Wieder Einer von der „eisernen Jugend“

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Textdaten
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Autor: F. H.
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Titel: Wieder Einer von der „eisernen Jugend“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 389–391
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf August Daniel von Binzer
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[389]
Wieder Einer voll der „eisernen Jugend“.
Die Gartenlaube (1868) b 389.jpg

August Daniel Freiherr von Binzer.

Nicht blos Bücher, auch Lieder haben ihre Schicksale, oft gewaltigere, als viele bändereiche Werke, und um so tiefer in das Leben ihrer Gegenwart und Zukunft eingreifende, je höher die Zeitwoge ging, auf welcher sie als Signal einer Strömung der Geister, als Leuchte oder Fahne, im rechten Augenblick auftauchten. Die zwei mächtigsten Lieder Europas, welche für „ihre Sache“ Tausende und Millionen zur Begeisterung und zu Thaten erhoben und noch heute in Ehren stehen, sind Luther’s „Eine feste Burg“ und die „Marseillaise“ des Rouget de Lisle. Ihnen gehört noch die Zukunft. Andere solcher Lieder beschränken sich auf engere Kreise, wie das nur den Deutschen eigene Vaterlandslied des alten Arndt, das, wenn Deutschland sein Ziel erreicht haben wird, an seinem Ende steht. Die sogenannten Nationalhymnen können wir, soweit sie vorzugsweise der Dynastenverherrlichung dienen, nicht hierher ziehen. Bereits der Geschichte verfallen sind das „Schleswig-Holstein stammverwandt“ und Becker’s „Rheinlied“. Dagegen lebt August Binzer, den wir unsern Lesern im Bilde vorführen, mit seinem „Stoßt an!“ in der glücklichsten Jugend fort, und sie wird, bis das freie Bürgerthum den Stolz ihrer Bevorzugung grundlos gemacht hat, mit keckem Humor fortsingen:

„Die Philister sind uns gewogen meist:
Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt!“

Zuerst und in weitesten Kreisen bekannt ist er aber geworden durch den Ausdruck des Schmerzes, den er der Burschenschaft in den Mund legte, als sie ihre Auflösung durch den deutschen Bund zu beklagen hatte. Sein tief ergreifendes Lied: „Wir hatten gebauet etc.“ war das letzte gemeinsame, das die edlen Jünglünge und jungen Männer, zum Theil mit den Ehrenzeichen des Befreiungskrieges auf der Brust, sangen, ehe sie damals für immer von einander schieden. Diese beiden Lieder, der Grabgesang der Burschenschaft und jenes Triumphlied des freien und frohen Studentenlebens, haben Binzer’s Namen weiter getragen, als alle die Schriften, mit welchen der stille, einem inneren Leben mit Vorliebe zugewandte Mann in späteren Jahren vor sein Volk trat. Mit beneidenswerthem Hochgefühl spricht über die Ehre des Namens, den er mit diesem Dichterglorienschein vom Vater geerbt, sein Sohn Karl, der als Maler und Schriftsteller in Paris lebt. „Seit fünfundzwanzig Jahren,“ sagt er, „durchstreife ich alle deutschen Gaue, dringe in die entlegensten Thäler, spreche bei Pastoren und Schullehrern der kleinsten Dörfer ein, strauchle auf den schlüpfrigen Parquets vornehmer Paläste, füge mich an die zufällige Gruppe lustiger Reisender, feiere Feste mit Künstlern und Dichtern, berühre die trauten Kreise gebildeter Männer und Stätten wahrer Cultur, begegne dem Jäger auf hoher Alp, finde deutsche Colonien in Rom, Neapel, Venedig, in der Schweiz, Belgien, Lyon und Paris, und überall empfängt mich dasselbe tieffreundliche Lächeln, wenn ich meinen Namen nenne, überall wirft es einen Sonnenglanz über die erste Begegnung.“ Wir glauben ihm dies und wissen sogar, [390] daß er jenseits der Meere, soweit Deutsche ihr Liederbuch mit in die Fremde genommen haben, denselben, ja wohl sogar noch herzlicheren Empfang erlebt hätte, denn der Werth des heimathlichen Liederschatzes wächst mit der Ferne des Vaterlandes.

