RE:Athenaios 21

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 2025–2026
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21) Griechischer Rhetor aus dem 2. Jhdt. v. Chr., nach Phoibammon π. σχημ. III 44, 11 Sp. aus Naukratis (doch scheint ὁ Ναθκρατίτης a. O. byzantinischer Zusatz, beruhend auf einer Verwechslung mit dem späteren Sophisten aus Naukratis, s. Thiele 184, 1), Zeitgenosse und bedeutendster Nebenbuhler des Hermagoras (Quint. III 1. 16). Nur wenige Bruchstücke aus seinen technischen Schriften sind auf uns gekommen, doch genügen sie, um Quintilians Zeugnis über das Verhältnis des A. zu Hermagoras zu bestätigen. Seine Definition der Rhetorik als λόγων δύναμις στοχαζομένη τῆς τῶν ἀκουόντων πειθοῦς findet sich bei Sext. Emp. adv. rhet. 62 in unmittelbarem Anschlusse an die des Hermagoras (hierüber Thiele 183). Mit ihr steht im Widerspruche die Bezeichnung der Rhetorik als fallendi ars, d. i. ψευδοτεχηνία bei Quint. II 15, 23 (Thieles Erklärungsversuch 185 befriedigt nicht; vielleicht ist Athenodorus zu lesen unter Berücksichtigung von II 17, 15 und II 15, 2). Für die μέρη τῆς ῥητορικῆς, wie εὑρεσις, τάξις, λέξις u. s. w. hatte A. den auch sonst angewandten Ausdruck στοιχεῖα, elementa (Quint. III 3, 13). Im Gegensatze zu Hermagoras, der die ζητήματα πολιτικά in θέσεις und ὑποθέσεις schied, ordnete A. die θέσις der ὑπόθεσις unter, indem er sie pars causae, d. i. wohl μόριον ὑποθέσεως nannte (Quint. III 5, 5); darin folgten ihm Apollodoros von Pergamon (s. Bd. I S. 2890) und Cicero part. or. 61, 9; top. 80; ob freilich directe Entlehnung vorliegt, wie für Cicero Merchant De Cic. part. or., Berlin Diss. 1890, 45f. 78 annimmt, ist fraglich, vgl. F. Marx Berl. phil. Wochenschr. XII 1892, 43-47. In der Stasislehre wich A. wesentlich von Hermagoras ab (Quint. III 6, 47); Hermagoras unterschied στοχασμός, ὅρος, ποιότης, μετάληψις, A. eine [2026] στάσις προτρεπτική oder παρορμητική, συντελική (= στοχασμός) ὑπαλλακτική) (= ὅρος von einigen nach Quint. III 6, 48 als μετάληψις aufgefasst; da A. indes zu den multi gehört haben wird, die nach Cic. inv. I 16 den Hermagoras wegen der μετάληψις getadelt haben, so ist wohl an der gewöhnlichen Auffassung der ὑπαλλακτική als ὅρος für A. festzuhalten), δικαιολογική. Mit Hermagoras hat er also zwei στάσεις gemein, deren Namen er jedoch geändert hat; die δικαιολογική ist bei Hermagoras ein Teil der ποιότης; die μετάληψις hat A. fallen lassen, dafür findet sich bei ihm die προτρεπτική. Letztere ist nach Quint. III 6, 47 ein status exhortativus, qui suasoriae est proprius, vertritt also das γένος συμβουλευτικόν des Aristoteles, wie die δικαιολογική wohl dem γένος δικανικόν entsprechen soll; es liegt sonach bei A. ein verfehlter Versuch vor, die γένη τῶν λόγων) des Aristoteles mit der hermagoreischen Stasislehre auszugleichen (Thiele 182). Aus Quint. III 6, 45 erschliesst Marx Berl. phil. Wochenschr. X 1890, 1005 und Incerti auctoris ad Her. libri, Leipzig 1894, Proleg. 131. 156f., dass der Römer M. Antonius in seiner Rhetorik sich an einen griechischen Rhetor angeschlossen hat, der seiner Stasislehre die des A. zu Grunde gelegt hat. Aus dem Kapitel über die λέξις, die in dem System des Hermagoras wenig Beachtung gefunden hat, scheint die bei Phoibammon a. O. überlieferte Definition des σχῆμα entnommen; dieselbe Definition hat nach demselben Gewährsmanne Apollonios Molon, der sich also hierin an A. angeschlossen hat. Ein ganz besonders grosses Gewicht legte A. auf den Vortrag, die ὑπόκρισις (Philod. rhet. IV 2, 193 Sudh.; vgl. auch Gomperz S.-Ber. Akad. Wien CXXIII 1891 VI 32f, 3. Thiele 184), die er mithin auch unter den στοιχεῖα τῆς ῥητορικῆς behandelte, während Hermagoras sie unbeachtet liess (Thiele 150). Ob in dem System des A. auch die μνήμη Beachtung gefunden, ist nicht nachweisbar. Thieles Behauptung 185, dass A. in der Praxis von dem Grundsatze ausging, durch äussere Mittel, einen blendenden Vortrag und klingende (= gorgianische) Wortfiguren in asianischer Manier die Sinne der Hörer zu bezaubern, ist durch die dafür angeführten Stellen über das σχῆμα und die ὑπόκρισις keineswegs erwiesen; ebensowenig begründet ist die Localisierung des A. auf Rhodos (188) und die Schülerschaft des Apollonios Molon (186).

Vielleicht identisch mit unserm A. ist ein Ἀθήναιος, von dem bei Bekker Anecd. Gr. II 651, 6 ein Fragment mitgeteilt wird im Anschlusse an die Erklärung der Definition der Stoiker für τέχνη a. O. 649, 31–33. Über A. vgl. Susemihl Griech. Litt. II 1892, 487f. 696f. Thiele Hermagoras, Strassburg 1893, 182-189.