RE:Ἀρχηγέτης

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 441444
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Ἀρχηγέτης[WS 1] (dor. Ἀρχαγέτης) wird derjenige genannt, dem eine Führerrolle zugefallen ist, sei es dass er ein Mensch ist oder ein Gott. Der König ist der Archeget seines Volkes, und der Gott oder Heros ist der Archeget der Frommen, die ihn verehren. Mithin konnte jeder Gott Archeget genannt werden, wie denn z. B. bei Strab. X 468 richtig steht: Ἴακχόν τε καὶ τὸν Διόνυσον καλοῦσι καὶ τὸν ἀρχηγέτην τῶν μυστηρίων͵ τῆς Δήμητρος δαίμονα. Es ist damit das gesagt, was der Dichter in den Worten μέδεις παγκοίνοις Ἐλευσινίας Δηοῦς ἐν κόλποις (Soph. Antig. 1119) ausgedrückt hat. Pindar besingt den Heraklessohn Tlepolemos, welcher auf Rhodos einen auch durch Spiele verherrlichten Kult hatte, als den Ἀ. der Tirynthier (Olymp. VII 78); denn Tlepolemos war vor der Ermordung des Likymnios und seiner Flucht aus der Argolis Herr der Tirynthier. Jedes γένος hat seinen ἄρχων oder ἀρχηγέτης: M. H. E. Meier Comment. epigr. Halle 1852–54 p. 78. Toepffer Att. Genealogie 21. 91. 289.

Aber besonders wird dieser Name natürlich den Göttern beigelegt, unter deren Schutz sich ganze Städte oder Völker befinden, und er ist dann kein poetisches Epitheton sondern der Kultname. Das gilt vor allem von Apollon; denn ihm, dem Führer der Colonien und dem Städtegründer, kommt die Bezeichnung eines Ἀ. besonders zu; E. Curtius Griech. Gesch. I⁶ (1887) 494f. Preller-Robert Griech. Myth. I⁴ 269. Die euboeischen Chalkidier gründen auf Sicilien die Stadt Naxos und errichten dabei dem Apollon Ἀ. [442] einen Altar ἐφ’ ᾧ ὅταν ἐκ Σικελίας θεωροὶ πλέωσι, πρῶτον θύουσι Thuk. V 3; s. die weiteren Belege bei Robert a. a. O. Nächst Apollon ist Athene zu nennen; vorzüglich in Athen ist sie θεὰ ἀρχηγέτις; vgl. v. Wilamowitz Antigonos 345 und E. Curtius Stadtgesch. von Athen 257. Berühmt ist das noch heute stehende, ihr geweihte Marktthor, Milchhoefer bei Curtius Stadtgesch. LXXVII 93ff., s. auch XVIII 70 und Preller-Robert 220. Athena ἀρχαγέτις auch in Epidauros (Kavvadias Fouilles d’Epidaure 48 nr. 62), vielleicht auch in Chalkis (Athen. Mitt. VI 169); Artemis ist die ἀρχηγέτις von Magnesia am Maiandros; Hera in Samos (Bull. hell. II 1878, 181), Dionysos in Teos (Cauer Delectus² nr. 128), Ἐλευθέρα ἀρχηγέτις θεὸς in Sura (v. Luschan u. Petersen Reisen im südwestlichen Kleinasien II 45 nr. 82). Asklepios wurde in Tithorea καὶ ἐπ’ ἴσης παρὰ Φωκέων τῶν ἄλλων (Paus. X 32, 12. Stark Vorträge und Aufsätze aus dem Gebiete der Archaeologie und Kunstgeschichte, 1880, 113. v. Wilamowitz Isyllos von Epidauros 54) als ἀρχαγέτης verehrt, während die Ansicht, dass er auch in Athen unter diesem Namen einen Kult gehabt hätte, von Fraenkel Archaeol. Ztg. XL (1882) 360 mit Recht zurückgewiesen ist. Ausführliche Belege für den Götterbeinamen Ἀ. s. am Ende dieses Artikels und u. Archegetis.

