RE:Tyrtaios 1

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band VII A,2 (1943–1948), Sp. [VII_A,2 1941]–[VII_A,2 1956]
[[| in Wikisource]]
Tyrtaios in der Wikipedia
GND: (PICA, AKS)
Linkvorlage für WP   
* {{RE|VII A,2|1941|1956|Tyrtaios 1|[[REAutor]]|RE:Tyrtaios 1}}        

Tyrtaios. 1) Der Elegiendichter. [1. Literatur. 2. Name. 3. Heimat. 4. Lebenszeit. 5. Echtheitsfrage. 6. Die Gedichte. 7. Sprache und Metrisches. 8. Überlieferungsgeschichte und Nachleben. 9. Zusammenfassung.]

1. Literatur.

a) Ausgaben: Anth. lyr. Gr. ed. Diehl² (1936) I 1, 6-22 (ohne indirekt [1942] Bezeugtes und einzelne Worte). Danach wird hier zitiert. Elegy and Iambus ed. J. M. Edmonds (Samml. Loeb 1931) I 50-79 mit Abdruck der Hauptzeugnisse über das Leben und sämtliche Fragmente, alles mit englischer Übersetzung und knappen Anmerkungen. – Arnaldo Monti Tirteo (Turin 1910), nur Text von frg. 6 bis 9, aber mit ausführlicher Diskussion der Probleme. – T. Hudson-Williams Early Greek Elegy (Cardiff 1926) 53-59 mit elementarem Wortkommentar 106-115. PLG II 8-22. – Immer noch lesenswerte ältere Arbeiten sind: Chr. Ad. Klotzius Tyrtaei quae supersunt omnia (Altenburg 1767) mit Anm., zwei diss. de Tyrtaeo (135-244) und gereimter deutscher Übersetzung. – Nicolaus Bachius Callini Ephesii Tyrtaei Aphidnaei Asii Samii carminum quae supersunt (Lpz. 1831) 35-135 mit sorgfältiger Erörterung der Chronologie usw. 37–76, Anm. und deutscher Übersetzung in Distichen. – b) Erläuterung und Kritik: Ed. Schwartz Herm. XXXIV (1899) 427ff. Ed. Meyer Forsch. z. alt. Gesch. I (1892) 227ff. II (1899) 544ff. v. Wilamowitz Textgesch. d. gr. Lyr. (1900) 96-118 (zit. Textg.); S.-Ber. Akad. Berl. 1918, 728-736 (zit. SB). C. Giarratone Atti R. Accad. di Arch. Lett. e Belle Arti di Napoli XXIV (1900) 105-124. F. Jacoby Herm. LIII (1918) 1-44. F. Schachermeyr Rh. Mus. LXXXI (1932) 129-142. W. Jäger S.-Ber. Akad. Berl. 1932, 536-566. J. Kroymann Sparta u. Messenien, Berl. 1937. c) Literaturberichte: Sitzler Bursian 92 (1897 I) 11f. für 1891-1894; 104 (1900 I) 80f. für 1895-1898; 130 (1907 III) 123ff. für 1898-1905; 174 (1916/18 III) 24 für 1905-1917. 191 (1922 I) 33-38 für 1917-1920. Ältere Literatur bei Busolt² GG I 607, 2. d) Literarhistorische und geistesgeschichtliche Übersichten: Schmid-Stählin I 1 (1929) 357f. Geffcken Gesch. d. Gr. Lit. I 70f. Crusius o. Bd. V S. 2269. v. Blumenthal Griech. Vorbilder 71-77.

2. Name.

,Neben der gemeingriechischen Form τέταρτος muß im Lakonischen eine andere gestanden haben, die sich von altind. caturthá durch die Preisgabe der ersten Silbe unterschied. Darauf führt der Name des Lakonen Τυρταῖος, der, wie schon Pott (KZ VI 141) ausgesprochen hat, den am vierten Tage geborenen Sohn bezeichnet, wie Τριταῖος ,den am dritten des Monats geborenen‘, Bechtel Gr. Dial. II 346, ähnlich F. Kluge IF XXXIX (1918) 1ff. Wenn auch die Ableitung des Namens zweifellos richtig ist, so ist doch seine lakonische Herkunft durchaus nicht bewiesen. Denn eine andere Abwandlung von *τύρτος = quartus zeigt der lesbische PN Τύρταμος, den v. Wilamowitz Einl. i. d. gr. Trag. 69, 32 heranzog. Ein Vergleich von Τύρταμος mit Πρίαμος läßt vermuten, daß beides illyrische Bildungen sind (v. Blumenthal ZNF XIII 145, 8). Dann könnten auch *τύρτος, Τυρταῖος zu den ,hylleischen` Elementen des Lakonischen gehören, aber ebenso gut kann dieser PN irgendwo anders beheimatet sein. Der arkadische Musiker T. von Matineia (Plut. de mus. 195 WR, wohl des 4. Jhdts.) heißt vermutlich nach dem berühmten älteren Dichter [1943] Txtg. 117, 1) und gibt für die Herkunft des Namens nichts aus. Fernzuhalten dagegen ist der von v. Wilamowitz Einl. i. d. gr. Trag. 69, 32 zweifelnd verglichene Name des attischen Demos Τυρμεῖδαι, da er sicher vorgriechisch ist und, wie att. Ὑττηνία zu etr. hut, zu etr. turms ,Hermes‘ gehört. Ed. Fränkel Herm. LIII (1918) 43 hält Τύρταμος (wegen des Suffixes -αμος) und damit T. für kleinasiatischen Ursprungs.

Der Vater des T. trug nach Su(i)d. den gutgriechischen, bei allen Stämmen möglichen Namen Ἀρχέμροτος. Da er nicht alltäglich ist, darf man ihn glauben: er mag in einer Sphragis gestanden haben: Ἀρχεμβρότου υἱός ist rhythmisch ein Hexameterschluß. Nach Bechtel Die hist. PN des Gr. 79 kehrt dieser PN nur noch auf einer Münze von Maroneia wieder, einer Kolonie von Chios (Ps.-Skymn. 678) an der thrakischen Küste, also auf ionischem Boden. Im übrigen sind PN auf -μροτος im dorischen Bereiche zwar häufiger, erscheinen aber auch bei den Ioniern ziemlich zahlreich und fehlen in Attika nicht (s. Bechtel PN 298f.). Kurz: weder der Name des T. selbst noch der seines Vaters sagt etwas Sicheres über die Herkunft des Dichters aus.

