Pomologische Monatshefte:1. Band:5. Heft:Sollen wir unsere Obstbäume durch Aussäen von Kernen vorzüglicher Früchte, ohne Veredlung heranzuziehen suchen …?

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Pomologische Monatshefte
Band 1, Heft 5, Seite 174–181
Johann Georg Conrad Oberdieck
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Pomologische Monatshefte:1. Band:4. Heft:Sollen wir unsere Obstbäume durch Aussäen von Kernen vorzüglicher Früchte, ohne Veredlung heranzuziehen suchen …?
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Pfirsich-Kultur im Botzener Kreis
[174]
Sollen wir unsere Obstbäume durch Aussäen von Kernen vorzüglicher Früchte, ohne Veredlung heranzuziehen suchen, oder muß die Anzucht veredelter Obstbäume, als allgemeine Regel, stets beibehalten werden?
Vom Superintendent Oberdieck.
(Fortsetzung.)

Aber bald wurden noch ernstlichere Zweifel, als bisher, gegen die Zweckmäßigkeit der Anpflanzung von Edelstämmen durch den, um Gartenbau und Pflanzenkunde höchst verdienten Präsidenten der Gartenbaugesellschaft in England, Esq. Knight rege gemacht, der eine neue, von vielem Scharfsinne zeugende Ursache der Kränklichkeit und kurzen Lebensdauer unserer Obstbäume angab. Bisher hatte man die Ursache davon nur in der Operation des Pfropfens, in der oft ungleichartigen Natur der Arten oder Varietäten, die zusammengebracht worden, und in dem Umstande gesucht, daß das Reis, wenn es von kranken Stämmen genommen werde, die Fehler derselben fortpflanze. Knight hingegen stellte den Satz auf: alle Edelreiser seyen nur Verlängerungen des ersten Urstammes von einer jeden Sorte, und diese Verlängerung eines und desselben organischen Wesens, an so verschiedenen Orten sie auch geschehe, habe, wie alle irdischen Dinge, ihre Grenzen, und empfinde die Folgen des Alters; weshalb solche Obstsorten, die schon mehrere Jahrhunderte durch Veredlung und nicht durch Samen fortgepflanzt seyen, mit dem es in dieser Hinsicht eine andere Bewandtniß habe, endlich schwach, kränklich, krebsig und früh abständig würden. Diese Theorie unterstützte eine Anzahl angesehener und gebildeter Männer, in den Niederlanden [175] ein Bürgermeister Hardenpont, Graf Coloma, Abt Duquesne und Andere, namentlich aber der Professor van Mons durch eine eben so glückliche Praxis. Schon seit 1798 war dieser letztere, um die Obstkultur höchst verdiente Mann bemüht gewesen, alle in neuerer Zeit aus Samen entstandenen, edlen Sorten zu sammeln, und er selbst erzog mit unermüdetem Eifer nach und nach mehr als 80,000 Stämme aus Kernen, die er öfter selbst durch künstliche Befruchtung gewonnen, auch sorgfältig bezeichnet hatte, und vermehrte die darunter fallenden guten Sorten in einer größeren Baumschule. Vorzüglich suchte er Birnen zu gewinnen, da es in dieser Obstklasse noch sehr an recht schmelzenden, und noch mehr an spät reifenden Früchten fehlte, und sehr viele der von ihm verbreiteten Birnen, da sie vom ersten Keime an in einem mehr nördlichen Klima erzogen waren, wetteifern mit den besten älteren, zugleich reifenden Sorten, ja übertreffen diese selbst. Sein 1823 erschienener Katalog[1] enthält gegen 800 Obstsorten, die in neueren Zeiten durch die Kernzucht, und meistens von ihm selbst in’s Daseyn gerufen wurden und er sagt in der Vorrede zu diesem Kataloge, daß alle von ihm nach Personen genannten, oder mit der Note „très à propages“ versehene Früchten vorzüglicher seyen, als eine wohlgerathene St. Germain, Colmar, Crassane u. dgl., indem die Note très à propages entspreche dem höchsten Grade der Vollkommenheit, welche eine Frucht erlangen könne, wobei dieselbe Schönheit der Form und Größe mit der größten Feinheit des Geschmacks und Saftes vereinigen müsse, während die beigesetzten Noten „excellent,“ „exquis,“ „délicieux“ nur besagten, daß eine Frucht eben so gut sey, als die besten alten Varietäten. – Um so viele ausgesuchte Sorten zu erhalten, habe er sich bemüht, die alten guten Varietäten in continuirlicher Reihe zu erneuern, indem er z. B. von den aus Kernen einer Colmar gefallenen Früchten, wieder Kerne säete, und so eine zweite, dritte und mehrere Generationen gewann. Dadurch entferne sich eine Frucht immer mehr von dem Zustande der Natur, und gehe in den der Kunst über, wo man endlich lauter gute Früchte erhalten müsse, und so hätten die Kirschen und Aprikosen schon in der dritten Generation keine mittelmäßigen Früchte mehr geliefert, und bei der vierten Generation habe der Apfel sich beständig in vorzüglicher Qualität reproducirt. Nur mit den Birnen sey es ihm noch nicht so gut gelungen, unter denen noch viel Mittelgut, ja selbst mehr Schlechtes falle. Dabei behauptet er jedoch nicht, von Sämlingen wieder eben solche Früchte, als die Mutterfrucht war, erhalten zu haben, vielmehr bemerkt er, daß vorzüglich die Birnen sich immer unter schneidenden Abänderungen reproducirten, die oft kaum eine Vergleichung mit der Mutterfrucht zugelassen hätten. Aber sehr rühmt er den gesunden und hohen Wuchs seiner Birnbäume (die man ohne Beschneiden der Krone aufwachsen ließ), die Pappeln glichen, von keinem Insekte berührt würden, vom Froste nicht litten, ihre Früchte nicht fallen ließen, auch nicht, wie andere Bäume, nur ein Jahr um’s andere trügen. Er bemerkt noch in der Vorrede zum Kataloge, daß je mehr man die Erneuerungen durch Kernsaat vervielfältige, desto früher die erhaltenen [176] Bäume tragbar würden, oft schon im dritten oder vierten Jahre nach der Aussaat, und daß, je mehr die Birne durch neue Generationen fortgepflanzt sey, desto weniger frühreifende Varietäten gefallen seyen, wenn gleich er erwähnen müsse, daß unter den auszupflanzenden Birnsämlingen er immer alles ausgemerzt habe, was ohne Dornen gewesen sey, breite Blätter und du bois gros gehabt habe, als worin sich Vorzeichen früher Reifzeit fänden, während er bei den Aepfeln nur ausgeschieden habe, was sich im äußeren Habitus zu sehr den bekannten frühreifenden Sorten genähert habe.

