Vater Arndt

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Autor: Max Ring
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Titel: Vater Arndt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, 13, S. 187-190, 206-207
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Vater Arndt.

Es war im Jahre 1848; der Traum und die Sehnsucht des deutschen Volkes nach der heißbegehrten Einheit schien in Erfüllung gehen zu wollen. In der Paulskirche zu Frankfurt am Main, der alten Kaiserstadt, tagte das deutsche Parlament. Unter den dort versammelten Männern erschien eines Tages ein würdiger Greis, den weder die Last der Jahre, noch die erfahrenen Leiden gebrochen hatten; fest und aufrecht stand er da wie eine im Sturm erprobte Eiche, sein Haar war grau geworden, aber sein Herz frisch geblieben, voll grünender Hoffnungen. Bei seinem Anblick ging ein freudiges Gemurmel durch den weiten Kreis, und ein noch junger Mann, der die Liebe zum gemeinsamen Vaterlands einst mit jahrelanger Verbannung büßen mußte, Jakob Venedey, bestieg die Tribüne und forderte die Versammlung auf, sich zu Ehren des „alten Arndt“ zu erheben und so den würdigsten Vorkämpfer der deutschen Einheit zu begrüßen – und Alle erhoben sich wie ein Mann zum Zeichen der Anerkennung.

So ehrte das deutsche Volk den treuen Patrioten!

Am 26. December 1859 feierte der alte Arndt in Bonn seinen neunzigsten Geburtstag, der fast wie ein deutsches Nationalfest begangen wurde. Aus der Nähe und Ferne kamen die Beweise der allgemeinen Liebe und Achtung; kaum vermochte der geschäftige Telegraph alle Wünsche dem berühmten Greise zuzutragen. Lieder, Blumen und Kränze, von zarter Frauenhand gewunden, priesen und schmückten das ehrwürdige Haupt. Es war das schönste Erntefest eines bedeutenden, thatenreichen, segenvollen Lebens.

So lieble das Volk den Dichter und Menschen!

Fünf Wochen später, am 29. Januar 1860, starb der Gefeierte, fast erdrückt von all der Liebe, nachdem es ihm noch vergönnt gewesen, bei seinem Leben die eigene Apotheose, gleichsam einen Vorgeschmack der ihn erwartenden Unsterblichkeit zu genießen, ein Glück, wie es einem Sterblichen, und zumal einem Deutschen, selten oder nie geboten wird. Groß war die Trauer um den Dahingeschiedenen, wie um einen Vater, denn ein Solcher erschien er Allen und „Vater Arndt“ war der Name, welchen er mit Ehren trug.

So beklagte und beweinte das Volk seinen Vater! –

Womit aber hat der alte Arndt so große Achtung, Liebe und Theilnahme verdient?

Sein Leben wird die Antwort darauf geben.

Ernst Moritz Arndt wurde im Jahre 1769 auf der Insel Rügen geboren, die damals noch im schwedischen Besitze war. Seine Wiege stand jedoch auf uraltem, germanischem Boden, beschattet von den heiligen Buchenhainen deutscher Götter, umrauscht von den Wogen des Meeres, auf dem die deutsche Flagge einst stolz geweht. Sein Vater, der die Löbnitzer Güter in der Nähe von Stralsund verwaltete, war ein ernster, ehrenhafter Mann von altem Schrot und Korn; er erzog die Kinder streng und duldete keine Verweichlichung weder des Körpers, noch des Geistes. Mitten in der Nacht, im Sturm und Regen mußten die Söhne oft Meilen weit reiten, um eine Bestellung für ihn auszurichten, in der Erntezeit auf dem Felde mit Hand anlegen und im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten. Mild und sanft dagegen war die Mutter, ernst, fromm, sinnig und muthig, durch kein Geschick zu beugen, daß sie die Klarheit und Besonnenheit verloren hätte; das Bild einer echten deutschen Hausfrau mit schönen großen, blauen Augen und prächtig breiter Stirn. Im Kreise der Kinder las sie aus der Bibel, erzählte gern Märchen und sang ihnen Lieder vor, frühzeitig den Keim der Poesie in der empfänglichen Seele des Knaben weckend. Der Eltern Wesen und Natur erbte sich auf den Sohn fort, des Vaters Willenskraft und der Mutter tieferes Gemüth. Von ihr und ihrer Sippschaft stammte seine Liebe für Deutschland, während die väterlichen Verwandten, und besondern der originelle Oheim Hinrich, es mit den Schweden hielten.

Verschiedene Hauslehrer, darunter der wackere, tüchtige Gottfried Dankwardt, leiteten Arndt’s Erziehung, so daß er wohl vorbereitet das Gymnasium zu Stralsund besuchen konnte. Hier ergriff ihn plötzlich jener unbestimmte Drang und die Abenteuerlust, wie sie die phantasievolle Jugend zuweilen zu beschleichen pflegt; ohne Ursache und Wissen der Eltern entwich er aus Stralsund, um auf eigene Hand sein Glück in der weiten Welt zu suchen. Bald jedoch wurde sein Aufenthalt entdeckt und der Flüchtling zurückgebracht; mit eisernem Fleiße setzte er zu Hause seine Studien fort, bis er 1791 die Universität Greifswald bezog, um sich der Theologie und Philosophie zu widmen. Angezogen von dem steigenden Rufe des berühmten Fichte, eilte er später nach Jena, wo er besonders dessen philosophische Vorträge und Anschauungsweise mit Eifer sich zu eigen machte.

