RE:Markos 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIV,2 (1930), Sp. [1930 1853]–[1930 1856]
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2) Sophist aus Byzanz (Philostrat. vit. soph. 20 I 24, 1).

I. Leben.

Markos entstammte einem alten Stadtadel: führte sein Geschlecht auf den Stadtgründer Byzas, den Sohn des Poseidon zurück (Philostrat. vit. soph. I 24, 1 p. 226, 3 K.). Er war offenbar von Haus aus vermögend: sein gleichnamiger Vater besaß ein von Sklaven betriebenes Fischereiunternehmen im bithynischen Hieron an der Mündung des Bosporus in das Schwarze Meer (ebd. 226, 3). Geboren wurde er mutmaßlich um 78 n. Chr.: er war nämlich Schüler des Sophisten Isaios aus Assyrien (ebd. 226, 4), jünger auch als dessen Schüler Dionysios von Milet und jünger wohl auch als Lollianos von Ephesos, ebenfalls ein Schüler des Isaios (Schissel Philol. LXXXII 181), aber älter als der Sophist Polemon aus Laodikeia am Lykos. Das geht hervor 1. aus der Anordnung der Lebensbeschreibungen des Philostratos (Münscher Philol. Suppl. X 472, 493); 2. daraus, daß M. den Polemon besuchte, als er selbst schon ein berühmter Mann (Philostrat. vit. soph. I 24, 2 p. 226, 23) war, während jener noch nicht den Gipfel seines Ruhmes erklommen hatte, wie sein Benehmen gegen M. beweist (Philostrat. I 24, 2 p. 227, 1). Polemon lebte etwa von 88 n. Chr. bis 145 (Jüttner Bresl. philol. Abh. VIII 22) und dürfte um 123 (Jüttner 27) im Zenithe gestanden sein. Die Hochblüte des Isaios darf man ansetzen um 100 (Nächster De Pollucis et Phrynichii controvers. Leipz. 1908, 40); doch stand er noch mit Kaiser Hadrianus (117-138) in Fühlung (Graindor Univ. Gand Recueil de travaux faculté philos. L 70), so daß Isaios kaum vor 55 n. Chr. geboren wurde. So mag M. als der zeitlich dem Polemon nächste unter den noch bekannten Isaiosschülern etwa 10 Jahre älter als Polemon gewesen sein. M. lebte in seiner Vaterstadt Byzanz, wo er als Redelehrer auftrat (Philostrat. vit. soph. I 24, 2 p. 226, 19), ob auch als Sachwalter, bleibt unbestimmbar: Schüler des Polemon, die in Byzanz gewesen waren, erkannten ihn in Smyrna (Philostrat. vit. soph. I 24, 2 p. 226, 24); so mußte er doch in Byzanz als Sophist bekannt gewesen sein. M. führte auch für seine Vaterstadt eine Gesandtschaft an Kaiser Hadrianus durch, offenbar mit Erfolg, weil ihm Hadrianus Anerkennung spendete (Philostrat. vit. soph. [1854] I 24, 3 p. 227, 7); auch diese Aufgabe hätte man einem Privatmanne nicht anvertraut. Doch hat M. auch Reisen gemacht: über eine Kunstreise, die ihn nach Smyrna und dann (Philostrat. vit. soph. I 24, 3 p. 227, 3) nach Megara führte, berichtet Philostratos. Von der Gesandtschaftsreise war schon die Rede. Wie lange M. lebte, weiß man nicht.

