RE:Corsica

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,2 (1901), Sp. 16571660
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Corsica (der Name nach Diodor. V 13 von den Römern aus der Sprache der Urbewohner übernommen; griechisch Κύρνος, was Kiepert mit dem semitischen qeren = Horn, Cap, zusammenbringen will, nur spätere Griechen sagen Κορσίς, Dion. Perieg. 459 im Verse. Steph. Byz., oder [1658] Κόρσικα; Ethn. Corsus, selten Corsicanus, Serv. und Solin. 3. 4, griechisch Κύρνιος, Κυρναῖος), die viertgrösste (falsche Schätzungen der alten Geographen Strab. II 123. Diodor. V 17. Skylax 113; übertriebene Grossenangaben bei Strab. V 224. Plin. III 80) Insel im Mittelmeer (159 □ Ml., 8747 □ km.) zwischen 41° 21’ und 43° 1’ nördlicher Breite gelegen. Sie ist ein rauhes Bergland; im Centrum der Insel steigen die Gipfel bis über 2600 m. auf (Monte d’Oro 2653 m., schon bei Ptolemaios χρυσοῦν ὄρος); der Abfall ist meist steil nach Westen, allmähliger nach Osten, wo auch die grössten, freilich immer nur wenig bedeutenden Flüsse sich finden (Tuola, jetzt Golo; Rhotanus jetzt Tavignano). Das Klima ist besser, als das der Nachbarinsel Sardinien, nur in den fruchtbaren aber der Versumpfung ausgesetzten Niederungen an der Ostküste herrschte auch im Altertum Malaria (Senec. epigr. sup. exilio 1; dial. XII 6, 5. 7, 8. 9, 1).

Unter den Landesproducten steht das Bauholz (Plin. n. h. XVI 197. Dion. Perieg. 460), welches die ausgedehnten Waldungen (Schilderungen bei Theophr. hist. plant. V 8) lieferten, obenan; ferner Teer, Wachs, Honig (diese drei Dinge lieferten nach Diodor. V 13, 4. XI 88, 5 die Einwohner als Abgabe an die Etrusker), letzterer von bitterem Geschmack (Plin. XVI 71. XXX 28 u. a. Verg. ecl. 9, 30. Ovid. am. I 12, 10). Im Süden wurden Steinbrüche (Granit) betrieben, deren Spuren noch an manchen Stellen sichtbar sind. Die Küstenebenen im Osten lieferten Getreide, während in den Gebirgen des Westens die einheimische Bevölkerung ein Hirtenleben führte (Diodor. V 14). Abbauwürdige Metalladern finden sich nicht; als Merkwürdigkeit erwähnt Plin. XXXVII 152 (danach Solin. 3, 3 und Priscian, Perieg. 470) den lapis catochites.

Die Ureinwohner scheinen dem iberischen Volksstamm angehört zu haben; bei dem Mangel an Denkmälern (megalithische Monumente nur ganz im Norden und ganz im Süden der Insel: vgl. Pigorini Bullet, di paletnol. ital. 1877, 178–185. de Mortillet Rapport sur les monuments megalithiques de la Corse, Nouv. Archives d. miss. scientif. III 1893, 49–84) und der Dürftigkeit der sprachlichen Reste (nur wenige Eigennamen) legt man Gewicht auf das Zeugnis des Seneca (dial. XII 7, 9), der sie den Cantabrern ähnlich fand, und besonders auf das von Diodor bezeugte Factum, dass die C. den sonderbaren Brauch des ,Männerkindbettes‘ (Couvade) pflegten, den in Europa nur die Iberer (Basken) kennen. Dagegen giebt Solin. 3, 3 (aus unbekannter Quelle, ob Sallust? vgl. hist. fr. II 8 Dietsch; aus Solin Isid. orig. XIV 6, 41) an, die Ureinwohner seien Ligurer gewesen. Nach Herodot (VII 165) dienten corsische Söldner unter den Karthagern; in römischer Zeit beschreibt Strabon (V 224) die Bergbewohner als verwilderte Briganten, die nicht einmal zu Sclaven brauchbar seien; günstiger lautet die Schilderung des Diodor (V 13. 14: wohl unter dem Einfluss einer die Naturvölker idealisierenden griechischen Quelle). Als Stämme der Eingeborenen nennt Ptolem. III 2, 7 die Cervini (Κερουινοί, Var. Βερουινοί, Κερονηνοί; Müller z. d. St. vermutet Κερσουνοί) am Mons Aureus, südlich die Tarabenii, Titiani, Balantini; ganz [1659] im Norden die Vanacini Cilibenses Licuini Macrini; südlich von diesen die Opini, Syrbi, Coymaseni, ganz im Süden die Subasani (zu allen Namen in den Hss. zahlreiche Varianten).