Ausführlicher hat Herr van Mons seine Theorie entwickelt in einer Schrift: „Traité detaillé sur la culture des arbres frutiers et sur l’amélioration des fruits par le semis“, von der er im Kataloge sagt, daß sie zum Druck fertig sey, die also um 1823 erschien, welche ich jedoch bisher noch nicht habe erhalten können. Herr van Mons hat aber von seinen Baumzuchten und seiner Theorie auch ausführlichere Nachricht gegeben in einem Aufsatze im Neuen allgemeinen Gartenmagazine Th. 1. (1825) p. 39[WS 1], zu dem sich ebendaselbst p. 55. noch eine Fortsetzung findet, die sich besonders über die Ursachen der Ausartung und Abänderung der Gewächse verbreitet. Wer diese Aufsätze genauer durchlesen will, wird sich vielleicht schon durch sie überzeugen, daß Herr van Mons’s Ansichten und Behauptungen oft mehr genial und glänzend, als bei genauerer Untersuchung stichhaltig sind, daß er in der Freude über seine Erfolge Manches etwas übertreibt, ja sich selbst manche dunkle oder sich widerstreitende Behauptungen finden; wobei indeß, wenigstens hinsichtlich des zweiten Aufsatzes, der als Referat gehalten ist, nicht immer klar ist, was Ansicht des Herrn van Mons, was Zusatz des Referenten sey. Einige Sätze müssen wir indeß doch aus diesen Aufsätzen hier noch mit aufnehmen, die wir als Ansicht des Herrn van Mons betrachten dürfen, und die für die uns vorliegende Frage von großem Gewichte sind.

