RE:Safran

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I A,2 (1920), Sp. 17281731
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Safran (Crocus sativus L.), griech. κρόκος (davon lat. crocus, ahd. kruogo, ags. cróh), geht nach Schrader (698) zurück auf hebr. karkóm (das freilich, wie Decandolle [292] meint, nicht sowohl S., als vielmehr den Saflor [Cardamus tinctorius L.] bezeichnet), oder es hänge mit dem Namen des safranberühmten Berges Κώρυκος in Kilikien zusammen. Die Wurzel von κρόκος dürfte in sanskr. kunkuma = S. zu suchen sein. Ein zweites Sanskritwort für S. kasmira-iamma wird nach Decandolle auf Kaschmir als die Heimat des S. hinweisen. Als im Mittelalter die Araber den gesamten Handel des westlichen Mittelmeerbeckens an sich rissen, haben sie mit dem Erzeugnis den arabischen Namen záfarân (von assfar = gelb) für die Pflanze eingeführt, der die alte Bezeichnung verdrängte. Das neue Wort ist dann auch in die Sprachen Mittel- und Nordeuropas vorgedrungen. S. heute span. axafran, ital. zafferano, franz. safran, mhd. safrân, engl. saffran.

S. ist ein mehrjähriges Zwiebelgewächs mit schmalen, grasartigen Blättern. Die zahlreichen Wurzeln sind fleischig und dauerhaft. S. verlangt flachgegrabenes Land, er gedeiht am besten an vielbegangenen Wegen und Quellen, wo die Wurzel festgetreten oder doch öfter berührt wird. Die Blüte tritt im Herbst, zur Zeit des Unterganges des Pleiadengestirnes, ein, sie dauert nur wenige Tage. Das Blatt erscheint erst mit der Blüte oder bald nach ihr. Die Vermehrung der Pflanze geschieht durch Wurzelbrut, nachdem die Blüte vorüber ist (Theophr. h. pl. VI 6, 10. VII 7, 4. Varro I 35. Plin. XXI 34. Pall. III 21. Geop. XI 26). Theophr. (VI 8, 3. VII 7, 4) unterscheidet drei Arten, den wilden, geruchlosen Berg-S. (ὀρεινός), den angebauten (ἥμερος) wohlriechenden und den dornigen, der, wie der erstgenannte, geruchlos ist. Dioskurides (I 25) bezeichnet als die beste Sorte den korykischen S., der in einem Tale des Korykosberges (heute Kurku oder Korghos) wuchs, die nächste Stelle räumt er dem S. ein, [1729] der vom lykischen Olymp kam, die dritte dem S. von Aegis (heute Guzel-Hissar) in Aeolis. Vergil (Georg. I 56) preist vornehmlich den S. des lydischen Tmolosgebirges, Theophrast (h. pl. VI 5; de caus. plant. VI 18, 3) und Ovid (Ib. 200) den kyrenäischen, den Dioskurides geringer bewertet. Dieser meint, er sei zwar, ebenso wie der sizilische, saftreich und daher leicht zu pressen, doch verliere er bald den Geruch; dem ägyptischen gehe der Geruch überhaupt ab. Wenn auch der S., der das warme Klima des Orients verlangt, in dem kühleren Süden Europas zum Teil den süßen Duft verlor, und der Ertrag nur ein äußerst geringer war – nur der 280. Teil von dem, was eigentlich geerntet werden sollte, wurde tatsächlich eingeheimst –, so wurden doch in Rom die Gärten mit großen Mengen von S.-Pflanzen, die man besonders aus Kilikien und Sizilien bezog, bepflanzt (Col. III 8. IX 41. Plin. XXI 31). Der Duft der Blüte, den man dem Wohlgeruche der Rose gleichschätzte, die satte gelbe Farbe, mit der Leder und Gewebe aller Art gefärbt wurden, sicherten dem S. im Oriente, wie in Griechenland und in Italien, eine hohe Stellung. Das safrangelbe, oder wenigstens mit safrangelbem Saume verzierte Gewand, die safranfarbigen Lederschuhe und Kopfbinden schmückten den altorientalischen Herrscher. Erblickte man doch in der lichten safrangelben Farbe das Symbol nicht nur der Reinheit, sondern auch, gleich dem Purpur, der Majestät des Fürsten. Solche Vorstellung hat alsdann der griechische Mythos aufgenommen und weiter gepflegt. In der Ilias (XIV 348) hören wir zuerst von der S.-Blüte, die mit Lotos und Hyakinthos unter dem Lager des Zeus und der Hera hervorsprießt. In safranfarbene Gewänder sind Bakchos und seine Begleiter gehüllt. Iason legt das safranfarbige Kleid ab, als er sich anschickt, mit feuerspeienden Stieren den Acker zu pflügen (Pind. Pyth. IV 232). In safrangelben Windeln ist Herakles nach seiner Geburt gehüllt (Pind. Nem. I 370). Safranfarbig sind vor allem die Kleider der Göttinnen und Fürstinnen. Κροκόπεπλος ist neben ῥοδοδάκτυλος das schmückende Beiwort der Eos (Il. VIII 1. XIX 1). Der Pallas Athene sticken athenische Jungfrauen ein buntdurchwirktes, safranfarbiges Gewand (Eurip. Hec. 466). Die Flußnymphe Telesto und Enyo, die Tochter des Phorkys und der Keto, sind bei Hesiod (Theog. 