RE:Aquitania

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 335337
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Aquitania (Ἀκουιτανία, Ἀκυιτανία, bei Plin. auch Gallia Aquitanica, auf Inschriften provincia Aquitanica, z. B. CIL V 875), Landschaft des südlichen Galliens, die Bewohner heissen Aquitani. Wir müssen unterscheiden A. im engeren und A. im weiteren Sinne. Caesar b. G. I 1 spricht von den drei Teilen Galliens (abgesehen von der Narbonensis) und giebt als Grenzen Aquitaniens die Pyrenaeen, den Ocean und den Garumna an, genauer Strab. IV 177 Ἀκουιτανοὺς μὲν τοίνυν ἔλεγον τοὺς τὰ βόρεια τῆς Πυρήνης μέρη κατέχοντας καὶ τοῦ Κεμμένου μέχρι πρὸς τὸν ὠκεανὸν τὰ ἐντὸς Γαρούνα ποταμοῦ (vgl. Mela III 20). Bewohnt war dies eigentliche Aquitanien nach Strabon IV 189 von mehr als 20 kleineren Völkerschaften, von denen er nur wenige nennt (Tarbelli, Ausci, Convenae); er bemerkt ausdrücklich, sie seien nicht keltischen, sondern iberischen Stammes (IV 176. 189 οἱ Ἀκυιτανοὶ διαφέρουσι τοῦ Γαλατικοῦ φύλου κατά τε τὰς τῶν σωμάτων κατασκευὰς καὶ κατὰ τὴν γλῶτταν, ἐοίκασι δὲ μᾶλλον Ἴβηρσιν). Die an der Mündung des Garumna wohnenden Bituriges Vivisci bezeichnet er dagegen als keltisch (IV 190). Dies Aquitanien im engeren Sinne wurde 56 durch Caesars Legaten P. Licinius Crassus unterworfen (Caes. b. G. III 27. Mommsen Röm. Gesch. III⁷ 266f. V 72). Es brachen dann noch zwei Aufstände aus, die durch M. Agrippa (38) und Messallα Corvinus (bald nach der Schlacht bei Actium) gedämpft wurden (Schiller Gesch. der Röm. Kaiserzeit I 209f.); letzterer triumphierte am 25. Sept. 27 ex Gallia (CIL I² p. 50). Die Einrichtung der vier gallischen Provinzen (Narbonensis und tres Galliae) erfolgte erst unter Augustus (von 27 ab); es wurden jetzt zum eigentlichen Aquitanien noch 14 Stämme zwischen Garumna und Liger hinzugefügt, der Liger bildete die Nordgrenze der Provinz (Strab. IV 177 ὁ δὲ Σεβαστὸς Καῖσαρ τετραχῆ διελὼν τοὺς μὲν Κέλτας τῆς Ναρβωνίτιδος ἐπαρχίας ἀπέφηνεν, Ἀκουιτανοὺς δ’ οὕσπερ κἀκεῖνος [nämlich Caesar] προσέθηκε δὲ τετταρεσκαίδεκα ἔθνη τῶν μεταξὺ τοῦ Γαρούνα καὶ τοῦ Λίγηρος ποταμοῦ νεμομένων). Dieselbe Ausdehnung der Provinz bei Plin. n. h. IV 108f. Ptol. II 7. Von den zahlreichen Völkerschaften im südlichen Teil sind die bedeutendsten die Tarbelli, Vasates, Ausci, Convenae; Plinius nennt ausser diesen noch 25 sonst fast unbekannte Namen. Für das keltische Aquitanien stimmen Strab. IV 190f. Plin. IV 108f. Ptolem. II 7 in 11 Namen überein: Arverni, Bituriges Cubi, Bituriges Vivisci (um Burdigala), Cadurci, Gabali, Lemovices, Nitiobriges, Petrocorii, Pictones, Ruteni, Santones; Strabon und Ptolemaios nennen ausserdem die Velauni (Vellavi); Plinius kennt noch Aquitani (?), Ambilatri, Anagnutes; Ptolemaios die unbekannten Datii; zwei von diesen letzteren würden die Zahl 14 bei Strabon voll machen (vgl. Mommsen Röm. Gesch. V 87. Desjardins Géogr. de la Gaule II 359ff. III 156ff.). Augustus gab dem ganzen Gallien eine neue Organisation; er bildete aus den zahlreichen Gauen 64 Verwaltungsbezirke, deren jeder einen Vorort hatte (Tac. ann. III 44; vgl. Marquardt Röm. Staatsverw. I² 268f.). Ihr gemeinsamer Mittelpunkt war Lugudunum. Von den bei Ptolemaeus genannten aquitanischen Gauen fallen 13 [336] auf das Gebiet zwischen Garumna und Liger (14 bei Strabon), 4 auf das südliche Aquitanien. Nur diese 4 (Tarbeller, Vasaten, Auscier, Convener) vertraten auf dem Landtag in Lugudunum die zahlreichen kleinen Völkerschaften des iberischen Aquitaniens; sie waren vermutlich die Vororte von Gauverbänden, da es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass die übrigen kleineren Stämme, die nach Plinius rechtlich jenen vier gleichstanden, von der Vertretung überhaupt ausgeschlossen waren. Später (nach Mommsen Röm. Gesch. V 88 wahrscheinlich in traianischer Zeit) erhielt das iberische Aquitanien eine besondere Vertretung, wovon weder Plinius noch Ptolemaios etwas zu berichten wissen. Nach den Versen einer Inschrift auf Hasparren (vgl. Mommsen a. O. Borghesi Oeuvres VIII 544. Desjardins a. O. II 360f. III 156ff.) zu urteilen, zerfiel der abgetrennte Bezirk in 9 Gaue (pro novem optinuit populis seiungere Gallos). und der Name Novempopulana ist seither geblieben, trotzdem der Bezirk später mehr Gaue zählte (12 in der Notitia Galliarum). Von der administrativen Trennung zeugt die unter Traian fallende Inschrift CIL V 875 eines proeurator provinciarum Luguduniensis et Aquitanicae item Lactorae (Lectoure); vgl. Marquardt I² 283, 4. Mommsen a. O. V 88, 2. Diese Teilung bezog sich nicht auf die Statthalterschaft, das keltische und das iberische Aquitanien blieben unter denselben Legaten; nur erhielt die Novempopulana ihren eigenen Landtag. Im 4. Jhdt. war die Einteilung Galliens eine andere, die im wesentlichen auf Diocletian zurückgeht. Aquitanien zerfiel in eine südliche Provinz (Novempopuli, Novempopulana) und zwei nördliche Aquitanica prima und secunda, so bereits im Veroneser Provinzenverzeichnis vom J. 297 (Seeck Notit. dign. 250, doch vgl. Kuhn Jahrb. f. Philol. 1887, 704), in dem 369 geschriebenen Breviarium des Rufus Festus, im Laterculus des Polemius Silvius (um 386, s. Seeck a. O. 255), der Notit. dign. occ. I 110. 111. 112 und in der Notit. Galliarum XII. XIII. XIV; und zwar gehörten diese drei Provinzen zur dioecesis Viennensis (Marquardt I² 283). Ammianus Marcellinus spricht blos von der provincia Aquitania. In Aquitanica prima verzeichnet die Not. Gall. die civitates Biturigum, Arvernorum, Rutenorum, Albigensium, Cadurcorum, Lemovicum, Gabalum, Vellavorum; in Aquitanica secunda: civitates Burdegalensium (=Biturigum Viviscorum), Agennensium, Ecolisnensium, Santonum, Pictavorum, Petrocoriorum; in Novenapopulana: civitates Ausciorum, Aquensium, Lactoratium, Convenarum, Consoranorum, Boatium, Benarnensium, Aturensium, Vasatica, Turba, Iluronensium, Elosatium (über dieselben vgl. Longnon Géogr. de la Gaule au VIe siècle 462ff.). Zur physischen Geographie des Landes vgl. Desjardins) Géogr. de la Gaule I; zur Verwaltung den Artikel Gallia.

