den Beherrscher Siams. Das erste von zwanzig Mann geruderte Fahrzeug, das vorn als Gallion die Panzerfigur eines Kriegers trug und hinten in einem Drachenschweif endigte, hatte in seiner Mitte ein reich vergoldetes Häuschen, in welchem der Gesandte mit seinem Legationsrath und dem Dolmetscher Platz nahm. Das zweite, für den königlichen Brief ausersehene und ebenfalls von zwanzig Mann geruderte Boot führte an Deck einen kleinen, prachtvoll verzierten Thurm, vor und hinter dem drei neunfache Schirme, das Zeichen der höchsten königlichen Würde, gehalten wurden. In diesen Thurm wurde das Schreiben gelegt und zwar in eine goldene Vase. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, voran, in vier Böten, unsere Musik und die Seesoldaten, dann die ganze Begleitung des Gesandten, hierauf der Brief (und zwar ganz allein, ohne jede profanirende Begleitung fahrend) und zuletzt der Gesandte selber. Da unsere Böte sämmtlich königlich siamesische waren, trugen alle Ruderer rothe Hemden und eben solche Mützen und machte sich der Anblick dieser vielen, leuchtenden Böte, zu denen noch von allen Seiten solche der Minister und hohen Würdenträger stießen, mit ihren glühenden Farben und buntem Schmuck höchst malerisch.

Von einundzwanzig Salutschüssen zu Ehren des Briefes begrüßt, landeten wir endlich an einer, übrigens höchst unbequemen, hölzernen Brücke und sahen uns nach Beförderungsmitteln für unser weiteres Fortkommen um. Alles stand indessen schon bereit. Der Gesandte erhielt einen europäischen Sessel, der auf Bambusstöcken stand und von sechs Eingeborenen getragen wurde, auch recht bequem sein mochte, aber so furchtbar wacklig aussah und derart über den Köpfen der braunen Kerle schwankte, daß wir jeder Augenblick erwarteten, den Gesandten herunter und auf die umherwogende Menge fliegen zu sehen. Für die Uebrigen standen zehn Pferde und wohl an dreißig Tragkissen bereit. Da man auf letzteren à la turque sitzen und gleichfalls hoch oben über den armen anderen Sterblichen schweben und schwanken mußte, so entsagte ich, in gewohnter Bescheidenheit, solchem hervorragenden Sitze und wählte mir eins der Pferde aus. Es waren nette, kleine Thiere, mit europäischen Sätteln, aber leider so kurzen Steigbügeln, daß meine Kniee, nachdem ich aufgesessen, beinahe die Brust berührten. Jeden Cavalleristen hätte eine Gänsehaut beim [263] Anblicke dieses „Sitzes“, überhaupt der ganzen Cavalcade, überlaufen, und nur die krampfhaft verzerrten Angstgesichter der „hoch über der Menschheit“ Schwebenden ließen mich die getroffene Wahl nicht bereuen. Unter dem größten Trubel beim Wiehern und Ausschlagen der Pferde, dem Gekreische geängstigter Kinder und dem nicht minder durchdringenden ihrer entsetzten Mütter, dem Gejohle und Gejuble der Menge setzte sich endlich der lange Zug, Seesoldaten und Musik wieder voran, bei den Klängen des Preußenmarsches in Bewegung.

Unser Weg führte uns an den Ställen der königlichen Elephanten vorbei und auf einen Platz, an dessen Ende der Palast gelegen und dessen ganze Länge von einer Abtheilung siamesischer Truppen eingenommen war. Diese Truppen präsentirten sich als das Bettelhafteste, das ich je im Leben gesehen. Sie waren in schlechte, gelbe, einheimische Kleider gehüllt, gingen barfuß und trugen alte, abgeschabte, spitze Hüte. Als Waffen führten sie theils Piken, theils landesübliche Säbel. Am seltsamsten aber erschien ein Trupp von etwa hundert Mann, von denen jeder zwei alte, furchtbar verrostete Cavalleriesäbel führte und zwar ohne Koppel und ohne Scheide, unter jedem Arme je einen tragend. Am Endpunkte dieses seltsamem, barocken Spaliers hielten fünf Kriegselephanten; auf ihren Rücken Siamesen in rothen Anzügen und mit Speeren bewaffnet. Diese Prachtthiere, an deren Anblick sich das Auge erholen konnte, standen dem Eingange des Palastes gegenüber, und in diesen selbst traten wir nunmehr ein.

Der Hof, der uns zuerst aufnahm, war ungewöhnlich geräumig. Eine Compagnie europäisch uniformirter Siamesen befand sich auch dort, uns zu Ehren, aufmarschirt. Ihre Uniformen waren abgetragene und äußerst schmutzige holländische, und in einem seltsamen Contraste zu seinen Untergebenen stand der diese Compagnie befehligende Officier. Der braune „Stabsofficier“ war in eine nagelneue, höchst elegante englische Majorsuniform gezwängt, trug weite weiße Hosen, war aber ohne jede Bewaffnung. Der anfangs meiner Zeilen erwähnten Landesmode gemäß, fehlte auch seinem Glanze das Schuhwerk. Ihre Griffe machte übrigens diese Elitetruppe gar nicht so übel.

