Topographia Electoratus Brandenburgici et Ducatus Pomeraniae: Cüstrin

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Topographia Germaniae
Cüstrin (heute: Küstrin)
<<<Vorheriger
Cotbus
Nächster>>>
Daber
aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1652, S. 42–45.
Wikisource-logo.png [[| in Wikisource]]
Wikipedia-logo.png Küstrin in der Wikipedia
Bearbeitungsstand
unkorrigiert
Dieser Text wurde noch nicht Korrektur gelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du bei den Erklärungen über Bearbeitungsstände.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du unter Hilfe
Link zur Indexseite


[42]
Cüstrin /

Diese Churfürstliche Brandeburgische Vestung in der Neuen-Marck gelegen / ist in die Vierung / doch etwas überlängt / gebauet / und hat fünff Pasteyen / an jeder Eck eine / mit ihren Flügeln / und Casamaten / vnd die fünffte an der einen langen Seiten / da das Land am nächsten / zwischen beeden Eckpasteyen mitten innen / sampt einem Cavalier: An der andern langen seiten gegen der Oder / hat die lange Gerade Mauer etliche Absätz / an statt der Streichwehren zu gebrauchen. Und ist solche Vestung durchauß auff Pfälen und Röst in das Moraß gesetzt / von lauter gebackenen Steinen auffgemauret / inwendig unter dem Wall alles gewölbet / und hat seine sondere Schußlöcher. Solche gewölbte Wehren seynd mit sonderm Vortheil gebauet; dann sie nicht allein ihre Dampff-Löcher durch den Wall oben hinauß haben; [43] sondern seynd mehrertheils / und sonderlich bey der Pastey / da das Cavalier überzwerch auffstehet / gegen der Vestung hineinwerts offen / damit / da der Rauch oben nicht hinauß wolte / doch ein Weg / als den andern / sie / durch solch Mittel Lufft haben könten. Und seynd sonderlich die Mauren außwendig herumber mit guten Pfälen und Tüllen darhinder versehen / damit solch Gemäuer vor stätigem Anschlagen deß Wassers / so wol auch wegen der Verfrierung / und Eyßschämel verwahrt bleibe. So hat es auch in dieser Vestung 3. herrliche Zeughäuser / deren das eine bey die 700. Schuch lang / so unten mit munition / oben auf mit Getreyd / und Speck / die Keller aber mit Bier / versorget werden. Wann man von Mittag / oder von Franckfurt an der Oder (so 3. Meilen von hinnen gelegen) hieher reisen will / muß man über 37. Brucken / und deßhalben solcher Weg wol eine Maußfallen mag genandt werden. Und da man über das Moraß kompt / laufft zu nechst an der Vestung Cüstrin / der starcke Oderstrom fürüber. Wann man dann zum andern Thor wieder hinauß will / muß man zum wenigsten auch über 7. Brucken reisen / obwol der Moraß am selbigen Orth am schmälsten ist. Es ligt sonsten Cüstrin gar eben / hat einen herrlichen grossen Platz zur Musterung / hübsche Häuser in der Stadt / und ein feines Volck wie dann die Burgerschafft wol abgericht ist / und / neben den Soldaten / die Wachten versehen thut. Der schöne Fürstliche Pallast / so mit hübschen breiten Gräben umbgeben / hat inwendig zum Theil hübsche gemahlte Zimmer / einen grossen Saal / und sonderlich die Neuerbaute Churf. Zimmer. Man hat vor diesem in dem langen Zeughauß 150. grosse Stück Geschütz schön außgebutzt / und unter solchen 21. Carthaunen / doppel Carthaunen und Feldschlangen / alles von Metall gezehlet. So waren auch da etliche Feuermörser auf vier Rädern. Sonsten hatte auch die Vestung an andern Sachen / als 31. Handmülen / Rüstwägen / und dergleichen / keinen Mangel; und / sonders Zweifels noch. Und wird solche für unüberwindlich gehalten. Marggraff Hans von Brandeburg / der Anno 1571. gestorben / hat sie / nach dem sie über 200. Jahr hero eine Stadt gewesen / bevestiget: Von ihr setzet Johan Angel. à Werdenhagen in Antegressu part. 4. Rer. Hans. p. 373. folgende Verß:

Ipsa licet cunctas adducat Thracia vires,
Germanis certam saepè minata necem.
Ipsa licet cunctas terra Itala vires,
Teutonibus magnum saepè minata malum:
Nec tamen humana poteris delerier arte,
Nec vi, nec vigili fraude, doloque capi.
Stes, maneasque tuo semper cum Principe salva,
Incolumes remanent, quos tegit ipse Deus!

