Vernünftige Gedanken einer Hausmutter (14)

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Autor: C. Michael
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Titel: Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
14. Ich bin glücklich
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 318-319
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[318]
Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.*[1]
Von C. Michael.
14. Ich bin glücklich.

„Er hat Glück,“ sagt man wohl von Dem oder Jenem; seltener schon wird man von einem Menschen sagen hören: „Er ist glücklich,“ und noch viel seltener wird Jemand – im ruhigen Gange des alltäglichen Lebens – von sich selbst behaupten: „Ich bin glücklich.“

Und doch – die „Vernünftige Hausmutter“ der „Gartenlaube“ wagt es, dieses vermessene Wort zu sprechen, und wenn ihr erst verstehen werdet, wie ich es meine, wird’s euch so gar übermüthig nicht mehr klingen.

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen Menschen angetroffen, mit dem zu tauschen es mich gelüstet hätte; muß ich also nicht so glücklich sein, wie man es unter den Verhältnissen unseres Erdenlebens nur wünschen und verlangen kann? Ihr glaubt gewiß, ich habe kürzlich einen Haupttreffer in der Lotterie gemacht oder ich sei eine junge Frau in den Flitterwochen? Nichts von alledem! Ja nicht einmal die häufigste Art des Erdenglückes, das Ringen und Streben nach solchen Zielen, ist mein Antheil; ich suche und ersehne kein Glück, weil ich es schon fest und sicher in meiner Hand halte, und es stets darin gehalten habe, so lange ich denken kann.

Dieses mein „Glück“, von dessen reicher Fülle ich so gern allen Unbefriedigten austheilen möchte, ist kein zufälliges Geschenk des Schicksals, keine günstige Verkettung äußerer Umstände; es ist einfach eine Eigenschaft, und zwar eine mir anerzogene, angelernte Eigenschaft, die ebenso fest sitzt, wie etwa die Wahrheitsliebe oder sonst eine der gewöhnlichsten, unserer Seele anerzogenen Eigenschaften. Meine Mutter hat mich von klein auf daran gewöhnt, glücklich zu sein – und darum bin ich es.

Wohl hat es viele Tage in meinem Leben gegeben, die traurig waren bis zum Sterben, andere, die mich völlig rathlos fanden, unglücklich aber bin ich niemals gewesen, und fast glaube ich, ebenso leicht könnte ich lügen und stehlen wie mich unglücklich fühlen.

Noch bis vor einem Jahrzehnt war das freilich keine Kunst für mich; der Himmel hatte mir Alles beschert, dessen ein Frauenleben bedarf, um „glücklich“ genannt zu werden. Mit Wehmuth denke ich jenes Christabends, an dem mir mein Gatte Leopold Schefer’s „Laienbrevier“ bescherte und ich, neugierig zuerst meinen Geburtstag aufschlagend, für diesen Tag folgende Verse verzeichnet fand:

„Wer schon des Lebens beste Güter hat,
Begehre nicht die kleinen auch zugleich!
Im Großen und im Ganzen segnet ihn
Sein Gott, und: macht die Sonn’ ihm hellen Tag,
Was soll ihm aller kleiner Kerzenschein?“

Im Glanz der Weihnachtslichter zeigte ich meinem Mann die Verse, und mit leiser Stimme sagte er:

„Ja, was soll uns aller kleiner Kerzen Schein? Recht hat der Dichter da, und vermessen wäre es, auch die Kerzen noch zu begehren, wenn man schon die helle Sonne hat.“

[319] O, wir hatten sie, diese helle Sonne! Eine Schaar blühender und wohlgerathener Kinder unterm Weihnachtsbaum, darüber das feste Dach eines bescheidenen, aber traulichen eigenen Hauses und draußen: „Felder rings, ein Gottessegen, Hügel auf- und niederwärts“, wie Theodor Fontane so schön singt, in der Brust aber tragen wir die innige Liebe zu einander; wir bedurften wahrlich der armseligen Kerzen nicht, die da Luxus und Bequemlichkeit, Vergnügen und Zerstreuungen heißen; wir bedurften ihrer nicht, die leider so manches Haus einzig und allein erhellen, in dem es ohne sie ganz dunkel wäre.