3. Heimat.

Apollodoros, den Strab. VIII 362 benutzt, las noch das Selbstzeugnis des Dichters, nach dem er Führer der Spartaner im 2. Messenischen Kriege war: πλεονάκις ... ἐπολέμησαν διὰ τὰς ἀποστάσεις τῶν Μεσσηνίων, τὴν μὲν οὖν πρώτην κατάκτησιν αὐτῶν φησι Τ. ἐν τοῖς ποιήμασι κατὰ τοὺς τῶν πατέρων πατέρας (= frg. 7, 6) γενέσθαι • τὴν δὲ δευτέραν καθ’ ἣν ἑλόμενοι συμμάχους Ἀργείους τε καὶ Ἀρκάδας καὶ Πισάτας ἀπέστησαν, Ἀρκάδων μὲν Ἀριστοκράτην τὸν Ὀρχομενοῦ βασιλέα παρεχομένων στρατηγόν, Πισατῶν δὲ Πανταλέοντα τὸν Ὀμφαλίωνος • ἡνίκα φησὶν αὐτὸς στρατηγῆσαι τὸν πόλεμον τοῖς Λακεδαιμονίοις (vgl. Ps.-Plut. de nobil. 2). Von dieser Angabe haben wir, wie v. Wilamowitz mit Recht betont (Txtg. 109, 5; SB 735, mit Unrecht, weil unter ungenauer Benutzung des Strabon, bestritten von Jäger 548), als von einer gesicherten Tatsache auszugehen. Wenn Strabon fortfährt: καὶ γὰρ εἶναί φησιν ἐκεῖθεν (d. h. aus Sparta) ἐν τῇ ἐλεγείᾳ ἣν ἐπιγράφπυσιν Εὒνομίαν und sich dafür auf frg. 2 beruft, so ist das eine Kombination und kein Zeugnis. Denn ,wir Spartaner sind aus der dorischen Tetrapolis in die Peloponnes gekommen‘ kann, wenn der Dichter von Geburt ein Fremder war, entweder aus der Person der Spartaner, die als Sänger der Verse gedacht sind (so auch frg. 1, 15ff.), gedichtet sein (so Schmid-Staehlin I 358, 2) oder der Eingebürgerte fühlte sich so eins mit der neuen Heimat, daß er sich als Spartaner rechnete (so F. Jacoby Herm. LIII [1918/ 2f.). Wer so genau ist, der schließe doch auch umgekehrt aus der Anrede frg. 8: Ἡρακλῆος γὰρ ἀνικήτου γένος ἐστέ, daß T. kein Spartaner war. Jedenfalls galt T. nach der spätestens im 4. Jhdt. feststehenden Meinung der Griechen nicht für einen gebürtigen Spartaner, sondern für einen zugewanderten Athener: Lykurgos Leokr. 105 berichtet, die Spartaner hätten vom delphischen Orakel den Rat erhalten, von den Athenern einen Führer gegen die Messenier zu erbitten, und [1944] fährt fort: τίς ... οὐκ οἶδε τῶν Ἑλλήνων ὄτι Τυρταῖον στρατηγὸν ἔλαβον παρὰ τῆς πόλεως; ebenso setzt Platon leg. I 629 a voraus, daß dies die allgemeine Ansicht sei, wenn er den Athener sagen läßt: Τυρταῖον τὸν φύσει μὲν Ἀθηναῖον, τῶνδε (der Spartaner) δὲ πολίτην γενόμενον (vgl. auch die Anekdote bei Plut. Apophth. Lak. 230). Kallisthenes (Strab. a. O. FGrH II nr. 124 F 24), dann Philochoros, der den Geburtsdemos Aphidna hinzufügte (Strab. a. O.), haben dasselbe geglaubt und fast überall Glauben gefunden, (z. B. Diod. VIII 36. Ailian. var. hist. XII 50. Diog. Laert. II 43). Wann die Ausschmückung erfunden wurde, T. sei ein lahmer Dichter (Iustin. III 5, 5 [aus Ephoros?]. Porphyr. zu Hor. AP 402) oder Schulmeister (Paus. IV 15, 6. Su[i]d. vit. 1206. Schol. Plat. leg. I 629 a), ja nicht recht bei Verstand (Paus. a. O. Diog. Laert. II 43) gewesen, kann man nur erraten. Die Quelle wird ein Scherz der Komödie sein, man denke etwa an die Ἀρχίλοχοι des Kratinos. Jacoby 10 A, erinnert an das Kimonwort μήτε τὴν Ἑλλάδα χωλὴν μήτε τὴν πόλιν ἑτερόζυγα περιιδεῖν. γενηνημένην (Ion v. Chios frg. 4 Bl.). Aber was ist da außer dem Worte χωλός vergleichbar? Abweichend von dieser später allgemein verbreiteten Auffassung von der athenischen Herkunft des Dichters nennt Su(i)d. den T. Μιλήσιος ἢ Λάκων.

Der antike Befund hat die verschiedensten Beurteilungen erfahren. 1. Attische Geburt, Berufung durch das Orakel, Führer und Dichter in Sparta wird als wahr hingenommen (Klotz 153. Bach 42. Bergk PLG II frg. 2 adn. Dümmler Philol. 1897, 5 ff. Sitzler Bursian CIV (1900 I) 81. CXCI (1922) I) 34. R. Reitzenstein Epigramm u. Skolion 46). 2. Die attische Geburt wird als Fabel hingestellt. Schon Strabon 362 argumentiert: Wenn er sich in frg. 2 als Spartaner bezeichnet, so ist entweder das Gedicht unecht, oder Philochoros, Kallisthenes u. a. nennen ihn fälschlich einen Athener. Diese durch allgemeine Erwägungen gestützte Schlußfolgerung haben sich viele Neuere so oder ähnlich zu eigen gemacht, jedenfalls glaubt fast niemand mehr an die attische Abkunft (v. Wilamowitz Txtg. 97ff. F. Jacoby 9. Schachermeyr 141. Th. Meyer Klio Beih. XLIII [1939] 15 u. a.). Der Gedanke, daß sich Sparta einem landfremden Führer unterstellt habe, war wohl den meisten Forschern so bedenklich, daß ihnen die Verwerfung der antiken Nachrichten geboten schien. Doch haben Henri Weil Ét. sur l’antiqu. grecque 32 und Jacoby 3, 2 mit Recht darauf hingewiesen, daß die Spartaner, und zwar ebenfalls auf Grund eines Orakels, den Seher Tisamenos aus Elis ἅμα Ἡρακλειδῶν τοῖσι βασιλεῦσι ἡγεμόνα τῶν πολέμων machten (Herodot. IX 33, 3, der allerdings 35, 1 hinzufügt, dies sei der einzige Fall einer Einbürgerung in Sparte). Die Entstehung der angeblichen Legende (Giarratone 118ff.: ,La leggenda di Tirteo‘) von der attischen Geburt brachte man in Zusammenhang mit dem kimonischen Hilfszuge (Busolt GG² I 608), oder man glaubte, die attischen Exemplare des T. hätten viel Fremdes enthalten und so sei die Fabel entstanden (v. Wilamowitz Txtg. 116), zumal auch andere ausländische Dichter und Musiker (Ailian. var. hist. XII 50) im frühen [1945] Sparta wirkten (Schachermeyr 141). Schwartz Philol. XCII (1937) 22ff., ähnlich Kroymann XII, hält die Geschichte für einen propagandistischen Trick der Spartaner aus der Zeit nach 370, wo T. erst in Athen bekannt geworden sei. 3. Die milesische Herkunft zu glauben ist Schmid-Staehlin 359 geneigt, auf Grund der offensichtlichen Stilverwandtschaft mit der Elegie des Kallinos, noch positiver Ingemar Düring Eranos XXXIII (1935) 17: ,T. var ǔtan tvivel en i Sparta acklimatiserad joner‘. Andere erklären umgekehrt aus der Stilverwandtschaft die Erfindung des ionischen Geburtsortes (v. Wilamowitz Txtg. 117, 1. Schachermeyr 141).

Zu diesen Versuchen, die von Platon, Lykurgos, Kallisthenes, Philochoros für wahr gehaltene opinio publica der Hellenen als falsch zu erweisen, reicht unser Material nicht aus, und sie beruhen auf einer Überschätzung der Methode. Sämtliche vorgebrachten Gründe können durch ebenso gute Gegengründe entkräftet werden oder beruhen auf subjektivem Eindruck. Wir werden uns damit abzufinden haben, daß die Spartaner sich einmal – wann, davon unten – auf Grund eines Orakels den Athener T., den Sohn des Archembrotos aus dem Demos Aphidna, als Dichter und Führer im Kriege gegen die Messenier geholt und ihm das Bürgerrecht verliehen haben. Das Altertum nahm jedenfalls diese Kunde zwar für etwas Bemerkenswertes, aber offenbar durchaus nicht für etwas Unwahrscheinliches. Es scheint geraten sich dem anzuschließen.