Ausläufer und Vorberge der Pyrenaeen und Cevennen machen das Land im Süden sehr uneben; doch ist der von dem Garumna und im Norden vom Liger und ihren Nebenflüssen bewässerte Boden des Mittellandes fruchtbar; er lieferte Getreide, das nach Hispanien ausgeführt wurde; sandig und mager war das Küstenland [337] und brachte nur Hirse hervor (Strab. IV 190. 199). Bei den Tarbellern gewann man viel Gold, in den Cevennen Eisen und ebenfalls Gold (Strab. III 146. IV 187. 190). Ausserdem war das Land nördlich der Pyrenaeen ungemein reich an Mineralquellen, besonders das Gebiet der Tarbeller (Plin. n. h. XXXI 4). Die beiden Hauptgebirge waren die schon genannten Pyrenaei montes und der Mons Cevenna, der Hauptstrom der Garumna mit den Nebenflüssen Oltis (Lot) und Dardanius (Dordogne), wozu noch die Küstenflüsse Aturus (Adour), Carantonus (Canentelus, heute Charente) und die linken Nebenflüsse des Liger kommen. Die Aquitanier zwischen Pyrenaeen und Garonne, einer der drei Hauptstämme Galliens, waren wahrscheinlich Abkömmlinge der spanischen Urbewohner und nach Strabon IV 176. 189 (s. o.) von den Galliern und Belgiern gänzlich verschieden, nicht allein hinsichtlich der Sprache, sondern auch an Körperbau und Gesichtszügen, und mehr den Iberern als den Galliern ähnlich. Im Gebiet der Pyrenaeen sind zahlreiche Inschriften mit Namen iberischer, topischer Gottheiten gefunden worden, über deren Wesen wir meist im Dunkeln sind. Solche Gottheiten sind Aherbelste, Alardostus, Baeserte, Ilunnus, Ilixo, Leherennus, Lahe (Göttin), Xuban und andere. Darüber Desjardins Géogr. de la Gaule II 385ff. Mérimée De antiquis aquar. religionibus in Gallia meridionali ac praesertim in Pyrenaeis montibus (Paris 1886); über die Sprache Luchaire De lingua Aquitanica (Paris 1877). Vgl. auch die Prolegomena von Hübners Monumenta linguae Ibericae (Berol. 1893); hier ist weitere Litteratur verzeichnet; iberische oder angeblich iberische Eigennamen aus Aquitanien und Narbonensis sind in besonderen Registern zusammengestellt p. 244 (Geographische). 253 (Götternamen). 261 (Personennamen). Schliesslich sei noch bemerkt, dass nach Plin. n. h. IV 105 Aquitanien von den Pyrenaeen bis zur Garonne einst Aremorica geheissen haben soll, ein Name, welcher später eine viel weitere Bedeutung hatte. s. Aremorica.