Und nun sind zehn Jahre vorüber, die langsam, aber unerbittlich das Meiste von dem mit fortgenommen haben, was ich damals „mein Glück“ nannte. Im Grabe ruht der treue Lebensgefährte; in fremden Händen ist unser trautes Heim, und in alle Welt zerstreut sind die Kinder, die darin geboren und erzogen wurden. Ich bin allein geblieben mit dem jüngsten, und viel Sorge, viel Noth und Kummer, viel getäuschte Hoffnungen bezeichnen den Lebensweg dieser letzten Jahre. Aber – wunderbar! Dieselbe Sonne leuchtet doch noch immer hell auf meinen Pfad; sie ist nicht verlöscht, in all den Wolken und Stürmen, die an ihr vorübergezogen sind, und immer noch giebt es keinen Menschen auf dem ganzen Erdenrund, mit dem ich tauschen möchte; immer noch habe ich an jedem Abend Gott für so vieles zu danken, daß mir nach und nach die Ueberzeugung gekommen ist, mein wahres, ureigenes „Glück“ könne nicht das gewesen sein, was ich verloren habe, wie theuer es mir auch war. Dieses „Glück“, es ist wohl etwas, das man überhaupt nicht verlieren kann, nichts Aeußerliches, sondern eine Eigenschaft unseres Gemüthes, die aus einer uns Allen angeborenen Anlage großgezogen werden kann. Ich meine die Anlage, ohne welche kaum je ein Mensch geboren wird, den Hang zu Frohsinn und Heiterkeit.

Das erste Erforderniß zum Glück ist – um ein schon oft Gesagtes zu wiederholen – Zufriedenheit. Unsere Mutter daheim verstand es gar meisterhaft, diese Zufriedenheit in uns Kindern groß zu ziehen. Sie verschmähte dabei das wohlfeile Mittel gegen den Neid, die Vorzüge Anderer herabzusetzen. Sie machte uns im Gegentheil geradezu aufmerksam auf solche Vorzüge Anderer und sagte etwa: „Sieh nur, wie geschickt deine Cousine den Reifen wirft!“ Oder: „Welch niedliche Puppe hat doch jenes Mädchen dort!“ So lernten wir, uns über den Besitz oder die Vorzüge Anderer freuen ohne irgend einen Nebengedanken an uns selbst.

Wendete vielleicht eines der Kinder ein: „Meine Puppe ist bei Weitem nicht so schön“ so sagte Mama ganz ruhig: „Wahrscheinlich sind diese Leute wohlhabender als wir,“ und fügte dann hinzu: „Nicht wahr, es ist doch recht hübsch, daß es so viele reiche Leute giebt? Man bekommt durch sie so viel Schönes zu sehen und kann sich alle Tage darüber freuen. Auch die armen Leute verdienen viel dabei, wenn sich die Reichen kostbare Dinge von ihnen anfertigen lassen …“

Ganz unmerklich wurden wir so an jene „Armen“ erinnert, die noch viel weniger besaßen, als wir selbst, und das Resultat des Gespräches war sicher ein unbewußtes Dankgefühl für das, was eben uns beschieden war, und wollte uns ein Gericht nicht recht munden, so erzählte die gute Mutter, wie zufällig, von einer Hungersnoth in irgend einem Winkel der Erde, wo die Leute Gras und Erde äßen. Wie herrlich erschien uns nun das vorhin mißachtete Gericht!

Klagen über irgend Etwas gab es absolut nicht im Hause. Wir hörten sie nie von den Eltern und durften ebenso wenig selbst klagen; denn was zu tragen war, wurde still, geduldig und tapfer gemeinsam getragen, ohne daß man viel Worte darüber machte. Wo sich aber nur der kleinste Anlaß zu Freude zeigte, da wurde er begierig aufgegriffen und bis zur Neige ausgekostet. Nicht das kleinste Blümchen blieb unbeachtet an unserem Wege.

