Post hoc, – ergo propter hoc

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Post hoc, – ergo propter hoc; weil’s darauf kommt, – darum’s auch daraus kommt, oder: weil darnach, – also auch darum
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, 38, S. 471–473, 539–541
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Post hoc, – ergo propter hoc;
weil’s darauf kommt, – darum’s auch daraus kommt, oder: weil darnach, – also auch darum.

Z. B.: weil ein Sonntagsjäger beim Ausmarsche zuerst einer alten Frau begegnete, darum schoß er auf der Jagd stets fehl. – Weil ein Soldat ein Amulet auf der Brust trug, darum wurde er in der Schlacht nicht verwundet. – Weil ein Gichtbrüchiger seit einiger Zeit stets einen Kalbsknochen in der rechten Hosentasche bei sich hatte, darum wurde er während dieser Zeit nicht vom Zipperlein befallen. – Weil Einer sein Testament gemacht hat oder weil er in einer Gesellschaft als Dreizehnter unter oder vor dem Spiegel saß, darum starb er bald nachher. – Weil man einer Mutter wegen der Gesundheit ihres Kindes gratulirte und dabei nicht dreimal ausspuckte und „Gott behüte es“ sagte, darum wurde das Kind krank.

Nichts zeugt so deutlich für den Unverstand, die Denkfaulheit und Unwissenheit der jetzigen Menschheit in Bezug auf Alles, was die Natur und vorzugsweise den menschlichen Körper betrifft, als die Beurtheilung des Verhältnisses einer Ursache zu ihrer Wirkung. Die Meisten, sogar sogenannte Gebildete, sind so abergläubisch und haben so gar kein Verständniß von der Art der Wirksamkeit einer Ursache, daß sie sehr häufig, allen bestehenden Naturgesetzen und dem gesunden Menschenverstande zuwider, Erscheinungen und Ereignisse solchen Ursachen zuschreiben, die in gar keinem Zusammenhange damit stehen können. Oder wo wäre da Verstand, wenn man dem Beisichtragen eines Kalbsknochens das Wegbleiben der Gicht, einem Amulete die Unverwundbarkeit, dem Begegnen einer alten Frau eine unglückliche Jagd, und gar dem Testamentmachen oder dem Dreizehntersein den Tod zuschreibt?

Es versteht sich wohl von selbst, daß die meisten Ereignisse wirklich in einem ursächlichen Zusammenhange mit einander stehen, darum werden wir auch in den meisten Fällen eine stets gleichbleibenbe Aufeinanderfolge von bestimmten Ereignissen wahrnehmen und Folgen gewisser Ursachen genau voraus bestimmen können. Wo aber durch eines der Naturgesetze der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht aufzuklären ist, da müssen Tausende von Experimenten [472] und Erfahrungen die Nothwendigkeit dieses Zusammenhanges klar und deutlich nachgewiesen haben, ehe man an dieselbe glauben darf. Ja, wenn die meisten Gichtbrüchigen durch einen Kalbsknochen von der Gicht befreit blieben, wenn viele der beschrieenen Kinder wirklich immer krank würden u. s. f., dann wäre allerdings Grund vorhanden, diese Folgen jenen Ursachen zuzuschreiben. Aber ob ein gewisser Folgezustand nur eine Zufälligkeit oder wirklich eine durch das Vorhergegangene bestimmte Nothwendigkeit ist, darnach fragt die aber- und leichtgläubige dumme Menschheit nicht; je unwahrscheinlicher, unnatürlicher, unvernünftiger Etwas ist, desto lieber glaubt sie daran, wie man recht deutlich in der Heilkunst, zumal an der Homöopathie sieht.

