RE:Despoina

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 252–254
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Despoina. Δέσποινα, Herrin, kann der Beiname jeder Göttin sein und ist mit den männlichen ἄναξ, δεσπότης, κύριος auf dieselbe Stufe zu stellen (Usener Götternamen 221, 6). In der Dichtersprache werden demnach die verschiedensten Göttinnen D. genannt, z. B. Artemis, Athena, Hekate, Kybele, vgl. Preller Demeter und Persephone 385. Im Cultus ist der Name D. aber auf die unterirdischen Gottheiten beschränkt und bezeichnet namentlich eine alte chthonische Göttin Arkadiens, die erst später mit Kore identificiert worden ist. Eine noch spätere Entwicklung ist es, wenn Kore und ihre Mutter Demeter, die ursprünglich zwei völlig selbständige Göttinnen waren, als δέσποιναι bezeichnet werden. Letzteres ist allerdings nur für Olympia durch Paus. V 15, 4 (Altar der δέσποιναι ausserhalb [nach C. Roberts Verbesserung Herm. XXIII 1888, 435] der Altis beim Leonidaion; dazu 15, 10 über die weinlosen Spenden für D.) und Kyzikos durch die Inschrift bei Roehl IGA 501 [Ξανθιπ??]πη δεσπόνησιν bezeugt. Demeter als δ. in dem Gebet des Mnesilochos an die thesmophorischen Göttinnen bei Aristophan. Thesmoph. 286 δ. πολυτίμητε Δήμητερ φίλη καὶ Φερσέφαττα und wahrscheinlich auf den Verwünschungstafeln von Knidos (Wuensch Defixion. tabellae atticae p. XI; vgl. Usener a. a. O. 222). Kore als δ. z. B. bei Platon leg. VII 796 B ἡ δ’ αὖ που παρ’ ἡμῖν Κόρη καὶ δ.

