RE:Κόνις

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XI,2 (1922), Sp. 13121315
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Κόνις, der Staub oder besser Staubsand, der in der griechischen Gymnastik in Verwendung stand. Von jeher galt als geeignetster Turnplatz eine sandige Fläche, wo auch ein Sturz gefahrlos blieb. Und so bedeutet auch späterhin παλαίστρα (s. d.) einen sandbedeckten Platz (Gal. VI 142 K.) und wird mit κονίστρα gleichgesetzt (Suid. s. v. Eustath. Il. III 55 p. 382), ja παλαίστρα}} wird geradezu statt κ. gebraucht: Philostr. Gymn. κονίσασθαι παλαίστρα. In den entwickelten Ringschulen und Gymnasien der späteren Zeit war ein eigener Teil nach diesem Sand benannt: κονιστήριον (s. d.)‚ κονίστρα, auch κόνισμα (Dittenberger Syll.² II 506), worauf wir noch zurückkommen. Der sandige Boden war insbesondere für das Ringen geradezu unerläßlich: für das aufrechte Ringen (ὀρθὴ πάλη), da hier der Sieg durch dreimaliges Niederwerfen des Gegners auf den Rücken erkämpft wurde und man aber auf eine weiche Unterlage bedacht sein mußte‚ noch mehr natürlich für das Wälzringen (κύλισις, s. d.)‚ das überhaupt auf dem Boden vor sich ging. Der bei diesen Übungen aufgewirbelte heiße Staub erhöhte die Strapazen: Philostr. Gymn. 11. Joh. Chrys. de mut. nom. II (III 13l Monf. 1837). Hor. c. I 8, 3. Sen. ep. 80, 3, und Ungeschicklichkeit beim Einatmen des Staubes konnte den Sieg in Frage stellen, ja Erstickungsgefahr mit sich bringen: Gal. III 890 K. ἔγωγ’ οὖν οἰδα καὶ ἀθλητὰς πολλοὺς κατ’ αὐτὸ δὴ μάλιστα τοῦτο νικηθέντας καὶ πνιγῆναι κινδυνεύσαντας, ὅτι διὰ τοῦ στόματος εἰσέπνευσαν τὴν κόνιν. In der Hitze des Kampfes waren die ölgesalbten, schwitzenden Körper der Athleten infolgedessen bald mit einer Schichte von Staub und Schmutz bedeckt. Das war aber nicht bloß die Folge der Berührung mit dem Boden, sondern die Kämpfer bewarfen [1313] sich schon vorher absichtlich mit dem Staubsand, um den geölten Gliedern die Glätte zu nehmen und einen sicheren Griff zu erzielen (Ovid. met. IX 35f. Luc. Anach. 2 und 29). Für diesen Wurfsand bürgerte sich in römischer Zeit der Ausdruck ἁφή ein, auch als Fremdwort bei römischen Schriftstellern (Martial VII 67, 5. Sen. ep. 85). Der Ernstkampf konnte daher auch aus diesem Grunde mit reichlichem Staubschlucken verbunden sein (Epikt. III l5, 4 πολλὴν ἁφὴν καταπιεῖν. III 22, 52. Luc. Anach. 31. Gal. III 889f.), und das Bewerfen mit Haphe war daher als nicht ungefährlich manchenorts durch die Spielregeln verboten, so auf einer Inschrift von Fassiler in Isaurien bei Sterrett The Wolfe exped. S. 167 nr. 275 τοὺς παγκρατιαστὰς εἰδέναι μήτε ἁφῇ εἰς τὸ πάσσειν χρᾶσθαι μήτε παλαίσμασι. Doch nicht bloß beim Ringkampf oder Pankration, sondern auch bei anderen Übungen kann der Sand eine Rolle spielen. Über Vorübungen zum Lauf, die auf den Knien im Sande der Palaistra vorgenommen wurden, berichtet Aristot. de gress. anim. 9, vom Lauf im tiefen Sande Luc. Anach. 27. Antyll. bei Oribas. VI 21, 14. Beim Halma aber (s. d.) wurde zur Erleichterung des Aufsprunges der Boden gelockert (ἐσκαμμένα, σκάμμα s. d.)‚ was auch sonst von Zeit zu Zeit in der ganzen Palaistra nötig war. Dieses Aufhacken des festgetretenen Sandbodens geschah mit der Spitzhacke (σκαπάνη), die auf Vasenbildem so häufig abgebildet erscheint, und wurde von den Athleten selbst besorgt, galt auch als Kraftübung (Athen. XII 518 d).