Nach beendigten Studien kehrte Arndt wieder in das elterliche Haus zurück. Längere Zeit genoß er hier eine behagliche Muße, indem er den Unterricht seiner jüngeren Geschwister leitete; nebenbei predigte er auch als angehender Candidat der Theologie, nicht ohne Beifall seiner frommen Zuhörer. Indeß kam er bald zu der Erkenntniß, daß ihm zum geistlichen Stande der innere Beruf fehlte, selbst die Aussicht auf eine fette Pfründe mit 2000–3000 Thaler Gehalt lockte ihn nicht. Einstweilen nahm er die Stelle eines Lehrers in der Familie des bekannten Pastors und Dichters Theobul Kosegarten auf Rügen an, die er jedoch schon nach anderthalb Jahren wieder aufgab, um eine größere Reise zu seiner Ausbildung anzutreten.

Mit leichtem Sinn wanderte Arndt über Wien nach Ungarn und Italien, wo indeß der ausgebrochene Krieg ihn nur bis Florenz kommen ließ; von da über Genua, Nizza nach Marseille, durch ganz Frankreich, das er genau kennen lernte, endlich über Brüssel, den Rhein entlang nach der lieben Heimath, die er im Jahre 1799 wohlbehalten erreichte. Auf dieser Reise hatte er die Gelegenheit benutzt, seine Kenntnisse der Welt und Menschen zu bereichern, den Unterschied der Völker kennen zu lernen und besonders den Charakter der Franzosen zu studiren.

[188] Eine alte Liebe, zuweilen „mit dünnen, weißen Aschen bedeckt“, die jetzt aber wieder in ihm mit frischer Gluth aufloderte, bestimmte ihn nach seiner Rückkehr, sich um den Posten eines Adjuncten bei der philosophischen Facultät in Greifswald zu bewerben. Er erhielt denselben mit 300 Thalern Gehalt und heirathete seine Geliebte, die Tochter des Professors Onistorp, welche jedoch die Geburt ihres ersten Sohnes mit ihrem Leben bezahlte.

Mit männlicher Fassung ertrug Arndt den schmerzlichen Verlust, indem er in angestrengter Arbeit seinen Trost suchte und fand. Als eine Frucht dieser Studien veröffentlichte er 1803 sein erstes Werk „Germanien und Europa“.

Wie so viele bedeutende Männer jener Zeit, hatte sich auch Arndt anfänglich von dem ersten Auftreten Napoleon’s blenden lassen, aber auch früher als die meisten seiner Landsleute die Täuschung eingesehen und in dem Despoten und dem französischen Volke „die alten Erzfeinde des deutschen Herzens und des deutschen Landes“ erkannt. Gegen die drohende Gefahr erhob er jetzt den Warnungsruf, indem er mit richtigem Instinct seinen Finger in die Wunde des Jahrhunderts legte. Diese fand er in der „übertriebenen Geistigkeit“, welche alle Thatkraft und Willensstärke zu lähmen drohte. Er selbst drückte sich darüber folgendermaßen aus: „Man wußte viel und kannte nichts, hatte die lebendigen Bilder in todte Worte, die holden Schattengestalten in nichtssagende Formeln verwandelt; man war arm geworden, indem man prahlte, alle Schätze der alten Welt ausgegraben und abgestäubt, alles Große und Wissenswürdige der neuen zusammengepackt zu haben. Wie aber der Mensch des Jahrhunderts ist, so muß auch der Staat sein.“

Denselben Gedanken verfolgte Arndt in einem damals von ihm verfaßten Lustspiele, „der Storch und seine Familie“, worin er die transcendentale Philosophie und die zu einem auflösenden Kosmopolitismus hinneigende Pädagogie geißelte.

Zu gleicher Zeit schrieb er eine „Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“, worin er schonungslos die „Gräulichkeit und Ungerechtigkeit“ dieser Verhältnisse aufdeckte, die er aus eigener Erfahrung kannte, da sein Vater der Sohn eines Schäfers und Freigelassene eines Grafen war. Der empörte Adel, an dessen Spitze ein Freiherr Schultz von Ascheraden stand, beschwerte sich über den kecken Wahrheitsfreund bei dem Könige von Schweden, aber Arndt verantwortete sich so gut und kräftig, daß der einsichtsvolle Monarch antwortete: „Wenn dem so ist, so hat der Mann Recht.“ Eine Folge dieser segensreichen Schrift war die später erfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft und der Patrimonialgerichtsbarkeit in jenen Gegenden.