Von Heroen ist Herakles als Ἀ. der Kyniker bezeugt, Lukian Conv. s. Lapith. 16. Jede Stadt hatte wohl ihren heroischen Archegeten, dessen Grabmal gewöhnlich auf dem Markte stand; so z. B. Battos in Kyrene, Oxylos in Elis; vgl. Kuhnert Statue und Ort, Jahrb. f. Phil. Suppl. XIV 297. Sie erscheinen, wenn das Vaterland in Gefahr ist, und ziehen im Felde den Kämpfern voran, Rohde Psyche 637. In Athen heissen ἀρχηγέται vor allem die Eponymen der Phylen, nach denen Kleisthenes die Phylen benannte. Ihre Bilder standen auf der Agora, Milchhoefer bei Curtius Stadtgesch. XLVII 36ff. und Curtius ebd. 95f. 117. Hermann-Thumser Lehrbuch der griech. Staatsaltert. II (1892) 396. Ihre Namen lauten Hippothoon Antiochos Aias Leos Erechtheus Aigeus Oineus Akamas Kekrops Pandion. Aristot. πολ. Ἀθην. 21, 6 ταῖς δὲ φυλαῖς ἐποίησεν (Κλεισθένης) ἐπωνύμους ἐκ τῶν προκριθέντων ἑκατὸν ἀρχηγετῶν, οὓς ἀνεῖλεν ἡ Πυθία δέκα. Dass einer der von der Pythia nicht gewählten 90 ἀρχηγέται nach Herodian Ἀραφὴν hiess, darauf hat jetzt V. Haussoullier Revue de philol. 1892, 167 hingewiesen, dessen kurze Notiz (les cent héros Athéniens) a. a. O. zu vergleichen ist. Die Namen der übrigen 89 ἀρχηγέται, welche das pythische Orakel zu Eponymen der athenischen Phylen nicht annahm, sind unbekannt. Über die sieben Archegeten von Plataiai vgl. Rohde Psyche 161. Es kam auch vor, dass der Name eines solchen Archegeten im Lauf der Zeit vergessen ward und dass er nur noch in der abgeblassten Gestalt eines ἥρως ἀρχηγέτης verehrt wurde, z. B. in Athen CIA II 778 A 6 und in Rhamnus ebd. 1191 (v. Wilamowitz Arist. u. Athen II 150).

Dass auch ein heroisierter Mensch Ἀ. genannt wird, d. h. ein Verstorbener, den die Familie als ihren Führer und ihr Haupt auch nach seinem [443] Tode verehrt, beweist Paus. X 4, 10. Nur so aufzufassen ist auch die Inschrift auf dem im Berliner Museum (Conze Beschreibung der antiken Sculpturen 1891 nr. 819) befindlichen Totenmahlrelief des 3. Jhdts. v. Chr. ἡγεμὼν ἀρχηγέτης; vgl. Fraenkel a. a. O. Hiefür ist auf die trefflichen Bemerkungen von Rohde Psyche 636 zu verweisen: ‚Heros (d. h. Archeget) zu werden nach dem Tode war ein Vorrecht grosser und seltener Naturen, die schon zu Lebzeiten nicht mit der Menge der Menschen verwechselt werden konnten.‘ Vgl. darüber den Artikel Heros.

Ἀ. heissen schliesslich die spartanischen Könige, wenn der Rhetra bei Plut. Lyc. 6 zu trauen ist (s. darüber namentlich E. Meyer Rh. Mus. XLII 84). In der Rhetra werden die Ἀ. nämlich zusammen mit der γερουσία erwähnt, und nach Plutarch a. a. O. sind damit die Könige gemeint, Gilbert Studien zur altspartanischen Geschichte 1872, 130f.; anders v. Wilamowitz Homerische Untersuchungen 281; Arist. u. Athen II 136. Eine Inschrift vom heiligen Wege bei Didymoi, die aus dem 7. vorchristlichen Jhdt. zu stammen scheint, bezeichnet einen gewissen Python als ἀρχηγός, Inscr. in the British Mus. IV 1 nr. DCCCCXXX. Dieser Python scheint ein Herrscher gewesen zu sein wie Chares, der Herr von Teichiussa.

[Kern.]