4. Lebenszeit

Paus. IV 15, 2 sagt unmißverständlich natürlich aus zweiter Hand: ἐν ... Λακεδαίμονι οἵτινες τηνικαῦτα ἔτυχον βασιλεύοντες, Τυρταῖος ... τὰ ὀνόματα οὐκ ἔγραψε. So war schon das Altertum auf Kombinationen angewiesen. Nach frg. 4 eroberten πατέρων ἡμετέρων πατέρες unter Führung des Königs Theopompos nach 20 Kriegsjahren Messenien. T. gehört also in einen zwei Menschenalter späteren Krieg. Theopompos, aus dem Hause der Eurypontiden, war König in Sparta in der zweiten Hälfte des 8. Jhdts. (Busolt GG² I 589, I. Beloch GG² I 2, 262. Ed. Meyer Forsch. z. alt. G. I 286. II 544), der Krieg ist auf 740-720 zu datieren (Kroymann XVII). Mithin ist der zweite messenische Krieg 60-70 Jahre danach, d. h. in die erste Hälfte bis gegen die Mitte des 7. Jhdts. oder etwas später zu setzen. Die nach den messenischen Kriegen berechneten Akmeangaben des Altertumes für T. lauten: Eus. Arm. 632. Su(i)d. Τυρταῖος 35. Ol. 640/37 (Busolt a. O.). Horat. A. P. 402 oder seine Quelle) nennt T. zusammen mit Homer unter den ersten ‚historischen‘ Dichtern. Wenn Su(i)da(s) zur Wahl stellt: σύγχρονος τοῖς ἑπτὰ κληθεῖσι σοφοῖς ἢ καὶ παλαίτερος, so führt die erstere Angabe auf dieselbe Berechnung wie die des [Plut.] Apophth. reg. 194 b, nach der Epameinondas die Messenier nach 230 Jahren zurückgeführt hätte, d. h. auf 600. Diese Chronologie scheint bereits Theopompos FGrH II B nr. 115 frg. 71 zu kennen, der Pherekydes kurz vor Ende des Krieges nach Messenien kommen läßt. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Lebenszeit des T. von den J. 680-600 als oberer und unterer Grenze umschlossen sein wird.

[1946] Eine viel spätere Datierung versuchte Schwartz 427ff. Danach hat Rhianos den zweiten messenischen Krieg 500 datiert. Platon berichtet leg. III 698 c, die Spartaner seien zur Marathonzeit in einen messenischen Krieg verwickelt gewesen, von dem auch Herodot. (V 49, vgl. Henri Weil Ét. s. l’ant. grecque 206) Kenntnis verrät. Dies ist nach Schwartz der Krieg des T. Infolgedessen heiße πατέρων ἡμετέρων πατέρες ‚unsere Ahnen‘ (vgl. Beloch GG² I 2, 263; Herm. XXXV [1900] 254), und T. sei ein Dichter des 5. Jhdts., ja ein Athener, der sie einem Spartiaten in den Mund legte (466). Diese Deutung der Überlieferung hat mit Recht, zuerst durch Ed. Meyer Forsch. z. a. O. II 5440. scharfe Ablehnung erfahren. Ebenso ist die auf falsche Interpretation von Lykurgos in Leocr. 106 beruhende Versetzung des T. in den messenischen Aufstand kimonischer Zeit durch A. W. Verrall Class. Rev. X (1896) 270ff. XI (1897) 185ff. sofort durch R. W. Macan ebd. XI 101 erledigt worden, vgl. auch Giarratone 105. Weil 207ff. Seit Jäger a. O. Gehalt und Form der Gedichte aus der Lage des 7. Jhdts. verständlich gemacht hat, wird auch niemand mehr auf diese Versuche einer Spätdatierung zurückgreifen wollen, vgl. Kroymann passim.

5. Echtheitsfrage.

Die Schwankungen in dem zeitlichen Ansatze des T. beruhen nicht nur auf der Unsicherheit der antiken Chronologie und der Verquickung mit der Frage der messenischen Kriege (über diese zuletzt Kroymann passim, dazu stark einschränkend, Schwartz Philol. XCII [1937] 19ff.), sondern auch darauf, daß die wörtlich erhaltenen Fragmente, entsprechend ihrem verschiedenen Gehalte, stilistisch nicht gleichartig sind. Während in älterer Zeit, außer gelegentlich Apollodoros in der Diskussion (bei Strab. 362), kaum jemand an der Echtheit aller erhaltenen Verse zweifelte, glaubte man am Ende des 19. Jhdts. die wahrgenommene Verschiedenheit des Stiles auf Verschiedenheit der Zeitlagen und zwar von Jahrhunderten, zurückführen zu müssen. Wer die angeblich jüngeren Stücke für das Wesentliche hielt, drückte T. zeitlich herunter, wer T. in das 7. Jhdt. setzte, erklärte die Gedichte, die ihm dafür zu glatt oder zu rhetorisch erschienen, für untergeschoben. Hielt man nicht mit Schwartz den ganzen T. für eine attische Fälschung des 5. Jhdts., so nahm man wenigstens an, daß Späteres im Laufe des 5. Jhdts. in die attischen T.-Ausgaben Eingang gefunden hätte. Entsprechend hat v. Wilamowitz Txtg. 114, grundsätzlich gebilligt von Th. Reinach Rev. ét. gr. 1901, 120f. u. a., die frg. 6. 7 9 aussondern wollen, wobei er auch den scheinbaren Wechsel der Bewaffnung und Taktik chronologisch auszuwerten suchte, worauf aber Schlüsse nicht aufgebaut werden können (darüber zuletzt Nilson Klio XXII [1929] 240ff. Schachermeyr 136. Jäger 541). Jacoby 12 hält zwar frg. 6 für jung, dagegen 28 frg. 7 für alt und 42 frg. 9 Überarbeitung einer Vorlage des 6. Jhdts. Schachermeyr 132 erklärt für tyrtäisch frg. 1. 4. 5 und Eunomia (konkreter Inhalt, stilistisch hart, keine Sentenzen, viele Vergleiche, Dorismen), 134 für später, vielleicht von verschiedenen Dichtern, [1947] frg. 6-9 (allgemeine Paränese, stilistisch glatt, Sentenzen, keine Vergleiche, keine Dorismen) 139. Nachdem schon Sitzler in seinen Bursianberichten und Giarratone 105ff. einen konservativen Standpunkt vertreten hatten, verteidigte Jäger a. O. erfolgreich das am meisten angezweifelte 9. Gedicht und damit auch die Echtheit von 6-8 unter wenn auch eingeschränkter Zustimmung von Schwartz Philol. XCII 22, 4, so daß damit der Kreislauf geschlossen ist. Der Verlauf der Kontroverse ist bei ihrem Entstehen gut beschrieben worden von H. Pistelli Stud. ist. fil. cl. IX (1901) 435-448, nach ihrem Abschluß von Howald Klio XXXI [1938] 257f.