Nach dieser That, denn eine solche war dies Buch, nahm Arndt auf einige Zeit Urlaub, um Schweden zu bereisen und genauer kennen zu lernen. Nachdem er daselbst ein Jahr verweilt, kehrte er zurück. Unterdeß hatte sich das traurige Geschick Deutschlands nach und nach erfüllt. Seit dem Frieden von Luneville mit seinen schimpflichen Verhandlungen und Vermäkelungen des Vaterlandes war Arndt’s Seele von einem Zorn erfüllt, „der bei dem Anblick der deutschen und europäischen Schmach oft ein Grimm ward.“ Die Jahre 1805 und 1806 rissen endlich die beiden letzten Stützen nieder. Als Oesterreich und Preußen nach vergeblichen Kämpfen gefallen waren, da erst fing sein Herz an, „sie und Deutschland mit rechter Liebe zu lieben und die Wälschen mit rechtem treuen Zorn zu hassen“. Auch der schwedische Particularismus war nun auf einmal todt; als Deutschland durch seine Zwietracht Nichts mehr war, umfaßte Arndt’s Herz seine „Einheit und Einigkeit“.

Von solchem heiligen Zorn erfüllt, schleuderte er seinen „Geist der Zeit“ in das Gewissen einer muthlosen, zu den Füßen des Eroberers kriechenden Welt; er achtete des eigenen Lebens nicht, denn er wußte, wessen der fränkische Despot fähig war, um die Stimme der Wahrheit zu ertödten. Wie ein Prophet des alten Bundes saß der damals dreiunddreißigjährige Arndt mit den fürstlichen Sündern zu Gericht, vor Allem mit dem corsischen Tyrannen, Napoleon. Ohne Scheu nannte er ihn „den Emporkömmling, der aus den Trümmern der Republik ein Kunstwerk des Despotismus ohne Gleichen sich erbaut habe und fürchterlich geworden sei durch die Kraft der großen Monarchie und den Kriegsgeist des Volkes, den einzigen, den die Republik geschaffen und die Regierung mit Sorgfalt erhalten habe, während sie alle andern guten Geister verbannte.“

Er warf ihm vor, daß er Alles, was des Guten hier und da unter den Gräueln der Revolution entstanden, mit dem Schlechten zugleich vernichtet, alle geistige und leibliche Freiheit getödtet habe; er wolle nur über Knechte, nicht über freie Bürger herrschen.

Von den Schöpfungen der Revolution habe er beibehalten, was den Druck und die Bewegung der Regierung schneller und verderblicher mache, aber Alles in den Staub getreten, was durch Gesetze in dem Ganzen, was durch Freiheit in dem Einzelnen Hinderniß sein würde.

Den mit Frankreich verbündeten Fürsten Deutschlands aber rief er zu: „Ihr stehet wie die Krämer, nicht wie die Fürsten, wie die Juden mit ihrem Seckel, nicht wie die Richter mit der Wage, noch wie die Feldherrn mit dem Schwerte, und habt ihr ungerecht gekauft und gewonnen, so werdet ihr es verlieren, vielleicht eher, als ihr es träumt. Als Sclaven und Knechte seid ihr neben dem fremden Fürsten gestanden, als Sclaven habt ihr eure Nation hingestellt und geschändet. Aber der Tag der Rache wird kommen schnell und unvermeidlich, und ohne Thränen wird das Volk die unwürdigen Enkel besserer Väter vergehen sehen.“

Zuletzt schließt Arndt mit dem Preise der Wahrheit, die er mit Gefahr des eigenen Lebens verkündigte: „Tyrannen und Könige werden Staub, Pyramiden und Kolosseen zerbröckeln. Erdbeben und Vulcane, Feuer und Schwert thun ihr Amt, das Größte verschwindet; nur Eine Unsterbliche lebt ewig – die Wahrheit. Wahrheit und Freiheit sind das reine Element des Lebens des göttlichen Menschen, durch sie ist er, ohne sie nichts.“

Wie ein Blitz, der die dunkle Nacht erhellt und das finstere Gewölk zerreißt, kam Arndt’s Buch, dessen Wirkung auf die Zeitgenossen sich nicht mehr denken, geschweige beschreiben läßt. Es wurde von ganz Europa gelesen, bewundert, hier mit Begeisterung, dort mit Entsetzen aufgenommen, in alle Sprachen übersetzt und verbreitet. Es war wie ein großes, gewaltiges Ereigniß, das die schlummernde Welt aus ihrer feigen Ruhe aufrüttelte. Ein deutscher Gelehrter, kaum bekannt, hatte es gewagt, dem Könige der Könige, dem Herrn Europa’s den Krieg zu erklären, ihm die Maske von dem Tyrannenantlitz zu reißen, seine innersten Schwächen aufzudecken.

Napoleon konnte einen solchen Feind nicht besiegen, weil der Geist und die Wahrheit jeder Waffe trotzen; er konnte Arndt nur – ächten.

Vor der brutalen Gewalt flüchtete der Patriot nach Stockholm, wo ihm Gustav IV. Schutz gewährte und eine Anstellung bei der Staats-Canzlei gab. Nichts desto weniger forderte Arndt einen schwedischen Officier, der in seiner Gegenwart das deutsche Volk beleidigt hatte, und schoß sich mit ihm. Er wurde verwundet und mußte sechs Wochen zu Bette liegen.