Es ist eine Versündigung an dem Menschenverstande, daß der Glaube an die Kraft der Amulete noch bis auf den heutigen Tag fortbesteht. Und warum? Blos deshalb, weil Einige, die solchen Hokuspokus an sich hatten, zufälliger Weise nicht krank, verwundet, erstochen oder erschossen wurden. Selbst die sonst so aufgeklärten, intelligenten und oft als freigeisterisch verschrieenen Franzosen stehen in diesem Punkte mit den abergläubischsten Türken und Beduinen auf ganz gleicher Stufe, denn fast jeder französische Soldat trägt gegen Tod und Lebensgefahr ein Amulet, und fallen Tausende von Trägern eines Amulets in der Schlacht dem Tode anheim, so bleiben die wenigen Lebengebliebenen dennoch ihrem Glauben an die Wirksamkeit der Amulete treu und behaupten, die Amulete der Gebliebenen seien nicht echte gewesen. Aber nicht blos gemeine Soldaten sind von diesem Aberglauben befallen, sogar Stabsofficiere tragen Amulete, selbst General Canrobert ist mit einem solchen versehen; General Bosquet und Forey sollen Splitter vom heiligen Kreuz an sich tragen, und vom Prinz Napoleon wird behauptet, daß er im Besitz eines vor Hieb und Stich bewahrenden Amuletes sei. In der Krim fanden die Aerzte bei manchem Todten oft christliche und türkische, ja sogar jüdische Amulete zugleich vor. – Amulete gegen Krankheiten kann man heut zu Tage noch bei sonst ganz gebildeten Leuten, sogar bei Männern, finden, und wie viele Mütter ihre Kinder mit unsinnigem Hokuspokus behängen, damit diese leichter zahnen oder vom bösen Halse, von krummen Beinen oder andern Gebrechen frei bleiben, wird Jedem bekannt sein.

Von dem Jäger-Aberglauben wollen wir ganz schweigen, denn dabei begreift man wahrlich nicht, wie ein erwachsener verständiger Mensch, und noch dazu männlichen Geschlechts, alles Ernstes und gegen seine bessere Einsicht mit Hartnäckigkeit daran fest halten kann. Was soll man z. B. von einem Manne denken, der, weil ihm beim Ausmarsche auf die Jagd eine „glückliche Jagd“ gewünscht wird, oder weil er etwas vergessen hat, gleich von der Jagd absteht, umkehrt und wieder nach Hause geht? – Gegen den Aberglauben und das „Post hoc, ergo propter hocder Frauen, da kämpfen natürlich Götter selbst vergebens. Weil eine Ehe Freitags geschlossen wurde, darum ist sie eine unglückliche (nicht aber etwa darum, weil die Frau eine gefall-, mode-, putz-, vergnügungs-, herrsch-, zank-, rach- und eifersüchtige, alberne Person ist); – weil Fahrenden Schweine entgegenkamen, darum stürzte der Wagen um (nicht aber darum, weil der Kutscher betrunken war); – weil nicht Salz, Brod und ein neuer Besen zuerst in eine neue Wohnung geschafft wurden, darum erlebten die Bewohner derselben Unglück über Unglück darin; – weil Eine mit dem unrechten Beine das Bett zuerst verließ, darum hatte sie den ganzen Tag üble Laune; – weil eine Mutter ihrem Kindchen die Nägel das erste Mal nicht abbiß, sondern abschnitt, darum lernte dieses Kind später stehlen; – weil ein Mädchen vor beendigtem ersten Lebensjahre in den Spiegel schaute, darum wurde es stolz, und weil es im ersten Jahre rothe Schuhe trug, darum konnte es in der Folge kein Blut sehen. – Eine Menge Weiber halten ferner fest an folgendem Aberglauben: wenn man sich Freitag Morgens die Nägel abschneidet, so bekommt man kein Zahnweh; am besten ist es, wenn man am Charfreitage damit beginnt. – Vor der Trauung binde sich die Braut nicht die Strumpfbänder, damit sie leicht gebären kann; während der Copulation habe die Braut Geld in den Schuhen, so fehlt es ihr nie daran; sie trete dicht an den Bräutigam heran, daß sie nicht von ihm geschieden werde; sie trete ihn auf den Fuß, daß sie das Hausregiment erhalte. – Wenn eine Magd anzieht, so fahre sie sogleich in’s Ofenloch, damit sie sich bald an den Ort gewöhne. – Ein Frauenzimmer lasse sich Niemanden an ihre Schürze abtrocknen, er wird ihr sonst gram. – Bleibt eine schwangere Frau vor dem Brodschranke stehen, so bekommt das Kind die Mitesser. Entwöhnt eine Mutter ihr Kind in der Baumblüthe, so bekommt es bald graue Haare. - Der Bräutigam schenke der Braut kein Buch, sonst wird die Liebe verblättert; gibt er ihr eine Scheere oder ein Messer, so wird die Liebe zerschnitten. Gegen unfreiwillige Liebe hilft folgende Sympathie: man ziehe neue Schuhe an und laufe schnell, bis die Füße schwitzen, dann ziehe man den rechten Schuh aus, gieße Bier oder Wein darein und trinke, so wird man der Person von Stund an gram. – Wessen Excremente in’s Feuer geworfen werden, dessen Gesäß bekommt einen Ausschlag. – Doch genug des Blödsinns; noch gibt es Tausende von unsinnigen, auf den lächerlichsten Aberglauben gegründeten Regeln und Gebräuche, welche zur Zeit noch sehr oft, selbst von sonst vernünftigen Frauen in Anwendung gebracht werden. – Daß Frauen an Träume glauben, ist bei ihrer großen Disposition zum Aberglauben und bei ihrem kleinen Denkvermögen ganz natürlich.