Inmitten des Hofes erhob sich ein kleines Gebäude, in das wir aufgefordert wurden einzutreten, und in dem sich der Minister des Auswärtigen, Pack-ram, befand, der uns zuvorkommend, aber formell empfing und uns ersuchte, eine kleine Weile zu verziehen. Da wir schon vorbereitet waren und wußten, daß sich diese „kleine Weile“ auf eine Stunde mindestens, der siamesischen gestrengen Hofsitte gemäß, hinziehen würde, so beschlossen wir, diese Wartezeit dazu zu benutzen, den weißen Elephanten, der ganz nahebei ein eigenes, blauangestrichenes Haus bewohnte, in Augenschein zu nehmen. Wir fanden denn diesen berühmten Weißen wenig heller, als die anderen seines Geschlechts, seine graue Taille spielte nur mehr in’s Röthliche, auch hatte er rothe Augen, wie ein Albino. Uebrigens war er ein schönes Thier und wurde von den frommen Landesbewohnern als besonders heilig verehrt. Aber auch dieser Heilige hatte, ebenso wie der große Buddha im Tempel Wat-po, dicht neben sich einen Concurrenten in der ihm gezollten Anbetung und zwar in der Person eines ebenfalls weißen und ebenfalls heiligen – Affen. Wenn sein großer Nebenmann aber ein schönes, gutmüthig dreinschauendes Geschöpf war, so kann man das weniger von diesem heiligen Pavian behaupten, der, ungeachtet seiner unschuldigen Farbe, ein ganz besonders bösartiges und wenig Zutrauen einflößendes Ansehen hatte.

Wir waren kaum in den ersten Hof zurückgekehrt, als wir einen Höllenlärm vernahmen und erfuhren, daß der König im Begriff sei, sich mit seinem Hofstaat in den großen Audienzsaal zu begeben. Gleich darauf wurden wir denn auch „befohlen“ und führte man uns zunächst in einen zweiten, inneren Hof, in dem abermals eine Compagnie europäisch uniformirter Soldaten und fünf weitere Kriegselephanten Spalier bildeten, durch das hindurch wir, begleitet von über fünfzig einheimischen Trommlern und Pfeifern, die mit Ausübung ihrer Kunst uns beinahe das Trommelfell sprengten, der großen Audienzhalle zuschritten. An ihrer Eingangsthür tobte uns wiederum ein ganzes Corps von rothgekleideten Musikanten einen Willkomm entgegen mit ihren blechernen, messingenen und kupfernen Instrumenten, mit dem verglichen der vorangegangene Lärm als sanftes Säuseln erschien. Halb betäubt, entrannen wir endlich dieser musikalischen Scylla und Charybdis, erstiegen die Stufen der Halle, schritten durch ihre offene Thür und – sahen uns in einen Raum versetzt und einer Scene gegenüber, die uns mit Staunen, ja, daß ich es gestehe, mit Bewunderung erfüllte.

Die ganze mächtige Halle mit ihren zahlreichen schlanken Säulen, die, wie die ganzen Wände ringsumher, reich vergoldet waren, ihrer phantastisch geformten und verzierten Decke, die, gleichfalls auf das Verschwenderischste vergoldet, mächtig in die Höhe strebte und mittelst eines seitwärts durch grüne Scheiben fallenden Lichtes höchst eigenthümlich und wirkungsvoll beleuchtet war – alles das bot einen wirklich prachtvollen, imposanten Anblick dar. Die Halle bildete ein längliches Viereck, dessen schmale Seiten von europäischen Sophas und Tischen eingenommen wurden, während ihre Wände rechts die Bilder des Kaisers und der Kaiserin von Frankreich, links die einiger Engländer trugen. In der Mitte der langen Wand, gerade der Eingangsthür gegenüber, erhob sich in einer Art von Nische unter einem Baldachin und auf einer Erhöhung, zu der von beiden Seiten je eine Treppe führte, der über und über vergoldete Thronsessel. Auf ihm, in seinen goldstoffenen Gewändern vom Hintergrund kaum unterscheidbar, saß König Maha-Mongkut. Erst eine Bewegung seiner, der schon mehrfach erwähnten Etikette gemäß vollkommen nackten, dunklen Beine ließ uns ein lebendes Wesen auf dem Throne erkennen. Ein zweiter Blick zeigte uns einen wohlgebildeten, kräftigen Mann in seinen besten Jahren, gekleidet in ein Gewand, dessen Goldbrocat mit Diamanten und edlen Steinen bedeckt war und dessen Haupt ein schwarzes Sammetbarett mit Diamantenguirlande und Reiherbusch zierte. Um ihn herum, zu den Stufen seines Thrones, lag seine – Amazonengarde, leider aber durch ein goldenes Gitter unseren Augen entzogen. Vergebens richteten wir gerade auf diesen Punkt den geübten Seemannsblick; außer einigen über das Gitter hinüberragenden Lanzenspitzen war nichts zu erspähen, und die Behauptungen einiger windigen Cameraden, so und so viel Reize durch die neidische Schutzmauer hindurch erschaut zu haben, sind entschieden in das Reich der Fabel und der blassen Renommage zu verweisen. Nein, die schönen Amazonen, so vernichtend und verheerend sie sich sonst den armen verlorenen Männern entgegenstürzen mögen, uns schonten sie gnädig und setzten uns nicht einmal dem gefährlichen Feuer ihrer Augen aus.

Zu beiden Seiten des Thronhimmels lagen auf rothsammetnen Kissen, den goldenen Spucknapf und die Beteldose nebst Kohlenbecken von gleichem Metall vor sich, in ihren kostbarsten, mit edlen Steinen geschmückten Gewändern die Prinzen, Minister und Großen des Reichs, wohl gegen dreihundert an der Zahl. Die beiden Wandseiten rechts und links vom Eingang wurden von einer etwa hundertfünfzig Mann starken reichgekleideten und mit Musketen, Pistolen, Lanzen und Säbeln bewaffneten Leibgarde eingenommen.