6. Die Gedichte.

In Alexandria besaß man 5 Bücher Gedichte unter dem Namen des T. Su(i)d. s. Τυρταῖος, ἔγραψε πολιτείαν Λακεδαιμονίοις καὶ ὑποθήκας δι’ ἐλεγείας καὶ μέλη πολεμιστήρια, βιβλία ε’. Wieviele von den 5 Büchern μέλη bzw. Elegien waren, wissen wir nicht, ebensowenig, wie sich die erhaltenen Stücke darauf verteilen, da Anführungen mit Buchzahl nicht vorhanden sind. Wir besitzen noch vollständig oder in Resten:

a) Εὐνομία. So nannte man eine Einzelelegie (ἐν τῇ ἐλεγείᾳ ἢν ἐπιγράφουσιν Εὐνομίαν Strab. [aus Apollodoros] VIII 362), deren Anlaß laut Aristot. pol. V 1306 b 22ff. innere Schwierigkeiten in Sparta während des messenischen Krieges waren, als eine verarmte Gruppe die Neuverteilung des Landes forderte. Außer der aristotelischen Nachricht ist nur eine Gruppe von 4 Versen (frg. 2) erhalten, in denen der Herrschaft der heraklidischen Könige und der Einwanderung aus der dorischen Tetrapolis in die Peloponnes gedacht wird. Den weiteren Inhalt wird man sich nach Analogie von Solon frg. 3 (vgl. Jäger S.- Ber. Akad. Berl. 1926, 69-85) vorstellen, aber mit konkreteren Angaben, so daß Aristoteles die genannte historische Feststellung daraus entnehmen konnte. Zu einer Gleichsetzung der Εὐνομία mit der Πολιτεία bei Su(i)da(s), die z. B. Schachermeyr 129 vertritt, liegt kein Anlaß vor, ebenso ist die übliche Zuteilung der frg. 3 a b bei Diehl (nicht bei Edmonds) an die Eunomia ganz willkürlich (so schon Ed. Meyer Forsch. z. a. G. I 229, 1), da sie zu dem von Aristoteles genannten Anlaß des Gedichtes in keiner erkennbaren Beziehung stehen, zumal wenn man Paus. IV 18, 1-3 (= frg. 1 Bgk.) auf diese Vorgänge beziehen darf.

b) Πολιτεία. Dieser Titel paßt genau als Bezeichnung des Gedichtes, welcher das ohne genauere Herkunftsangabe zitierte frg. 3 a b entstammt. Es ist auf zweifache Weise überliefert, und die beiden Texte haben, um von kleineren Unterschieden abzusehen, verschiedenen Versbestand. v. Wilamowitz, der Txtg. 107ff. den Befund analysiert hat, kommt zu dem Schlusse – und Diehl ist ihm in der Textgestaltung gefolgt – ,daß die beiden Rezensionen nicht kontaminiert werden dürfen, da sie verschiedene historische Situationen voraussetzen. Ist das wirklich der Fall? Die umfangreichere Fassung steht in den Diodorexzerpten des verlorenen VII. Buches. Ob T. als Dichter genannt war, wissen wir nicht. Angeführt waren die Verse gelegentlich der lykurgischen Gesetzgebung und [1948] spiegeln die Hauptzüge der berühmten Rhetra, nur daß der Anteil der Könige stärker betont ist. Es folgen einander in der Rhetra: Gerousia mit Königen, Apella, in der Elegie: Könige, Geronten, Demotai, dann als Abschluß in der Rhetra: δαμώδων γορίαν ἧμεν καὶ κάρτος (= civium arbitrium esse et potestatem: Text und übersetzung gerechtfertigt v. Blumenthal Herm. demnächst) in der Elegie: δήμου δὲ πλήθει νίκην καὶ κάρτος ἕπεσθαι. Wichtig aber ist, daß die ebenfalls als Wiedergabe eines Orakels stilisierte poetische Fassung ein Mehr enthält, nämlich daß die Teilnahme der δημόται an der Regierung geknüpft ist an die Bedingung: εὐθείας ῥήτραις ἀνταπαμειβομένους, wenn sie ...‘ und daß die Mahnung folgt: μυθεῖσθαι δὲ τὰ καλὰ κτἑ. Dieses Mehr hat also in der ursprünglichen Fassung der Rhetra kein Gegenstück, wohl aber in der durch einen Zusatz erweiterten Redaktion (v. Wilamowitz Hom. Untersuch. 282), von der Plut. Lyk. 6 folgendes berichtet: Wegen Mißbrauch der Souveränität durch die Volksversammlung sei die ,lykurgische‘ Rhetra von den Königen Polydoros und Theopompos durch einen Zusatz ergänzt worden, und dieser laute (für den Text: v. Blumenthal a. O.) αἱ δὲ σκολιᾶν (sc. ῥητρᾶν) ὁ δᾶμος ἐρ⟨έ⟩οιτο, τοὺς πρεσβυγενέας καὶ ἀρχηγέτας ἀποστατῆρας ἦμεν. Die beiden Könige beriefen sich dabei ausdrücklich auf das Orakel. Plutarch sagt: ἔπεισαν δὲ καὶ αὐταὶ τὴν πόλιν, ὡς τοῦ θεοῦ ταῦτα προστάσσοντος. Wenn nun die Diodorfassung der poetischen Wiedergabe des Orakels mit den bei Plutarch fehlenden Versen μυθεῖσθαι δὲ τὰ καλὰ κτλ. gerade auf diesen Zusatz Bezug nimmt, so ist deutlich, daß der Dichter die erweiterte Fassung der Rhetra vor Augen hatte. Daß diese aber unter Polydoros und Theopompos zustande gekommen war und sich die beiden Könige dafür auf das ihnen erteilte Orakel berufen hatten, wußte Plutarch nun grade wieder aus T., wie er anschließend erklärt: ὥς ποῦ Τ. ἐπιμέμνηται διὰ τούτων. Plutarch zitiert dann den die historische Lage beglaubigenden Eingangsvers, läßt das erste Diodordistychon, weil es für ihn nichts Neues bringt, weg und fährt bis εὐθείαις ῥ. ἀ fort, weil damit schon der Grund für die Verfassungsänderung gegeben ist. Der Rest des Gedichtes paßte nicht in seinen Zusammenhang, er kürzte also genau wie im Solon, wo man das aristotelische Verfahren zur Kontrolle hat. Weiter geht aus Plutarch hervor, daß er auch die Namen der zwei Könige bei T. gefunden haben muß, von denen Theopompos nochmals frg. 4 erscheint. Alles dieses konnte Diodor, der eine poetische Wiedergabe der erweiterten Rhetra als ‚lykurgische‘ Verfassung präsentieren wollte, nicht brauchen, er (oder seine Quelle) ließ daher den Eingang fort. Wir haben also nicht zwei frühantike Rezensionen des T.-Textes, wie v. Wilamowitz glaubte, vor uns, sondern zwei verschiedene Exzerpte des gleichen Gedichtes. Wir müssen also doch beide Fassungen verbinden und erhalten damit folgendes Bruchstück vermutlich der Πολιτεία (für kleinere Varianten s. Diehl, v. 4 ergänzt nach v. Wilamowitz Txtg. 108, 2) wie es bis auf v. 1 und 4 Hudson–Williams frg. 4 und Edmonds frg. 4 hergestellt haben:

[1949]

 (θεωροί),
0 (τῶν} Πολύδωρος (ἔην καὶ} Θεόπομπος (ἄναξ},
Φοίβου ἀκούσαντες Πυθωνόθεν οἴκαδ’ ἔνεικαν
0 μαντείας τε θεοῦ καὶ τελέεντ’ ἔπεα·
δῆ⟨λα⟩ γὰρ ἀργυρότοξος ἄναξ ἑκάεργος Ἀπόλλων
0 χρυσοκόμης ἐχρη πίονος ἐξ ἀδύτου·
ἄρχειν μὲν βουλῆς θεοτιμήτους βασιλῆας,
0 οἷσι μέλει Σπάρτης ἱμερόεσσα πόλις,
πρεσβυγενεῖς τε γέροντας, ἔπειτα δὲ δημότας ἄνδρας
0 εὐθείαις ῥήτραις ἀνταπαμειβομένους
μυθεῖσθαί δὲ τὰ καλὰ καὶ ἔρδειν πάντα δίκαια,
0 μηδέ τι βουλεύειν τῇδε πόλει <σκολιόν>·
δήμου δὲ πλήθει νίκην καὶ κάρτος ἕπεσθαι.
0 Φοῖβος γὰρ περὶ τῶν ὧδ’ ἀνέφηνε πόλει.