Durch die Revolution im Jahre 1809 wurde der König von Schweden gestürzt und der französische Marschall Bernadotte zum künftigen Tronerben ernannt. In Folge dieser Staatsumwälzung mußte sich auch Arndt von Neuem zur Flucht entschließen und Stockholm verlassen. Er wandte sich wieder nach Deutschland, in die alte Heimath, wo er einige Zeit „erkannt, aber unverrathen“ bei den Seinigen verborgen lebte. Doch auch hier war seines Bleibens nicht, er sah sich genöthigt, unte der Maske eines „Sprachlehrers Allmann“ nach Berlin zu gehen, wo er in der großen Stadt am leichtesten unbekannt bleiben zu können glaubte. Hier fand er in dem Hause des patriotisch gesinnten Buchhändlers Reimer gastliche Aufnahme und einen Kreis herrlicher Männer, zu denen vor Allen sein zukünftiger Schwager, der berühmte Schleiermacher, dann sein großer Lehrer Fichte etc. gehörten, Die gleichgesinnten Vaterlandsfreunde stärkten und kräftigten sich im gegenseitigen Gespräch voll flammender Begeisterung, wofür die Lieder und Gedichte Arndt’s aus jener Periode das schönste Zeugniß ablegen.

Ostern 1810 verließ Arndt Berlin, um in Greifswald seine Angelegenheiten zu ordnen und seine förmliche Entlassung aus dem schwedischen Staatsdienst zu nehmen. Dies that er um so lieber, da die Verhältnisse an der Universität, selbst wenn ihm auch keine andere Gefahr gedroht hätte, ihm durch die franzosenfreundliche Gesinnung seiner früheren Collegen und Freunde, besonders seines Schwiegervaters Onistorp und des bekannten Kosegarten, der indeß Professor der Theologie geworden war, immer mehr verleidet wurden. Einstweilen lebte er auf dem Gute seines Bruders, stets zur Flucht gerüstet und zu diesem Zwecke mit einem russischen Paß versehen. Nur zu bald mußte er seine „abenteuerliche Hedschra“,

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Die Gartenlaube (1860) b 189.jpg

Vater Arndt im neunzigsten Jahr.
Nach einer Photographie.

wie er selbst seine Irrfahrten nannte, wieder antreten. Die Nähe der einrückenden Franzosen trieb ihn im Winter 1812 aus den Armen seiner Familie, von der er sich mit blutendem Herzen losriß. In der Morgendämmerung schlich er sich aus dem Hinterpförtchen durch die Küche in’s Freie, wo er über den unter seinen geschwinden Schritten knirschenden Schnee hineilte, begleitet von der Schwester und dem kleinen Sohn, die er gewaltsam unter Küssen und festklammernden Umarmungen abschütteln mußte. Er hörte noch das Knäblein, als wenn es den Vater einholen wollte, ihm nachlaufen und laut schluchzen. Da ward seine Seele zornig und „fluchig“, aber die aufgehende Sonne, die den hellsten Wintertag verkündigte, goß ihren strahlenden Trost und Ruhe in die Seele des schwer geprüften Mannes, der zum Gebet die Hände faltete und das „glückweissagende Zeichen“ des leuchtenden Tagesgestirns freudiger begrüßte.

Es war damals die Zeit der tiefsten Erniedrigung und höchsten Noth; darum aber auch Gott Arndt und allen Deutschen am nächsten. Napoleon hatte an Rußland den Krieg erklärt und führte, wie einst der persische Xerxes, seine Heerschaaren, bestehend aus unterjochten Völkern, nach dem Norden. Auch Preußen war gezwungen, einen Theil seiner Truppen unter der Anführung des eisernen York gegen Rußland marschiren zu lassen. Die besten Patrioten verließen meist freiwillig, oft auch gezwungen, Berlin, um in dem weniger beobachteten und der österreichischen Grenze nahe liegenden Schlesien eine Zuflucht zu suchen. Dorthin eilte auch Arndt, mit den alten Berliner Freunden, dem edlen Chazot, dem klugen Gneisenau, dem feurigen Gruner in Breslau zusammentreffend. Auch der alte Blücher weilte daselbst mit dem Gesichte, das zwei „verschiedene Welten“ zeigte, auf Stirn, Nase und in den „schwarz dunkeln“ Augen konnten Götter wohnen; um Kinn und Mund trieben die gewöhnlichen Sterblichen ihr Spiel. Hier sah auch Arndt den großen Scharnhorst wieder, der zu den Wenigen gehörte, die glaubten, daß man vor den Gefahren von Wahrheit und Recht auch keinen Strohhalm breit zurückweichen soll.

All diese ausgezeichneten Männer freuten sich mit Arndt und sprachen ihn, gegenüber ihre Hoffnungen und Befürchtungen für die nächste Zukunft aus, insgesammt wie er von dem Gedanken beseelt, lieber mit Ehren unterzugehen als mit Schmach zu leben.

