RE:Moly

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XVI,1 (1933), Sp. [1933 29]–[1933 33]
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Moly. Das magische Kraut μῶλυ, das Hermes Hom. Od. X 302ff. dem Odysseus als Mittel gegen den Zauber der Kirke gibt, hat vom Altertum bis in die neueste Zeit immer wieder auf Gelehrte die, wie es scheint, unwiderstehliche Wirkung ausgeübt, die Art der Pflanze zu ergründen. Was Homer über die Pflanze sagt, ist sehr wenig: Wurzel schwarz, Blüten weiß (ῥίζῃ μὲν μέλαν ἔσκε, γάλακτι δὲ εἴκελον ἄνθος) und Wiederholungen [30] der Homerischen Schilderung bei späteren Dichtern wie Lykophr. 679 ἀλλά νιν βλάβης μῶλυς σαώσει ῥίζα (zur Schreibung μῶλυς vgl. Gottfr. Hermann Opusc. V 243. Scheer Rh. Mus. XXXIV 287 sowie das Adjektivum μῶλυς in der Bedeutung von βραδύς Nic. Ther. 32) oder Ovid. met. XIV 291f. pacifer huic dederat florem Cyllenius album moly vocant superi, nigra radice tenetur können zur Deutung nichts beitragen. Zur Etymologie verweisen Schol. Hom. Od. X 305 μῶλυ βοτάνης εἶδος παρὰ τὸ μωλύειν, ὅ ἐστιν ἀφανίζειν τὰ φάρμακα, auf κωλύειν wie ἀφανίζειν, schwächen, abstumpfen, entkräften; demnach ein Pflanze mit zaubervertilgenden Kräften; vgl. Hesych. s. μῶλυ· φυτοῦ εἶδος ἀλεξιφάρμακον ἢ βοτάνης· ἀντιπάθιον. Gleichen Stammes wie μῶλυ ist wohl μώλυζα, ἡ eine im Corpus Hippocraticum öfters erwähnte Pflanze der Gattung Allium, die, wie auch aus lateinisch unio und Colum. XII 10, 1 cepam Marsicam simplicem, quam vocant unionem rustici; ea est autem, quae non fruticavit, nec habuit soboles adhaerentes hervorgeht, im Gegensatz zu Knoblauch mit seinen neben der Hauptzwiebel sitzenden Nebenzwiebeln (Zehen) eine einfache, geschlossene Zwiebelknolle hat, wie sie unsere Speisezwiebel, Allium cepa L., besitzt. (Aber nicht wie in Passow Griech. Wörterb. s. μώλυζα zu lesen ist: ‚Eine Knoblauchart, aus einem einzigen Kopfe, nicht aus mehreren kleineren Knöpfchen bestehend.‘) Wahrscheinlicher als die Ableitung von μωλύειν ist der Zusammenhang von μῶλυ wie μώλυζα mit skr. mū́la-m, Wurzel, vgl. Boisacq Dict. étym. 654, wo aber M. fälschlich als Pflanze mit gelben Blüten bezeichnet ist, was auf das homerische M. jedenfalls nicht zutrifft.