Kenner hätten[WS 2] geglaubt, die Gesundheit seiner Bäume rühre von dem besonders günstigen Boden her; er habe ihnen indeß gezeigt, daß die älteren Sorten in seinem Boden eben so krank seyen, als anderwärts (wobei der Uebersetzer anmerkt, daß er doch nicht wenige Stämme von Pigeons, Grafensteiner und andern, sicher alten[WS 3] Sorten kenne, die die gerügten Mängel nicht hätten). – Unsere alten Sorten leite man meistens von den Griechen und Römern her; es werde indeß wohl keine derselben in ihrem Alter über 300 Jahre hinaufsteigen. Das Alter einer Sorte datire von ihrer Entstehung. Ein gepfropfter Baum bleibe so lange jung, als seine Sorte, und wenn der Mutterstamm 300 Jahre leben könnte, würde er nicht weniger gesund seyn, als die von ihm gepfropften jungen Stämme. Würden überaltete Sorten auch durch heiße Jahre, oder Befestigung an Wänden einmal wieder belebt, so blieben doch die Früchte fade, faserig, holzig, steinig, fleckig und ausgerissen, und ihr Holz, welches schlecht zeitige, reiße, spalte, werde faul und sterbe unter den Zähnen der Insektenlarven. Dagegen hätten schon von der dritten Generation an seine Birnen keine Steine, das zarteste Fleisch, vorzügliche Größe und gewürzreichen Saft gehabt, vertrügen[WS 4] sich mit jedem Boden, seyen nie wurmig, fürchteten weder Nässe, noch Dürre, ja selbst Spätfröste nicht, und seine Sämlinge seyen oft in 6 Jahren zu der Höhe der größten Obstbäume herangewachsen.

[177] Kultur allein bewirke noch keine Abartung. Man könne eine Pflanze aus der Wildniß auf heimischen Boden versetzen, ohne daß diese die geringste Neigung zur Abänderung zeige; sie müsse dazu auf fremden Boden verpflanzt werden. Verstehe man unter Variiren indeß blos Veränderung der Farbe oder Gefülltwerden, so könne man solche Veränderung auch auf heimischem Boden erzielen; und so habe er selbst aus der wilden Hundsrose durch fortgesetzte Samenzuchten verschieden gefärbte und schön gefüllte Blumen erhalten. Wolle man sich aber bestimmte Begriffe von Variiren machen, so müsse man lesen, wie Michaux von den Hügeln von Burgund wildwachsende Aepfel und Birnbäume nach dem südlichen Amerika verpflanzt habe, wo sie durch wiederholte Aussaaten in der dritten Generation schon die schönsten Früchte gebracht hätten. – Ausartung und Abänderung scheine nur bei den Pflanzen vorzukommen, die sich nicht blos durch Samen, sondern zugleich auch durch Stecklinge oder auf andere Weise fortpflanzten.

Er habe beobachtet, daß die Aussaat von mittelmäßig gefüllten und guten, aber neu aus Kernen gezogenen Rosen schönere Blumen geliefert habe, als die Aussaat von Kernen der schönsten alten Rosen[WS 5], und habe gedacht, daß es bei den Obstfrüchten, die im natürlichen und künstlichen Systeme den Rosen nahe ständen, wohl eben so seyn werde. So habe er aus Kernen neuer Früchte, wenn gleich letztere von geringerer Güte gewesen seyen, als alte Sorten, die trefflichsten Früchte wieder erhalten, und bessere, als aus Kernen der besten alten Varietäten. Ueberhaupt will es aus manchen Sätzen scheinen, als habe Herr van Mons nicht sowohl immer von den besten neueren Früchten die Kerne zu weiterer Aussaat genommen, sondern vielmehr oft von mittelmäßig guten, um desto gewisser treffliche Sorten zu erhalten, und wird wenigstens angeführt, daß die köstlichen Birnen, womit Graf Coloma Pomonens Reich erweitert habe, mit Ausnahme der Birne Urbaniste, sämmtlich von einer sehr kleinen, aber schmackhaften Frucht entstanden seyen, die zahlreiche Kerne habe, und daß es eine gewichtige Auctorität für sich habe, daß man, um recht gefüllte Georginen zu gewinnen, den Samen von mehr einfachen, nicht sowohl von den am stärksten gefüllten Blumen, sondern von einfacheren[WS 6] aber sonst gesunden, gut gebauten, starkstengeligen Blumen nehmen müsse, indem durch Anwendung dieses Prinzips Van Donkelaar so glücklich in Erziehung schöner Georginen gewesen sey, daß man die Blume mit Recht nach ihm Vandonkelaria hätte nennen mögen. Die Ursache liege in der Natur der Varietät, welche immer rasche Uebergänge zu machen suche, wobei die rascheste die vom Einfachen zum Gefüllten sey. Auch sey der Same einer einfachen Blume vollständiger, als der einer gefüllten, wiewohl dieser durch die bestandene große Verwandlung nachgiebiger und daher zum Gefülltwerden geeigneter sey.