Ueber das Riesengebirge wanderte Arndt zunächst nach Böhmen, wo er in Prag durch eine Einladung des Freiherrn von Stein überrascht wurde, der ihn aufforderte, sich zu ihm nach Petersburg zu begeben, um geistig an dem großen Entscheidungskampfe gegen Napoleon Theil zu nehmen. Zunächst galt es, Deutschland selbst durch Wort und Schrift aufzustacheln und in Flammen zu setzen; dann die deutsche Legion zu bilden, in deren Reihen Männer wie Clausewitz, Boyen, Lützow und Döveberg eintraten. [190] Unter Steins Leitung arbeitete Arndt mit frischem Eifer; die verwandten Naturen verständigten sich leicht; Beide waren aus demselben Kern geschnitzt, von derselben Liebe zu dem gemeinschaftlichen Vaterlande, von demselben Hasse gegen die Unterdrücker erfüllt. Hier schrieb Arndt „die Glocke der Stunde in drei Zügen“ und den „Soldaten-Katechismus für die deutsche Legion“, der, in tausend Abdrücken verbreitet, manches wackere Kriegsherz stärkte und erfreute. Dazwischen fehlte es nicht an gesellschaftlichen Zerstreuungen, an dem jubelnden Zusammenklang der Becher und Herzen, zumal wenn eine Siegesbotschaft die oft ersterbende Hoffnung wieder anfeuerte. Da jubelten die Männer, und schöne Frauen küßten wohl auch in der Freude ihrer Seele den wackern Deutschen, der so redlich mithalf.

Der Brand Moskau’s, von Rostopschin angezündet, war das Morgenroth der Befreiung, Napoleon trat gezwungen seinen Rückzug an, verfolgt von dem russischen Heere unter Kutusow, das sich der deutschen Grenze zögernd näherte. Jetzt galt es, Preußen und ganz Deutschland mitzureißen und das große Werk zu vollenden. Am 5. Januar 1813 verließ Arndt mit dem Freiherrn von Stein Petersburg, wegen der grimmigen Kälte tief in ihre Pelze gehüllt, aber innerlich vor Freude glühend; sie kehrten ja in das Vaterland zurück, um auch ihm mit Gottes Hülfe die Freiheit zu bringen. Der Schlitten, der sie trug, jagte durch die vom Kriege zerstörten Dörfer und Städte, vorüber an den zerrissenen und vom Frost erstarrten Leichenhaufen der Franzosen, welche zu Tausenden am Wege lagen. Kaum gönnten sie sich so viel Zeit, um dem am Typhus sterbenden Freunde Chazot die fieberheiße Hand zu drücken und eine Thräne ihm nachzuweinen. Aber aus dem Tode und der Zerstörung, vor der ihr fühlendes Herz schauderte, blühte ja ein neues Leben.

[206] Mit heiliger Rührung betraten sie den vaterländischen Boden nach langer Verbannung und mit Entzücken hörten sie den theueren Laut der Muttersprache. Tausend Herzen schlugen ihnen entgegen; sie waren in Königsberg Zeugen jener großen Begeisterung, deren Andenken uns für immer heilig sein soll, wie sich Männer von Weib und Kind losrissen, um in den blutigen Befreiungskampf zu ziehen, wie Mütter ihre Söhne waffneten und das höchste Opfer brachten; denn „was begeistert das Lied gesungen, jetzt ward es in schöner Wirklichkeit wahr.“ – „Noch bin ich,“ preist der alte Arndt von jener herrlichen Zeit, „dieser Königsberger Tage in der Erinnerung froh, ja ich könnte stolz sein, wenn ich bedenke, wie ich zehnmal und hundertmal mehr, als ich werth war, von den besten Menschen hier auf den Händen, ja nach russischer und altdeutscher Weise fast auf den Köpfen und Schultern und Schilden getragen wurde.“

In solch gehobener Stimmung schrieb Arndt auf Stein’s Veranlassung sein „Wort an die Preußen“, den „Soldatenkatechismus“ und das Büchlein über „Landwehr und Landsturm“, das auf fruchtbaren Boden fiel und die geharnischte Saat der Vaterlandsvertheidiger erwachsen ließ.

Unterdeß hatte Friedrich Wilhelm der Dritte seinen Aufruf au das Volk erlassen, das sich in Breslau um den König sammelte. Dorthin war auch Stein mit seinem treuen Begleiter geeilt, um an der allgemeinen Erhebung Theil zu nehmen. Mit dem Heere der Verbündeten zogen Beide nach Dresden, wo Arndt bei dem Appellationsrath Körner, dem Vater des patriotischen Dichters, eine gastliche Aufnahme fand. Hier traf er auch mit Goethe zusammen, der die allgemeine Begeisterung nicht zu theilen vermochte. „Schüttelt nur,“ rief damals der zaghafte Dichterfürst, „an Eueren Ketten. Ihr werdet sie nicht zerbrechen, der Mann ist Euch zu groß.“

Ihm antwortete der Sänger Arndt mit seinen scharfschneidigen Liedern, welche noch heut im Munde des Volkes leben und damals die Krieger zum Kampf und Tode führten. Vor Allem klang sein herrliches Gedicht: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ das Hohelied der deutschen Jugend; hieran schlossen sich die patriotischen Gesänge voll Mark und Kern: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ – „Sind wir vereint zur guten Stunde“ – „Wer ist der Mann? Wer beten kann“ und die Gedichte zur Feier der todten Helden Scharnhorst und Schill.