Die erste Notiz, in der M. als eine Pflanze der griechischen Flora identifiziert wird, steht [Theophr.] IX 15, 7 τὸ δὲ μῶλυ περὶ Φενεὸν καὶ ἐν Κυλλήνῃ. Doch drückt sich schon dieser Rhizotom, der den Anhang über volkstümliche Heilmittel zur Theophrastischen Pflanzengeschichte verfaßte, sehr vorsichtig und zurückhaltend aus; er hat die fragliche Pflanze nicht gesehen. ‚Man sagt, daß dieses μῶλυ dem von Homer erwähnten ähnlich sei: es hat eine runde Wurzel ähnlich einer Zwiebel, das Blatt ist dem der Meerzwiebel (σκίλλα s. Art. Σκίλλα) ähnlich; es wird als Gegengift und in der Magie verwendet; ist jedoch nicht schwer auszugraben, wie Homer sagt.‘ Daraus geht hervor, daß man nach Theophrasts Zeit das Homerische M. für eine in Griechenland wachsende Pflanze, und zwar, wohl beeinflußt von dem Namen μώλυζα, mit dem ein wirkliches Zwiebelgewächs bezeichnet wurde, für ein Zwiebelgewächs hielt, das auf dem Kyllene und überhaupt bei Pheneos wuchs. Ob etwa der Hermeskult dieser Gegend die Gleichsetzung dieser Pflanze mit dem M. Homers veranlaßte oder ob jenes M. wirklich aus dem Hermeskult stammte, bleibt, wie Gruppe Griech. Myth. I 708 bemerkt, zweifelhaft. Bereits bei Dioscurides treten uns unter dem Namen M. ganz verschiedenartige Pflanzen entgegen, die, wie Hehn Kulturpfl. u. Haustiere8 201ff. wohl mit Recht annimmt, alle deshalb als M. bezeichnet wurden, weil man ihnen wie dem Homerischen M. magische Kräfte zuschrieb. Die eine M.-Pflanze, die Diosc. III 47 [31] beschreibt, scheint ein Zwiebelgewächs zu sein: Sie hat Blätter wie ἄγρωστις [wohl eine Graminee, nach Fraas Synops. plant. flor. class. 302 vielleicht Cynodon dactylon], aber breiter; sie liegen auf der Erde ausgebreitet. Die Blüten sind den Levkoienblüten (λευκοΐοις) ähnlich, milchweiß, aber kleiner als die Blüten der Levkoie [τοῦ ἴου. Unter ἴον ist niemals das Veilchen zu verstehen, sondern die Winterlevkoie, Matthiola incana L., und andere verwandte Arten], der Stengel ist dünn, eine Elle lang. An der Spitze befindet sich ein zwiebelartiges Gebilde (σκορδοειδές τι, Brutzwiebeln?). Die Wurzel ist kurz, zwiebelartig (βολβοειδής). Dann folgt ein Rezept über die Verwendung der Wurzel bei Gebärmutterleiden, das Gal. XII 80 K., der aber die fragliche Pflanze μύλη nennt, unter Berufung auf Dioscurides wiederholt (vgl. Orib. XI s. μῶλυ Ps.-Apul. herb. 48 Howald-Sigerist). Zu bemerken ist, daß Dioscurides nicht sagt, daß dieses M., das sich nur ganz allgemein als ein Zwiebelgewächs deuten läßt, etwa das Homerische M. sein soll. Aus Diosc. III 46 geht aber hervor, daß die Kappadokier und Galater eine dort wachsende Pflanze μῶλυ nannten, die als identisch mit πήγανον ἄγριον (Wilde Raute, vielleicht Peganum harmala L. nach Fraas 83) galt und, da sie eine schwarze Wurzel und weiße Blüten hat, für das echte M. gehalten wurde. Man nannte sie auch ἁρμαλά und syrisch βήσ(σ)ασα (das ist hebräisch כשש‎ Bergraute), vgl. de Lagarde Abhandl. 173. Als πήγανον ἄγριον deutet M. auch Gal. XII 82, der gleichfalls die Synonyma ἅρμαλα und βησασά bringt (vgl. XII 101 und Ps.-Apul. herb. 90, 46ff. Howald-Sigerist) und dieser Pflanze die Wirkung zuschreibt, dicke, klebrige Säfte zu verdünnen und harntreibend zu sein. Mit Dioscurides und Galenos stimmt Schol. Hom. Od. X 305 überein: μῶλυ δέ ἐστι κατὰ τοὺς ἰατροὺς τὸ ἄγριον πήγανον. Nur eine dichterische Variante ist es wohl, wenn Anon. carm. de herb. 13, wo die Homerische Schilderung wiederholt ist, das M. als ναρκίσσῳ ἴκελον bezeichnet wird. Ausdrücklich vom Homerischen M. spricht Plin. n. h. XXV 26. Er wiederholt zunächst die Ps.