Wenn die gewonnene Abänderung von der zweiten Aussaat an die erste Neigung zur Abänderung beibehalte, welche in den folgenden Generationen dann immer stärker werde, so sey das ein Schritt zur Ausartung, wovon eine Sorte nie zurückkomme, sondern darin beharren werde, sie möge in Wäldern wachsen, oder in Gärten gebaut werden. Nach seinen Erfahrungen sey selbst die vierte Aussaat von Wildbirnen und Holzäpfeln sich ganz [178] gleich geblieben, und habe weder an Gestalt, noch Größe und Geschmack sich geändert, unerachtet künstliche Behandlung durch Umpflanzen und Beschneiden hinzugekommen sey, und habe er ebenso wenig aus Kernen der wilden rothen Süßkirsche Abänderungen erhalten können, die durch die Kultur und Aussaat nur etwas größere Früchte geliefert habe[WS 7]. Abänderung der Pflanzen habe aber noch den eigenthümlichen Charakter, daß die Abänderung nicht lange Zeit, ohne abermals vorgenommene Erneuerung durch Kernsaaten, stehen bleiben könne, ohne von der Neigung zur Veränderlichkeit mehr oder weniger zu verlieren. Tulpen und Aurikel habe man ohne Samenzucht lange blos durch Zwiebeln und Ableger fortgepflanzt und habe daher, als man wieder angefangen habe, sie aus Samen zu erziehen, anfangs schlechtere Sorten erhalten, als zur Zeit, da die Zucht dieser Blumen aus Samen recht im Schwunge gewesen sey. – Je mehr Generationen man bewerkstellige, desto weniger seyen die erhaltenen Sorten in Gestalt und Geschmack verschieden; indeß wolle er mit dieser Behauptung nicht sagen, daß die Art mehr Neigung erhielte, sich völlig gleichartig zu erzeugen, sondern er glaube vielmehr das Gegentheil, indem nach seinen langjährigen Erfahrungen Kerne einer Calebasse vielmehr eine Bonchrétien hervorgebracht hätten, die einer Bergamotte eine Doyenne, einer Doyenne eine Rousselet und umgekehrt.

Das Bedürfniß, aus Kernen wieder neu erzeugt zu werden, scheine bei den schon oft erneuerten Früchten sich um so stärker zu zeigen, als sie nach der Erneuerung sich immer mehr vom ursprünglichen Zustande entfernten. Man möchte glauben, ihre Existenz werde in dem Maße ungewisser, als sie auf Kosten ihrer Lebensdauer, an Geschmack, früher Tragbarkeit, rascherem Wuchse etc., sich vervollkommnet hätten. Eine neu gewonnene Sorte werde ihre Vorzüge während der ersten Jahrhunderte ihrer Dauer beibehalten, nachher werde sie sich auch verschlechtern und veralten.