c) Die Gedichte des Berliner Papyrus (frg. 1). Reste von 78 Versen, Schrift der zweiten Hälfte des 3. Jhdts. v. Chr. ,Abgliederung einzelner Gedichte ist nirgends kenntlich, aber die Verschiedenheit der Situation, die sie voraussetzen, beweist sie‘, v. Wilamowitz SB 732. Die Verse gehören zu 6 Kolumnen. Kol. I, von der nur wenige Buchstabenreste erhalten sind, ging der Kol. II voraus, dagegen folgte Kol. III nicht auf II, da II am unteren Blattrand mit einem Hexameter schließt, III am oberen mit einem solchen beginnt. v. Wilamowitz fährt fort: ,Auf der zweiten Kolumne, die alleine einigen Zusammenhang erkennen läßt, (ist) das Heer offenbar nicht sehr geneigt, die Schlacht anzunehmen, durch deren Schilderung ihm der Dichter Mut macht. Da auch Kol. III im Futurum redet, 42, mag sie noch zugehören. Letzteres ist recht zweifelhaft, da wie gesagt, III an II nicht anschließt, also über 25 Verse, selbst wenn nur eine Kolumne fehlt, dazwischen standen. Die Elegie müßte dann über 70 Verse gehabt haben, während das doch wohl vollständige frg. 9 nur 44 Verse lang ist. – In Kol. VI scheint von einer Belagerung die Rede gewesen zu sein. Daß es sich dabei um einen messenischen Krieg handelte, zeigt der Versanfang 66 Μεσσηνίων (dreisilbig). v. 65 hat man durch die Ergänzung κλ[ρος καὶ τάφ[ρος eine Beziehung auf die ‚Schlacht am Graben‘ (Schol. Aristot. eth. III 8, 1116 a 36) herstellen wollen, obwohl die Verbindung der zwei Worte mehr als unwahrscheinlich ist. Es dürfte κλ[ρος καὶ τάφ[ος zu ergänzen sein. Dann könnte ausgesprochen gewesen sein, was Soph. Oed. K. 789 tragisch so stilisiert hat: ἔστιν δὲ παισὶ τοῖς ἐμοῖσι τῆς ἐμῆς – Wie v. Wilamowitz heraushebt, ist das Wichtigste, daß v. 12 die 3 altdorischen Phylen als Heeresabteilungen erscheinen. Hinzunehmen muß man, daß weder die Rhetra noch ihre poetische Spiegelung bei T. der Ephoren gedenkt (Beloch Herm. XXXV [1900] 258. Monti 3f.), die wiederum von der Neuordnung der Bürgerschaft nach den 5 örtlichen Phylen (trotz V. Ehrenberg Herm. LIX (1924] 23ff.; Ἐπιτύμβιον Swoboda [1927] 19ff.) nicht zu trennen sind. Der in den Papyrusgedichten und dem Politeiafragment vorausgesetzte Zustand ist also der gleiche, d. h. er fällt unter Theopompos und Polydoros. Wenn nun Aristot. Pol. V 1313 a 26 sagt: Θεοπόμπου μετριάσαντος τοῖς τε ἄλλοις καὶ τὴν τῶν ἐφόρων ἀρχὴν ἐπικαταστήσαντος (ähnlich, aber ohne Namen [ὁ τρίτος σωτήρ] Plat. leg. III 692 a, aus beiden zusammen Plut. Lyk. 7), so wird auch dies aus [1950] T. stammen, aber aus einer Stelle, die ein späteres Wirken des Theopompos schilderte. Ob das im weiteren Verlaufe des Politeiagedichtes geschehen ist, wissen wir nicht; unmöglich scheint es nicht, obwohl der letzte Vers des obigen Fragments wie Gedichtende klingt. – Literatur zu den Papyrusgedichten bei Diehl S. 6. Zur Entstehungszeit des Ephorats s. Art. Sparta 1379.

d) Weitere Gedichte über den ersten messenischen Krieg. In unseren Sammlungen sind seit Bergk PLG II frg. 5 drei einzeln überlieferte Stücke entweder ganz zu einer Versfolge vereinigt (Hudson-Williams frg. 5. Edmonds frg. 5) oder mindestens als Teile desselben Gedichtes behandelt (Diehl frg. 4). Natürlich ist es möglich, daß v. 1. 2 mit 3 und 4-8 der gleichen Elegie angehören ,eine Gewähr irgendwelcher Art besteht nicht, am wenigsten für v. 3, der überall gestanden haben kann. Daß v. 1. 2 und 4-8 dasselbe geschichtliche Ereignis, den ersten messenischen Krieg, betreffen, geht aus dem Inhalt und den anführenden Schriftstellern klar hervor. Aber die Reste des Berliner Papyrus zeigen, daß man sich den Rahmen des Möglichen nicht zu eng vorstellen darf. Man kann hinzufügen, daß der Personenwechsel v. 2: Μεσσήνην εἴλομεν und v. 4: ἀμφ’ αὐτὴν ἐμάχοντ’ nahezu mit Sicherheit auf verschiedene Gedichte weist. Man bedenke, daß wir von 5 Büchern, d. h. von 5-6000 Versen Reste von kaum 200 besitzen. Eine künftige Neuausgabe wird hoffentlich dem Rechnung tragen und die 3 Stücke unter verschiedenen Nummern führen.

e) Elegie über das Schicksal der unterworfenen Messenier. Paus. IV 14, 4 berichtet: τὰ δὲ ἐς αὐτοὺς Μεσσηνίους παρὰ Λακεδαιμονίων ἐσχεν οὔτως, πρῶτον μὲν αὐτοῖς ἐπάγουσιν ὅρκον μήτε ἀποστῆναί ποτε ἀπ’ αὐτῶν μήτε ἀλλο ἐργάσασθαι νεώτερον μηδέν . δεύτερα δὲ φόρον μὲν οὐδένα ἐπέταξαν εἰρημένον, οἱ δὲ τῶν γεωργουμένων τροφῶνσφισιν ἀπέφερον ἐς Σπάρτην πάντων τὰ ἡμίσεα. προείγητο δὲ καὶ ἐπὶ τὰς ἐκφορὰς τῶν βασιλέων καὶ ἄλλων τῶν ἐν τέλει καὶ ἄνδρας ἐκ τῆς Μεσσηνίας καὶ τἂς γυναῖκας ἐν ἐσθῆτι ἥκειν μελαίνῃ. ⟨ἐς⟩ τιμωρίας δέ, ἃς ὕβριζον ἐς τοὺς Μεσσηνίους, Τυρταίῳ πεποιημένα ἐστίν • (frg. 5, 1-3), ὅτι δὲ καὶ συμπενθεῖν ἔκειτο αὐτοῖς ἀνάγκη, δεδήλωκεν ἐν τῷδε (frg. 5, 4/5). Hier zeigt das Referat des Pausanias, daß die beiden Fragmente zu demselben Gedichte gehören, dessen Hauptpunkte wir von dem Periegeten erfahren: Auferlegung des Eides, Ernteabgabe, Pflicht πανδημεί dem Leichenbegängnis der Spartiaten zu folgen. Daß dies alles ausführlich-dichterisch dargestellt war, lehrt der Vergleich der zwei Bruchstücke mit dem Pausaniastext, es ist mutatis mutandis dasselbe Verhältnis, wie zwischen der Rhetra und der tyrtäischen Politeia. Beschrieben ist die Lage Messeniens nach der ersten Unterwerfung. Wie T. diese Schilderung in den Gang eines Gedichtes eingeordnet hat, wissen wir nicht. Es liegt nahe zu vermuten, daß daraus die Folgerung gezogen war: und vor diesen euren Knechten weicht ihr jetzt feige zurück, ἄλλ’ – Ἡρακλῆος γὰρ ἀνικήτου γένος ἐστέ – θαρσεῖτ’ – οὔ πω Ζεὺς αὐχένα λοξὸν ἔχει (d. h. Zeus steht noch nicht auf Seiten der Sklaven) könnte sich angeschlossen haben, mindestens dem Sinne nach.

