RE:Antigone 3

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 24012404
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3) Tochter des Oidipus.

a) Nach älterer Sage ist A. wie Ismene, Eteokles und Polyneikes nicht von Iokaste, sondern von Εὐρυγάνεια geboren: Pherekydes (frg. 48) im Schol. Eurip. Phoin. 53. Pisander ebd. 1760; vgl: Odyssee XI 271–280. Dies ist als Version des Epos Οἰδιποδία nachgewiesen von Bethe Theban. Heldenl. 1ff. Vgl. Schneidewin Abh. Ges. d. Wiss. Göttingen V 1853, 165ff.

b) Später, wohl schon in einem Epos, nicht erst in der Tragoedie, ist der A. und ihren Geschwistern Iokaste als Mutter gegeben worden, und so lastet auch auf ihr der Geschlechtsfluch, Aischylos Septem 1039. 725. Pind. Ol. II 38ff. Eurip. Phoin. 18ff. Soph. Oid. Tyr. 710; Ant. 856ff. 866. Wie A. in dem vorausgesetzten Epos diesem Fluche erlegen ist, kann nicht entschieden werden. [2402] Wir kennen zwei Versionen über ihren Tod:

α) In einem Dithyrambos des Ion von Chios, des Freundes des Sophokles, wurden A. und Ismene von Laodamas, dem Sohne ihres Bruders Eteokles, im Heiligtume der Hera verbrannt: Hypothesis des Sallustius zu Sophokles Antigone;
β) A. geht zu Grunde, weil sie wider das Verbot ihren Bruder Polyneikes bestattet, dessen Leiche als die eines Vaterlandsverräters den Tieren zum Frasse hingeworfen ist. Diese Sage ist durch die Tragoedie des Sophokles (440), in der A. auf Befehl des Kreon in einem Grabe eingeschlossen sich erhängt (vgl. Apollod. bibl. III 7, 1), zu der herrschenden geworden; zugleich ist diese das älteste Zeugnis für sie. Derselbe Conflict freilich zwischen ihrer Schwestertreue und den Gesetzen des Staates ist schon im Schlusse der Sieben des Aischylos von 467 (v. 990ff.) verwertet, doch ohne Andeutung, dass er sie in den Tod führen werde. Aber gegen die Echtheit dieser Scene sind gewichtige Bedenken geltend gemacht: vgl. Oberdick De exitu f. Aesch. quae Septem adv. Theb. inscribitur, Arnsberg 1877. W. Richter Quaestion. Aeschyleae, Berlin 1878. v. Wilamowitz Herm. XVII 354. XXI 606, 3. Bergk Griech. Litt.-Gesch. III 302ff.

Ganz ähnlich lässt Euripides in der Schlussscene seiner Phoinissen (von ca. 410) diesen Conflict entbrennen (v. 1625ff.), ohne ihn auszutragen, ja A. geht sogar, obgleich sie v. 1657 erklärt, sie werde den Bruder bestatten, und obgleich ihr Kreon v. 1658 den Tod als Strafe gedroht hat, mit Oidipus nach Attika; die Bestattungsfrage lässt der Dichter ganz fallen. Über die A. des Euripides s. unter c. Von des Astydamas Tragoedie A. ist nur der Titel erhalten auf CIA II 973 = Dittenberger Syll. 407. Kallimachos hat gelegentlich von A. erzählt, s. v. Wilamowitz bei Spiro De Euripidis Phoenissis 31. Mit Berufung auf ihn erwähnt nämlich Ovid Trist. V 5, 33–38, dass bei dem Polyneikes und Eteokles gemeinsam dargebrachten Opfer sich Flamme und Asche spalten. Da dies ein gemeinsames Grab der feindlichen Brüder voraussetzt und erklärt worden sein muss, wie sie bei der Bestattung vereint worden sind, so gehört zu jenem bei Kallimachos bezeugten Wunder auch die von Statius Theb. XII 315–450 und Philostratos Imag. II 29 mit ihm verbundene Geschichte, A. habe den Leichnam des Polyneikes, um ihm die Totenehren zu verschaffen, heimlich auf den Scheiterhaufen des Eteokles gelegt. Vgl. Paus. IX 25, 2. Hyg. fab. 68. 71; fab. 72 nennt Hygin Argeia, des Polyneikes Gattin, als Helferin der A. bei dieser That, vgl. den Sarkophag bei Robert Die antiken Sarkophagreliefs II 60 = Wiener Vorlegebl. 1889 XI 13. 16 und Spiro De Euripidis Phoenissis 63.