Und diese Vestung ist auch in dem nächsten Teutschen Krieg erhalten worden: wiewol An. 1640. die Schwedische vor den Damm bey Cüstrin sich legten / und diese Vestung so hart ängstigten / daß sie viel für verloren hielten / wie in tomo quarto Theatri Europaei fol. 249. col. 1. stehet.

Demnach uns von vertrauter Hand auch eine andere Beschreibung jetztgedachter Vestung zukommen / haben wir solche dem günstigen Leser gleichfals hiemit communiciren wollen.

Cüstrin ist vor etlich hundert Jahren ein Städtlein gewesen / wie solches ihre alte Privilegien beweisen / hat zur Vorstadt ein Fischerdorff / der Kietz genandt / gehabt / und ist diß Städtlein und Kietz / eben in dem Ecke / da der Oderstrom und die Fischreiche Warte zusammen fliessen / gelegen gewesen.

Als nun Marggraf Hans zu Brandenburg auß den Kriegen / darin er dem Käyser und Könige von Hispanien Carolo V. gedienet / kommen / hat er bey sich bedacht wie viel in Kriegszeit an den Strömen gelegen / wie sie Freund und Feind zu seinem Vortheil gebrauchen könne / und derhalben die Vestung anno 1537. an / und den Kietz über die Oder geleget. Sie ist erst von Erden auffgebauet worden / weil aber die erdene Wercke / wegen des grossen Gewässers / so alda Jährlich in die neun Monat zu verharren / und nur im Sommer zufallen / ja auch offt im Sommer / ehe man sichs [44] versiehet / zu ergiessen pflegt / grossen Schaden erlitten / hat er endlich alles von aussen mit Mauersteinen mauren lassen / die Fundament so starck angeleget / daß die Brustwehren oben in die 15. und 16. Werckschuch dick seynd: der Bolwercke gegen das Land seynd fünffe / alle groß und hoch gebauet / daß sie mit Leitern unmüglich oder schwerlich zu besteigen. Gegen die Oder seynd tenaillen; die Bollwerck haben rund umb contramines, und seynd mit Casamatten versehen; auff zween Bollwercken stehen hohe gemaurte Cavallier, oder Katzen / insonderheit auff dem einen nach der Neuen-Marck / ist das Cavallier so groß / daß noch eines darauff gebauet / auch in zimlicher Grösse / also daß auff dem Bollwerck vier Streichen übereinander kommen / nemlich die erste auß der Casamatten, die ander vom Wall / die dritte von der untern Katzen / und die vierdte von der Obern Katzen / und auff zween Bollwercken seynd zween Windmühlen gebauet / die auch schwerlich von weitem zu verderben seyn; sonst seynd auch auf allen Spitzen der Bollwercke Pulver Thürne; die Graben seind alle lebendig Wasser / dann auff einer Seiten fleusset die Oder / in welcher man eigentlich das Wartewasser vom Oderwasser unterscheiden kan / dann an der Vestung ist das Wartewasser schwartz / und an dem andern Ufer das Oderwasser gelblicht weiß. Auf der andern Seite ist die Warte zwiefältig / im Winter / wann die Graben einmal geeyset seynd / so frieren sie nicht leichtlich wieder zu; die Oder hat trübsandigen Grund und die Warte ist morastig / scheinet bißweilen untieff / weil die Oder jeweils etwas Sand außwirffet auff den Moraß / aber wann man mit einer Stangen darein sticht / so befindt man das Gegenspiel / das Wasser ist unmüglich zu benehmen. Man kan bey truckener Zeit und kleinem Wasser bißweilen etliche Brücken umbfahren / wann man in die Vestung will / aber ins gemein muß man von Franckfurt her / über einen Tham / der drey vierthel Meilen lang ist / und 36. grosse und kleine Brücken biß an die Vestung hat / ziehen; Nach der Neu-Märckischen Seiten zu / ist der Tham nicht so lang / und seynd auf demselben biß an die Vestung nur sieben Brücken; die lange Brücke über die Oder ist 400. Schritt lang / dafür lieget auch eine gute wolerbaute Schantze / so gegen der Vestung offen / und Churfürst George Wilhelm bauen lassen; sonsten seynd auch umb die Vestung gute Aussenwercke / alles mit Thoren / Zugbrücken / Schlagbäumen und corps-des-gardes wol versehen. Die Wiesen herumb lauffen mit grossem Wasser gantz über / und gegen das Sternbergische Land / ist in die anderthalb Meilen breit / Wasser / Moraß / Schilf und Gesträuche / und von der Seiten zu der Vestung nicht zugelangen. Inwendig hat sie drey stattliche Zeughäuser / derer das gröste in die dreyhundert Schritt lang ist und seynd solche alle gantz voll grosser und kleiner Stücke und Feuer-Mörsel / Kugel und dergleichen / was zum Feld zugehöret / haben noch zween Bödemen über sich / die sind mit Mußqueten / Röhren / langen Spiessen / Handmühlen und dergleichen versehen; und obwol bey wehrendem langen Kriege die Zeughäuser auff die Helffte ledig worden / so hat doch dieser regierender Churfürst Friderich Wilhelm solches alles wieder ersetzet / und erfüllet / wie auch alle zerfallen Wercke / Gebäude und Schellungen repariren / und noch mehr darzu bauen lassen.