Diese Lieder sind und bleiben die heiligen Zeugen einer großen Vergangenheit, entsprungen aus dem hohen Geist jener schönen Tage, in ihrer Wirkung mächtiger als alle Proclamationen der Fürsten und der Diplomaten; sie lebten und leben noch heute in der Brust des deutschen Volkes, die Geisterstimmen der jungen Freiheit und Einheit, welche er fortwährend pries:

Nicht Baiern und nicht Sachsen mehr,
Nicht Oestreich oder Preußen;
Ein Land, ein Volk, ein Herz, ein Heer,
Wir wollen Deutsche heißen;
Als echte deutsche Brüder
Hau’n wir die Feinde nieder,
Die unsre Ehr’ zerreißen. –

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig, wo Gottes Strafgericht über Napoleon hereinbrach, verwandelte sich der Sänger wieder in den fernblickenden Volkstribun; in dieser Eigenschaft erließ er jene bedeutende Flugschrift: „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze.“ – Mit überzeugenden Gründen wies er darin nach, daß ohne den Rhein die deutsche Freiheit nicht bestehen kann; denn behält Frankreich den Rhein, so hat es das Uebergewicht über ganz Europa, so ist ihm der Rhein „ein vorgebeugtes Knie, das es, wenn es ihm gefällt, auf Deutschlands Nacken setzen und womit es dasselbe erwürgen kann.“ Ebenso sind dann die Schweiz und Italien von ihm bedroht. Der Rhein ist ein deutscher Fluß und die Lande jenseits des Rheins, Belgien und die Niederlande mit eingeschlossen, sind deutsch.

Leider wurde Arndt’s Stimme auf dem Congresse nicht gehört, so wenig wie seine Wünsche und Ansichten „über künftige ständische Verfassungen in Teutschland“.

Nach geschlossenem Frieden ging Arndt von Berlin nach Köln, wo er in demselben Geiste des besonnenen Fortschritts die Zeitschrift: „Der Wächter“ in drei Bänden herausgab, worin er den eigentlichen Begriff der politischen Freiheit als „die höchste und ausnahmelose Herrschaft des Gesetzes“ auffaßte. Besonders redete er dem Bauernstand, den er von jeher hoch stellte, das Wort in seiner Schutzrede „über Pflege und Erhaltung der Fürsten und Bauern im Sinne einer höheren, d. h. menschlichen Gesetzgebung.“

Im Jahre 1817 ließ er sich, nachdem ihm der Staatskanzler Hardenberg ein Wartegeld bewilligt und die Aussicht auf eine Professur an einer preußischen Universität eröffnet hatte, in dem reizenden Bonn nieder. Hier an den Ufern des deutschen Rheins, aus dessen Wellen die Sagen der Vorzeit rauschen, erwachte in Arndt von Neuem der Geist der Poesie; nachdem er sich von dem wilden Kriegsgetümmel ausgeruht, schrieb er seine lieblichen „Märchen und Jugenderinnerungen“ voll zarter Innigkeit und Gemüth, das Erbtheil seiner milden, liederkundigen Mutter. Zugleich erfaßte ihn die Sehnsucht nach der stillen Häuslichkeit; er hatte in Berlin die Schwester seines Freundes Schleiermacher kennen und lieben gelernt. Diese führte er jetzt, nachdem er eine Anstellung als Professor der neueren Geschichte an der Universität zu Bonn erhalten, in sein Haus, und sie wurde seine „treue, tapfere“ Frau.

Das Glück schien ihm zu lächeln, aber neue Prüfungen brachen bald herein, in denen sich der Mann wie das echte Gold im Feuer bewähren sollte.

Auf die allgemeine Erhebung und Begeisterung folgte eine natürliche Reaction, welche zunächst gegen die Freiheit gerichtet war. Die Fürsten vergaßen nur zu schnell die in der Noth ihren Völkern gegebenen Versprechungen. Einer der Ersten, der sie daran erinnerte, war der unerschrockene Arndt. Im vierten Bande von seinem „Geist der Zeit“ ließ er kühn seine Mahnung erschallen; er zog sich dadurch das Mißfallen der Machthaber und eine Verwarnung des Königs von Preußen zu. Vergebens vertheidigte er sich in einer an den Staatskanzler Hardenberg gerichteten Rechtfertigungsschrift, worin er sich einen alten, treuen, königlich gesinnten Patrioten mit Recht nennen durfte. Er war derselbe geblieben, aber die Ansichten der Regierung hatten sich geändert.