Wichtiger als all dieses ist der Cult der D. in Arkadien, in der wir eine alte chthonische Göttin zu erkennen haben. Von besonderer Bedeutung ist da der Cult von Lykosura, über den die Ausgrabungen von B. Leonardos wertvolle Aufschlüsse gebracht haben (Πρακτικὰ τῆς ἀρχ. ἑταιρ. 1896, 95–126 mit drei Tafeln. Cavvadias Fouilles de Lycosura Livr. 1, Athènes 1893. Ch. Normand L’ami des monuments et des arts VI 1892, 150–164). Die Resultate der Ausgrabungen werden durch den Bericht des Paus. VIII 37, 1–10 (vgl. 27, 6) ergänzt. In dem in römischer Zeit restaurierten Tempel der D. stand ein grosses Cultbild von der Hand des Messeniers [253] Damophon, dessen Reste aufgefunden und jetzt zum Teil im Nationalmuseum zu Athen aufgestellt sind. Über das Alter dieser Cultgruppe gehen die Ansichten der Archaeologen stark auseinander (vgl. M. Ruhland Die eleusinischen Göttinnen, Strassburg 1901, 105-108). C. Robert (Herm. XXIX 1894, 429) weist sie erst der Kaiserzeit zu und kommt mit diesem Ansatz jedenfalls der Wahrheit näher als die, welche kein Bedenken trugen, sie dem vierten vorchristlichen Jahrhundert zuzuweisen. Demeter und D. waren, zu einer Gruppe vereinigt, sitzend dargestellt; Demeter mit der Fackel in der Rechten; die andere Hand legte sie auf die D., welche das Scepter in der Hand, die mystische Ciste auf dem Schosse hielt. An der einen Seite des Throns, auf dem die beiden Göttinen sitzen, stand Artemis, an der anderen Anytos, ein dem Hades sicherlich verwandter Gott (Athen. Mitt. XVI 1891, 7). In der arkadischen Legende galt Anytos, der in Waffenrüstung dargestellt war, als Titane und Erzieher der D., die von Paus. VIII 37, 9 ausdrücklich von Kore unterschieden wird: ταύτην μάλιστα θεῶν σέβουσιν οἱ Ἀρκάδες τὴν Δέσποιναν, θυγατέρα δὲ αὐτὴν Ποσειδῶνός φασιν εἶναι καὶ Δήμητρος, ἐπίκλησις ἐς τοὺς πολλούς ἐστιν αὐτῇ Δέσποινα, καθάπερ καὶ τὴν ἐκ Διὸς Κόρην ἐπονομάζουσιν, ἰδίᾳ δέ ἐστιν ὄνομα Περσεφόνη, καθὰ Ὅμηρος καὶ ἔτι πρότερον Πάμφως ἐποίησαν· τῆς δὲ Δεσποίνης τὸ ὄνομα ἔδεισα ἐς τοὺς ἀτελέστους γράφειν. Die Selbständigkeit der D. im Cult von Lykosura bestätigt die Weihung des Königs Tulius Epiphanes Philopappos an D. und Sotira, unter welchem Namen Kore in Arkadien und Lakonien verehrt wurde, Ἐφημ. ἀρχ. 1896, 128. Sonstige Weihinschriften an D.: Ἐφημ. ἀρχ. 1895. 270 (= Dittenberger Syll.² 309). 1896, 101. 111. 113. 239; an D. und Artemis 1896, 107; an die δέσποιναι ἐπήκοοι 1896, 238. Nach Paus. 37, 7 durfte kein Granatapfel ins Heiligtum der D. gebracht werden; genaue Vorschriften über das Betreten des ἱερόν und die darzubringenden Opfer in dem wichtigen von Leonardos Ἐφημ. ἀρχ. 1898, 249 (R. Meister Ber. Sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1899, 147. Dittenberger Syll.² 939) publicierten, in der Nähe von Lykosura gefundenen ἱερὸς νόμος aus dem 3. Jhdt. v. Chr. Die Opferbestimmungen dieses νόμος stimmen aber nicht ganz zu der Nachricht bei Paus. 37, 8 καὶ τελετήν τε δρῶσιν ἐνταῦθα καὶ τῇ Δεσποίνῃ θύουσιν ἱερεῖα οἱ Ἀρκάδες πολλά τε καὶ ἄφθονα. θύει μὲν δὴ αὐτῶν ἕκαστος ὅ τι κέκτηται· τῶν ἱερείων δὲ οὐ τὰς φάρυγγας ἀποτέμνει ὥσπερ ἐπὶ ταῖς ἄλλαις θυσίαις. κῶλον δὲ ὅ τι ἂν τύχη. τοῦτο ἕκαστος ἀπέκοψε τοῦ θύματος. Ausser für Lykosura (vgl. noch die Geschichte von der heiligen Hindin der D. bei Paus. VIII 10, 10) ist der Cult der D. in Arkadien noch bezeugt für die Umgegend von Phaidrion an der messenischen Grenze (Paus. VIII 35, 2 Bilder der D., der Demeter, des Herakles und des Hermes) und für Phigaleia, wo D., wie in Lykosura, für die Tochter des Poseidon und der Demeter gehalten wurde (Paus. VIII 42, 1). Der Kopf der D. wahrscheinlich auf arkadischen Münzen, R. Weil Ztschr. f. Numism. IX 1882. 25 Taf. II 3 und Head HN 372.

In der Peloponnes finden wir D. sonst noch im Hieron von Epidauros (Cavvadias Τὸ ἱερὸν [254] τοῦ Ἀσκληπίου ἐν Ἐπιδαύρῳ 1900, 193) und in der nur aus den Scheden Fourmonts bekannten Opferurkunde aus Mishra bei Sparta neben Demeter und Persephone (CIG I 1464, 6. Usener a. a. O. 223). Usener erinnert bei der peloponnesischen D. an die selinuntische Pasikrateia.

[Kern.]