In der Geschichte tritt C. zuerst anfangs des 6. Jhdts. v. Chr. auf, wo (564) die Phokaier die Niederlassung Ἀλαλίη gründeten (s. Bd. I S. 1367), jedoch schon nach wenigen Jahren den vereinigten Karthagern und Etruskern weichen mussten. In der Folgezeit blieb C. unter der Oberhoheit der Etrusker, die dort eine Stadt Nikaea gründeten (Diodor. V 13); auf Beziehungen zu den sicilischen Griechen deutet der Name des Portus Syracusanus an der Südspitze. Nach dem Fall der Etrusker kam die Insel unter karthagischen Einfluss, wurde 259 v. Chr. vom Consul L. Cornelius Scipio erobert (fasti triumph.; CIL I 32 = 1287, vgl. o. S. 1428), wenn auch die dauernde Occupation vielleicht erst zugleich mit Sardinien, nach dem Ende des ersten punischen Krieges, stattfand (Fest. p. 322 s. Sardi). Ein Aufstand der Bergbewohner wurde 231 vom Praetor Papirius Maso mit blutiger Strenge niedergeworfen, doch fand der Senat die Überwindung dieser Barbaren eines Triumphes nicht wert, worauf der Praetor den ersten triumphus in monte Albano abhielt (Fasti triumph. z. d. J. Val. Max. III 6, 5. Plin. n. h. XV 126; vgl. Zonar. VIII 18. Liv. epit. XX). Auch im J. 172 erhielt der Praetor C. Cicereius für Besiegung der Corsen nur einen triumphus in monte Albano (Fasti triumph. z. d. J. Liv. XLII 21). Gegen Ende der Republik führte Sulla eine Colonie nach Aleria, und Marius gründete die nach ihm benannte Mariana an der Mündung des Tuola. Doch blieb C. auch in der Kaiserzeit ein unwirtliches, wenig civilisiertes Land, welches als Deportationsort diente; die Schilderungen des hierher verbannten Philosophen Seneca geben ein ungünstiges, freilich nicht unparteiisches Bild, das jedoch in seinen Hauptzügen durch Diodors und Strabons Schilderungen bestätigt wird. Dass C. Station der classis praetoria Misenensis gewesen, ergiebt sich aus der Erzählung von der Revolte des Decumius Pacarius im J. 69 (Tac. hist. II 16) wie aus der relativen Häufigkeit von Inschriften der Flottensoldaten. Nur an der Ostküste fand sich eine Kunststrasse (Stationen im Itin. Ant. 85: Mariana – mp. 40 – Aleria – 30 – Praesidio – 30 – Portu Favoni – 25 – Pallas). Die 33 ,Städte‘, von welchen Plin. III 80 spricht (Ptolem. III 2 zählt 31 auf), können nur unbedeutende Orte gewesen sein. Wie wenig tief die römische Cultur in C. eingedrungen ist, zeigt am besten der Umstand, dass, abgesehen von Gefässstempeln u. dgl., nicht zwanzig lateinische Inschriften auf der Insel gefunden sind.

Bis auf Vespasian gehörte C. administrativ zu Sardinien; dann scheint es bis Ende des 3. Jhdts. kaiserliche Provinz unter einem procurator gewesen zu sein (Rufus Fest. brev. 4. vgl. Mommsen CIL X p. 838); in der diocletianischen Reichseinteilung steht es unter einem praeses (Not. dign. occ. Cod. Theod. I 16, 3. II 6, 2. Paul. Diac. II 22). Mitte des 5. Jhdts. scheint es von den Vandalen occupiert zu sein (Hydat. z. J. 456–457 in Mommsens Chron. min. II 29;, wurde 533 von Belisar für Ostrom erobert, und nach [1660] einer episodischen Herrschaft der Gothen (Totila) mit dem Exarchat von Ravenna vereinigt (Procop. b. Vand. II 5; b. Goth. IV 24). Im 8. Jhdt. ging es dann an die Sarazenen verloren.

Hauptstellen über C.: Diodor. V 13. 14. Strab. V 224. Senec. dial. XII 7, 8. 9, 1; epigr. 1. 2. Ptolem. III 2. Lateinische Inschriften aus C.: CIL X 8034–8040. 8329. Ephem. epigr. VIII 799–804. E. Michon Mélanges de l’école française de Rome XI (1891) 106–132. Vgl. J. A. Galletti Histoire illustrée de la Corse, Paris 1866.