[1951] f) Elegie aus Lykurgs Leokratesrede. Zunächst ist zu fragen, ob die 32 Verse von frg. 6/7 ein einziges Gedicht bilden, oder ob, entsprechend dem Wechsel in der Anrede von der 1. zur 2. Pers. Pl., v. 15, wie, nach Heinrich, v. Wilamowitz SB 733, Jacoby 12ff., Diehl S. 14 glauben, ein zweites Gedicht beginnt. Dafür ist es gleichgültig, ob die Einlage aus T., die bei Lykurg Leokr. 107 im Texte steht, von dem Redner selber bei der Herausgabe eingefügt wurde, oder ob sie wie bei Demosth. παραπεσβ. 255 (vgl. v. Wilamowitz Aristot. u. Ath. II 305. Jäger S.-Ber. Akad. Berl. 1026, 69ff.) von einem Grammatiker nachgetragen ist. In jedem Falle hat Lykurg das Stück so im Zusammenhang gelesen, wie wir es besitzen, da er es als Beispiel dafür gibt, wie die Spartaner mit Hilfe des T. καὶ τῶν πολεμίων ἐκράτησαν καὶ τὴν περὶ τοὺς νέους ἐπιμέλειαν (d. h. v. 15ff.) συνετάξαντο. Damit hat er die moderne Teilung des Gedichtes nicht gekannt oder, wie v. Wilamowitz a. O. meint, übersehen. Aber schon vor Lykurg hat, wie Jäger 565 feststellte, Lysias Epitaph. 25 den einheitlichen Text vor Augen gehabt, da er in einer Antithese v. 14+18 mit Wortanklängen paraphrasiert. Somit ist überlieferungsmäßig eine Teilung in zwei Kurzelegien nicht gerechtfertigt; daß sie durch den Wechsel der Anrede nicht gefordert wird, hat Jäger 565, 1 kurz und treffend angedeutet. Wir sind also verpflichtet, das Stück als ein Ganzes anzusehen und zu erklären. Das ist besonders wichtig für die Echtheitsfrage. Mit Recht hat Jacoby 24ff., der für die Trennung ab v. 15 eintritt und mit v. Wilamowitz 1-14 für jung hält, betont, daß das Schlußstück, zumal in dem merkwürdigen, in seiner Besonderheit noch nicht erklärten v. 25: αἱματόεντ’ ἰδοῖα φίλαισ’ ἐν γερσὶν ἔχοντα, durchaus altertümlich und der Kallinoselegie, an deren Alter niemand zweifelt, gleichartig ist. Gibt also die Überlieferung die Gewißheit, daß wir es mit einem einzigen Gedichte zu tun haben, so müssen wir das ganze Stück als tyrtäisch anerkennen und erklären. Wenn gegen die Echtheit dieser und der folgenden paraenetischen Elegien u. a. das Fehlen der kurzen Akkusative auf ǎρ der 1. Dekl. eingewandt worden ist (Schachermeyr 138), so beruht das auf einem Fehlschlusse. Denn an sämtlichen Stellen, wo diese acc. pl. vorkommen, stehen sie hier entweder am Versende (frg. 8, 5f.) oder vor Konsonanten (frg. 8, 22, wo die Hs. M bemerkenswerterweise κνῆμάς τε bietet, und frg. 9, 22). Wir können also nicht wissen, ob der Dichter ǎρ oder āρ gesprochen hat. Aber auch besondere Anzeichen für die Jugend von 6/7 wurden geltend gemacht. Vor allem hat v. Wilamowitz Txtg. 115 und nach ihm Jacoby 20f. den Ausdruck μὴ φιλοψυχεῖτε (v. 18) für spät – 5. Jhdt. – erklärt, was Jäger 565 durch den Hinweis entkräftet, daß ,χυχή = Leben in der Sprache des gewöhnlichen Lebens im 5. Jhdt. bereits verschwunden ist‘. Es kommt hinzu, daß in dem von niemand bezweifelten frg. 8, 5 mit ἐχθρὴω μὲν ψυχὴν θέμενος der Gegensatz mit dem gleichen Worte formuliert ist.

Zwei Voraussetzungen hat die Elegie. Wenn sie beginnt: schön ist für den Tapferen der Tod [1952] unter den Vorkämpfern im Streite für das Vaterland; wer aber gezwungen ist, seine Stadt zu verlassen, führt ein untragbares Leben; und wenn dann dieses mit allen grausamen Einzelheiten beschrieben wird, so war der Anlaß des Gedichts die höchste Gefahr des Staates (vgl. Henri Weil Ét. sur l’ant. grecque 196f.) und damit jedes einzelnen. Wenn dann zweitens die Jugend aufgerufen wird, die alten Mannen nicht im Stich zu lassen, weil es Schande ist, wenn die Alten vor den Jungen auf der Walstatt liegen, so muß der Anlaß dazu eine durch die Schuld der Jungmannschaften verlorene Schlacht gewesen sein, in der die Alten vergeblich das Schicksal zu wenden bemüht waren. Beides schließt sich zusammen: eine durch das Versagen der Jugend verlorene Schlacht, in der viele der Alten zugrunde gingen, hat den Staat an den Rand des Verderbens gebracht. Manche denken jetzt an Auswanderung – man mochte sich an die Zeit der Gründung von Tarent erinnert fühlen. Der Dichter warnt vor dem Schicksal in der Fremde und ruft die Jugend auf, das Schicksal zu wenden, da nur sie die Entscheidung vor den Alten bringen kann.

g) Elegie 8. Sie ist auf die gleiche Lage wie die vorige zu beziehen: Die Mutlosigkeit angesichts der Menge der Feinde muß abgeworfen werden. Denn ihr seid – welche Verpflichtung! – die Nachkommen des unbesiegbaren Herakles, und damit des Zeus, der sich noch nicht auf die Seite eurer bisherigen Sklaven gestellt hat (Jacoby 27). v. 9: καὶ μετὰ φευγόντων τε διωκόντων τ’ ἐγένεσθε, ὦ νέοι, ἀμφοτέρων δ’ ἐς κόρον ἠλάσατε zeichnet noch deutlicher das Bild der für frg. 6/7 vorauszusetzenden Niederlage; vielleicht waren die νέοι, oder ein Teil von ihnen, zuerst siegreich gewesen und dann in einen Hinterhalt geraten. Nach dem Eingange werden wieder die Pflichten der Vorkämpfer geschildert und am Schlusse, darüber hinaus, die der γυμνῆτες. Hiermit darf man wohl die Angabe des Paus. IV 16, 6 verbinden: Τ. ... ἐλεγεῖα ᾅδων μετέπειθεν αὐτοὺς καὶ ἐς τοὺς λόχους ἀντὶ τῶν τεθνεώτων κατέλεγεν ἄνδρας ἐκ τῶν εἱλώτων (vgl. Ed. Meyer G. d. A. III² 515).

h) Elegie 9. v. Wilamowitz Txtg. 114 spricht sie T. ab, ,denn sie erwähnt die Phalanx und den runden Schild und den Panzer.‘ Daß dieses Argument nicht stichhält, zeigt Ed. Meyer Forsch. z. a. G. II 546, vgl. Monti 8. Schachermeyr 136. Jäger 541. Für Bearbeitung eines älteren Gedichtes, dem er v. 1/2, 11/12, 16/19, 23-30, 25-38 zuweist, erklärt es Jacoby 31ff. Die Elegie als ein Ganzes aus dem Geist des 7. Jhdts. verständlich gemacht zu haben, ist das Verdienst von Jäger 544ff. Sicher haben es Xenophanes frg. 2 (Jäger 557) und Theognis 699-718. 935. 1003-1006 (F. Dornseiff Echtheitsfragen antik-griechischer Literatur, Berl. 1939, 7. 14. 17), vielleicht sogar schon Solon (frg. 1, 32 ∼ v. 29/30. Jäger 539) vor Augen gehabt.