[Ihm.]

Nachträge und Berichtigungen

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Band S III (1918), Sp. 138
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S. 335ff. zum Art. Aquitania:

Die Inschriften der römischen Provinz A. sind zusammengestellt von Hirschfeld CIL XIII 1, 1 (1899) p. 1–220, die Bildwerke von Espérandieu Recueil II (1908) mit Nachträgen III (1910) p. 453ff.

Dem Worte liegt wohl der Flußname *Aqita zugrunde, Verkleinerung mit Suffix -ǐta (wie in Fluß Argita aus Fluß Arga, Gallita aus Gallus) von aqā , Wasser' (Stokes-Bezzenberger) oder auch = lat. aquae Bad? Als Flußname erscheint es im 10. Jhdt. noch als Akeda, heute Acht (Förstemann I 43). Wegen der Darangabe der labialen Affektion des velaren q-Lautes vgl. z. B. Aquincum und Acincum. Dies *Aquita ist ohne Zweifel im Kompositum Acitodunum in Aquitanien wiederzufinden, das nach Holder s. v. mit altir. ached ,Feld‘ zusammenfallen soll, aber, weil in A. gelegen, wahrscheinlicher zu diesem Worte gehört. Zu *Aquita tritt dann noch das Doppelsuffix -an + ia wie in Amm-an-ia, Nassania usw. (vgl. Holder s. v.). Das Wort setzt voraus, daß es vor der spätgallischen Lautverschiebung q ⟩ p im 2. vorchristlichen Jhdt. zustande kam.