c) Für die A. des Euripides ist uns ein Zeugnis des Aristophanes von Byzanz in doppelter Fassung erhalten: die Hypothesis zu Sophokles A. giebt: κεῖται ἡ μυθοποιία καὶ παρὰ Εὐριπίδῃ ἐν Ἀντιγόνῃ· πλὴν ἐκεῖ φωραθεῖσα μετὰ τοῦ Αἵμονος δίδοται πρὸς γάμου κοινωνίαν καὶ τέκνον τίκτει τὸν Μαίονα; Schol. Soph. Ant. 1350 sagt: ὅτι διαφέρει τῆς Εὐριπίδου Ἀντιγόνης αὕτη, ὅτι φωραθεῖσα ἐκεῖ μὲν διὰ τὸν Αἵμονος ἔρωτα ἐξεδόθη πρὸς γάμον ... Daraus folgt, dass Euripides ebenso wie Sophokles die Bestattung des Polyneikes durch A. gegen Kreons Verbot dargestellt [2403] hat, aber mit versöhnendem Abschluss. Dazu stimmt, dass in den Fragmenten sowohl viel von Liebe (161. 162. 164) die Rede ist, als auch über den Zweck der Leichenschändung (176) gesprochen wird. Die Erwähnung des Kapaneus lässt auf eine Erinnerung an den eben erlebten Sturm der Sieben in einem Chorliede, wie bei Sophokles, schliessen. Dass Dionysos als deus ex machina aufgetreten sei, ist aus frg. 177 nicht mit Sicherheit zu schliessen, s. Vogel Scenen Euripideischer Tragoedien in griech. Vasenb. 52. Dagegen hat Welcker Griech. Tragoed. II 563 Hygins fab. 72 als Hypothesis dieses Dramas nachzuweisen versucht und ihr gemäss die Entdeckung des Maion als Sohnes des Haimon und der A., die dieser, statt zu töten, verborgen und geheiratet hatte, als sein Thema angenommen. Heydemann aber (Über eine nacheuripideische A., Berlin 1868) hat diese Hyginfabel als Inhaltsangabe einer späteren Tragoedie erklärt und auf diese zwei apulische Vasenbilder (vgl. Arch. Ztg. 1871, 108) bezogen. An Welcker haben sich angeschlossen Klügmann Ann. d. Inst. 1876, 178 und Max. Mayer De Euripidis mythopoeia 73, der aus frg. 168 folgert, Maion müsse aufgetreten sein. Vogel a. a. O. weist Welckers Hypothese ab, erklärt aber die beiden Vasenbilder als Darstellungen nach Euripides in der Annahme, Dionysos dürfe nicht als deus ex machina angenommen werden. Hygins Fabel 72 hat sicher vorn (Argia) und hinten (Megara) Zusätze, die dem Kern fremd sind.

d) A.s Verhältnis zu Haimon, dem Sohne Kreons, ist so stehend, dass es aus alter Sage zu stammen scheint. In der A. des Sophokles tötet sich Haimon aus Schmerz über das gegen seine Braut A. ausgesprochene Todesurteil. In den Phoinissen des Euripides will Kreon die A. nach ihres Bruders Eteokles letztem Willen mit seinem Sohne Haimon verloben (v. 1588), steht jedoch auf ihre Drohung, sie werde ihn in der Brautnacht töten, davon ab (v. 1682). Nach der euripideischen A. heiratet sie ihn und gebiert ihm den Maion (vgl. Il. IV 394): Aristophanes von Byzanz in der Hypothesis zu Soph. Ant. Schol. Soph. Ant. 1351. Nach Hygin fab. 72 verbirgt Haimon die A. als er sie auf Kreons Befehl hinrichten soll, bei Hirten und zeugt mit ihr einen Sohn. Dieser wird, herangewachsen, bei thebanischen Spielen von Kreon am Muttermale des Drachengeschlechtes erkannt, seine Eltern festgestellt und herbeigeschleppt. Trotz des Herakles Bitten müssen Haimon und A. in den Tod gehen.

e) Die Sage, A. habe ihren blinden Vater Oidipus nach Attika geleitet, wo er in den Hades eingeht, wird zuerst bei Euripides in den Phoinissen v. 1679ff. kurz erwähnt. Sie wird damals wohl schon ausgestaltet gewesen sein, dem Epos war sie jedoch fremd. Schneidewin Abhandlg. der Ges. d. Wiss. Göttingen V 1853, 165ff. Sophokles hat sie in seiner posthumen Tragoedie Οἰδίπους ἐπὶ Κολωνῷ behandelt; vgl. Apollod. bibl. III 5, 9. Hyg. fab. 67.

f) Von bildlichen Darstellungen der A.-Sage sind sicher nur die beiden unter c erwähnten apulischen Vasen, Mon. d. Inst. X 27 und Gerhard Apulische Vasenb. XI (Furtwängler Berl. Vasens. nr. 3240) = Wiener Vorlegebl. 1889 IX [2404] 12. 14, deren Deutung durch die Inschriften der einen gegeben ist; ferner die Scene rechts auf dem Sarkophag bei Robert Die antiken Sarkophagreliefs II 60 = Wiener Vorlegebl. 1889 IX 13. 16. Rhusopulos (περὶ εἰκόνος Ἀντιγόνης, ἐν Ἀθήναις 1885) Deutung einer weissgrundirten Scherbe mit der Zeichnung einer Frau und den Buchstaben (Ε)IΚHΣ auf des (Πολυνε)ίκης Begräbnis durch A. hat Conze durch richtige Stellung des Fragments widerlegt, Arch. Jahrb. IV Anz. 7f.