RE:Alkyone

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 15791581
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Alkyone (Ἀλκυόνη, auch Ἁλκυόνη), ein an verschiedenen Orten localisiertes und infolge dessen in verschiedene Genealogieen eingefügtes Meerwesen.

[1580] 1) In Boeotien gilt sie als Geliebte des Poseidon und Mutter des Hyrieus und Anthas, der Eponymen von Hyria und Anthedon, sowie der Aithusa, der Mutter des Eponymen von Eleutherai. Sie ist hier zugleich eine der Pleiaden und als solche Tochter des Atlas und der Pleione, Hellan. Schol. Il. XVIII 486. Eratosth. Katast. 134 Rob. Diod. III 60, 4. Paus. IX 22, 5. Steph. Byz. s. Ἀνθηδών; Apollod. III 10, 1, 1ff. mischt die boeotische mit der trozenisch-argivischen Sage (s. Nr. 2). Von der boeotischen Sage noch zwei Varianten: a) A. ist Gemahlin des Anthedon und Mutter des Meergottes Glaukos, Mnaseas FHG III 151; b) nach Euboea übertragen als Gemahlin des Chalkodon und Mutter des Elephenor, Apollod. fr. Sabb. 115b (Rh. Mus. XLVI 167, 19f.).

2) Wie so viele Figuren der boeotischen Sage kehrt A. auch in der argivischen Sage wieder. Sie ist dort a) ebenfalls Geliebte des Poseidon und Tochter des Atlas, aber als ihre Mutter gilt die trozenische Aithra (s. d.), Timaios Schol. Il. XVIII 486. Ovid. fast. V 71ff. Hyg. fab. 192; ihre Söhne sind Hyperes und Anthas, die Eponymen von Hypereia und Antheia (Paus. II 30, 8; für den Kurznamen Hyperes nennt Apollodor Hyperenor). Diese peloponnesische Sage liess sie von Poseidon geraubt werden, vgl. die Darstellung am amyklaeischen Thron (Paus. III 18, 10). Das erbliche Priestertum in dem von Trozen aus gegründeten Tempel des isthmischen Poseidon zu Halikarnassos construierte den Stammbaum etwas anders, vgl. Dittenberger Syll. II 372. Ferner begegnet A. b) als Schwester des Eurystheus (Diod. IV 12, 7), sonst Alkinoe (s. d.) genannt; c) als mythische Priesterin in Argos, Dion. ant. I 22. Zu erwähnen noch der bodenlose alkyonische See bei Lerna, wo einer der Eingänge zur Unterwelt sein sollte (Paus. II 37, 5, vgl. Conze-Michaelis, Ann. d. Inst. 1861, 20).

3) Das Bindeglied zwischen der boeotischen und der argivischen Sage bildet die megarische auf dem Isthmos. Hier gilt A. als Tochter des Skiron (Theodoros b. Prob. Verg. Georg. I 399 p. 44 Keil. Ovid. met. VII 401, vgl. v. Wilamowitz Hermes XVIII 419); als ihr der Vater befiehlt, sich einen Mann zu suchen, giebt sie sich dem ersten besten hin, worauf Skiron sie ergrimmt ins Meer stürzt; wie so viele Meereswesen (vgl. Aigeus, Glaukos) kehrt sie so in ihr eigentliches Element zurück; die Verwandlung in einen Eisvogel ist wohl erst Übertragung aus der Sage von Trachis. Das Meer, in das sie hinabstürzt, ist wohl das alkyonische Meer, der innerste Teil des korinthischen Meerbusens (Strab. VIII 336. IX 393. 400).

4) Eine vierte Sage ist am Oeta localisiert (v. Wilamowitz a. a. O. 417ff.). Auch sie liegt uns in verschiedenen Versionen vor. a) Die einfachste in [Lukians] Alkyon 1f. (auch Eurip. I. T. 1089ff. spielt darauf an): Keyx (s. d.), König von Trachis, kommt (zur See?) um; seine Gattin A., Tochter des Aiolos, sucht vergebens nach seinem Leichnam und wird wegen ihrer liebenden Klagen in einen Eisvogel verwandelt (s. Alkyonides). b) Daneben besteht die Sage (in dieser Form wahrscheinlich im Κήυκος γάμος des [1581] Hesiodos), dass Keyx und A. sich im Übermute den Göttern gleichstellen und sich Zeus und Hera nennen; zur Strafe werden sie beide in Vögel verwandelt, die von einander getrennt leben, er in den κῆυξ, sie in die ἀλκυών, den Eisvogel (Apollod. I 7, 4. Schol. Il. IX 562. Eustath. Il. IX 553ff. p. 776, 16ff.); als ihre Mutter wird Enarete genannt, Apollod. I 7, 3, 3. Aus a entwickelt sich c) die zuerst in alexandrinischer Zeit nachweisbare Version, dass Keyx bei einer Seefahrt zum Orakel von Klearos umkommt, die Leiche zur Heimat getrieben und von der klagenden Gattin A., der Tochter des Aiolos und der Aigiale (Hyg. fab. 65) oder Kanobe (Schol. Theokr. VII 57), gefunden wird; diese stürzt sich ins Meer, und nun werden beide in Eisvögel verwandelt, noch als solche ein Beispiel treuer Gattenliebe (Schol. Theokr. VII 57 aus Alexandros von Myndos. Ovid. met. XI 410ff. [= Hyg. fab. 65] aus Nikandros Heteroium., vgl. Prob. Verg. Georg. I 399 p. 42 K. III 338 p. 36 K. Dionys. [Perieg.?] II 7 in Cram. Anecd. Paris. I; alle diese scheinen auf die ὀρνιθογονία des Boios zurückzugehen, vgl. M. Wellmann Hermes XXVI 515f.). d) Eine Verschmelzung von b und c giebt Schol. Ar. Vög. 250.

5) Dass der Name A. mit dem Begriff treuer Gattenliebe und liebender Klage schon frühzeitig verbunden war, zeigt Il. IX 562, wo er als Beiname der Kleopatra, der Gemahlin des Meleagros, mit dieser Begründung verwandt wird (vgl. Hyg. fab. 174).