In der Mitte des großen Raumes, unmittelbar hinter einem ganz niedrigen Tischchen, das in einer goldenen Vase den Brief des Königs trug, lag ein sammetnes Kissen für den Gesandten und neben diesem wieder eine Anzahl ähnlicher für uns bestimmter. Nachdem wir nun, Graf Eulenburg voran, bis zu dieser ominösen Sitzangelegenheit gelangt waren, machten wir Halt und Jeder seine tiefe Verbeugung. Der Gesandte trat vor, entnahm der Vase das Schreiben unseres Königs (nebenbei gesagt, eigentlich nur sein Accreditiv, aber von König Wilhelm eigenhändig an den Beherrscher Siams gerichtet) und verlas dann seine Anrede in englischer Sprache. Während dessen hatte auch der König Maha-Mongkut sein Antwortschreiben aus einer neben ihm stehenden Vase gezogen, und als der Gesandte geendet hatte und ihm entgegentrat, stieg er die Stufen des Thrones herab und der Austausch der Briefe erfolgte. Als der Graf, rückwärts schreitend, wieder bis zu seinem Kissen gelangt war, war auch der große Moment des Niedersitzens gekommen, ein Moment, dem die Meisten unter uns mit einigem Bangen entgegensahen. Erstens nämlich mußte die Procedur, dem siamesischen Hofusus gemäß, von uns Allen genau im nämlichen Moment ausgeführt werden, eine Leistung der Präcision, die an und für sich schon, noch dazu ohne vorhergegangene Generalprobe, nicht zu den leichtesten gehörte. Und dann – wir waren in Gala! Was aber ein schnelles Niedersitzen in Gala-Inexpressibles (Pardon!) besagen will, ach, meine Gnädige, das zu ermessen ist nur den armen Sterblichen vergönnt, die, in sie hineingezwängt, je diesem Mode-Moloch haben opfern müssen. Wie wir glücklich platt auf die Erde und, mit gekreuzten Beinen noch dazu, auf unsere Kissen gelangt sind, kann ich noch heute nicht begreifen, das Factum muß aber constatirt werden! Wir „plumpten“ mit echt [264] preußischer Accuratesse, wie auf Commando, nieder und einige halblaute „Himmel, sie krachen schon“ oder „Herr, legen Sie mir Ihre Beine nicht in den Schooß!“ waren die einzigen Anzeichen, daß diese Art der „Besitzergreifung“ eine uns nicht alltägliche und süßgewohnte war. Daß ewige Schleppsäbelgriffe den Vor-, respective Nebenmännern empfindlich in die Rücken oder Weichen gebohrt und ewige Hüte plattgedrückt wurden, rechne ich natürlich nicht zu den Unglücksfällen. Wir saßen doch!

Und nun verlas der König seine Antwort, leider in siamesischer Sprache, sodaß ich über ihren staatsmännischen Werth kein ganz competentes Urtheil haben kann; ich weiß nur, daß die verlesende Stimme kräftig und wohllautend war. Dann folgten Fragen allgemeinen Inhalts, z. B. ob Preußen im Kriege mit Frankreich sei, was man ja dazumal noch mit einem vernehmlichen „Nein“ beantworten konnte; ferner, wie viel Schiffe die preußische Marine habe, eine schon heiklere Frage, da die Anzahl derselben im gesegneten Jahre 1861 noch keine imposant wirkende war. Der Gesandte nannte deshalb auch – mit jenem richtigen Seherblicke, wie er sich in großen Momenten entschlossenen Männern mitunter aufthut – die Anzahl der Schiffe, die wir etwa jetzt so stolz sind, unser eigen zu nennen. Diese Unterhaltung ging übrigens nicht direct durch den Dolmetscher, sondern der König wandte sich zuerst an einen seiner Großwürdenträger, den sogenannten „Sprecher“, Dieser wiederholte das Gesagte dem Dolmetscher und durch Jenen erst gelangte es an den Gesandten, während dessen Antwort denselben Weg zurückging. Nach einigen Hin- und Herreden griff der König zum Säbel und erhob sich, worauf auch wir natürlich sämmtlich aufsprangen.

Die ganze Zeit über war die Haltung des Königs eine durchaus stattliche und angemessene gewesen, wie überhaupt die ganze Versammlung nur den Eindruck bestärkte, den wir gleich beim Betreten der Halle empfangen. Die fast majestätische Würde des Königs ließ uns seine freundlich entlassende Handbewegung mit wirklich ehrerbietigen Verbeugungen beantworten.

In den Hof zurückgetreten, wurden wir zu einem kleinen Nebengebäude und in ihm wieder eine enge, schmale Treppe hinauf in ein nicht sehr großes, europäisch eingerichtetes Zimmer geführt. Hier stand eine lange, gedeckte Tafel mit vielen silbernen Schüsseln besetzt. Es wurde uns ein europäisches Diner servirt, bei dem der Minister des Auswärtigen die Honneurs machte. Beim Champagner brachte Graf Eulenburg das Wohl des Königs von Siam aus, in das wir mit donnerndem Hoch einstimmten.