Der schimpflichste aller Aberglauben, welcher Menschen zu den unmenschlichsten und entwürdigendsten Grausamkeiten getrieben hat und welcher zunächst ebenfalls auf krasser Unwissenheit und falscher Beurtheilung von Ursache und Wirkung beruht, ist der Hexenglaube. Weil eine alte unsaubere Frau mit rothen Augen in einen Stall sah, darum gaben die Kühe darin keine Milch mehr, einige Sauen starben, und Knecht und Magd wurden krank. Dafür mußte die arme Frau aber auch eine Hexe sein, gefoltert und schließlich verbrannt werden. – Die letzte gesetzliche Hinrichtung einer Hexe auf deutscher Erde fand 1783 in Glarus statt; und im Jahre 1793 wurden in Polen an der südpreußischen Grenze noch zwei Hexen verbrannt. Wie viel Hexen früher auf gesetzlichem Wege durch Rösten, Sengen und Brennen gemordet wurden, mögen einige wenige Thatsachen beweisen: in Braunschweig wurden zwischen 1590 und 1600 so viele Hexen verbrannt, oft an einem Tage 10–12, daß die Richtstätte wie ein Waldbrand anzusehen war; in dem Fürstenthum Neiße sind von 1640 bis 1652 an 1000 Hexen verurtheilt worden, und es waren Kinder von 1 bis 6 Jahren darunter; in Osnabrück starben 1640 über 80 Hexen den Feuertod; in der Grafschaft Werdenfels wurden in 7 Tagen 46 Hexen eingeäschert; in Quedlinburg starben 1589 an einem Tage 133 Hexen den Feuertod. In unserm Jahrhundert sind nun zwar die Hexenprocesse, nachdem Wissenschaft und Humanität fortgeschritten sind, eingestellt worden, allein die untersten ungebildetsten Classen halten doch noch in Etwas an dem alten Aberglauben fest. Noch im Jahre 1832 wurde in der Gegend von Danzig eine Unglückliche als Hexe in das Meer hinausgefahren und auf grausame Weise ertränkt; ja sogar 1854 wurde in einem schlesischen Dorfe einer alten Frau, die als Hexe galt, deshalb die Leichenbegleitung versagt. An einen bösen Blick eines Menschen glauben zur Zeit selbst gebildete Kartenspieler noch.