Binzer ist von allen Mitgliedern der alten Burschenschaft der Glücklichste gewesen. Durch Geburt und Erziehung – sein Vater war dänischer Generalmajor – sah August Daniel Freiherr von Binzer sich frühzeitig zu einer Selbstständigkeit erhoben, zu welcher der liebe Brodkorb die Mehrzahl der Studireuden oft durch ihr ganzes Leben nicht gelangen läßt. Er konnte schon für einen erfahrenen Mann gelten, als er nach Jena kam. Er hatte im elterlichen Hause den berühmten Philosophen Reinhold zum Lehrer gehabt, hatte bereits in Kiel studirt, Schweden und England besucht und in schweren Seestürmen dem Tod in’s Auge gesehen; die Romantik jener Tage aber war überall mit ihm gezogen, ja er selbst war eine der bewundertsten Gestalten derselben. So wohlgebildet und -gebaut war er, daß er nur, und mit vollem Recht, „der schöne Binzer“ genannt wurde und Aller, die sich ihm nahen durften, erklärter Liebling gewesen sein würde, auch wenn nicht sein dichterisches und tonkünstlerisches Talent, der Wohllaut seiner fleißig geschulten Stimme, seine Fertigkeit im Guitarrespiel und sein tiefgemüthliches, edles, sittenreines Wesen ihm noch höheren Werth verliehen hätten. Als der Bundestag den Befehl der Auflösung der Burschenschaft hatte nach Weimar ergehen lassen, wurde darum Binzer an die Spitze der Deputation gestellt, welche die großherzogliche Regierung zur Beschützung der großen Verbindung vermögen sollte. Mit der abschlägigen Bescheidung war jedoch diese politische Rolle ausgespielt und der Lyriker trat wieder in seine Rechte. Im Postwagen, der ihn von Weimar nach Jena zurückfuhr, entsprang in dem erregten Herzen frisch und warm sein berühmtes Klagelied:

„Wir hatten gebauet
Ein stattliches Haus
Und drin auf Gott vertrauet
Trotz Wetter, Sturm und Graus.“

Zeitgenossen jener Tage versichern, daß Binzer zur Burschenschaft weniger durch die politische als die sittliche Seite derselben hingezogen worden sei. Von den Nothschreien in und für Schleswig-Holstein hat der des edlen Lornsen ihn bis zum Heraustreten aus das offene Feld des Streits aufgeregt. Er zeigte sich männlich und fest, zog sich dann aber wieder in sein reiches und vielbewegtes inneres Leben zurück. Daß auch später der Drang zu öffentlichem Wirken von Zeit zu Zeit in ihm lebendig wurde und daß er ihm nachgab, wenn sein persönliches Hervortreten möglichst wenig damit verbunden war, davon zeugt die publicistische Thätigkeit, der er sich in seinen jüngeren Jahren mehrmals zuwandte. So redigirte er, nachdem er erst in Altenburg die Redaction des ersten Bandes von dem später Pierer’schen Universallexikon besorgt hatte, längere Zeit in Leipzig die „Zeitung für die elegante Welt“, später in Köln das „Allgemeine Organ für Handel und Gewerbe“ und war im Anfang der vierziger Jahre in Augsburg für die bekannten, stets durch ihren gediegenen Inhalt ausgezeichneten „Beilagen zur Allgemeinen Zeitung“ thätig. Auch ein Erziehungsinstitut leitete er längere Zeit in Neumühlen bei Altona, und daß sein Herz immer bei der Nation war, dafür spricht seine „BeantwortUng der Frage: was kann zur Förderung des allgemeinen Wohlstandes in Deutschland geschehen?“

In einem freien Staate, wo nicht jeden Volksgedanken Censur und politisches Gericht in die grausige Mitte genommen hätte, vor Allem in der von der Burschenschaft am liebsten geträumten alten Herrlichkeit von „Kaiser und Reich“ würde Binzer der Barde jedes großen, allgemeinen Gefühls des Jubels und des Schmerzes seines Volks geworden sein, denn Lied und Melodie flossen beide ihm gleich leicht vom Herzen und von den Lippen. Seine Familie bewahrt einen großen Schatz davon, von dem nur Weniges aus dem Heiligthum des Familientempels, den er sich gegründet, hinausgetragen worden ist. Und da der Himmel und seine Wahl ihm in der Freiin Emilie von Gerschau eine auch geistig ebenbürtige Frau zugeführt, so genossen Wissenschaft und Kunst bei ihnen eine wahre Ehepflege. Neben der Poesie war es die Musik, die, wie sein Sohn äußert, „den Grundstoff seiner Seele bildete. Sein Phantasiren am Clavier glich einem musikalischen Strome, dessen Fluthen idyllische Fluren bespülen, um sich wieder durch enges Geklüft brausend Bahn zu brechen.“ Auch die Schriftstellerei wurde zur Familienfreude. Gemeinsam mit seiner Gattin hat Binzer unter dem Namen A. T. Beer drei Bände voll Erzählungen und Novellen erscheinen lassen; ebenso ist das treffliche Buch „Venedig im Jahre 1844“ wohl eine gemeinsame Arbeit beider Gatten, wie bei solcher Harmonie des Genießens und Schaffens es sich kaum anders denken läßt.