-Theophrastische Schilderung und Fundortsangabe und bemerkt dann, die griechischen auctores hätten die Blüte gelb (luteum) gemalt, während sie doch Homer als weiß beschrieben habe [interessanter Hinweis auf farbige Pflanzenabbildungen im Altertum!]. Mit der folgenden eigenen Beobachtung des Plinius, der von einem kräuterkundigen Arzt erfahren haben will, daß M. auch in Italien wächst, und von einer 30 Fuß (!) langen, noch dazu abgerissenen, also unvollständigen Wurzel des M. spricht, ist schon deshalb nichts anzufangen, weil die Stelle ganz korrupt ist. Für eine Deutung des M. ist aus Plinius nichts zu gewinnen; XXVI 33 spricht er noch einmal von M., wohl ohne zu wissen, daß es sich um dieses handelt, denn er nennt es molon. Was er hier sagt, klingt stark an Diosc. III 47 an. Plin. n. h. XXV 127 ist Homericum moly als bestes Mittel gegen Zauber bezeichnet, XXI 180 mit halicacabon und morion identifiziert und als soporiferum atque etiam opio velocius ad mortem bezeichnet (vgl. Diosc. IV 73. Theophr. h. pl. VII 7, 2, s. Art. Mandragoras und Mohn). Auch Ps.-Apul. herb. 48 führt herba [32] molu unter Beziehung auf Homer (clarissima herbarum est Homero teste usw.; vgl. Ps.-Theod. p. 353, 15 R.) auf. Die in der neuen (1927) Ausgabe von Howald-Sigerist (Corp. med. lat. vol. IV 98) wiedergegebene Pflanzenabbildung erinnert an die Beschreibung Diosc. III 47. Sie zeigt den Habitus einer breitblättrigen Lauchart und einen etwas verdickten, knolligen Wurzelstock, der nach der Bemerkung des Ps.-Apuleius magnitudine caepae sein soll. Damit sind die Nachrichten über M. aus dem Altertum erschöpft. Zusammenfassend läßt sich nur sagen, daß man nicht wußte, welche Pflanze das Homerische M. sei und daß man teils Allium-Arten, also lauch- und zwiebelartige Pflanzen, teils πήγανον ἄγριον dafür hielt.

Von der Zeit des Humanismus an und dem Entstehen der ‚Kräuterbücher‘ reiht sich nun ein Versuch an den anderen trotz der Spärlichkeit der vorliegenden Beschreibung die Art des Homerischen M. zu bestimmen. Ich gebe im folgenden einen Überblick über diese Literatur mit Benützung von Buchholz Homer. Real. I 2, 216ff. und Marzell Die Zauberpflanze M. (Der Naturforscher II [1926] 523ff.). Wie Dodonaeus Stirpium hist. Pemptades VI [Antverp. 1616] p. 685 zwei Laucharten abbildet, von denen die eine das schmalblätterige M. (M. angustifolium), das M. des Dioscurides, das breitblätterige M. (M. latifolium) das des Ps.-Theophrast sein soll, bezeichnen auch andere Botaniker des 16. und 17. Jhdts. wie Matthiolus, Clusius, Caesalpinus, Lobelius mit dem Namen M. lauchartige Pflanzen (vgl. Marzell a. O. 524f.). In der Zeit um 1700 entstanden drei Spezialschriften über M., nämlich Siber V. G. De Moly (Sneeberg 1699), Wedel De Moly Homeri und Mythologia Moly Homeri (Jena 1713) und Triller De Moly Homerico et fabula Circea (Leipzig 1716), von denen Wedel das M. für eine Seerosenart (Nymphaea) erklärt, während es Triller für die Schwarze Nieswurz, Helleborus niger, hält. Wedel hat mit seiner Deutung keinen Nachfolger gefunden, dagegen hat neuerdings Schmiedeberg Über die Pharmaka in der Ilias und Odyssee (Straßburg 1918) 22–29 wieder die Schwarze Nieswurz als das Homerische M. bezeichnet.