Gegen Krankheiten sind seit Alters her bis auf die allerneueste Zeit die unsinnigsten und lächerlichsten Dinge angewendet worden, und dies ist allenfalls, wenigstens bei Laien, deshalb zu entschuldigen, weil man nach der Anwendung dieser Dinge (post hoc) fast stets Aenderungen in den Krankheitserscheinungen eintreten und die Krankheit sehr oft zum Guten verlaufen sah. Diese Aenderungen traten nun aber nicht etwa in Folge dieser Anwendung (ergo propter hoc) ein, sondern trotz derselben und zwar deshalb, weil innerhalb unseres Körpers von der Natur solche Einrichtungen getroffen sind, daß krankhafte Veränderungen in diesem oder jenem Organe Processe nach ziehen, durch welche zuvörderst die Krankheit in ihren Erscheinungen abgeändert wird und dann jene krankhaften Veränderungen entweder vollständig oder nur theilweise, bald schneller, bald langsamer entfernt werden (d. s. die Naturheilungsprocesse). Sie sind es auch, welchen der Patient in den allermeisten Fällen, trotz Arzt und Arzeneien, seine Heilung zu verdanken hat. – Wenn nun aber auch bei der Behandlung von Krankheiten dem Laien eine falsche Beurtheilung des Post hoc, ergo propter hoc verziehen werden kann, so sollte bei einem vernünftigen Menschen doch immer die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit nicht so weit gehen, um die unnatürlichsten Dinge als wirkliche Heilmittel anzusehen. An sympathetische Curen (durch Schäfer, Hufschmiede, alte Weiber u. s. f.), sowie an Heilung einer Krankheit durch homöopathische Nichtse zu glauben, dazu gehört wahrlich ein Grad von Urtheilslosigkeit, der dem menschlichen Geiste die größte Schande macht. Trotz dem gibt es noch eine Menge Menschen, die auf das Versprechen des Blutes und der Rose, das Abschreiben des kalten Fiebers, die verschiedenartigen sympathetischen Heilungen der Warzen, Muttermäler und Geschwülste, das Binden [473] kranker Theile etc. Stein und Bein schwören. Noch in neuester Zeit wurde im vollen Ernste das Anhalten eines gerupften Taubensteißes an den nackten Hintern eines in Krämpfen liegenden Kindes als ein sicheres Mittel gegen die Krämpfe (die sich auf die Taube übertragen und diese dadurch tödten sollten) empfohlen. Und wie viel Dümmlinge glauben nicht jetzt noch an die Wunderheilmacht des Herrn Arthur Lutze in Cöthen, der mit seinem Lebensmagnetismus und seinen magnetisirten homöopathischen Hochpotenzen geradezu Alles zu heilen verspricht, wenn er nämlich „nicht schwach im Glauben oder Willen gewesen, oder empfunden hat, daß er in diesem Falle nicht helfen durfte“ (s. Gartenl. 1856, Nr. 12). Man begreift wirklich nicht, daß so viele Kranke, aber doch noch zurechnungsfähige Menschen, sich nicht schämen, bei jenem cöthenschen Heilkünstler Hülfe zu suchen, der die Frechheit hat, öffentlich bekannt zu machen, daß er einen Mann, der sich auf der Straße eben den Fuß verrenkt hatte und nicht gehen konnte, durch bloßen Zuruf geheilt habe, daß er einem Geistlichen, der an Taubheit litt, bei 40 Meilen Entfernung in der Stunde das Gehör wiedergab, als er die Kraft seines Willens dahin sandte, und daß er einen 41jährigen Webermeister, welcher noch nie im Stande gewesen war, die Farben zu unterscheiden, sofort befähigte, die Farbenpracht der vor dem Hause blühenden Georginen zu erkennen, nachdem er demselben in beide Augen gehaucht hatte. – Meinem gichtbrüchigen Freunde, den sein kalbsknöchernes Taschen-Amulet vor der Gicht nicht zu schützen vermochte, empfiehlt eine gichternde Freundin folgendes Sympathie-Mittel: er gehe 3 Tage hintereinander des Morgens vor Sonnenaufgang zu einem Fliederbaume, fasse ihn an und spreche: „Flieder! ich habe die Gicht und Du hast sie nicht, nimm mir sie ab, so hab’ ich sie auch nicht.“ Eine andere Dame rühmt dagegen: drei Freitage hintereinander nach Sonnenuntergang unter einen Tannenbaum zu gehen und zu sagen: „Tannenbaum, ich klage Dir, die Gicht plagt mich schier; die Tanne muß dörren, die Gicht aufhören.“

Wie nun die Köpfe des gebildeten und ungebildeten Volkes von Aberglauben vollgestopft sind, der zum größten Theile auf ganz unüberlegter Annahme von Wirkungen auf gewisse Ursachen beruht, ebenso hat das Post hoc, ergo propter hoc in der Heilkunst, aller Wissenschaft zum Hohne, zur Wundersucht und Charlatanerie geführt, und es wird wahrlich Zeit, daß sich diese endlich einmal von jedem Aberglauben und jeglicher Gaukelei reinige. Suchen wir in Etwas zu dieser Reinigung durch Aufklärung der Laien beizutragen.