Die Elegie ist bei Stobaios erhalten (IV327H.), aber nicht zusammenhängend, indem v. 1-14 von 15-44 durch drei Euripides- und ein Euenoszitat getrennt ist. Daß beide Teile ohne Lücke aneinanderschließen, beweist das leicht umgebildete [1953] Zitat von v. 13-16 bei Theognis 1003-1006 (Dornseiff 7. 17) und wird dadurch gestützt, daß Plat. leg. I 629 a-630 b die vv. 1 bis 16 paraphrasiert. Schon Klotz 65 hat es mit Berufung (81) auf Theognis als ein Gedicht gedruckt.

Wenn bei so vielen Kritikern der Eindruck entstanden ist, frg. 9 sei jünger, sogar bedeutend jünger als das 7. Jhdt., in das doch von den meisten wenigstens frg. 1-5 u. 8 gesetzt wurden, so ist das in dem richtigen Gefühl begründet, daß frg. 9 aus einer ganz anderen Lage als frg. 6-8 und mit völlig verschiedener Absicht gedichtet ist. Sind jene Lieder nach einer durch die Schuld der jungen Mannschaften verlorenen Schlacht mitten in einem das Dasein des Staates bedrohenden Kriege gesungen, um die Jugend zur Wiederherstellung der Waffenehre aufzurufen, so fällt von alledem in frg. 9 kein Wort, und zwar deshalb – und das hat man übersehen – weil kein Krieg mehr ist. Denn die gehäuften Vergleiche des Einganges wären sinnlos unter Verhältnissen, wie sie frg. 6-8 vorauszusetzen sind. ,Mir gilt ein Läufer so schnell wie Boreas, ein Ringkämpfer von kyklopischer Stärke, ein καλός wie Tithonos, der Reichtum des Midas und Kinyras, die Fürstlichkeit des Pelops und die Beredsamkeit des Adrastos nicht so viel wie ein wirklicher Krieger‘ – das kann nur zu einer Zeit gesagt sein, in die diese ἀρεταί sich ungestört entfalten konnten und durften. Denn inmitten eines Verzweiflungskampfes wird man ihrer nicht gedenken, wird auch kein agonaler Grieche bezweifeln, daß vor allen anderen der Feldherr und der Krieger auf den Plan gerufen werden müssen. Aber im Frieden, d. h. hier bei T.: nach dem Siege über die Messenier, mögen andere Kräfte begonnen haben, das spartanische Leben zu beherrschen: die Athleten gewannen auf Grund ihrer Siege, die καλοί durch ihre Schönheit, andere durch reichen Besitz, die Könige – denkt T. an die Reformen dieser Zeit? – durch ihre ererbten Vorrechte, manche – darum der Zusatz zur Rhetra – durch ihre Beredsamkeit vor der Apella Macht und Ansehen im Staate oder drohten sie zu gewinnen, während die harten Kämpen, die den Sieg errangen, vielleicht zurückgesetzt wurden. All diesen ἀρεταί des Friedens stellt T. die ἀρετή des Kriegers, welche einzig den Staat – auch im Frieden – erhalten kann, gegenüber, um am Schlusse die Stellung zu zeichnen, die dem Sieger in seinem Volke gebührt, die ihm aber im Frieden, so schmachvoll es ist, nicht immer zuteil wird. Daß hier ein Wunschbild gegeben wird und keine Gegenwart geschildert ist, zeigen v. 40/41: πάντες δ’ ἐν θώκοισιν ὁμῶς νέοι οἴ τε κατ’ αὐτόν . Denn daß die Älteren sich erheben, um dem Tapferen, auch wenn er jünger ist, ihren Platz zu überlassen, widerspricht wohlbeglaubigter (Plut. Lyk. 15, 20) lakonischer Sitte. – Literatur: zuletzt Jäger a. O., im allgemeinen C. E. Frhr. v. Erffa Αἰδώς. Philol. Suppl. XXX (1937) 2, 59f.

i) Frg. 10 u. 11. Zwei einzelne Verse, die beide durch Chrysippos erhalten sind und daher aus dem gleichen Gedichte stammen mögen, aber nicht müssen. Daß frg. 11 sehr bekannt war, [1954] sehen wir aus der namentlichen Anspielung in einem akarnanischen inschriftlichen Gedichte unbekannter Zeit – es ist nur eine Minuskelabschrift vorhanden, der Herausgeber vermutet 3. Jhdt. v. Chr. – veröffentlicht von G. Klaffenbach S.-Ber. Akad. Berl. 1935, 719. Dasselbe gilt aber auch für frg. 10: αἴθωνος δὲ λεοντος ἐχων ἐν στήθεσι θυμόν, wenn Pind. Ol. XI 19: τὸ γὰρ ἐμφυές οὔτ’ αἴθων ἀλώπηξ οὔτ’ ἐρίβρομοι λέοντες διάλλαξαντο ἦθος, wie ich glaube, den Gedanken weiter- oder umgebildet hat. Auch bei T. wird ein Vergleich mit dem Fuchse vorausgegangen sein. Denn zur Verschlagenheit wurden die spartanischen Knaben ebenso wie zur Tapferkeit erzogen: Plut. Lyk. 17f.

k) μέληπολεμιστήρια. Von Su(i)da(s) im Katalog genannt. Darauf ist zu beziehen (v. Wilamowitz Gr. Versk. 366) Paus. IV 15, 6: (Τ.) ἀφικόμενος ἰδίᾳ τε τοῖς ἐν τέλει καὶ συνάγων ὁπόσους τύχοι, καὶ τὰ ἐλεγεῖα καὶ τὰ ἔπη σφίσι τὰ ἀνάπαιστα ᾖδεν und (v. Wilamowitz Txtg. 96) Aristoxenos b. Athen. XIV 630f.: πολεμικοὶ δ’ εἰσὶν οἱ Λάκωνες, ὧν καὶ οἱ υἱοὶ τὰ ἐμβατήρια μέλη ἀναλαμβάνουσιν, ἅπερ καὶ ἐνόπλια καλεῖται. κατ’ αὐλὸν (καὶ αὐτοὶ Hss.) δ’ οἱ Λάκωνες ἐν τοῖς πολέμοις, τὰ Τ.ου ποιήματα ἀπομνημονεύοντεσ, ἔρρυθμον κίνησιν ποιοῦνται. Die spärlichen Reste der lakonischen Embateria, von denen T. frg. 15 Bgk. noch allenfalls als tyrtäisch überliefert gelten kann, bezeichnet v. Wilamowitz Txtg. 97 mit Recht als sprachlich jung: doch mögen sie, wie die Volksliedforscher es nennen, zersungene Nachklänge des alten Gutes sein. Diehl hat die von Bergk PLG II 20, 15f. bei T. abgedruckten Reste unter die carmina popul. (Anth. lyr. gr. Heft VI 197, 18f.) verwiesen, zweckmäßiger wäre es, das als spartanisch Beglaubigte als Anhang zu T. abzudrucken, weil es zur Nachwirkung dieses für Sparta dichtenden Mannes gehört, dessen Bedeutung dort, nicht im übrigen Hellas, für seinen Augenblick und eine späte Zukunft, wenn wir den attischen Zeugen – Platon und Lykurgos! – trauen dürfen, außerordentlich gewesen sein muß.

7. Sprache und Metrisches.

T. hält sich in den durch Homer und Hesiod festgestellten Grenzen des epischen Sprachgebrauches, der von der Elegie seit Kallinos im wesentlichen übernommen wurde. Die Vermehrung des Wortschatzes (aufgezählt bei Hudson-Williams 106, vgl. Monti 38ff.) ist gering und zum Teil sachlich bedingt (δημότης, γυμνήτης). – Im Formenbestande sind außer einmaligem dorischem Futurum ἀλοιησεῦ[μεν, frg. 1, 16 am auffallendsten die kurzen Akk. Pl. 1. Dekl. -ǎς (nach Analogie der 3. Dekl.) δημοτǎς frg. 3 a 5 = 3 b 6, δεσποτǎς frg 5, 4, χαιτǎς frg. 1, 39, die aber schon bei Hesiod neben den langen Formen vorkommen (Belege: Kühner-Blass Gr. Gr. I 167, 1), allerdings mit dem Unterschiede, daß bei T. alle Akkusative der 1. Dekl. kurz sein können, da die übrigen Fälle (s. o. 6 f) am Versende oder in Position stehen, während bei Hesiod sich die nachprüfbaren Fälle in Theogonie und Erga je genau zur Hälfte auf -ǎς und -āς verteilen. – Lautlich ist die Neigung bemerkenswert, i in übergehen zu lassen: Μεσσηνίων frg. 1, 66 am Versanfang dreisilbig (A. Gercke Herm. LVI [1955] [1921] 351. P. Maas Gr. Metrik² 36, falsch v. Wilamowitz SB 736, der η̌ versteht und —◡◡— skandiert), nom. Κρονί̌ων frg 2, 1 = ◡◡— (seit Pind. Pyth. IV 23 nicht selten) gegenüber epischem ◡— — erklärt sich wohl auch als Κρονίjων. Frg. 6, 20: γεραjούς hat schon Hom. Od. XX 379; ἔμπαjον οὐδὲ βίης seine Parallele. Schließlich zeigt frg. 9, 6 μάλιον = μᾶλλον, daß mouilierte Konsonanz und silbenbildendes i sehr nahe aneinanderlagen. – Metrisch ist zu bemerken, daß in dem Verse frg. 4, 1: ἡμετέρῳ βασιλῆι, θεοῖσι φίλῳ Θεοπόμπῳ scheinbar hinter dem 4. Trochäus Wortschluß ist (Hudson-Williams 108), was im Homer äußerst selten vorkommt (P. Maas Gr. Metrik² § 87). Er ist aber auch an dieser T.-Stelle nicht anzuerkennen. Vielmehr ist θεοισιφίλῳ ein Kompositum vom Typus ἀρηΐφιλος. (Beispiele: Debrunner Gr. Wortbildungslehre 34f.): so, ohne weitere Erläuterung schon v. Wilamowitz Txtg. 118, 1.

8. Überlieferungsgeschichte und Nachleben.

Solon(?), Xenophanes, Theognis haben T., und zwar uns noch erhaltene Verse gekannt (s. o. 6 h). In Sparta blieb er in ständigem und lebendigem Gebrauche, s. o. 6 k, dazu Dion Prus. I 22, 13 v. Arn., und Philochoros[WS 1] bei Athen. XIV 630f.: Φιλόχορος δέ φησιν κρατήσαντας Λακεδαιμονίους Μεσσηνίων διὰ τὴν Τ.ου στρατηγίαν ἐν ταῖς στρατείαις ἔθος ποιήσαθαι, ᾄδειν καθ’ ἔνα ⟨τὰ⟩ Τ.ου • κρίνειν δὲ τὸν πολέμαρχον καὶ ἆθλον διδόναι τῷ νικῶντι κρέας. Die Historiker des 5. Jhdts. scheinen ihn nicht benutzt zu haben (über Herodot vgl. Ed. Meyer Forsch. z. a. G. I 230), dagegen ist er im 4. Jhdt. viel beachtet worden. Jäger 564 weist nach, daß die attischen Epitaphien des Gorgias (frg. 6 D.-K.) und Lysias (§ 25) bis zu Hypereides (3. 24. 31) Gedankengänge und Wendungen des T. umschreiben. Von Platon und Lykurgos war oben schon die Rede. Aristoteles hat ihn für die spartanische Verfassungsgeschichte ausgewertet (s. o. 6 a), vermutlich standen in der πολιτεία Λακεδαιμονίων ähnliche Zitate wie aus Solon in der athenischen. Hierauf geht wohl zum Teil Plut. Lyk. zurück. Benutzung durch Ephoros erschließen wir aus Diod. (s. o. 6 b, dazu VIII 27. XV 66, 3 und Iustin. III 5, 4). Kallisthenes und Philochoros haben sich um seine Abkunft gekümmert. Die romanhafte Behandlung der messenischen Kriege durch Myron von Priene (um 275-250. Kroymann 68) hat offenbar T. nicht verwertet, da Paus. IV 6, 4 (Kroymann<!..Vorlage Kryomann--> 18) aus unbekannter Quelle Widersprüche feststellt. In den Messeniaka des Rhianos scheint T. vorgekommen zu sein (Kroymann 91ff.). Von Philosophen zitieren ihn nach Platon und Aristoteles noch Aristoxenos (s. o. 6 k) und Chrysipp (6 i). In die alexandrinische Bibliothek ist er gekommen, wie die Buchangaben bei Su(i)da(s) zeigen. Auch kannte ihn nach Ausweis des Berliner Papyrus und der akarnanischen Inschrift im 3. Jhdt. v. Chr. noch die breitere Leserschaft. In dieser Zeit kamen frg. 8 u. 9 in die Florilegien (v. Wilamowitz Txtg. 110). Die Grammatiker haben ihn vernachlässigt, von einer philologischen Ausgabe erfahren wir nichts, auch für die Worterklärung ist kaum etwas geschehen: in Scholien und Lexicis sind nur minimale Spuren (v. Wilamowitz Txtg. 110). Die Testimonia [1956] aus Hesych usw., durchweg ohne Namen, können auch aus anderen Dichtern genommen sein. T. war offenbar den Philologen, soweit sie nicht, wie Apollodor und die Quelle des Pausanias, chronologische Probleme behandelten, wie die ganze Elegie zu problemlos. Für Kallinos liegt es ähnlich. Nach dem Hellenismus ist unmittelbare Benutzung nicht mehr zu erkennen (Strabon zitiert über Apollodor), ja unwahrscheinlich, wenn so ein gebildeter Mann wie Quintilian (X 1, 56), verführt durch Horat. ars p. 402 (Schmid-Stählin 360, 5), ihn für einen Epiker hält (v. Wilamowitz Txtg. 66, 2. 110). Daß Paus. IV aus zweiter oder dritter Hand berichtet, wurde schon gesagt. Die lebendige Kenntnis gründet sich, soweit sie überhaupt vorhanden ist, nur noch auf die Florilegien. Die letzte Erwähnung scheint bei Themist. or. 15, 197 d vorzukommen.

9. Zusammenfassung.

T. gilt spätestens seit dem 4. Jhdt. v. Chr. allgemein für einen gebürtigen Athener, der von den Spartanern auf Geheiß Delphis als Feldherr des zweiten messenischen Krieges gerufen wurde. Als Dichter begeisterte er durch seine Schlachtenelegien das entmutigte Heer (frg. 1. 4–8) zu siegreicher Beendigung des gefährlichen Krieges und wirkte im Frieden für Festigung der staatlichen Ordnung (frg. 2. 3) und Erhaltung echten Kriegertumes (frg. 9). T. bediente sich dabei, außer in den verlorenen Marschliedern, der in Ionien schon bei Kallinos fertig entwickelten Elegie, ohne das bisher Geleistete wahrnehmbar zu steigern, und der zugehörigen epischen Sprache mit gelegentlichen Spuren mutterländischer Mundart. Seine Bedeutung für die Geschichte der griechischen Dichtung ,liegt nicht in der Einmaligkeit seiner Sendung, sondern in der Einzigkeit des Gesamtzustandes, dessen Merkzeichen er ist‘ (v. Blumenthal Griech. Vorbilder [1921] 95). T. wäre ohne Sparta vergessen, Sparta aber ist ewig auch ohne T.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Pilochoros