II. Stil.

M. gehörte zur Schule des Isaios. Ihr rednerisches Ziel stand in Gegensatz zu dem der smyrnäischen Schule des Niketes, Skopelianos und ihres Sternes Polemon (Boulanger Aelius Aristide, Paris 1923, 94ff.). Die Schule von Smyrna liebte einen poetischen und gorgianischen Stil (Philostrat. vit. soph. I 19, 1 p. 217, 3. 216, 27. 21, 1 p. 218, 25. 21, 5 p. 221, 5ff. 25, 5 p. 229, 27. 25, 10 p. 232, 33). Naeh der Terminologie des Aristeides und Hermogenes strebten also die Smyrnäer nach μέγεθος der Darstellung und da besonders nach λαμπρότης, außerdem nach κάλλος. Die Schule des Isaios dagegen trachtete, eine ἰδέαν ... λόγων οὔτ’ ἐπιβεβλημένην, οὔτ’ αὖον, ἄλλ’ ἀπέριττον καὶ κατὰ φύσιν καὶ ἀποχρῶσαν τοῖς πράγμασιν (Philostrat. vit. soph. I 20, 2 p. 218, 12), also ἀφέλεια (Aristeid. II 28 p. 84, 3), σαφήνεια und dazu βραχύτης (Philostrat. vit. soph. I 20, 2 p. 218, 13) zu erreichen (Schissel Philol. LXXXII 200. Philostrat. vit. soph. I 22, 1 p. 223, 6. 24, I p. 226, 5). Diese beiden Schulen standen wegen ihrer gegensätzlichen ästhetischen Richtung im Kampfe: die Tadler des Skopelianos (Philostrat. vit. soph. I 21, 1 p. 218, 26) waren nach ihrer Kennzeichnung bei Philostratos gewiß einseitige Anhänger des Isaios; rügte doch auch Isaios (Philostrat. vit. soph. I 20, 2 p. 218, 7) jede Annäherung seiner Schüler an κάλλος und μεγαλοφωνία, als seiner Schule fremd; auch der Vorwurf zu geringer theoretischer Schulung, den Dionysios von Milet gegen Polemon erhob (Philostrat. vit. soph. I 22, 4 p. 225, 2), betrifft einen Unterschied der beiden Richtungen. Die Art des Isaios bewahrte aber von seinen uns bekannten Schülern ganz rein nur Lollianos (Philol. LXXXII 200). Schon Dionysios wich ein wenig von seinem Lehrer ab (Philostrat. vit. soph. I 22, 1 p. 223, 7. 20, 2 p. 218, 7); besonders aber M., der eine Mittelstellung zwischen Isaios und den Smyrnäern einnahm, gewiß auch ein Grund für Polemon, ihn so zu ehren (Philostrat. vit. soph. I 24, 3 p. 227, 1). Das κατὰ φύσιν ἑρμηνεύειν der Isaiosschule zierte M. nämlich ὡραϊσμένῃ πρᾳότητι (Philostrat. I 24, 1 p. 226, 5), also mit geschmückter Lieblichkeit, das ist mit ἁβρότης und ὥρα (Hermogenes 344, 15. 26 R.), die der isäischen ἀκρίβεια entgegengesetzt ist (Arist. I 142 p. 55, 4) und mit πραότης, die in Gegensatz zur τραχύτης steht (Arist. I 134; vgl. Geigenmüller Quaestiones Dionys., Leipz. 1908, 85). Immerhin blieben die hervorstechendsten Schulmerkmale der Richtung des Isaios auch bei M. deutlich wahrnehmbar: 1. die große Bedeutung der Lehre und Übung für die Ausbildung gegenüber der größeren Betonung der Veranlagung durch die Smyrnäer: der ernste Gesichtsausdruck und die finsteren Brauen des M. (vgl. Philostrat. vit. soph. I 20, 1) verrieten, daß er unablässig Themen erwog und an sich arbeitete zum σχεδιάζειν (Philostrat. vit. soph. I 24, 2 p. 226, 15); er gestand selbst, daß [1855] er beim Halten einer μελέτη zwei bis drei ὑποθέσεις im stillen erwog (ebd. 226, 20). Von ähnlicher Virtuosität des Isaios berichtet Plin. ep. II 3, 2 (poscit controversios plures). Isaios verwendete Tag und Nacht dazu, sich diese wunderbare Fähigkeit zur Improvisation studio et exercitatione zu erwerben (Plin. ep. II 3, 4). Die Stegreifreden, die wie wohl vorbereitete ausfielen, waren bei Isaios die Regel (Plin. ep. II 3, 1. Philostrat. vit. soph. I 20, 2 p. 218, 11), auch Lollianos machte es so (Philostrat. vit. soph. I 23, 2 p. 225, 29. Philol. LXXXII 200), desgleichen Dionysios von Milet (Philostrat. vit. soph. I 22, 1 p. 223, 17). Die Gedächtnisschulung spielte dabei eine Hauptrolle (Plin. ep. II 3, 3, Philostrat. 223, 19), selbstverständlich auch bei M. 2. Die (ob dieser Studien erfolgende) Vernachlässigung des Äußeren, mit der wohl auch bei M., wie bei Isaios (Philostrat. vit. soph. I 20, 1) und Dionysios (ebd. I 22, 3), eine auffallende Enthaltsamkeit von sinnlichen Genüssen verbunden war: M. trug struppiges Haupt- und Barthaar, weshalb er für einen gebildeten Mann den Leuten zu bäurisch erschien (Philostrat. vit. soph. I 24, 2 p. 226, 21). Daher erkannte auch Polemon den berühmten Gast seiner Schule zunächst nicht. Man denkt an Philosophennachahmung (Graindor 44. Geffcken Kynika, Heidelberg 1909, 148). Die Gleichgültigkeit des M. gegen den grammatischen Attizismus, die sich in seiner dorischen Aussprache kundtat (Philostrat. vit. soph. I 24, 2 p. 227, 1 δωριάζοντος), war nicht auf die Schule des Isaios beschränkt (Boulanger 96 Anm. 7).