[539] Die Heilkunst (d. i. das Gewerbe zum Curiren von Kranken, und ja nicht etwa mit der Heilkunde, d. i. die medicinische Wissenschaft, zu verwechseln) – sie würde sicherlich zur Zeit einen weit höhern Standpunkt einnehmen, wenn nicht die meisten Heilkünstler, verführt durch das Post hoc, ergo propter hoc, in ihrer Eitelkeit und in dem Glauben an ihre Heilmacht, Alles was sich während ihrer Behandlung einer Krankheit im Kranken Gutes zuträgt, den von ihnen verordneten Arzneien und Behandlungsweisen zuschrieben, dagegen alles Schlimme der Natur in die Schuhe schöben, obschon es sich in den allermeisten Fällen gerade umgekehrt verhält.

Und warum thun sie dies? Sie kennen die Naturheilungsprocesse (s. Gartenlaube 1855, Nr. 25) nicht, von welchen in fast allen Krankheiten die Aenderungen in den Erscheinungen abhängig sind, und wollen sie auch gar nicht kennen lernen. Weil sie niemals eine Krankheit sich selbst überlassen, ohne Arzneien und nur diätisch behandelt [540] verlaufen sahen, so wissen sie gar nicht, was die Natur in Krankheiten wirklich zu beschaffen im Stande ist. Der ihnen von Haus aus eingeimpfte Glaube an die Wirksamkeit der unzähligen Arzneimittel, die noch aus dem grauen dummen Alterthume (wo die Menschen noch gar nicht richtig beobachten konnten) stammen, die im ärztlichen Examen nach allen ihren Eigenschaften genau gekannt und in den Apotheken stets in bester Qualität vorräthig sein müssen (obschon nur äußerst wenige von ihnen wirklich gebraucht werden), dieser Glaube, sowie die sichere Ueberzeugung von der Wahrheit dessen, was man ärztliche Erfahrung nennt (die aber zum größten Theile auch von alten Aerzten mit vorgefaßter Meinung herrührt und eine Folge vom Post hoc, ergo propter hoc ist), läßt es ihnen geradezu als Verbrechen erscheinen, jene Wirksamkeit und diese Erfahrungen anzuzweifeln. Wer dies thut, über den zucken sie mitleidig die Achseln und schelten ihn einen Krakeler, der die medicinische Wissenschaft und ihre Heroen herabsetzen will. Die Kurzsichtigen! Sie bekommen auf ihrer Arzneijagd und bei ihrem starren Festhalten an dem Post hoc, ergo propter hoc gar keinen Begriff von dem, was eigentlich die Medicin leisten könnte und leisten sollte. Sie trachten nur nach der Entdeckung ganz bestimmter Mittel gegen gewisse Krankheitszustände, während die Wissenschaft Krankheiten zu verhüten oder in ihrem naturgemäßem Verlaufe, vorzugsweise durch diätetische Hülfsmittel, zu unterstützen sucht.

Freilich bringt es einem Arzte weit mehr Ruhm und Gold ein, wenn er sich mit wichtiger Miene in die Brust wirft, und dabei merken läßt: weil nach diesem, von mir mit Scharfsinn gewählten Mittel (post hoc) die Besserung und Heilung eintrat, darum (ergo propter hoc) bin ich und mein Mittel schuld an der Heilung, – als wenn er in seiner Bescheidenheit die Heilung dem Naturheilungsprocesse zuschreibt. Auffällig ist es, wie der aus dem Post hoc, ergo propter hoc hervorgegangene Aberglaube der Aerzte an ihre Heilmacht diese Herren nicht selten so demoralisirt, daß sie in ihrer Arroganz alle Rücksichten der Humanität gegen die Kranken vergessen, zumal wenn diese nicht gut zahlen. Man glaube mir, daß hinter solchen gesuchten Heilkünstlern, die ihre Patienten stunden- und tagelang antichambriren lassen, dann bagatellmäßig behandeln und schließlich (ohne gründliche Untersuchung) mit einem Recepte kurz abfertigen, nichts Tüchtiges steckt; weder im Kopfe noch im Herzen steckt da Was.

