Ueber Wissen, Ahnen, Wünschen, Hoffen und Glauben

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Ueber Wissen, Ahnen, Wünschen, Hoffen und Glauben
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung) S. 235–246
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: Google und Commons
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[235]
V.
Ueber
Wissen, Ahnen, Wünschen,
Hoffen und Glauben.
______

[237] Noch einige Worte über Wissen, Ahnen, Wünschen, Hoffen und Glauben der Zukunft.


1. Wissenschaft der Zukunft schließt einen klar übersehenen Zusammenhang von Ursachen und Folgen, von Wirkungen und Erfolgen in sich; sie ist also, auch in einem von Menschen übersehbaren Kreise nur wenigen gegeben. Diese wenigen genießen sie, pralen selten damit; sind aber durch sie auch im Unfall froh und handeln [238] sehr behutsam, sehr sicher. Eine solche Wissenschaft sollte man hervorzutreten nicht abschrecken, sondern auf alle Weise aufmuntern. Sollen über allgemeine Begebenheiten der Natur allein die Raben schreyen? warum soll nicht auch der weissagende Schwan des Apolls seine Stimme erheben und ein Lied singen von dem, was seyn wird, weil das Jetzige so ist und das Vorige so war. Entweder ist alle unser Studium der Geschichte, Statistik und Philosophie nichts; oder es giebt eine solche Wissenschaft[WS 1] der nächsten und einer fernern Zukunft, so weit sie uns angeht. Mag der große Haufe sie verachten, mögen leidenschaftliche Menschen über sie wegspringen, Genien über sie hinfliegen; für denkende, ruhige Seelen ist sie wenigstens ein Witterungskalender, eine Philosophie der wandelbaren Naturerscheinungen, der Meteore. Aus ältern, mittleren und neueren Zeiten ließe sich eine schöne Anzahl Prophezeiungen dieser Art sammlen, die den Geist [239] wecken und sein Urtheil über die Gegenwart schärfen. Wir wollen nicht mit dem Dichter wünschen:

 – Ueber das Schicksal
Ihrer Zukunft sei durchaus der Mensch Gemüth blind,
Daß den Fürchtenden doch noch Hoffnung bleibe –[1]

denn die Hoffnung, die aus Gründen erwächst, ist allein eine sichere Hoffnung. Daß aber die Bodenlose Erwartung so wie die ungegründete Furcht aus den Gemüthern der Menschen verscheucht werde, gereicht zu ihrem größesten Vortheil. So lange sie den Zusammenhang der Dinge

 leges et foedera rerum

kennen lernen zu wollen nicht geneigt sind, schaltet durch ihre eigne Schuld das Schicksal mit ihnen, [240] wie mit Thieren. – Nur Gründe muß eine solche Wissenschaft vorlegen, keine Orakelsprüche und Räthsel; damit jeder die Gründe untersuche und die daher gezogenen Schlüsse prüfe.

2. Ahnung der Zukunft ist ein dunkles Gefühl; und je dunkler es ist, oft um so mächtiger, so stärker. Zuweilen ists eine Krankheit: alsdann wird der Arzt sowenig als der Philosoph, Freund und Beichtvater dies Symptom eines kranken Gemüths verachten; vielmehr wird jeder in seiner Art den lehrreichen Wink solcher Ahnung, als eines Selbstbekenntnisses, zur Heilung des Kranken gebrauchen. Sie werden darin wie in einem Traumbuch wenn nicht die Zukunft so die verhüllete Gegenwart und Vergangenheit des Leidenden lesen. – Sonst aber ists eines Jeden Pflicht, Ahnungen, die ihm aufstoßen oder die ihn stille begleiten, anzuhalten, zu befragen und wo möglich in helle Gedanken zu verwandeln. Oefter als man denkt ist dieses [241] möglich, indem meistens nur unsre Schläfrigkeit daran schuld ist, daß wir träumend ahnen, statt wachend vorauszusehn, ja an dem dunkeln Vorempfinden sogar ein Vergnügen finden. Thiere leitet der Trieb; und auch den Menschen leitet er da, wo er nur Thier seyn darf. Wo er als Mensch handeln soll, wird sich die warnende oder aufmunternde Ahnung ihm in eine hellere Stimme verwandeln, sobald er sein eignes Gemüth zu fragen weiß. Statt coeca futuri könnten wir sagen: hominum mens plena futuri; es schlafen in uns weissagende Kräfte und Geister.

3. Wünsche, sagt man, fliegen in die Luft, oft gar in den Mond; wenn sie indeß reife Früchte unsrer Erfahrungen sind, warum sollten sie nicht auch auf unsrer Erde zuweilen ein ihnen gedeihliches gutes Land finden? Ein bescheidenes Gemüth wünscht wenig; seiner eignen Ruhe wegen beschneidet es der fernhin flatternden Phantasie die Flügel, und mag nicht gern außer [242] sich selbst wohnen. Die Wünsche aber, die es in dieser ruhigen Einsamkeit erwärmend ausbrütet, werden um so gewissere, erfreulichere Boten der Zukunft. Alle wissen wir: „Eine Schwalbe führet den Sommer nicht herbei;“ aber es kommen mehrere Schwalben, die Nachtigall kommt – o kein Wunsch, keine Schaar von Wünschen verständiger, edler Gemüther war je ganz verlohren! Sie laden die Zukunft ein, sie zwingen sie sanft herbei, sie wallen ihr frölich entgegen. Es giebt gewisse edlere Seelen, die nur wünschen sollten; der Dämon der Zukunft steht unsichtbar da, ihre Wünsche in sein Buch einzuzeichnen und zu seiner Zeit zu gewähren. Was schadets, daß sie selbst sodann ihres erfüllten Wunsches nicht mitgenießen? sie genossen ihn wünschend; ihre schöne Seele ist im Buch des Genius mit eingezeichnet.