III. Werke.

M. hielt μελέται und διαλέξεις. Philostratos führt an: 1. als treffendstes Beispiel für die Stilform (ἰδέα) des M. die μελέτη: der Spartaner, der den Lakedaimoniern rät, die waffenlos von Sphakteria Gekommenen nicht aufzunehmen (vit. soph. I 24, 1 p. 226, 6) mit dem Eingangssatze (ebd. 226, 7), als frg. 1. Zum Gegenstande: Kohl Rhet. Studien IV 40 (nr. 139). 2. Aus einer lehrhaften διάλεξις über den großen Umfang und die Mannigfaltigkeit der Kunst der Sophisten den Eingangssatz (frg. 2): Wer den Regenbogen als einzige Farbe sieht, sieht nichts Staunenswertes, wer aber sieht, wie viele Farben es sind, staunt desto mehr (Philostrat. vit. soph. I 24, 1 p. 226, 11). Wortspiel zwischen ἴρις und θαυμάζω, weil Iris die Tochter des Thaumas war (Philostr. and Eunap. ed. Wright, London 1922, 102 Anm. 3)! Der Regenbogen dient M. als Beispiel für die Sophistenrede. Dieser tropische Ausdruck ist ein Zeichen für stilistische γλυκύτης (Aristeid. II 65); γλυκύτης eignet aber der λαλιά (Menandr. III 11 p. 86 Bu. 4 p. 84. 19ff. p. 88). Die Rede des M. war also eine λαλιά, und zwar eine Schulrede, ganz so wie die des Himerios oder des Magnus Felix Ennodius, die gewöhnlich auch als λαλιαί = dictiones bezeichnet erscheinen. Die meisten der uns von Himerios ganz oder teilweise erhaltenen Reden sind Plaudereien auf Schulanlässe oder anläßlich solcher gehalten. Him. Or. XXI deckt sich ihrem Gegenstande nach mit der vorliegenden λαλιά des M. Auch Bilder für die Redekunst, wie M. eines gebrauchte, sind, wie zu erwarten, bei Himerios gewöhnlich (s. o. Bd. VIII S. 1633, 45ff.). Bei Himerios sind die προτρεπτικαὶ [1856] λαλιαί stets als προλαλιαί vor μελεταί zu denken. Dies ist auch für die vorliegende διάλεξις des M. anzunehmen, so daß unberechtigt sind die Zweifel von Stock De prolaliarum usu rhetorico, Königsberg 1911, 91 (nr. 68). 5. Aus stilistischen Gründen weist Philostratos (vit. soph. I 24, 1 p. 226, 13) die von einigen vertretene Autorschaft des Stoikers Alkinoos zurück. Die Art der Athetese durch Philostratos legt sehr nahe, daß unsere διάλεξις philosophischen Inhalts gewesen sei, den man einem Sophisten nicht zutrauen wollte, daß sie also einen Eindruck machte, wie etwa die Reden des Maximos von Tyros oder Dion von Prusa. 3. Eine Rede an die Megareer, in deren Stadt M. auf seiner Kunstreise in einem Momente höchster Erregung der Bevölkerung gegen die Athener kam. M. trat unter die Megareer und stimmte sie so um, daß er sie bewog, ihre Häuser zu öffnen und die Athener zu ihren Weibern und Kindern aufzunehmen (Philostrat. vit. soph. I 24, 3). Diese extemporierte διάλεξις, die M. solchen Erfolg brachte, ist nach Situation und Gegenstand gewiß eine λαλιά gewesen (Menandr. III 7 p. 85): die Megareer standen dem Redner nahe, weil Megara die Mutterstadt von Byzanz war und für Athen trat er ein, offenbar weil er die Stadt berührt hatte und gut empfangen worden war oder aber, weil er sich eine gute Aufnahme sichern wollte. Ein gutes Verhältnis des Redners zu den Hörern verlangte eine συμβουλευτικὴ λαλιά der vorliegenden Art nach der Theorie.

IV. Nachleben.

Die Schule des Isaios konnte sich scheinbar bei den Späteren gegen die Kunst des Polemon nicht behaupten. Fl. Philostratos, der seine Sophistenleben zwischen 230–238 schrieb (Münscher Philol. Suppl. X 489), klagt (vit. soph. I 24, 1 p. 226, 2), daß zu seiner Zeit, also nur 100 Jahre nach dem Wirken des M., dieser nicht mehr das gebührende Ansehen genieße. Viel früher schon hatte Lukian einen anderen Isaiosschüler, den Lollianos aus Ephesos, wegen einer Schuleigentümlichkeit – alle Wirkung durch Theorie zu errechnen – verhöhnt (Schissel Philol. LXXXII 183).