Als Kennzeichen, durch welche die gewonnenen Sämlinge eine edle, werthvolle Sorte hoffen ließen, gibt van Mons folgende an: schneller Wuchs und hinreichende Stärke des Stammes bei Birnen; wenige, aber lange Dornen, welche Augen haben; starke, mehr lange, als runde und dunkelgefärbte Blätter; hervorspringende Knospen, welche frühzeitig aufschwellen, um zu blühen; Fruchtspieße längs des Stammes, Fruchtruthen, welche vom zweiten Jahre an Fruchtaugen bringen; glatte Rinde, die einen Vorsprung mache, wo ein Auge hervorkomme; sprödes aber kräftig gewachsenes Holz. – Dagegen seyen diese Zweige, die gegen das Ende hin anschwellen; zahlreiche Blätter, die zart und breit, blaß von Farbe und sanft anzufühlen seyen; schlecht geschlossene Augen, die mit den Trieben parallel laufen; Abwesenheit aller Dornen, und sehr rasch eintretendes Fruchttragen auf den am Stamme stehenden Fruchtspießen, Vorzeichen einer Sommerfrucht, die birnförmig und klein sey, gelb werde, ehe sie reife, und ein unschmackhaftes Fleisch habe, das nicht butterhaft werde. Birnen der letzteren Art habe er im Anfange seiner Versuche am häufigsten erhalten, während, je mehr er seine Erneuerungen in fortgehenden Generationen fortgesetzt habe, stets mehr spätreifende Früchte gefallen seyen. Es gebe freilich von diesen Regeln immer auch Ausnahmen. Der Apfelbaum, selbst von der ersten Erneuerung, brauche nur ohne Dornen zu seyn, um gewiß eine [179] gute Frucht zu geben. Von der dritten Erneuerung an bringe der Apfelbaum keine Früchte von Mittelsorten mehr, und habe nur den Fehler, bisweilen zu weiche (doux; heißt richtiger wohl süße; O.) Früchte zu bringen.

Das Blatt eines eine gute Frucht versprechenden Pfirsichenbaums müsse breit und eben seyn, mit vorspringendem Rande und mit sägeförmigen, tiefen, aber kleinen Zähnen. Eine Nectarine komme von einer wolligen Pfirsiche und umgekehrt. Das Aussehen eines edlen Pfirsichenwildlings müsse sich möglichst wenig dem des Mandelbaums nähern. Ein gutes Zeichen sey auch ein gelbes Mark. Meist zeigten sich diese günstigen Vorzeichen erst ein Jahr vor der Tragbarkeit. Er rühmt, schon in der dritten Generation lauter köstliche Pfirsiche erhalten zu haben, die kein Beschneiden oder Ausbrechen der zu zahlreich angesetzten Früchte bedurft hätten, indem selbst an freistehenden Stämmen der Art auch die kleinsten Früchte eben so schmackhaft gewesen seyen, als die größten.

Der Aprikosenbaum, der eine gute Frucht andeuten solle, müsse kräftige Zweige haben, und große sich herzförmig verdoppelnde Augen, auch glänzende, mehr gelbgrüne als blaugrüne, mehr lange als runde, nicht ebene, sondern gebogene, stark geaderte Blätter. Er habe bereits wohl 40 neue treffliche Aprikosensorten erhalten, die alle groß, länglich, ohne Beigeschmack gewesen seyen und kleine Kerne gehabt hätten.

Die Kirsche müsse, um gute Früchte zu versprechen, in ihrem Aufwachsen besonders cultivirt werden, und müsse, von welcher Sorte sie auch sey, mit der ihr ähnlichen angebauten Sorte auf ähnliche Weise vegetiren.

Der Pflaumenbaum aus Kernen habe immer ein edles Ansehen und könne daher nur das erste Tragen über die Frucht Auskunft geben. Die Pflaume sey dem Ausarten nicht unterworfen, denn bis auf die Reineclaude erzeuge sie sich durch Kernsaat ganz gleichmäßig wieder, als ob sie ursprünglich aus unsern Gehölzen entnommen sey.