Immer frecher erhob die Partei des Rückschrittes in Preußen, mit einem Kamptz und dem zweideutigen Schmalz an der Spitze, ihr Haupt, schlau die Ermordung Kotzebue’s und das Wartburgfest für ihre Zwecke ausbeutend, die furchtsamen Fürsten und Staatsmänner durch Gespenster schreckend, die besten Patrioten verdächtigend. Die Zeit der Demagogenverfolgungen war gekommen; auch Arndt schien verdächtig, weil er die Sprache der Wahrheit redete. Mitten in der Nacht wurde er von der Polizei überfallen, sein Haus durchsucht, seine Bücher, Papiere und vertrauten Briefe der Freunde und der Familie mit Beschlag belegt, er selbst aber am 10. November 1820 von seinem Amte suspendirt. Im Bewußtsein seiner Unschuld, denn von jeher war er ein Feind aller geheimen Verbindungen, schrieb er tief gekränkt an den Staatskanzler: „Was soll das nichtige und blöde Gefecht gegen die Geister, die durch leibliche Fäuste nicht zu besiegen sind? Was sollen die Streiche gegen das Unvermeidliche und die Banne und Achte gegen das Unsichtbare und Allenthalbene? Wehe uns Allen, wenn, was über der Erde entschieden und geschlichtet werden soll, in den gemeinen Staub des Faustkampfes hinabgerissen wird! Das war von jeher der Weg, aus Wasser Blut zu pressen und fliegenden Sand zu Granitfelsen zu verhärten.“

Aber Hardenberg, von den Intriguen der Reaction umgarnt und selbst in seiner Stellung bedroht, blieb taub für den Ruf der Unschuld und Wahrheit. Gegen Arndt wurde eine eben so quälende, als lächerliche Untersuchung eingeleitet wegen „Theilnahme an burschenschaftlichen Umtrieben“, wobei ihm versckiedene unter seinen Papieren gefundene Randglossen, welche der König selbst über die Einrichtung des Landsturmes verfaßt hatte, zum Verbrechen angerechnet wurden. Zu seiner Rechtfertigung schrieb er „Abgenötigtes Wort aus meiner Sache.“ Zu seiner Vertheidigung drängten sich Männer wie Welker, Mittermaier, Esser, Leist und Ammon, aber der Schmerz über ein solches Verfahren drückte ihn zu Boden. „Ich wäre längst untergegangen,“ schrieb er darüber, „wenn ich mich an der eisernen Mauer eines guten Gewissens nicht hätte aufrecht erhalten können.“

[207] Zwar mußte er wegen gänzlichen Mangels an Beweisen nach anderthalbjährigem Inquiriren frei gesprochen werden, aber zugleich wurde er von seinem Amte ohne jeden Grund suspendirt. Mitten im Vollgefühle seiner Kraft sah er sich zu einer gezwungenen Unthätigkeit verdammt, willkürlich aus seiner ihm lieb gewordenen Stellung als Lehrer herausgerissen und, wenn auch nicht moralisch, so doch polizeilich in seiner bürgerlichen Ehre gekränkt. Dazu kam noch der Tod seines jüngsten Söhnleins, das er außerordentlich geliebt; der sechsjährige Knabe war in den Fluthen des Rheins ertrunken.

Herzzerreißend war seine Klage über die „Zerreißung und Zermürsung“ seiner Kräfte; er verglich sich mit dem Thurme, dem man, so lang er steht, nicht ansieht, wie Sturm, Regen und Schnee seine Fugen und Bänder allmählich gelöst und gelockert haben. Still „wie rostiges Eisen“ saß er in seinem Häuschen vor dem Koblenzer Thore, traurig, aber nicht gebrochen. An der Seite der „tapferen“ Gattin erhob er sich von den furchtbaren Schlägen des Schicksals und kehrte zu seiner früheren schriftstellerischen Thätigkeit allmählich zurück. Er verfolgte die Geschichte seiner Zeit und gab sein Votum in allen wichtigen Tagesfragen ab; so schrieb er „Christliches und Türkisches“, „Belgien und was daran hängt“, eine Reihe von Flugschriften, die den Stempel seines Geistes trugen.

Endlich nach zwanzig Jahren unfreiwilliger Muße setzte Friedrich Wilhelm der Vierte beim Antritt seiner Regierung den nun „alten Arndt“ in seine frühern Würden ein, „den Greis, der, von der Last des Alters und andern Lasten zusammengedrückt, im Schimmel der Unthätigkeit und Vergessenheit gelegen hatte, der aber noch immer gern die alten, zusammengeschrumpften Blätter regen und entfalten wollte.“ Durch ganz Deutschland wurde die That des Königs mit Jubel begrüßt, der alte Arndt aber von seinen Collegen in Bonn zum Rector magnificus für das Jahr 1840–41 gewählt, von der akademischen Jugend mit Begeisterung empfangen. Die allgemeine Freude verjüngte auch den alten Stamm, daß er, wie in milder Frühlingsluft, neue Sprossen und Knospen trieb. So erschienen jetzt seine gesammelten Gedichte in neuer verminderter und doch vermehrter Auflage und „die Erinnerungen aus dem äußeren Leben“, im Gefolge einer Reihe kräftiger Flugschriften „an und für seine lieben Deutschen“, in denen sich der „Geist der Zeit“ noch einmal frisch wie in den ersten Jugendtagen folgendermaßen aussprach: „Oeffentlichkeit und gerade Gerechtigkeit in allen unseren Dingen, freie Presse, freie Verhandlungen des Bundestages, freies Aussprechen unserer Schmerzen und Freuden vor ganz Europa, wie die anderen großen Völker es thun dürfen, freier offener Mund unserer Landtage und Gerichte“ sind die Forderungen, zu denen er das deutsche Volk berechtigt glaubte.