Statistik des Beinamens Ἀρχηγέτης. 1. Der Kult des Apollon A. lässt sich nachweisen: a) in Megara, wo der Gott den Mauerbau geleitet hatte (Theogn. 773) und noch später der Stein gezeigt wurde, auf dem er damals seine Leier niedergelegt hatte (Paus. I 42, 2. Anth. Plan. IV 279. Ovid. met. VIII 14ff. Verg. Cir. 105ff.), Paus. I 42, 5. Curtius Arch. Ztg. 1855, 39 Taf. 75 = Dittenberger Syll. 211, 22. – b) In Halikarnassos, wohin der Dienst des Apollon A. von den troizenischen Ansiedlern mitgebracht war (CIG 2655, 6 = Dittenberger Syll. 372, 6), Le Bas III 504. Bull. hell. IV 397 nr. 4 und 5. 401 nr. 12. 402 nr. 13. Ihm zu Ehren wurden die Archegesiaspiele gefeiert, Bull. hell. V 232. – c) In Myndos, Bull. hell. XII 281 nr. 6; Ἀπολλώνεια Bull. hell. V 231, 14. 232, 20. – d) In Erythrai, Bull. hell. VIII 349, 6; vgl. Μουσεῖον καὶ βιβλιοθήκη I 103ff. – e) In Kyzikos, Aristid. Rhet. I 383 Dindorf; vgl. Schol. Ap. Rhod. I 955. 959. – f) In Hierapolis in Phrygien, CIG 3905. 3906 = Journ. of hell. stud. VI 343 = Μουσεῖον καὶ βιβλιοθήκη V 78. Beischrift . auf Münzen Eckhel III 154. Head HN 565. – g) In Oturah in Phrygien, Journ. of hell. stud. IV 420. – h) In Attaleia in Pamphylien, Bull. hell. VII 263 nr. 5. 265 nr. 6. – i) Auf Delos. Bull. hell. II 10. – k) Auf Thera und in Kyrene, Pind. Pyth. V 60 nebst Schol.; vgl. Karneios und Ktistes. – l) Auf Sicilien: bei Naxos, Thukyd. VI 3. 1. Appian. b. c. V 109, in Alaisa: Head HN 110, in Tauromenion: Eckhel I 248. Head HN 165, in Enna: Eckhel I 206. – m) Als Stammvater der Seleukiden, CIG 3595, 26. Hicks Greek histor. inscript. 174; vgl. Iust. XV 4.

2. Helios auf Rhodos, Diod. V 56, 4. Aristid. Rhet. I 840 Dindf. Preller Griech. Mythol.⁴ I 430.

3. Dionysos in Teos, Le Bas III 75. 80. Über den Dionysos als ἀρχηγέτης τῶν μυστηρίων (Strab. X 468) vgl. Rubensohn Die Mysterienheiligtümer [444] in Eleusis und Samothrake 31 und oben S. 441, 43.

4. Asklepios in Phokis, Paus. X 32, 12.

5. Herakles in Sparta, Xenoph. hell. VI 3. 6 (vgl. Tyrtaios frg. 2 und 11). Lukian. symp. 16; im attischen Demos Phegaia, CIA II 947, vgl. Köhler Athen. Mitt. VII 98; in bilinguen Inschriften der Tyrier, welche Melkart-Baal dem Herakles A. gleichsetzen, CIG 5753 = IGI 600. CIG 2271 = Fröhner Inscr. grecques du Louvre 68, vgl. Foucart Associations relig. 107ff. 223: in Tarsos, Dio Chrysost. XXXIII 47.

6. Menelaos im attischen Demos Phegaia, CIA II 947 = Köhler Athen. Mitt. VII 98; vgl. Bursian Philol. X 178.

7. Θεὸς ὅσιος καὶ δίκαιος (vgl. Mordtmann Athen. Mitt. X 10) in Prymnessos, Athen. Mitt. VII 135.

8. An vielen Orten verehrte man einen Heros A., ohne in allen Fällen darüber einig zu sein, welcher von den Landesheroen unter dieser Kultbezeichnung zu verstehen sei (vgl. Furtwängler Samml. Sabouroff I Einleit. S. 20. Deneken in Roschers Mythol. Lex. I 2511). Beispiele dafür in Tronis (Paus. X 4, 10. CIG 1732 b 1). Rhamnus (CIA II 1191 = Lolling Athen. Mitt. IV 285), Athen (CIA II 778, 6), Lepreon (Strab. VIII 345, vgl. Toepffer Attisch. Geneal. 216), Amyklai (Ἐφημ. ἀρχ. 1892. 23 nr. 6, 24), Mykonos (Bull. hell. XII 461, 40 = Dittenberger Syll. 373); vgl. auch Mixarchagetas als Beiwort des Kastor in Argos (Plut. quaest. graec. 23). Eine Mehrzahl von ἥρωες ἀρχηγέται findet sich in Plataiai (Plut. Aristid. 11, vgl. Thukyd. II 74, 3. Clem. Alex. Protr. 40 p. 35 Pott. nebst Schol.), in Athen (s. o. S. 442), auf Salamis (Sol. frg. 9). Vielfach waren es hervorragende Sterbliche, denen nach ihrem Tode eine solche Verehrung zu teil ward, z. B. in dem eben genannten Plataiai, ferner Euphron von Sikyon (Xenoph. hell. VII 3, 12) u. a. Vgl. das Grabrelief mit der Inschrift Ἡγεμὼν ἀρχηγέτης im Berlin. Mus. nr. 819 (Holländer De anaglyphis sepulcralibus, Diss. Berl. 1865 Taf. C. CIA II 1575. Furtwängler Athen. Mitt. VII 168).

9. Als kaiserliches Epitheton findet sich A. auf einer aiginetischen Inschrift für Hadrian. CIA III 473 = CIG 332.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. transkribiert: Archegetes.