358) κροκόπεπλοι, wie bei Alkman (frg. 85) die Musen. Antigone, Iphigenia, Andromeda, Medea tragen ein krokosfarbenes Gewand, welches auch das Festkleid der Frauen bei der Bakchosfeier war. Bisweilen färbte man feine durchsichtige Stoffe safrangelb, so daß durch sie die abweichende Farbe des Unterkleides wirksam hindurchschimmerte. So trug bei einem Festzuge, den Ptolemaios Philadelphos veranstaltete, das auf einem Prunkwagen einherfahrende Dionysosbild einen purpurnen Chiton und darüber ein κροκωτὸν διαφανῆ (Neumann Geogr. von Griechenland 456). Auch die Römer kleideten sich gern in safranfarbige Kleider (Verg. Aen. IX 614. XI 775); den in Phrygien gewebten und gefärbten gelben Stoffen gaben sie den Vorzug (Apul. met. XI). [1730] Der betäubende Duft der S.-Blüte mag wohl der Grund sein, daß in denjenigen Mythen, deren Gegenstand die Entführung einer Jungfrau durch einen Gott bildet, neben anderen starkriechenden Frühlingsblumen auch dem S. eine bevorzugte Stellung eingeräumt ist. Ehe Hades erscheint, pflückt Persephone mit ihren Gespielinnen, den Töchtern des Okeanos, Rosen, S., Violen, Hyazinthen und Narzissen (Hom. hymn. in Dem. 6). Kreusa sammelt goldleuchtende S.-Blüten in ihrem Schoße, als sie von Apollon überrascht wird (Eurip. Ion 887). Europa und ihre Gefährtinnen suchen am Gestade Sidons das goldleuchtende Haar des S. (d. i. den S. mit seinen rotgelben Griffeln), während sich Zeus in der Gestalt eines Stieres unter die fröhliche Mädchenschar mischt (Mosch. II 68. Much 254f.). Die betäubende Wirkung, welche die S.-Blüte auf die Sinne ausübt, wird dieser Pflanze auch die Stellung in dem Geheimdienste der Demeter zu Eleusis und in dem der Eumeniden in Athen zugewiesen haben. Als heilige Pflanze der Demeter und ihrer Tochter Persephone wurde S., und zwar vornehmlich solcher aus Kilikien, auf den Scheiterhaufen reicher und vornehmer Personen verbrannt (Stat. silv. I 160). Die Prachtliebe der römischen Kaiserzeit machte S. zu einem wertvollen Handelsartikel. Wohn- und Speisezimmer, Theater und Thermen liebte man mit S.-Essenzen zu besprengen. S. und Balsam ließ Hadrian zu Ehren Traians über die Stufen des Theaters gießen (Hist. aug. Hadr. 19). Heliogabal badete nur in Wasser, das mit S. und anderen wohlriechenden Essenzen parfümiert war. Den köstlichen Duft der S.-Salbe (unguentum croceum, crocinum) rühmen Properz (III 8, 22) und Celsus (III 19). S. diente auch zur Herstellung von Würzwein (Petron. 60). Auf S.-Polstern ruhten die Tischgäste Heliogabals (Hist. aug. Hel. 28). Mit S. bestreut sind die Straßen Roms, in denen Nero nach seiner Rückkehr aus Griechenland im Triumphe einherzog. Zu medizinischen Zwecken hält Dioskurides (I 25) denjenigen S. für am meisten geeignet, der frisch ist, eine schöne Farbe besitzt und wenig Weißes hat, der etwas länglich, ganz unverletzt, voll, beim Reiben wohlriechend, beim Befeuchten die Hände färbt, nicht schimmlig und etwas bitter ist. Er wird verfälscht durch untermischtes krokomagma – den S.-Teig, der bei der Bereitung der S.-Salbe übrig blieb, nachdem das Öl ausgepreßt war –, oder durch Zusatz von zerriebener Molybdaina, Bleiglätte, wodurch das Gewicht erhöht werden sollte. Die S.-Kultur hat noch im Mittelalter, das vom Altertum in so vieler Hinsicht abhängig war, weiter geblüht; selbst bis in das nördliche Deutschland hinein ist die Pflanze angebaut worden. Nach von Martens (Italien II 167) wurde im vorigen Jahrhundert in Toskana, dem früheren Kirchenstaate, bei Bari und auf Sizilien, am meisten aber in der Provinz Abruzzo ulteriore II S. gepflanzt. Der letztgenannte Landesteil lieferte jährlich über 12 000 Pfund getrockneten S., eine bemerkenswerte Menge, wenn man bedenkt, daß zu einem Pfund 100 000 bis 200 000 Blumen erforderlich sind. Im Oktober sammelt man vor Sonnenaufgang täglich die [1731] Griffel aus den sich zum Öffnen anschickenden Blumen in offene Körbchen und trocknet sie sofort in diesen Körbchen, leicht geschüttelt, über einem schwachen Kohlenfeuer. Nach v. Heldreich (Die Nutzpflanzen Griechenlands) und Fraas wächst in Griechenland und auf einigen Kykladen S. wild, und zwar mit Vorliebe an Bergabhängen, auf trockenem, kalkhaltigen Boden und an Wegen. S. aus Kleinasien (Smyrna) wird am meisten geschätzt. Der neugriechische Name ist κρόκος.

Literatur. Lenz Botanik d. alt. Griechen u. Römer 1859. Magerstedt Der Feld-, Garten- und Wiesenbau der Römer 1862. Fraas Synopsis plantarum 1870. Decandolle Urspr. der Kulturpfl. 1884. Murr Die Pflanzenwelt in der griech. Mythologie 1890. Schrader Reallexikon 1901. Hehn⁷ Kulturpflanzen u. Haustiere 1902.

[Orth.]