Im Laufe der Zeit erlangte der Staub eine hohe diätetische Bedeutung. Für die zur Hygiene ausgebildete Gymnastik war er ein φάρμακον, das zur Regelung des Temperaments verwendbar war, und zwar im Gegensinne zum Öl. Hatte letzteres die Natur feucht-warm, so war der Staub trocken-kalt (Ps-Hippokr. π. διαίτ. II 64 und 65 (VI 580 und 582 Littré) und die richtige Dosierung beider bei den Leibesübungen war daher für das körperliche Wohlbefinden von großer Wichtigkeit: Gal. VI 137 οὕτω δὲ καὶ τὸ μετὰ κόνεως ἤτοι πλέονος ἢ ἐλάττονος ἐλαίου τε καὶ κατὰ τον αὐτὸν λόγον ἢ πλέονος ἢ ἐλάττονος ἢ καὶ χωρὶς ἑκατέρου τρόπος ἐστὶ χρήσεως γυμνασίου . Philostr. Gymn. 42 von Phlegmatikern und Cholerikern: χρὴ δὲ τοὺς μὲν ξυνάγειν τῇ κόνει, τοὺς τὲ τῷ ἐλαίῳ ἐπαιονᾶν. Vgl. Jüthner Kommentar: 265f. Sogar eine Mischung von Öl und Staub wurde in bestimmten Fällen angewendet: Philostr. Gymn. 52 δεῖ δὲ αὐτοῖς ἐλαίου ξυμμέτρου καὶ πεπαχυσμένου τῇ κόνει· τουτὶ γὰρ τὸ φάρμακον καὶ ξυνέχει τὸ σῶμα καὶ ἀνίησιν. Vgl. dazu den Kommentar. Seiner Natur entsprechend wirkt der Sand kühlend und trocknend. Ps.-Hippokr. nach der angeführten Stelle: ἐνδιατρίβειν δὲ ἐν τῇ κόνει μετὰ τοὺς πόνους ἐν τῷ θέρει ὀλίγον μὲν χρόνον ὠφελέει ψύχουσα, πολὺν δὲ ὑπερξηραίνει. Vgl. auch p. 714. Gal. VI 162 εἰ δέ γε θερμότερος εἴη (der turnende Knabe), καὶ κόνει χραστέον. 230. 316. 367. Plut. de prim. frig. 19 ωύχει δὲ καὶ τὰ τῶν ἀθλητῶν σώματα καὶ κατασβέννυσι τοὺς ἱδρῶτας. Dieses Austrocknen des Schweißes geschah durch die zusammenziehende Wirkung des Staubes: Philostr. Gymn. 42 (s. o.) und Gal. VI 71. Weitere Wirkungen des Staubes [1314] gibt Luc. Anach. 29 an: er vermindert nicht nur, wie gesagt, die Schlüpfrigkeit der Glieder, sondern indem er den Schweiß zurlickhält, bewahrt er die Kräfte, schützt vor Verkühlungen bei Luftzug und befördert die Reinhaltung des Körpers. Heliod. Aethiop. X 31 erzählt, wie Theagenes, der vom Ochsenritt verschwitzt zum Wettkampf antreten soll, Staub aufhebt, damit Schulter und Arme bestreut und das nicht Haftende abschüttelt. Offenbar sollte dadurch der Schweißausbruch gehemmt werden. Alle diese hygienischen Wirkungen hatten die Gymnasten Gelegenheit beim Training der Athleten im Staubsand der Palaistra zu beobachten und praktisch zu erproben, und das Bestauben der Körper, das sich anfangs durch die Sache selbst ergab und infolge der Nebenwirkungen — Beschmutzung, Erleichterung der Ringergriffe des Gegners — anfangs wohl auch lästig empfunden wurde, hat sich allmählich neben dem Einölen zu einem in den Augen der Trainer überaus wichtigen hygienischen Mittel ausgebildet, das ähnlich wie die Massage nach ganz bestimmten Regeln der Kunst angewendet wurde. Das geht aus den Andeutungen der alten Mediziner hervor (vgl. nebst den angeführten Stellen noch Oribas. VI 18, 3. LIV 22, 22 und die Heilvorschrift aus dem Asklepieion in Epidauros, Dittenberger Syll.² II 804, 12 ἁφῇ πηλώσασθαι, dazu Note 10) und wird bestätigt durch die genauen Angaben pharmakologischen Unterschiede bei Philostr. Gymn. 56, die einen geradezu wissenschaftlichen Ausbau der Anwendungsmethoden beweisen. Danach war der lehmige Staub (πηλώδης) geeignet zur Reinigung und zur Herstellung normaler Verhältnisse bei Überfülle, der Ziegelstaub (ὀστρακώδης) dient dazu, die geschlossenen Poren zu öffnen und zum Schwitzen zu bringen, der Erdharzstaub (ἀσφαλτώδης) das Verkühlte zu erwärmen, der schwarze (μέλαινα und der gelbe (ξανθή) sind beide erdig und gut zum Erweichen und Nähren, der gelbe verleiht auch Glanz und