Nach dem Diner wurden wir zu einem anderen, eleganteren Gebäude geleitet, und dort, in seinen Wohnzimmern, empfing uns nun König Maha-Mongkut „in Privataudienz“. Bei unserm Eintritte stand er unweit der Thür in seinem gewöhnlichen, bequemen Hausanzuge. Eine blaue Jacke, seidener Sarong, eine kleine schottische Mütze und – tadellose Schuhe und Strümpfe bildeten diese Negligétoilette. Von dem Gesandten ihm namentlich vorgestellt, wurde Jeder von uns mit einem Händedrucke beehrt. Dann führte er uns zu einem Tischchen, auf dem schon eingeschenkte kleine Sherrygläser standen, und reichte sie uns einem Jeden höchst eigenhändig. Er trank auf das Wohl unseres Königs, und als wir in drei urkräftigen Hurrahs Bescheid thaten, strengten wir unsere Lungen absonderlich an, da uns durch den Minister (dolmetschlicher Weise) verrathen worden war, Seine Majestät habe unser vorheriges Hochrufen zu seinen Ehren gehört und nachdem sein Glaube, wir hätten aus – Hunger so geschrieen, berichtigt worden war, ein ungemeines Wohlgefallen an dieser europäischen Sitte gefunden. Er lächelte auch jetzt höchst befriedigt und händigte dann Jedem Allerhöchstselbst eine Cigarre ein.

Ob des Königs Nachfolger, Somdetsch-Tschanfa, mit unter den vier der neunundvierzig Kinder war, die an jenem Tage den Vater umgaben und – nebenbei gesagt – das Netteste und Artigste waren, was man sich nur denken kann, vermag ich nicht zu sagen. Unsere wirklich ganz belebte, gemüthliche Unterhaltung mit dem Herrscher währte eine geraume Zeit. Zuletzt wurde er gefragt, ob unsere Musik sich hören lassen dürfe, was er eifrigst bejahte. Kaum erklangen die ersten Töne, als er auch schleunigst hinabging und, hart an den Instrumenten stehend, ein Stück nach dem andern sich vorspielen ließ. Endlich verabschiedete er uns ungemein gnädig.

Und während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir ein, daß die mir damals gespendete Cigarre noch immer in meinem Besitze ist; ich hole sie hervor und betrachte das braune Röllchen mit nachdenksamem Blicke. Dieses elende Ding besteht noch, und ihr freundlicher Geber, König Maha-Mongkut, der kräftige, einsichtsvolle Herrscher, der Mann, der redlich bestrebt war, seinem Volke möglichst zu nützen, indem er dem Uebermuthe der Großen thunlichst steuerte und dem Handel und Wandel die Thore öffnete, der unumschränkte Gebieter über so Vieler Leben und Sterben – ist längst zu Asche geworden. Memento mori!

Sieben Uhr Abends erreichten wir die Gesandtschaft wieder.

So wäre ich denn am Schluß des ersten Capitels meines kleinen Reisebuches, des Capitels „Bangkok“, angelangt und könnte mich, unter den üblichen und in meinem besonderen Fall auch ganz wohlangebrachten Entschuldigungen der ungewandten Feder verabschieden. Oder sollte ich Sie, meine gütige Freundin, deren Nachsicht ich ohnehin schon gemißbraucht, etwa noch mit statistischen Tabellen über Größe und Einwohnerzahl des Landes und seiner einzelnen Provinzen, oder mit detaillirten Marktberichten über seine Naturproducte und Industrie-Erzeugnisse langweilen? Fürchten Sie nichts! Nur von meinem kleinen Standpunkt aus sollten Sie das Land überblicken, nur mit meinen Augen es sehen, und ich bin für diese Dinge ziemlich – blind gewesen. Von Ausfuhrartikeln sind mir nur das prachtvolle Teakholz, das unsere Werften viel zu Schiffsbauten verwenden, der Reis und die Gewürze aufgefallen und diese auch wohl nur, weil sie mein, des eifrigen Seemanns und passionirten Reisessers, specielles Interesse erregten. Im Gebiete der Statistik aber ist mir die einzige Thatsache im Gedächtniß geblieben, daß Siam auf einem Flächengebiet von über 900,000 Quadrat-Kilometer etwa 6 Millionen Einwohner aufzuweisen hat. Das meine ganze Gelehrsamkeit in diesem Punkte!

Vielleicht führe ich Sie, meine Gnädige, das nächste Mal wieder nach dem glühenden Asien, vielleicht aber auch in kühlere Regionen. Weiß ich es doch selbst noch nicht! Wohin es aber auch sei, folgen müssen Sie mir nun blindlings und ohne Murren; haben Sie sich doch selber in meinen Erzählungen Plan und System von vornherein verbeten. Auch in diesem Befehl, wie immer, ganz – Dame!

O weh! das frevle Wort ist unaufhaltsam der Feder entschlüpft, fußfällig aber bitte ich deshalb um Vergebung und, mich selber strafend, verbanne ich mich für heute von Ihrem Angesicht.

Wollten Sie solcher Reue und Buße gegenüber ungerührt bleiben? Sie vermögen es nicht. Ich kenne Ihr nachsichtiges Herz. Ich sehe Ihr schönes Auge mir in Gnaden leuchten; ich höre Ihr vergebendes „Absolvo te!“, und freudig dankbar die Friedensbotschaft entgegennehmend, durchfliege ich, entlasteten Gemüthes, weiter die fernen Meere, als meiner gnädigen Freundin

allezeit getrennter Verehrer
J. v. A.

Textdaten
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aus: Die Gartenlaube 1882, Heft 16, S. 264-267


[264]
Maritime Briefe an eine Dame.
II.