Je mehr die Ansichten und Versuche des Esq. Knight und des Herrn van Mons, nebst den erzielten glücklichen Resultaten bekannt wurden, desto mehr zog man auch in andern Gegenden unveredelte Bäume auf; ja man fing auch unter uns bald an, die Veredlung als etwas höchst Nachtheiliges zu betrachten, von dessen Abschaffung erst rechtes Gedeihen für die Obstbaumzucht zu erwarten sey. So sprach sich vorzüglich Pastor Heusinger zu Heyna im Meiningischen aus, in einem Werke, welches unter dem Titel: „Anweisung zur naturgemäßen Obstbaumzucht, oder Herstellung guter Obstbäume und Obstsorten durch Edelkerne und die Kreisnarbe der Aeste ohne Impfung der Wildlinge, zum Behuf eines beschleunigten und allgemeinen Anbaus der Obstbäume auf freien Feldern“ zu Leipzig 1824[WS 8] erschien. Er erwartet von seiner „naturgemäßen Obstbaumzucht“ nichts Geringeres, als eine Art goldenes Zeitalter, wo die Menschen für die Früchte auf der Erde und über der Erde Bitten zum Himmel emporschicken würden. Wir müssen, da der Verfasser dieses Werkes sich immerhin als Denker zeigt und auf gemachte Versuche stützt, wenigstens das Eigenthümliche in seinem Verfahren kurz angeben. Man soll nach ihm die Kerne guter, oder zu irgend einem Zwecke paßlicher Obstsorten säen, und die erhaltenen Stämmchen, ohne vieles Beschneiden an Wurzel und Zweigen, wodurch man nur zur Ernährung [180] des Baumes nothwendige Theile wegnehme (!), auf ihren künftigen Standort versetzen. Sind sie etwas herangewachsen und die unteren Aeste der Krone ziemlich ½ Zoll dick, so soll man nun an diesen durch den Ringelschnitt (wozu er ein eigenes Instrument angibt und abbildet, durch welches beide Schnitte in die Rinde zugleich gemacht werden, und die dazwischen liegende Rinde sich heraushobelt) eine Kreisnarbe erzeugen, und, sowie der Baum in seinem Wachsthum fortfährt, mit den übrigen Zweigen ebenso verfahren. Die durch die Ringelschnitte entstandenen Wunden soll man nicht offen lassen, sondern einen durch Wachs gezogenen und mehrmals zusammengelegten, baumwollenen Faden in denselben herumlegen, über dem nachher die Rinde überwächst. Durch dieses Ringeln sollen die Bäume nicht nur für immer fruchtbarer, sondern die Früchte derselben auch bedeutend größer und besser werden, die an unveredelten Sämlingen sonst allerdings kleiner und von geringerer Güte, als an Edelstämmem ausfallen würden. Der Verfasser stützt sich dabei auf Erfahrung und auf die Ansicht der neueren Pflanzenphysiologen[2], daß der Rohsaft, wie ihn die Wurzel einsauge, im jungen Holze zu den Blättern emporsteige, und dort, geläutert und mit neuen Stoffen versehen, als Edelsaft in der Rinde wieder herabgehe und überall das Wachsthum bewirke. Durch die Kreisnarbe werde nun der Edelsaft auf seinem Wege aufgehalten und umso mehr genöthigt, durch die Seitengefässe (Spiegelfasern, auch Rindenfortsätze genannt) wieder in die aufsteigenden Kanäle zu treten, eine zweite Läuterung in den Blättern zu durchgehen, und so immer geschickter zur Erzeugung großer und schmackhafter Früchte zu werden. Da noch immer ungeringelte Zweige übrig blieben, die ihren Edelsaft der Wurzel zu deren Vergrößerung zusenden könnten, so werde durch das Ringeln das Wachsthum der Bäume durchaus nicht gehemmt, vielmehr seyen die so behandelten Stämme stark gewachsen und hätten jährlich voll getragen, während dabei stehende veredelte zurückblieben. Ueberhaupt ist auch Heusinger der Meinung, alle Krankheiten und Mängel unserer Obstbäume seyen nur Folge der Veredlung.