hübsches Aussehen. Das Aufstreuen des Staubes soll aber nach Philostrat mit lockerem Gelenk und durchlässigen Fingern geschehen, damit er fein über den Körper zerstäubt werde. Philostrat hat mit seiner Aufzählung die damals verwendeten Arten des Staubes offenbar noch nicht erschöpft, da zur Erzielung diätetischer Wirkungen auch verschiedene Chemikalien beigemischt werden konnten. Vgl. Gal. VI 328 ἔστω δὲ κόνις ἡ καλουμένη λιπαρά· προσαγορεύουσι δ’ οὕτως, ἐν ᾖ μήτετραχυ μήτε δριμύ· λεπτύνουσι γὰρ μᾶλλον ἢ σαρκοῦσιν, ὅσαι τραχύτητος κισσηρώδους ἢ δριμύτητος νιτρώδουςἁλμυρώδους μετέχουσιν. Solche Subtilitäten waren indes doch wohl nur Sache der späteren verfeinerten Diätetik und wurden sicherlich nur ausnahmsweise bei Athleten angewendet. Dagegen war ein feiner gelber Staubsand ein wichtiges, vor jeder gymnastischen Übung und insbesondere auch vor dem Auftreten im Wettkampf angewendetes hygienisches Mittel. Zu den unerläßlichen Vorbereitungen gehörte nach dem Einsalben mit dem kostbaren Öl das Einstauben mit dem feinen Sand. Daher die ironische Bemerkung des Anacharsis bei Luc. Anach. 31 ἤν ποτε ὑμῖν ἐπίωσιν οἱ πολέμιοι, χρισάμενοι τῷ ἐλαίῳ καὶ κονισάμενοι προϊτε. Der Ort, wo dieses κονίεσθαι oder κονίζεσθαι[1315] vor sich ging, hieß eben κονιστήριον (s. d.), κονίστραoder κόνισμα, welche Namen von jenem Verbum abgeleitet sind. Ob dies aber ein eigener geschlossener Raum war (vgl. auch elaeothesium), in welchem der feine Sand aufgehäuft und verwahrt war, oder aber der offene Ringplatz selbst, der mit diesem Sand hoch bedeckt war, darüber sind die Meinungen geteilt, da uns keinerlei aufklärende Nachrichten zu Gebote stehen. Auf Vasenbildern und späten Reliefs mit palästrischen Darstellungen sind manchmal Körbe oder Gefäße dargestellt, in denen die Erklärer, vielleicht richtig, Sand vermuten und darin eine Andeutung des Lokals der Palaistra erblicken. Vgl. Stephani Compte rendu 1876, 81. 85. Secchi Musaico Anton. 49. Helbig Führer³ II 7 nr. 1153. Bie im Jahrb. 1889, 135. Von Poll. X 64 wird in der Tat unter den Geräten der Turnschule ein Sandkorb (κόνεως σπυρίς) angeführt. Ebenso wie zum Salben das feinste und kostbarste Öl genommen wurde, so suchte man auch die feinste Sorte Sand zu beschaffen und zwar aus Ägypten. Nach Plut. Alex. 40. Aelian. var. hist. IX 3. Athen. XII 539 c. Plin. n. h. XXXV 168 führten schon die Generale Alexanders d. Gr. solchen auf ihren Zügen mit und auch ein Freigelassener des Nero ließ sich ihn kommen. Suet. Ner. 45 erzählt von der Empörung des Volkes, als bei einer Hungersnot die Ankunft eines Schiffes aus Alexandria mit Sand für die Hofringkämpfer gemeldet wurde. Der Staub war schließlich von den Leibesübungen ebenso unzertrennlich wie das Öl, und ebenso wie ἀλείφεσθαι mit der Zeit die Bedeutung trainieren, turnen annahm, so wird ähnlich auch κονίεσθαι oder κονίζεσθαι gebraucht: Hesych. κονίσασθαι· ἀγωνίσασθαι. Suid. κόνισαι· γυμνάσθητι καὶ κεκονῖσθαι τὸ γυμνάζεσθαι. Und wer bei den öffentlichen Spielen den Kranz erhielt ohne einzutreten, da kein Gegner vorhanden war, hat einen Sieg ἀκονιτί (s. d.) davongetragen, d. h. ohne Kampf und Mühe: Phot. (Reitzenst) ἀκονιτί. ἄνευ ἀγῶνος καὶ μάχης. ἢ ⟨εὐμαρῶς⟩, ἐκ μεταφορᾶς τῶν ἀθλητῶν τῶν εὐμαρῶς περιγενομένων, ὥστε μηδὲ κονίσασθαι. Vgl. Suid. s. v.

Die bisherige Literatur bietet über all das noch sehr wenig. Vgl. Krause Gymn. u. Agon. 233f. Hermann-Blümner Privatalt. 350. Buesgen De gymnasii Vitruv. palaestra 11ff. Jüthner Philostr. üb. Gymn. 303 u. ö. Gardiner Greek athlet. sports 492ff.