Wenn die Homöopathen wissenschaftlich gebildete und wahrheitsliebende Menschen wären (ich sage nicht Männer, weil unter ihnen auch eine Menge curirender alter Weiber sich befinden), sie könnten, da ihre sogen. Heilmittel doch = 0 (Nichts) sind, den andern Heilkünstlern insofern außerordentlich nützen, als sie dieselben mit dem naturgemäßen, nicht durch Arzneien gestörten Verlaufe der Krankheiten bekannt machen könnten. So nehmen sie aber – gerade wie die mittelsüchtigsten Allopathen und Quacksalber – jede vom Naturheilungsprocesse veranlaßte Umänderung eines Uebels zum Guten für ihre (Nichts-) Mittel in Anspruch, während sie natürlich jede Verschlimmerung von sich ab- und auf den Krankheitsproceß wälzen.

In der Homöopathie zeigt sich’s ferner recht deutlich, zu welchem lächerlichen Aberglauben das Post hoc, ergo propter hoc unwissenschaftliche Menschen führen kann. Denn wenn die Homöopathen bei Prüfung ihrer Arzneimittel (in großen Gaben) Alles, auch das komischste Zeug, was nach Einnehmen einer Arznei (post hoc) am und im Körper und Geiste des Probesubjects, und zwar nur ein oder einige Male, bemerkt wurde, als Wirkung jenes Mittels (ergo propter hoc) annehmen, so ist das wahrlich nicht anders, als wenn Jemand einer alten Frau mit rothen Augen (einer Hexe) das Fallen des Viehs zuschreibt, oder einem Freitage eine unglückliche Reise u. s. f. Weil Einer z. B. Camille einnahm, und es zeigte sich dann bei ihm (nach Hahnemann) freudenlose Stumpfsinnigkeit mit Schläfrigkeit, heftiger Appetit auf rohes Sauerkraut, zänkisch-ärgerlicher Traum, Knacken und Knarren in der linken Hirnhälfte, Nichtaufhören über alte ärgerliche Sachen zu reden, öfteres Versprechen und Gewissensscrupel über Alles, darum ist die Camille Schuld daran. Weil Jemand Helleborus einnahm, darum kleidet er sich unschicklich, wird beim Anblick eines Unglücklichen wehmüthig und hat Heimweh. Ipecacuanha macht mürrisches Wesen, was Alles verachtet und will, daß auch Andere nichts achten und schätzen sollen, Aufgelegtsein zum Bösewerden, Unbehülflichkeit und Ungeschicklichkeit, sodaß man an Alles stößt.

Wie schwer es ist, Menschen von einem Aberglauben, und wäre er auch noch so unvernünftig, frei zu machen und zu einer vernünftigen Ansicht von Ursache und Wirkung zu bringen, sieht man ebenfalls bei der Homöopathie recht deutlich. Es wäre so leicht, daß sich jeder Anhänger dieser Heilmethode von der Haltlosigkeit und Unwahrheit derselben überzeugte, indem er das Experiment, auf welches die Homöopathie gegründet ist, nachmachte, allein dazu und zum Vernünftigwerden ist die abergläubische Menschheit nicht zu bringen, Chinarinde, welche das kalte Fieber curirt, soll nämlich einen dem Wechselfieberanfall ähnlichen Zustand erzeugen, und deshalb stellte Hahnemann den Grundsatz auf: „Aehnliches heilt Aehnliches.“ Nun erzeugt aber China einen solchen Zustand nun und nimmermehr, wie eine große Menge von Versuchen dargethan haben und wie auch Jeder, der über die Homöopathie in’s Klare kommen will, an sich selbst erproben kann; und doch glauben noch eine Menge Menschen an jene Lüge. Oder fürchtet man für seinen Leib und hält die China für ein zu eingreifendes Mittel, nun so stelle man doch mit den indifferentesten, aber in der Homöopathie als ausgezeichnete Heilmittel gerühmten Dingen, wie mit Holzkohle, Graphit, Gold, Bärlapp u. dergl. Proben an sich an und man wird finden, daß von der angegebenen Wirkung dieser Dinge keine Spur zu entdecken ist. Oder man prüfe an Thieren; man fabricire doch einmal einem gesunden Pferde folgende krankheitsähnliche Zustände: durch Schwefel die Purzelseuche oder Piephacke, durch Bärlapp die Brustwassersucht und Gallen, durch Sepia den Samenkoller oder eine Hufspalte. – Also! Wer hören und verstehen kann, der höre: daß das Aehnlichkeitsgesetz, auf welches die homöopathische Heilkünstelei gegründet ist, ganz und gar auf Unwahrheit beruht, und daß Alles, was in einer Krankheit Gutes oder Schlimmes passirt, niemals Wirkung der dargereichten homöopathischen Arzneien ist (denn das sind Nichtse), sondern stets nur Erscheinungen der im kranken Körper naturgemäß vor sich gehenden Processe. Allerdings lassen manche der Herren Homöopathen beim Selbstdarreichen ihrer Medicamente (was, obschon es bei uns zu Lande streng verboten ist, doch von den meisten Homöopathen geschieht) eine stärkere Gabe eines allopathischen Mittels (wie Opium, Quecksilber, China) als homöopathisches mit unterlaufen, und dann freilich kann man dem Laien, der eine solche medicinische Taschenspielerei nicht vermuthet, sein Erstaunen über die enorme Wirksamkeit der homöopathischen Gaben und Mittel verzeihen. Wie diese Mittel, wenn sie von reellen Homöopathen gegeben oder aus der Apotheke geholt werden, durch sich auch gar Nichts wirken können, zeigen die Fälle, wo es gilt, eine baldige und augenscheinliche Wirkung hervorzubringen, wie Brechen, Durchfall, Schlaf, Schmerzlosigkeit etc.