Muthigste aller Frauen! Sie wollen es also wirklich noch ferner mit mir wagen? Und nach der gluthhauchenden, farbenglühenden Wiege unseres Menschengeschlechtes, nach Asien soll es wieder gehen? Wohlan denn – es sei! Sie schwingen den Zauberstab Ihres allmächtigen Willens, und in demselben Moment sehe ich mich auch schon um zwanzig Jahre zurückversetzt, befinde ich mich wieder an Deck Seiner Majestät Corvette „Möve“ und ertheile Befehl, zu Anker zu gehen. Sie winkten, und das gute Schiff schaukelt sich bereits auf der Rhede von Singapore, angesichts der Insel gleichen Namens. Wir sind zur Stelle!

Welch ein schönes Ziel! Die Insel ist landschaftlich mit allen Reizen geschmückt, welche die Phantasie nur erdenken kann; sie ist mit einer selbst in den Tropen überraschend üppigen Vegetation und einem herrlichen, bei aller Hitze doch gesunden Klima bedacht – in Wahrheit ein kleines Paradies auf Erden.

Die Stadt an sich war damals noch durchaus nicht schön zu [265] nennen, machte aber den ersten Abend, als ich sie durchstreifte, mit Hülfe der trügerischen Dunkelheit einen ziemlich erfolgreichen Versuch, sich wenigstens als „malerisch“ in meine Phantasie einzuschmuggeln.

Ueber die Esplanade, den großen öffentlichen Spaziergang schlendernd, war ich allmählich immer tiefer in ihre Straßen hinein und endlich in den malayischen Theil derselben gerathen.

Die kleinen, unregelmäßigen Gebäude mit ihren reisstroh- und palmengedeckten Dächern erschienen, vom täuschenden Mondlicht umwoben und in prachtvollen Bäumen halb versteckt, anmuthig genug und hoben sich bizarr vom nächtlichen Himmel ab. Und zwischen diese lose aus Bambus und Brettern zusammengefügten Hütten schoben sich winzige steinerne, in europäischer Art aufgeführte Häuser, mit weit geöffneten Thüren, durch die hindurch man einen ungenirten Blick in’s Arbeits-, ja in’s Familienleben werfen konnte.

[266] Diese naturwüchsige Unbekümmertheit ist überhaupt ein charakteristischer Zug jener paradiesischen Gegenden, und nur zu oft wandte sich mein von der Cultur und ihrem Schicklichkeitscodex dressirter Blick verlegen ab und einer andern Richtung zu, um dann freilich nicht selten von der Scylla in die Charybdis zu gerathen. Manch liebes Mal lehnte ich aber auch, unbehelligt von solchen Scrupeln, an den Thürpfosten und blickte in die erleuchteten Flure und Werkstätten mit ihrem munteren Treiben und den scharf abgegrenzten Figuren, die – mit allerlei fremdartigen Apparaten hantirend – sich in ihnen herumbewegten.

Ueberhaupt herrschte unerachtet der späten Abendstunde noch reges Treiben in der Stadt. Dunkle Gestalten huschten an mir vorüber, mich manchmal hart streifend und mit ziemlich drohenden Mienen musternd, dabei in dem ungewissen Licht, das aus den erleuchteten Häusern fiel, so spitzbübische Physiognomien aufweisend, daß die Hand mehr denn einmal zum Säbel griff und ihn unwillkürlich in der Scheide lockerte. Aber auch sanfte, schöne Augen lugten unter dem übergeworfenen Kopftuche verstohlen nach dem Fremden, und gazellenleichte Tritte veranlaßten mich, den Kopf zu wenden und den schlanken Mädchengestalten nachzublicken.

Mehr denn je lernte ich an diesem Abende des bekannten Bagdader Kalifen Leidenschaft begreifen, nächtlich herumzuschweifen und seine Allerhöchste Nase in Alles zu stecken.

Noch öfter hätte ich wohl diesen neu erwachten Harun al Raschids-Neigungen gefröhnt, wenn meine Unternehmungslust nicht in andere Bahnen gelenkt worden wäre. Ich hatte nämlich die Bekanntschaft eines Mr. W …, eines gleich mir passionirten Nimrods gemacht, und durch ihn wurde es mir ermöglicht, den Traum meines Jägerherzens zu verwirklichen und eines Tages nach den Dschungeln zur heißersehnten Tigerjagd aufzubrechen.

Wie Amerika und Afrika seine Urwälder, so hat Indien seine Dschungeln. Sie sind das Product eines überaus ergiebigen und fruchtbaren Bodens und der großen Feuchtigkeit jener Gegenden, welche zusammen eine Vegetation erzeugen, so üppig, so großartig, wie man sie ähnlich kaum anderswo antreffen dürfte. Man ist aber im Irrthum, wenn man annimmt, daß die Dschungel nur auf sumpfigem Boden gedeihe. Sümpfe und Wasserlachen giebt es in ihnen allerdings, mehr vielleicht sogar als in anderen Wäldern, aber ebenso oft mächtige Strecken trocknen Bodens und sogar recht ausgedörrter Erde. Das eigentlich Charakteristische an ihnen sind die dicken, durch Unterholz und Schlingpflanzen zu fast undurchdringlichen Mauern verwachsenen Dickichte und das übermannshohe Gras, das die lichten Stellen überwuchert.