So lautete gleichsam sein politisches Testament, da er seine Laufbahn für geschlossen hielt; zugleich kehrte jetzt wunderbarer Weise der Greis zu den Neigungen und Erinnerungen seiner Kindheit zurück; eine geheime Sehnsucht zog ihn nach der nordischen Heimath; er beschäftigte sich jetzt fast ausschließlich mit skandinavischen Alterthümern und Uebcrsetzung von schwedischen Gedichten. In seinen Briefen kam es sogar öfter vor, daß er statt eines deutschen Wortes oder Wendung eine schwedische Redeweise gebrauchte.

Da kam das Jahr 1848 mit seinem Völkerfrühling, seinem Sonnenschein und wilden Stürmen, seinen Hoffnungen und Täuschungen. Vater Arndt durfte dabei nicht fehlen. Denn an ihm und in ihm verkörperte sich gleichsam das Schicksal des deutschen Volkes, dessen Glück und Unglück er vor Allen zu tragen berufen schien. Er trat in die Paulskirche, wie er selbst, zum Sprechen aufgefordert, sagte, „gleichsam wie ein gutes altes deutsches Gewissen“ und weil er an „die Ewigkeit seines Volkes“ glaubte.

Seine kurze Rede wurde von dem stürmischen Jubelruf der Versammlung unterbrochen, die auf Soiron’s Antrag dem Dichter des Liedes: „Was ist des Deutschen Vaterland“ ein dreimaliges donnerndes Lebehoch ausbrachte.

So huldigte der Reichstag dem Deutschesten der Deutschen und ehrte ihn, als die Geister der Parteien wild auf einander platzten. Auch Arndt träumte von einem deutschen Kaiser und stimmte für die Erwählung Friedrich Wilhelm des Vierten zum Herrn des Reiches; er selbst war einer der Abgesandten, welche die deutsche Kaiserkrone nach Berlin trugen und abgewiesen wurden. Damals sang der edle Dichter in seinen „Bilder der Erinnerung, meistens um und aus der Paulskirche in Frankfurt“:

Kaiserschein, Du höchster Schein,
Bleibst Du denn im Staub begraben?
Schrein umsonst Prophetenraben
Um den Barbarossastein?
Nein! und nein! und aber nein!
Nein, Kyffhäusers Fels wird springen.
Durch die Lande wird es klingen:
Frankfurt holt den Kaiser ein.

Sein letztes Wort auf der Tribune galt der Einheit des deutschen Volkes, „das, wenn es auch nur halb einig wäre, die Welt überwinden müßte, wie weiland.“ Einige Wochen spater verließ er, seiner Ueberzeugung treu, die Paulskirche mit der Partei Gagern, der er sich angeschlossen. Die nachfolgende Zeit der Schmach erschütterte nicht seinen Glauben, seine Treue, seinen Muth. Wieder griff er zu der Feder, der getreue Eckard seines Volkes, und hielt mit offenen, hell glänzenden Augen Wacht gegen die inneren und äußeren Feinde. Wo er Gefahr sah, ließ er seine Stimme erklingen, so gegen die übermüthigen Dänen in seinem „Mahnruf an alle deutsche Gaue in Betreff der schleswig-holsteinschen Sache,“ dem er sein herzliches Buch: „Pro populo germanico“ und „Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem Reichsfreiherrn von Stein“ folgen ließ, ein Denkmal dem großen Freunde errichtet, wodurch er ihn und sich ehrte.

Solch ein reiches, schönes Leben, bis in’s höchste Alter von Thatkraft und Segen geschwellt, konnte nicht ohne äußere Anerkennung bleiben. Ganz Deutschland kannte und liebte den alten Arndt, dem das Volk den höchsten Ehrennamen „Vater“ beilegte. Noch bei seinem Leben setzte ihm die Universität Greifswald zu ihrer vierhundertjährigen Jubelfeier ein Denkmal von Marmor, seine Reliefbüste, wofür er seinen Dank in den schönen Worten ausprach: „Ich habe nach dem Ruhm eines ehrlichen Mannes gestrebt. Will man durch das Denkmal in mir eine gewisse Beständigkeit und Festigkeit des Lebens ehren, was man den nordischen, altsächsischen, pommerschen Charakter nennt, so ist das eine Ehre, die ich mit Stolz annehme, mit dem Stolze, ein Sohn Pommerns zu sein. Möge der Name Pommern als der Name der Tapferkeit, Redlichkeit und Treue ein unsterblicher Name bleiben.“

Am klarsten aber sprach sich die allgemeine Liebe bei Arndt’s neunzigstem Geburtstage aus, den er in voller Geistesfrische als jugendlicher Greis im Kreise der Seinigen, aber von ganz Deutschland beglückwünscht, feierte.

Der Tod fand ihn noch mit dem Lächeln des eben erst genossenen Glückes auf den Lippen; sanft nahm er die Hand, welcher die nimmer rastende Feder entsank, womit er noch die letzten Dankesworte schrieb, und führte den Sterbenden zur Unsterblichkeit. Das deutsche Volk wird aber seinen „Vater Arndt“ nie vergessen, der für deutsche Freiheit und Einheit gelebt, gekämpft, gelitten und gesungen hat: „Was ist des Deutschen Vaterland?“

Max Ring.