Es seynd auch drinnen drey grosse lange / von etlichen Gaden hoch / Kornbödeme / die auch mit allerhand Getreyde wol versehen seynd / will geschweigen deß Holtzgewölbes / Speckhauses / Werckhauses / darin die affuyten zun Stücken und Stückenräder gemachet werden / Zeugschmiede / stadtlich Gewölbe / Schiffmühlen / Mengde der Schiffe / Gießhauses und dergleichen. Auch hat immer eine starcke Quarnison von 1000. wolgeübten Soldaten / darunter Zeugwarter und Büchsenmeisten (ohne die Bürgerschafft) gerechnet / darinnen gelegen / derer Obrister und Gouverneur in die 13. Jahr gewesen Conrad von Burgsdorf / Churf. Durchl. Ober-Cammerherr / weil Er aber meistentheils bey Ihr. Churfürstl. Durchl. ist / seynd in seinem Abwesen alda der Obriste Lieutenant / Balthaser von der Marwitz / der Obriste Wachtmeister Jacob Holst / und andere Hauptleuthe und Befehlichshaber bey ihnen / so alte und erfahrne Kriegsleute seyn / die dann sampt ihren Vorfahren die Vestung also bewahret / daß [45] nechst GOttes Hülffe sie in keines Feindes Gewalt gerathen / sondern biß auff diese Stunde dem Churfürsten von Brandenburg verblieben. Ob zwar der König von Schweden sich Anno 1631. gestellet / als wolte er sie belägern / hat er doch davon abgelassen; Seynd auch sonsten viel Anschläge / so darauf gemacht / alle vergeblich gewesen. Ist also die Vestung wegen Gelegenheit deß Orths wol gelegen / mit Wällen / Mauren / Graben / Gebäuden / Geschütz / Munition, Proviant / und dergleichen / auch mit Soldaten wol versehen / darauß auch die andern Vestungen / als Peitze / Spandau / Driesen / Oberberg und alle feste Oerther / mit Stücken und Munition, ja die gantze Armee / so Ihr, Churfürstl. Durchl. in wehrendem Kriege gehalten / versorget worden.

Dann hat sie auch ein wolgebautes Fürstliches Schloß / so inwendig einen gevierdten Platz / und außwendig gegen der Stadt / einen gefütterten doch nassen Graben hat / der halbe Theil deß Schlosses / so das alte Gebäude ist / hat Marggraf Hans / das ander neue Theil Churfürst Joachim Friderich gebauet / es seynd auch zween Kirchen drinnen / die gröste bey dem Schlosse ist fein gebauet / und in derselben ein Fürstlich Begräbnuß / die ander ist klein / und stehet am Wall.

Die Häuser seynd zimlich wol gebauet / insonderheit aber ist der Marckt schön und groß / dergleichen nicht viel in der Chur-Brandenburg vorhanden.

Ausser dem Rath und der Bürgerschaft ist die Neu-Märckische Regierung drinnen gelegen / auch die Neu-Märckische Ampts-Kammer in derselben zu finden.