Auf diese Lichtungen tritt Morgens und Abends das Wild zur Aesung heraus, und hier sind die gegebenen Punkte, ihm auf dem Anstand aufzulauern. Wer nun die Gegenden und ihre vierfüßigen Bewohner kennt, wird sich zu diesem Behufe nicht sorglos auf ebener Erde aufstellen, sondern er baut sich schon vorher auf einem mittelhohen Baume, maskirt durch grüne Zweige, ein Nest, eine sogenannte „Kanzel“, um von ihr aus zu operiren und sich nicht ungedeckt dem tödtlichen Sprunge wilder Bestien auszusetzen.

Von Tigern zumal, und zwar von solchen der stärksten und bösartigsten Sorte, wimmelte damals Singapore. Theils eingeboren, theils von Malakka herüberschwimmend, überflutheten sie die Insel und machten sie im höchsten Grade unsicher. Bis in die Straßen der Vorstädte selber wagten sich die hungrigen Ungethüme, und erst kurz zuvor war es einem derselben gelungen, sich ebendort den mittelsten von drei auf einem offenen Gefährt sitzenden Kulis herunterzuholen und fortzuschleppen. Man berechnet die Opfer dieser Bestien jährlich auf fünfhundert Menschen, und es waren besonders die in den Dschungeln arbeitenden Chinesen, die den ersten Anprall auszuhalten hatten und nahezu decimirt wurden. Diese betriebsamen Leutchen, die es unternommen, den Boden durch Ausroden des Gestrüpps und Anlage von Kaffee- und Tabakplantagen immer mehr zu cultiviren, bildeten unter sich Gesellschaften von je zwanzig bis dreißig Mann, die unter einem selbstgewählten Oberhaupte, dem sogenannten „headman“, standen und wirklich Anerkennenswerthes in der Urbarmachung des Landes leisteten. Je mehr die Tiger nun aber unter ihnen aufräumten, und je fragwürdiger mithin das Lohnende ihrer mühseligen Arbeit wurde, desto mehr mußte es sich die Regierung angelegen sein lassen, eine Abhülfe zu schaffen. Es wurden denn auch namhafte Prämien, bis zu hundert Rupien (zweihundert Mark) auf die Tödtung eines Tigers gesetzt, aber ohne sonderlichen Erfolg. Auch das Auskunftsmittel, das gefährliche Raubzeug in tiefen, mit grünem Buschwerk überdeckten Gruben zu fangen, erwies sich als unzureichend. Endlich wurden sogenannte „Tigerstationen“ errichtet und mit je vier bis sechs Mann, meistens Malayen, die geneigt waren, neben ihrem Tagelohne noch die Prämie zu verdienen, aber auch nicht anstanden, ihr Leben dagegen einzusetzen, belegt. Diesen Stationisten fiel die Aufgabe zu, die Erlegung der Bestien gewissermaßen systematisch zu betreiben.

Mr. W. und ich langten denn am Nachmittage eines glühenden Tages nach beschwerlichem Marsche durch die Dschungeln bei der Station, wo die meisten der von Malakka herüberschwimmenden Thiere landen sollten, an. Das Glück wollte uns wohl. In „Old Sam“ lernten wir einen ziemlich intelligenten braunen Malayen kennen, und der alte Stationist erfreute unsere Herzen sofort mit der Nachricht, daß er in der Nähe die Spuren eines starken Tigers gefunden und daß, obgleich diese Thiere einen bestimmten Wechsel nicht einzuhalten pflegten, doch mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten sei, derselbe würde den Platz auch in heutiger Nacht aufsuchen. Wir begaben uns natürlich sofort nach der bezeichneten Stelle und fanden dieselbe, eine kleine, von einzelnen Bäumen bestandene Lichtung, zu unserem Zwecke wie geschaffen. Von drei Seiten umgab den Platz dichtes Bambus- und Dornengebüsch; die vierte war von einer steil in die Höhe steigenden Felswand abgeschlossen, und dicht unterhalb dieser strebten, hart neben einander, die beiden Bäume, die wir ausersahen, um uns in ihren Zweigen die bergenden Nester zu bauen, empor.

Nachdem alle nöthigen Vorbereitungen getroffen, verfügten wir uns zur Stationshütte zurück, um uns durch einen kurzen Schlaf zur bevorstehenden Nachtwache zu stärken. Meine „tigergewohnten“ Gefährten schnarchten denn auch bald um die Wette, während ich, der Neuling, mich fieberhaft erregt umherwälzte.

Da aber in jenen Gegenden die Sonne schon kurz vor oder nach sechs Uhr untergeht und dann sofort, ohne jede vermittelnde Dämmerung, tiefe Finsterniß eintritt, sollte meine Geduld nicht auf eine zu harte Probe gestellt werden; bald nach fünf Uhr brachen wir bereits wieder nach der Lichtung auf. Begleitet waren wir von Sam und einer Ziege, die als mitleiderweckendes Lockungsmittel für die Tiger dienen sollte.

An Ort und Stelle angekommen, banden wir die arme Geis inmitten des Platzes und im Bereich unserer Schußwaffen an einen Pfahl, warfen ihr noch ein Bündel duftender Kräuter, ihre Henkersmahlzeit, vor, und dann bestiegen Mr. W … den einen, Sam und ich den andern Baum; wir richteten uns auf ihnen, so gut es gehen wollte, für die Nachtwache ein.

