RE:Lollianus 15

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIII,2 (1927), Sp. 13731375
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15) P. Hordeonius Lollianus (Name: IG III 625 = Kaibel Ep. gr. 877 = Kayser 7), Sophist aus Ephesos (Philostr. vit. soph. I 23 [225, 10 K.])‚ war ein Schüler des Attizisten Isaios, des Assyrers (Philostr. p. 225, 29), und blühte zwischen den Isaiosschülern Dionysios von Milet (Philostr. vit. soph. I 22) und Markos von Byzanz (Philostr. vit. soph. I 24), lebte also noch in der Zeit Kaiser Hadrians (Suid. s. v. Kayser Philostr. 280). In der attischen Renaissancebewegung, die dieser bildungs- und daher rednerfreundliche Herrscher so sehr forderte, spielte L. eine besondere offizielle Rolle. Hadrian führte die Restauration der durch Antipatros aus Athen und Attika vertriebenen Rhetorik (Suid. s. θρόνοι) der Rhetorik in Athen errichtete und einen von ihnen dem L. verlieh (Philostr. vit. soph. 225, 10). Vielleicht geschah dies beim Aufenthalte des Kaisers in Athen im September 124. Als Kollege des L. wird Pyrrhos, der Klazomenier, genannt.‚ Als offenbar vermögender Mann (vgl. Seeck Untergang d. ant. Welt ΙΙ² 152, 6) hat L. in Athen auch Ämter bekleidet und gewiß auch erstrebt (Seeck IΙ² 157ff.) um [1374] der Ehren willen, die ihm ja geworden sind. Wir wissen in Athen von zwei Bildsäulen L.s (Philostr. 225, 30). Sie bezeichnen Stätten bezw. Leistungen seiner öffentlichen Tätigkeit. Die eine stand auf dem Marktplatze: L. bekleidete nämlich die στρατηγία ἐπὶ τῶν ὅπλων (Philostr. 225, 11), unter welchem klangvollen Titel sich die Aufsicht über den Lebensmittel- und Getreidemarkt und die Sorge um die Verproviantierung der Stadt barg. Der Sockel einer Bildsäule, die wohl für seine Strategie bewilligt worden war, ist nun auf der Akropolis gefunden worden (IG III 625), wohin sie vom nahen Markte gekommen sein wird. Sie gibt sich in einer prosaischen Aufschrift als Ehrung durch den Rat der 500 und das Volk und in einer metrischen als Spende von Schülern (ἑταῖροι) kund, deren Namen und Herkunft auf einem verlorenen δίσκος der Bildsäule verzeichnet waren. L. wird daselbst gefeiert als Prozeßredner und Deklamationsredner (ἀμφότερον, ῥητῆρα δικῶν, μελέτῃσι τ’ ἄριστον), woraus Kayser geschlossen hat, daß er auch als Sachwalter aufgetreten ist. Jedenfalls soll seine Gewandtheit in den zwei Hauptzweigen der Beredsamkeit, in der politischen und sophistischen, gerühmt werden. Die zweite Bildsäule des L. ist in dem kleinen Wäldchen gestanden, das er selbst angelegt haben soll. In einer Inschrift (Δελτ. ἀρχ. 1892 p. 38 Graindor 156) aus dem Jahre des Archon Phileas, d. i. (nach Graindor 158) 153/4 n. Chr.‚ erscheint der ἱερεύς L. unter den Prytanen. Er hat somit gegen Ende des Ant. Pius noch in Athen gelebt. Seine Lehrtätigkeit, für die L. hohes Honorar forderte, erstreckte sich dem Preise gemäß nicht bloß auf praktische Übungen durch Reden, die er selbst hielt und halten ließ (μελετηρὰς συνουσίας), sondern er hielt auch theoretische Kollegien (διδασκαλικὰς συνουσίας), was Philostr. (225, 30) als ungewöhnlich vermerkt (Brandstaetter 239f.). Die technischen Neigungen L.s sind übrigens für sein ganzes Wesen so bezeichnend, daß ihn der freilich gegensätzlich geartete Lukian (Ep. 26) darob verspotten konnte. Eben dies anläßlich des Todes L.s verfaßte Epigramm läßt sich vielleicht auch für die Bestimmung seiner Todeszeit verwerten. Aktuelles Interesse konnte der Tod des berühmten Professors für Lukian nur in Athen und in seiner ersten sophistischen Zeit gehabt haben. So käme man etwa auf die Jahre 155–160. Entsprechend seiner doppelten Lehrtätigkeit hat der (nach Suidas sehr fruchtbare) L. nicht nur Reden, sondern auch einen Lehrgang der Beredsamkeit verfaßt, der einen Eckstein im Gebäude der antiken rhetorischen Kunstlehre bildet. Denn L. war einer der ältesten Kunstlehrer, deren τέχναι im 3.–5. Jhdt. noch gelesen wurden; er also wird jener Zeit zumeist die älteren Lehren vermittelt haben, die uns heute noch in den Kommentaren zu Hermogenes begegnen. Schon Lachares (Ps. Castor p. 8 Stud.) nennt L. unter seinen Gewahrsmännern gleich hinter Isokrates.

Verteilung der Fragmente: I. ⟨Περὶ στάσεων⟩. A. ⟨Προλεγόμενα τῶν στάσεων⟩ in der Art des καθόλου λόγος bei Zenon Rhet. l. m. 313, 8-321, 27. frg. l: Sopatros Rhet. V l7 ‚17 (Glöckner 52 b) = Definition der Rhetorik. frg. 2: Markellinos IV [1375] 63, l4 (vgl. V 25, 3. VII 111 7; Glöckner 52 a; Pr. Bunzlau 1908 p. 31) = Einteilung der Rhetorik. Frg. 3: Rhet. V 592, 31-593, 23 (Glöckner 52 d. g. c. Schissel B. Ng. Jb. III 41. 44) = Stellung der στασίς in der ῥητορικὴ ζήτησις. — B. Ὄνομα τῶν στάσεων (Rhet. V 174, 27). Frg. 4: Sopatros V 79, 14 (vgl. V 8. 18. II 683, 27. Glöckner 52 e) = Zahl der στάσεις. Frg. 5: Sopatros V 174, 26 (IV 648, 9. Glöckner 53f.) = Unteilbarkeit der ἀντίθεσις. —— C. Διαίρεσις τῶν στάσεων (vgl. Rhet. V 174, 27). II. ερὶ ἀφορμῶν ῥητορικῶν. Aus der Topik stammt wohl (vgl. Cic. Top. 97) Frg. 6: Rhet. VII 32, 25–33, 4 = Begriff, Teile und Tugenden des προοίμιον. III. ⟨Περὶ χαρακτήρων⟩. Frg. 7: Ps.–Castor p. 8 = Definition des κῶλον. Aus den Frg. des L. läßt sich nachweisen Benützung des Aristoteles, des älteren Hermagoras (der jüngere lebte ja nach L.)‚ Demetrios περὶ ἑρμ., Dionys. Hal., Apollodoros von Pergamon, Theodoros aus Gedara, des Stoikers Cornutus. Die technischen Fragmente des L. atmen also noch den Geist der philosophischen Rhetorik der alexandrinischen Zeit. C. L.

Kayser P. Hordeonius L., Heidelberg 1841. Glöckner Bresl. philol. Abh. VIII 2 p. 50-54. Prosop. Imp. Rom. II 147. Christ-Schmid Gesch. d. griech. Lit. II 2⁶ p. 694. 927. Graindor Acad. Belg. Lett. Mém. 4⁰, 2. sér. VIII 2 p. 156. 158 (mit Lit.).