4. Hoffnungen sind meistens reich ausstaffirte Bräute der Zukunft; die Braut selbst aber legt gern ihren entbehrlichen Schmuck ab und ist [243] im leichteren Hausgewande munter geschäftig. Es ist unläugbar, daß wir mittelst süßer Hoffnungen das Leben hindurch gelockt und gewissermaasse getäuscht werden: denn selten giebt die Wirklichkeit Das ganz und rein und lange, was die Mahlerinn Hoffnung sich vorspiegelte. Der Kreis unsrer Ideen fodert dies, und die Natur konnte nicht anders. Hoffend umfassen wir das ganze Bild der Zukunft; Tage, Monathe, Jahre trennen es, lösen es rasch oder leise von einander; da entflieht der Zauber. Hoffend bereiteten wir die Speise nur für uns selbst, ganz nach unserm Gaum; es giebt aber auch andre, die mitessen und mitbereiten, nach ihrem Gaume. Hoffend genossen wir auf Einmal Jahre, Zeiten, Ewigkeiten, ein ganzes Daseyn; die Zukunft führt uns durch diese Scenen langsam hindurch, und kann auf einmal nicht alles geben, damit sie noch etwas zu geben habe. Selbst, glaube ich, das ewige Leben wird nur Stufenweise genossen werden, nicht so auf einmal, [244] wie es sich z. B. zu seiner Anfeurung und Erhebung der sterbende Märtyrer dachte. Ihm war diese umfassende Vorstellung nothwendig und gut; man kann sie auch keinen Trug nennen, wenn sie sich, zwar nicht auf Einmal, aber doch allmälich realisiret. So mit allen Hoffnungen. Sie geben den vollen Akkord an, damit er sich nachher breche und in unerwartet sanfte Gänge der Melodie auflöse. Ich bin also nicht der Meinung jener Philosophen, die die Hoffnung aus der Welt verbannt wissen wollten; der Einrichtung unserer Natur nach ist sie uns eine untentbehrliche Leiterinn durchs Leben, und gewiß giebts Menschen, die sagen können, daß sie nie ganz vergebens gehoffet haben: dies müßte eigentlich nur der Thor sagen. Nur lasse man sichs gefallen, daß uns die Rechnung nicht immer in ganzen Stücken und auf einmal, sondern abschläglich und auch in Münze bezahlt werde. Die Zinsen der Verzögerung kommen dabei gewiß in Anschlag.

[245] 5. Glaube endlich ist weder Wissen, noch Ahnen, weder ein bloßes Hoffen noch Wünschen; er ist eine stille Zuversicht des Unsichtbaren nach dem Maasstabe des Sichtbaren; nach der Analogie des Gegenwärtigen und Vergangenen ein Ergreifen der Zukunft. – Glaube ist ein Resultat unserer Erfahrungen, sie alle gleichsam und den ganzen Lauf der Dinge in Eine Formel gebracht und dem Gemüth einverleibet. So bauen wir auf die Natur, trauen ihr nicht zu, daß sie uns betrüge und handeln in diesem Glauben. So trauen wir unsern Sinnen und der belebten Natur, sofern sie innere Kräfte äußert; so den Zügen des Gesichts, der Rede des Menschen. Niemanden ist dabei untersagt, in einzelnen Fällen zu untersuchen, zu prüfen, zu zweifeln; den ganzen Glauben an die Zuverläßigkeit der in allen ihren Wirkungen wahren, in der ganzen Folge ihrer Wirkungen consequenten Natur hebt dieser Zweifel nicht [246] auf, vielmehr bevestigt er ihn und sichert jene Wahrheit, auf die wir ganz Truglos gern fortbauen möchten. Niemand also sollte das Wort glauben blind verschwärzen und verläumden, da Glaube die Basis aller unsrer Urtheile, unsres Erkennens, Handelns und Genießens ist; im Namen der Welt sollte man sich freuen, daß es einen sichern vesten Glauben an die Natur und an die Consequenz der Dinge gebe. Auch das geistige Leben eines Menschen gewähret eine solche stille Gewißheit, in der man, selbst über das Grab hinaus, ruhig hinsiehet, und die ewigen Kräfte nicht in diesen engen Zeitraum, die ewige Waage des Rechts und Unrechts nicht von der engen Sphäre unsrer Sichtbarkeit umschlossen glaubet.


  1. <poem> Sit coeca futturi
    Mens hominum fati; liceat sperare timenti.
     Lucan. II. 14. 15.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Wissenschenschaft