Wie die Homöopathen nach ihren Nichtsen (post hoc), so sehen auch die meisten allopathischen Heilkünstler nach ihren Arzneien jede Verbesserung in einer Krankheit als Wirkung dieser Arzneien (ergo propter hoc) an. Daß bei Behandlung ein und derselben Krankheit die verschiedenartigsten Mittel und Heilmethoden, sowie daß dabei Nichts und der lächerlichste Hokuspokus zu ganz demselben Ziele führt; daß ferner in ihren Arzneimittellehren ein und dasselbe Mittel gegen eine große Menge der verschiedenartigsten Krankheiten empfohlen wird; daß dasselbe Arzneimittel von einem Theile der Aerzte wegen seiner ausgezeichneten Wirksamkeit zum Himmel erhoben, von einem andern dagegen als unwirksam in den Winkel gestellt wird; daß, wo mehrere Aerzte über einen Krankheitsfall berathen, jeder derselben ein anderes Lieblingsmittel oder Bad zu empfehlen hat und durchzusetzen sich bestrebt, – das Alles macht den guten Praktikus nicht stutzig, der denkt (oder denkt vielmehr gar nicht) und sagt: „es wird doch so fort curirt,“ und die abergläubische Menschheit, die nur immer Arznei schlucken will, hilft ihm treulich dabei. Wenn nur wenigstens den ärmeren Leuten von mittelsüchtigen Heilkünstlern bei unheilbaren oder leichten Krankheitsfällen nicht das Geld, was besser zum täglichen Brode verwendet werden könnte, für ganz unnütze Arzneien entzogen würde, der kranke Reiche mag meinetwegen, wenn er ohne Arznei nicht zu gesunden aberglaubt, seine Groschens in die Apotheke tragen.

So lange die Laien ebenso wie die Heilkünstler, verrannt in das Post hoc, ergo propter hoc, in dem falschen Wahne leben, als ob es der Heilkunst möglich wäre, durch Arzneistoffe Gesundheit und Kraft wieder geben, sowie die Folgen vernachlässigter Erziehung, Verweichlichung und Unmäßigkeit durch gelehrte Recepte wegzaubern zu können, so lange wird die Menschheit sich auch nicht zu einem vernünftigen und naturgemäßen Leben entschließen. Erst dann kann das Wirken des wissenschaftlich gebildeten Arztes wirklich ein segensreiches [541] werden, sobald das Publicum den Glauben an medicinische Wunder vollständig aufgegeben hat und zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß auch im menschlichen Körper Alles nach unabänderlichen Gesetzen vor sich geht, welche nie und unter keinen Umständen umgestoßen werden können. Zur Zeit, wo immer noch Charlatanerie und Betrug in allen Gestalten auf den Geldbeutel der kranken Menschheit Jagd und alle Auswüchse der Heilkunst Propaganda unter dem Laienpublicum machen, da muß durchaus im Interesse des allgemeinen Besten die Medicin vom delphischen Orakel herabsteigen, sich in die Karten sehen und gefallen lassen, daß man ihre Blöße aufdeckt. Die Zeit ist hin, wo irgend eine Wissenschaft das ausschließliche Eigenthum einer gewissen Kaste bleiben kann, und es muß endlich die Zeit einmal kommen, wo man nicht mehr glaubt, sondern weiß.