Und tiefer und tiefer sank die Sonne; schwächer und schwächer tönte das Rauschen der Seebrise; die Dunkelheit und mit ihr lautlose Stille trat ein. Doch nicht auf lange! Von Osten her goß bald ein anderer silberner Schein sein magisches Licht über die Gegend. Der Mond ging auf und – langsam emporsteigend und immer andere Schatten erzeugend – schuf und webte er wundersame Wahngebilde. Bald erschien die seltsam beleuchtete Scene dem getäuschten Auge als ein herrlicher Park, mit Marmorstatuen und Cascaden geschmückt, bald als mächtige Stadt mit Thürmen, Kuppeln und Palästen, bald als wilde Felspartie mit starren, bizarren Steinmassen, immer aber phantastisch lockend und reizend. Und mit dem heller fluthenden Lichte erwachte auch das nächtliche Leben der Wildniß. Das eintönige Summen und Surren der Musquitos ließ sich mehr und mehr vernehmen; ab und zu wurde es unterbrochen von dem Schrei des Eisvogels, dessen Ruf täuschend dem Ton eines über dünne Eisfläche gleitenden Steines ähnelt; zwischendurch erhob der wilde Pfau seine schrille Stimme, oder riefen sich Eulen und Käuze ihr unheimliches Losungswort zu, und schwirrend und sausend streifte die wunderliche Gestalt des fliegenden Hundes die leise unter seinem Flügelschlag erschauernden Blätter.

Wie gebannt saß ich und lauschte dem geheimnißvollen Weben der Nacht – da – plötzlich bewegte es sich im Dickicht. Die Ziege schrak zusammen und stieß ein leises, ängstliches Meckern aus, dabei scheu den Kopf nach der verdächtigen Richtung wendend. Unsere Finger flogen an die Drücker der Büchsen. Eine Pause athemloser Erwartung, während welcher ich das Klopfen meines Herzens zu hören glaubte, dann wieder und verstärkter das Geräusch brechender Zweige – ein jähes Auffahren der gefesselten Ziege, ihr todesängstlicher Aufschrei, ihre vergeblichen Fluchtversuche [267] und dann ein mächtiger, dunkler Körper, der aus dem Dickicht heraus und in furchtbarem Satz dem armen Geschöpf an die Kehle sprang. Ich hörte den gurgelnden Todesschrei des gefällten Opfers, hörte das Krachen der zermalmten Knochen gleichzeitig mit dem winselnden Geheul des Tigers, und im Nu lag meine Büchse an der Backe und donnerte mein Schuß durch die Nacht.

Die getroffene Bestie stieß ein furchtbares Gebrüll aus, ließ ihre Beute fahren und schnellte rachedürstend nach unserer Richtung hin. Im Sprunge aber brach sie zusammen und kroch nun unter markerschütterndem Wuth- und Schmerzensgeheul bis unmittelbar unter die Zweige meines Baumes. Hier hob sie sich krampfhaft auf die Vordertatzen und starrte mit weit aufgerissenem Rachen und glühenden Augen zu uns empor.

Um die Qualen des Thieres durch einen gut gezielten Schuß zu enden, legte ich abermals an, beugte mich weit über den Rand der Kanzel hinaus und – verlor plötzlich das Gleichgewicht. Die Waffe entfiel meinen Händen und, jäh herniederstürzend, konnte ich nur noch in instinctivem Erhaltungstrieb einen Ast ergreifen und mich an ihm anklammern.

„Und da hing ich und war’s mir mit Grausen bewußt“[WS 1] – daß meine Füße sich nämlich fast schon im Bereiche des wüthenden Ungethüms, dessen heißer Athem zu mir empordampfte, befanden und daß der Ast, der mich hielt, mehr und mehr nachzugeben begann und binnen Kurzem zu brechen drohte. Wie lange ich in dieser Situation zwischen Himmel und Höllenrachen geschwebt, vermag ich nicht anzugeben; vermuthlich nur Minuten – mir kamen sie wie ebenso viele Stunden vor, und nur wie im Traume hörte ich endlich Sam’s Ruf: „Kann nicht schießen! Füße hoch!“

Mechanisch zog ich die Beine an mich, laut krachte der Ast bei der Bewegung und tiefer und tiefer bog er sich; ich befahl meine Seele Gott – da – ein Schuß – ein zweiter – und dann – dann knackte es und brach es über mir und unter mir und ich stürzte herab – nun lag ich unmittelbar neben dem Körper des verendenden Thieres.

Meine braven Gefährten waren sofort von ihren Bäumen und an meiner Seite, bereit, mich vor den etwa noch zuckenden Klauen und Krallen des Ungeheuers zu schützen, hatten aber nur nöthig, mir wieder auf die Beine zu helfen, auf die ich mich zwar etwas betäubt, aber – dem Höchsten Dank! – ganz wohlbehalten erheben konnte. Der Rest der Nacht verlief ohne fernere Abenteuer, und mit Morgengrauen kehrten wir, nachdem wir Sam in den Alleinbesitz der verdienten Prämie gesetzt und außerdem noch reichlich belohnt hatten, heim, todtmüde zwar, aber sehr befriedigt, und ich außerdem noch im Besitz des prachtvollen Tigerfells.

Unser Aufenthalt in Singapore ging nunmehr seinem Ende zu, nicht aber, ohne mir zuvor einen zweiten Lieblingswunsch zu erfüllen. Ich sollte noch einen indischen Fürsten kennen lernen und zwar in seinem eigenen Heim. Der Maharajah von Johore nämlich, der Regent des aus Malakka gelegenen Landes gleichen Namens, hatte große Besitzungen aus Singapore und ganz in der Nähe der Stadt seinen Lieblingswohnsitz; unser Commandant, der ihm seinen officiellen Besuch angesagt, forderte uns auf, ihn zum Fürsten zu begleiten.