Das ist die Schule, die liebe mütterliche Schule, in der ich die Kunst lernte, glücklich zu sein, und so bleibt es für mich eine unumstößliche Wahrheit: Zufriedenheit ist die erste Bedingung zum Glück. Diese Grundbedingung muß sich aber auch steigern können zu frohem, innigem Dankgefühl für all das Schöne, das uns umgiebt. Nicht gelebt haben möcht’ ich, wenn ich nie das Bedürfniß empfunden haben sollte, ein „Gott sei Dank“ zu sprechen! Auch diese zweite Bedingung zu Glück und Frieden, die Dankbarkeit, ist uns schon in frühester Kindheit gelehrt worden.

Allabendlich trat die liebe Mutter an unsere Betten, um mit uns zu beten, und stets hob sie dann mit den Worten an:

„Lieber Gott, ich danke Dir“ –

An diese Einleitung wußte sie dann alle Freuden und Leiden des verflossenen Tages anzuknüpfen. Wir dankten Gott für den hellen Sonnenschein und für den befruchtenden Regen; wir dankten ihm für Erhaltung der Gesundheit oder für eine kleine Besserung in der Krankheit, an der wir gerade litten; wir dankten ihm für jede frohe Stunde des Tages und für feinen Beistand in jeder schweren – ein Dank war es stets, der unserer Bitte um ferneren Segen voranging, und so entschlummerten wir an jedem Abende im Vollgefühle dankbarer Zufriedenheit. Wohl hat das Leben später so manches geändert an meinem naiven Kinderglauben, aber Eines ist mir doch geblieben, das innige: „Ich danke Dir.“

Warum ist nur so vielen Menschen das Danken eine Last? „Nur Niemandem Dank schulden!“ meinen die Thörichten, die lieber jede Entbehrung tragen wollen, als irgend welche Hülfe annehmen.

„Geben ist viel seliger als Nehmen“, aber wer die volle Lust des Gebens empfinden will, der muß auch dankbar zu – nehmen verstehen. Wenn dir selbst das Danken solch eine drückende Last ist, wie magst du dann durch eine Gabe Jemandem diese Last auferlegen? O, gewiß, wer selbst nicht gern dankt, der kennt auch nicht die Seligkeit des Gebens! Dankbarkeit ist eines der herrlichsten Gefühle unserer Seele, und arm, sehr arm dünkt mich, wer weder Gott noch Menschen gerne danken mag.

Da habt ihr denn zwei von den festen Grundlagen, auf welchen mein Glück sich aufbaut: Zufriedenheit und Dankbarkeit. Das Dritte, die warme innige Menschenliebe, kommt schon ganz von selbst hinzu, denn wer so recht zufrieden und dankbar ist in seinem Herzen, der kann dieses Glück nicht für sich allein behalten: es ist ihm Bedürfniß, so viele Menschen daran Theil nehmen zu lassen, wie ihm nur irgend erreichbar sind. Jeder Unzufriedene dünkt ihm eine Störung der harmonischen Weltordnung, und es läßt ihm nicht Ruhe, nach besten Kräften beizutragen, solche Störung zu beseitigen, und Glück und Freude um sich her zu verbreiten, wo es irgend in seiner Macht steht.

So viel Menschen auf Erden wandeln, so vielgestaltig ist wohl auch das, was diese Menschen „ihr Glück“ nennen. Befriedigter Ehrgeiz ist es dem Einen, Sinnengenuß dem Andern, Wissen einem Dritten. Jeder kann eigentlich nur von seinem Glücke reden; darum kann ich nur dies sagen: Mein „Glück“ besteht in Zufriedenheit, Dankbarkeit, Menschenliebe; es ist jenes Glück, von dem es im Liede heißt:

„Wie Wetter, Sturm und Wolke geht
Der Erde Kampf vorüber,
Der inn’re Frieden aber steht,
Ein lichter Stern, darüber.“


  1. * Wir ergreifen mit Vergnügen die Gelegenheit, hier noch einmal auf C. Michael’s kürzlich in Buchform erschienene „Vernünftige Gedanken einer Hausmutter“ (Preis broschirt 3 Mark, gebunden 4 Mark, Leipzig, Ernst Keil) so warm wie nachdrücklich hinzuweisen.
    D. Red.