Die von Linné zwei Laucharten gegebenen Namen Allium moly und Allium magicum deuten darauf hin, daß auch er M. für eine Alliumart hielt. Sprengel Hist. rei. herb. I (1807) 24 glaubte das M. des Ps.-Theophrast in dem im Peloponnes und auf den benachbarten Inseln wachsenden Allium nigrum Gouan. zu erkennen. Dieser Deutung schloß sich Miquel Homerische Flora (1836) 50f. an, während Fraas Syn. flor. plant. class. 291 sich für das Allium magicum Linnés entschied, ‚vorausgesetzt, daß es auch weißblühend gefunden wird, was mir nie vorkam‘. Sibthorp (1785); vgl. Smith Prodrom. florae graecae I 222 hatte das M. des Dioscurides zu einer eigenen Art gemacht, die er Allium Dioscuridis nannte; Gussone bei Schultes Systema vegetab. VII 1109 hält es mit Allium siculum Urv. für identisch. Eine neue Deutung bringt Euchholz Flora Homerica (Progr. Gymnas. Culm 1848) 11, der im M. Homers den Allermannsharnisch, Allium Victorialis L., erkennen [33] will, eine zirkumpolar-alpine Lauchart mit langem, schwarzbraunem Wurzelstock und einem Kopf mit weißen Blüten; über das Vorkommen dieser Pflanze in Griechenland macht Fraas jedoch keine Angaben. Diese Deutung halten auch Buchholz a. O. 218, Fellner Homerische Flora (1897) S. 82 und Coglievina Una ‚Ricetta‘ Omerica. Riv. di Storia delle Science Mediche e Naturali XV nr. 7–8 (1924) für die wahrscheinlichste, falls das Homerische M. überhaupt eine wirklich vorkommende Pflanze bedeutet. Auch Marzell 525 weist darauf hin, daß der Allermannsharnisch als mächtiges Zauberkraut gilt, wie den Laucharten überhaupt, besonders dem Knoblauch wohl wegen des starken, unangenehmen Geruches in Deutschland wie im Orient eine den bösen Zauber abwehrende Wirkung zugeschrieben wurde und wird (vgl. Marzell Unsere Heilpflanzen 31ff.). Für eine Lauchart hält M. auch Murr Pflanzenwelt in der griech. Mythologie 208–210, während Dierbach Flora myth. 204 die Deutung Mandragora gibt, die ebenso willkürlich und unbegründet ist wie die allerneueste in der Zeitschrift Umschau XXIX (1925) 880, wonach M. die Meermelde, Atriplex halimus, sein soll.

Alle vorstehenden Deutungen gehen von der Annahme aus, daß das M. Homers eine wirkliche Pflanze sei. Doch haben schon Ameis Anhang zu Hom. Od.² 85 und Lenz Botanik der Griechen und Römer 296 die Ansicht ausgesprochen, daß M. wohl nur ein Gebilde dichterischer Phantasie ist, so daß sich alle Versuche, es zu deuten, erübrigten. Lenz findet für diese Auffassung den Zusatz, daß Menschen es nur schwer ausgraben können, bezeichnend. Auch der Hinweis bei Homer, μῶλυ δέ μιν καλέουσι θεοί sowie die schematisch anmutende Gegensätzlichkeit der schwarzen Wurzel und der weißen Blüten scheinen mir dafür zu sprechen, daß der Dichter an keine bestimmte Pflanze dachte, sondern daß M. eine Märchenpflanze, ein Zauberkraut schlechthin wie die Springwurzel und ähnliche Wunderkräuter ist (vgl. Schwartz Prähist.-anthrop. Studien [1884] 469–480. Berendes Die Pharmazie bei den alten Kulturvölkern I 130f.).

Außer diesen beiden Auffassungen von M. gibt es noch eine dritte, die sich bei Eustath. Od. 1658 (vgl. Riccius Disput. Hom. 429) findet, wonach M. rein allegorisch zu verstehen sei und die παιδεία, d. h. die Unterweisung bedeute, die Hermes dem Odysseus gibt, damit er dem Zauber der Kirke nicht erliegt. Die schwarze Wurzel bedeute den bitteren, mühevollen Anfang der παιδεία, die weiße Blüte deren süße Frucht (vgl. Xen. mem. I 3, 7). Ebenda steht auch die fabelhafte Erzählung vom Ursprung des Krautes μῶλυ, das aus dem Leib des von Helios getöteten Giganten Pikoloos entstanden sei; von dem gigantischen Ursprung her sei die Wurzel schwarz, von der Tat des Helios die Blüte weiß. Außer der angeführten Literatur vgl. Senoner Über Homers Moly (Österr. Blätter f. Literatur, Kunst usw. V [1848] 37f. 42ff.). Gubernatis Mythologie des plantes II (1882) 229ff.