In mehrere Wagen vertheilt, machten wir uns auf den Weg. Die Hitze war groß, das Aechzen und Stöhnen darüber aber noch größer; ich allein lamentirte nicht mit, da meine Gedanken viel zu angenehm beschäftigt waren, als daß sie die Nichtigkeiten dieser Erde gewahr geworden wären. Mächtiger, schaffender Brahma! Erhaltender Wischnu! Wie arbeitete meine Phantasie! Welche zauberhafte Gebilde aus „Tausend und einer Nacht“ stiegen vor ihr auf und umgaben die Person des indischen Rajah mit märchenhafter Pracht und Herrlichkeit! Aber – o gütiger, zerstörender Siwa! – wie sollten meine Luftschlösser zusammen- und ich aus allen meinen Himmeln stürzen, als wir vor der indischen Residenz einem großen, mit luftigen Veranden umgebenen Gebäude, anlangten und an seiner Schwelle von einem überaus wohlbeleibten, braunen Menschen empfangen wurden; Turban, bloße Füße, europäisch geschnittene Kattunjacke nebst eben solchen Beinkleidern – das war seine sehr primitive Toilette, und diese Erscheinung entpuppte sich als – der Erbprinz von Johore.

Der Anblick des Maharajah selber aber sollte mich fast noch mehr ernüchtern. Inmitten eines sehr bunt eingerichteten Salons stand ein erstaunlich dicker alter Herr mit gutmüthigem, aber entsetzlich nichtssagendem Gesicht, enorm breitem Munde und fast verquollenen Augen. Gekleidet war er in eine gelbe Nankingjacke, weite weiße Hosen und weiße Weste; um die unförmigen Hüften schlang sich ein bunter Shawl, in dem der Kriß (Dolch) stak, und um den Kopf ein schlafmützenartiger Turban, während die Füße mit Sandalen geschmückt, sonst aber nackt waren. Prüfte man aber diese Toilette Seiner indischen Hoheit näher, dann fand man allerdings, daß der Glanz an ihr nicht gänzlich fehlte, wenn er auch nur da zu finden war, wo man ihn nicht erwartete. Die unförmig großen Knöpfe an der Jacke stellten sich nämlich als massiv goldene heraus und zeigten in ihrer Mitte je einen Brillant von gewiß sehr beträchtlichem Werthe. Aehnlich reich und kostbar waren auch die Sandalen verziert, und zahlreiche funkelnde Ringe schmückten außerdem noch Finger und – Zehen des hohen Herrn. Wir fanden ihn umgeben von seinen vielen Söhnen, unter denen sich ein paar bildschöne Menschen befanden; leider trugen auch sie schon die Spuren eines Embonpoints an sich, in dessen unförmiger Entartung die Formen ihres Vaters und der Aeltesten unter ihnen sich bereits aufgelöst hatten.

Nach einer längeren Unterhaltung, die, wie alle derartigen officiellen, durch den Dolmetscher vermittelten Gespräche, nicht gerade durch sprühenden Geist sich auszeichnete, führte uns der Rajah zu seiner Waffensammlung, und hier konnte sich das Auge von aller bisher geschauten Geschmacklosigkeit erholen. Selten sah ich schönere Arbeit und zierlichere Ausführung als an jenen dort bewahrten Prachtstücken. Die Griffe der zahllosen Dolche und Lanzen wiesen kostbare Fassungen von rothem Gold und verschwenderisch verstreuten edlen Steinen auf; die Klingen waren haarscharf und von vorzüglicher Güte. Daß die meisten dieser schönen Waffen, die alle in seltsam geformten Holzfutteralen steckten, vergiftet waren, dieser Umstand konnte uns nicht sonderlich in unserer Bewunderung stören, und nur ungern rissen wir uns endlich von ihrem Anblick los, um der Aufforderung zu einem süperben, nur leider wieder ganz europäischen Frühstück Folge zu leisten und darnach, uns von dem Rajah verabschiedend, die Rückfahrt anzutreten.

Seit jenen Jahren sind unser hoher Wirth und sein Erbprinz zu ihren Vätern versammelt worden. Bei meiner letzten Anwesenheit in Singapore trat mir in dem damaligen Maharajah eine völlig fremde Persönlichkeit entgegen. „Sir Abu Bakar“ unterscheidet sich aber von seinen vorerwähnten, erlauchten Verwandten auf das Vortheilhafteste. Gekleidet in eine etwas phantastische, aber nicht geschmacklose Mischung von reicher, gold- und juwelengestickter englischer Uniform und landesüblichem Sarong (Lendentuch) ist er eine stattliche, sympathische Erscheinung, dabei sehr wohlunterrichtet und ein vortrefflicher Gesellschafter; er redet geläufig englisch und entspricht jedenfalls sehr viel mehr meinen Vorstellungen von einem indischen Großen als sein weiland Herr Papa.

Als wir von unserm Besuch heimkehrten, erwartete uns der Befehl, sofort aufzubrechen und nach China zu gehen, und schleunigst mußten wir dem schönen Singapore mithin Valet sagen.

Wohin nun aber Ihre Segelordre, hochmögende Frau, meine demnächstige Tinten- und Federexcursion dirigiren wird, das erwarte ich mit Spannung und in erneuter Angelobung des schuldigen Gehorsams als Ihr allzeit ergebener

J. v. A.
  1. Mit dieser Rubrik eröffnen wir eine Reihe von höchst fesselnden Artikeln, in denen ein früherer preußischer Seeofficier Erlebtes und Ueberliefertes niederlegt. D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Zitat aus dem Gedicht Der Taucher von Friedrich Schiller