Gegen die bisher vorgetragenen Ansichten, die indeß die Anzucht veredelter Bäume doch nicht verdrängen konnten, welche selbst van Mons neben seinen Kernzuchten beibehielt, wurde, so viel mir bekannt ist, nur gelegentlich oder partiell manches sehr Begründete eingewandt. In England schrieb gegen die Theorie Knights vorzüglich Williamson[3], der Krankheiten und Unfruchtbarkeit der Obstbäume in einem seit längeren Jahren kälter gewordenen Klima, vorzüglich aber darin sucht, daß man die zu veredelnden Wildlinge nicht mehr aus Holzapfelkernen, sondern aus Edelkernen erziehe; und unter uns erklärte sich Diel etwa ebenso[4]. Wir wollen daher die [181] Sache jetzt ausführlicher zu erörtern suchen, und zuerst die von der Anzucht unveredelter Sämlinge gerühmten Vortheile, so wie die Nachtheile beleuchten, die die Veredlung haben soll, dann aber die wirklichen Vortheile zeigen, die die Anzucht veredelter Obstbäume gewährt, woraus sich zugleich die Nachtheile ergeben werden, die eine irgend allgemeinere Anpflanzung unveredelter Sämlinge haben würde.

(Fortsetzung folgt.)



  1. Catalogue déscriptif abrégé, contenant une partie des arbres fruitiers qui depuis 1798–1823 ont formé la collection de van Mons. Louvain 1823.
  2. Man sehe hierüber z. B. die Preisschrift von Cotta: Naturbeobachtungen über die Bewegungen und Funktionen des Saftes in den Gewächsen, Weimar 1806[WS 9], – sowie die interessanten Versuche[WS 10] Knights in Treviranus Beiträgen zur Pflanzenphysiologie[WS 11]; auch spätere Schriften. – Ueber die Operation des Ringelns hat bekanntlich Pfarrer Hempel zu Zedlitz ein eigenes kleines Werk geschrieben: „der pomologische Zauberring“[WS 12] etc.
    Ob.
  3. Transactions of the Horticultural Society. Vol. VIII. 1820. p. 291. Außer ihm haben auch in England manch Andere, z. B. Speechly[WS 13] sich gegen Knights Theorie erklärt.
  4. Siehe Vorrede zum 21. Hefte seiner Obstbeschreibungen und Vorrede zu der ersten Fortsetzung seines Katalogs. Es hat überhaupt die Knight’sche Theorie in Deutschland wenige Anhänger gefunden und haben vielmehr die meisten Pomologen und ernst forschende Männer gelegentlich, oder in besondern Aufsätzen sich gegen dieselbe erklärt, worüber die Eingangs in der Note gedachte Preisschrift des Herrn Dochnahl eine gute Uebersicht gibt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Van Mons: Beobachtungen, in der Baumschule de la Fidélité zu Brüssel gemacht, nebst Beschreibung verschiedener neuer Sorten von Aepfeln und Birnen, die daselbst gezogen worden sind. In: Neues allgemeines Garten-Magazin. 1. Band. Weimar 1825, S. 39–51
  2. Vorlage: hatten (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  3. Vorlage: andere, sicher alte (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  4. Vorlage: vertrugen (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  5. Vorlage: aller Rosen (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  6. Vorlage: von einfacheren fehlt (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  7. Vorlage: haben (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  8. Friedrich Heusinger: Ausführliche, auf Erforschung der Gesetze des Pflanzenwachsthums und auf Erfahrung gegründete Anweisung zur naturgemäßen Obstbaumzucht, oder Herstellung guter Obstbäume und Obstsorten durch Edelkerne […]. Baumgärtnersche Buchhandlung, Leipzig 1824 Google
  9. Heinrich Cotta: Naturbeobachtungen über die Bewegung und Funktion des Saftes in den Gewächsen, mit vorzüglicher Hinsicht auf Holzpflanzen. Hoffmannische Buchhandlung, Weimar 1806 Internet Archive
  10. Vorlage: Versuche fehlt (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  11. Lud. Christ. Treviranus: Beyträge zur Pflanzenphysiologie. Heinrich Dieterich, Göttingen 1811 MDZ München
  12. Georg Carl Ludwig Hempel: Der pomologische Zauber-Ring, oder: das sicherste Kunstmittel die Obstbäume zum Fruchttragen zu zwingen. 2. Auflage. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1820 Google
  13. Vorlage: Speciety (vgl. Anzeige von Druckfehlern)