Schließlich mag zur Unterstützung des Gesagten noch einiger Aussprüche von bekannten Männern der Wissenschaft gedacht werden. Wunderlich (mit dem Ausspruche: wo die Receptensucht aufhört, fängt die Therapie an) sagt: „Es gibt keine Krankheitsform, die nicht ohne sogenannte Medicamente geheilt werden kann, und bei welcher dieselben durch tausend andere Hülfsmittel, welche dem rationellen Arzte zu Gebote stehen, ersetzt werden könnten, und in der Mehrzahl der Fälle ist die Verordnung von Medicamenten geradezu Nebensache, in einer nicht kleinen Zahl entschieden nutzlos und bloße Concession, welche bei dem Aberglauben des Patienten und zur Befestigung seines Vertrauens oft unerläßlich ist.“ – Oesterlen (mit dem Ausspruche: an die Stelle des Heilkünstlers von altem Schlag muß mehr und mehr der Prophylaktiker treten) schreibt: „So lange wir in Arzneistoffen oder Heilmitteln, die bei einem Kranken in Anwendung gekommen, die wesentliche, fast zureichende Ursache seiner Heilung gesehen, ließ sich nicht leicht erklären, warum diese Heilung so häufig ausgeblieben, trotz der Anwendung jener Mittel, oder warum Heilung oft genug zu Stande kam, obgleich keine solche Mittel angewendet wurden, und warum dieselbe Krankheit beim Gebrauch der verschiedenartigsten Mittel gleich schnell und gleich sicher heilen konnte. Dies Alles würden wir aber leicht begreiflich finden, sobald wir uns einmal davon überzeugt hätten, daß die sogenannte spontane Heilungstendenz unter Mitwirkung günstiger Lebensverhältnisse bei den meisten Kranken die eigentliche und nächste Bedingung ihres Genesens ist.“ – Günsburg bezeichnet die Aufgabe der Medicin so: „Die Medicin ist bestimmt, für die Grundübel der menschlichen Gesellschaft Hülfe zu suchen; die Reform des Sanitätswesens ist ihr höchster Beruf. Die physiologische geregelte Erziehung der Jugend ist das größte Präservativ künftiger Generationen; die Regelung der Arbeit, die Hinwegräumung der angewöhnten, aber entfernbaren, krankmachenden Einflüsse in den verschiedenen Zweigen der Beschäftigung, die Läuterung der herrschenden Begriffe über die Würdigkeit und Bedeutung des menschlichen Individuums, sowie über die Verpflichtung der menschlichen Gattung für die Erhaltung und Wiederherstellung des Einzellebens werden von der wissenschaftlichen Medicin dem Gesammtstaate auferlegt. Ihr letzter Zweck ist es, die Gesetze der öffentlichen Gesundheit, die Lebensdiätetik der Staatsbürger durch Untersuchung der krankhaften Producte der jedesmal vorhandenen geselligen Verhältnisse aufzufinden und mit der Allmacht der Wahrheit zum Eigenthum der Gesammtheit zu machen.“ – Richter (mit dem Ausspruche: die Heilkunde verjüngt sich heutzutage durch Naturwissenschaft und Volksvernunft, um dereinst eine neue, höhere Stellung zu dem gesammten Staatsleben einzunehmen) spricht sich ebenfalls dahin aus, daß es die Hauptaufgabe der wissenschaftlichen Heilkunde ist, sowie überhaupt eines Jeden, dem das Wohl seiner Mitbürger am Herzen liegt, die öffentliche Gesundheitspflege auf dem Wege der Gesetzgebung und Verwaltung, sowie hauptsächlich auch durch naturwissenschaftliche Bildung des Volks und Vertreibung jedweden Aberglaubens, in ausgedehntestem Maße zu fördern.

Da nun das Post hoc, ergo propter hoc in der Welt, ganz besonders aber in der Heilkunst, so schlimmen und unverständigen Aberglauben veranlaßt hat und täglich noch veranlaßt, so sei man nicht so voreilig mit der Erklärung eines Ereignisses durch das erste beste Vorangegangene, sondern mache sich mit den Naturgesetzen bekannt, um zu wissen und nicht zu aberglauben.

Bock.