Mit seinem innern Frieden wußte Binzer ein ziemlich bewegtes äußeres Leben zu verbinden; sein Familientempel mußte sehr leicht transportabel eingerichtet sein, denn wir finden ihn abwechselnd in Kiel, Altona, Hamburg, Leipzig, Köln, Augsburg, Linz etc.; aber dennoch war er geräumig genug, um für die Gastfreundschaft gar umfänglichen Platz zu bieten. Binzer’s Haus war allenthalben der Sammelpunkt der Hochbegabten, der Lieblinge der Götter; Gelehrte, Dichter, Musiker, Maler schwärmten dort ein und aus, es giebt wenige berühmte Namen dieser Art, deren Träger nicht einmal irgendwo bei ihm eingesprochen wären. Als das mahnende Grau in seinem stets sorglich gepflegten Vollbart vorherrschend wurde, sah er den Kranz seiner Kinder um sich emporgeblüht, und kam immer näher an die Aehnlichkeit mit einem ehrwürdigen Patriarchen, der den Wanderstab endlich feststeckt in einer Scholle. Ihm führte dazu ein tiefer Schmerz die Hand: sein jüngster Sohn war österreichischer Officier geworden und fiel, ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, im Kampf gegen die Ungarn.

„Hier schläfst nun Du mit Deinen Knabenwangen
Und Deiner Heldenseele, junge Blume!“

So rief Zedlitz ihm nach; Vater Binzer aber wollte von der Zeit an den Boden Oesterreichs, der seines Sohnes Grab trug, nicht wieder verlassen. Mit Zedlitz suchte er eine Hütte für das Alter in der Alpenwelt Obersteiermarks. Sein Sohn Karl erzählt: „Ich war an seiner Seite, als er zum ersten Mal durch die Traunschlucht in das Hochthal von Alt-Aussee eindrang, das ihm zur neuen Heimath werden sollte. Mitten im tiefen Wald hielt er plötzlich inne und lauschte. In silberhellen Glockentönen drang ein vielstimmiger Jodler von den Sennhütten des Saarstein an unser Ohr. Das war der rechte Gruß für den Neueinwandernden, der durch fünfundzwanzig Jahre der Vater des kleinen Volks sein sollte.“ Und dies wurde er nicht nur als Wohlthäter aller Hülfsbedürftigen, er ward sogar der stille Priester der hier noch von den Zeiten des oberösterreichischen Bauernkriegs her erhaltenen evangelischen Familien. Jeden Sonntagmorgen versammelte er die kleine Gemeinde in seinem Hause um sich, leitete ihren Kirchengesang, hielt ihr die Predigt und ertheilte ihr, ein von der Gottheit Ordinirter, frommen Glaubens den Segen.

Auch in’s Gebirg wußte er den Zug seiner Freunde und Verehrer zu lenken, denen der rüstige Alte dann Führer und Dolmetscher ward durch die Thäler und Mundarten des Hochlandes. Endlich aber wurden seine Beine und seine Freunde alt, die Wege wurden kürzer gewählt, die Umgebung wurde einsamer und der Winter, den er im schönen Linz zu verleben pflegte, länger ausgedehnt. In köstlicher Behaglichkeit ließ hier der Greis allen Gaben deutschen Geistes, jedem neuen Werk der Dicht- und Tonkunst freundlichen Empfang und, wenn es sich deren würdig erwies, dankbare Pflege zu Theil werden; die musikalischen und declamatorischen Freuden seines Hauses gehörten zu den Zierden der Stadt, Binzer war der unermüdlichste Hausconcertmeister derselben, ein glücklicher Alter, der jeder schönen Blume noch mit Jugendaugen entgegenjubeln konnte.

Endlich schloß des Sängers Fahrt ganz mit poetischer Gerechtigkeit. Der alte Wandervogel durfte nicht im heimischen Neste entschlummern. Seine älteste Tochter ist die Gattin des preußischen Obersten von Colomb in Neisse. Sie besuchte er, begleitet von seiner Gattin, und dort ist er, glücklich, wie er gelebt hatte, nach kurzem Krankenlager am 20. März d. J. seinen Jugendgenossen Hanisch, Scheidler, Cotta, als ein Greis von fünfundsiebenzig Jahren „zur ewigen Wartburg“ nachgefahren.

So war der Lebens- und Heimgang des fahrenden Sängers August Binzer. Das Jahr 1866 hat durch den Sturmlauf überwältigender Thaten das Urtheil des Volks über den Werth solcher stillen Größen getrübt; Leute, die nur auf Sänger- und Turnerfesten ihre Thaten verbrachten, waren in der Schätzung gesunken – aber nicht für immer – und wir können uns vollständig der Auffassung Karl’s von Binzer anschließen, dessen Worte dieser Erinnerung an seinen Vater zum Schluß dienen mögen:

[391] „Die Frucht, die in der alten Burschenschaft reif war, – der Gedanke an das einige Deutschland, – war noch nicht reif in der Geschichte. Die Welt hat da eine ganz eigene Sprache, sie nennt das Utopien, sie spreizt sich in ihrer Praxis, und von diesem Standpunkte aus verachtet sie das Ideal. Und sie hat Recht, wenn es zum Handeln kommt. