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Der Barbaren: das alte Joch
Laß sie tragen für immerdar!

Sieh’, wie groß die Gewalt des Banns:
Was mit Strömen von Kriegerblut
Einstmals Marius’ Heldenmut
Und des Julius Kraft erreicht,
Wirkst du jetzt durch ein leises Wort.

Rom, von neuem durch dich erhöht,
Bringt dir schuldigen Dank; es bot
Nicht den Siegen des Scipio,
Keiner That der Quiriten je
Wohlverdienteren Kranz als dir!

Wer wird hier angeredet, ein Bischof oder ein Cäsar? Ich denke ein Cäsar oder vielmehr ein priesterlicher Cäsar; so wurde es empfunden, und so wird es noch heute empfunden. Er beherrscht ein Reich – also ist es auch ein Versuch mit untauglichen Waffen, dieses Reich bloß mit dem Rüstzeug dogmatischer Polemik anzugreifen.

Die ungeheuren Konsequenzen der Thatsache: die katholische Kirche ist das römische Weltreich, vermag ich hier nicht darzulegen. Nur ein paar Folgerungen, welche die Kirche selbst zieht, seien angeführt. Dieser Kirche ist es ebenso wesentlich, Regierungsgewalt auszuüben, wie das Evangelium zu verkündigen. Das „Christus vincit, Christus regnat, Christus triumphat“[WS 1] ist politisch zu verstehen: er herrscht auf Erden, indem seine von Rom geleitete Kirche herrscht, und zwar durch Recht und Gewalt, d. h. durch alle die Mittel, deren sich die Staaten bedienen. Es soll daher auch keine Frömmigkeit geben, die sich nicht allem zuvor dieser Papstkirche unterwirft, von ihr approbiert wird und in stetiger Abhängigkeit von ihr bleibt. Diese Kirche lehrt ihre „Unterthanen“ also sprechen: „Wenn ich alle Geheimnisse wüßte und hätte allen Glauben, und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte die Einheit in der Liebe nicht, die allein aus dem unbedingten Gehorsam gegen die Kirche fließt, so hätte ich nichts.“[WS 2] Aller Glaube, alle Liebe, alle Tugenden, selbst die Martyrien sind außerhalb der Kirche wertlos. Natürlich – auch ein irdischer Staat schätzt nur die Verdienste, die man sich um ihn

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Der sogenannte Lobgesang Hinkmars (um 750).
  2. Paraphrase von 1. Kor 13.
Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 158. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/162&oldid=- (Version vom 30.6.2018)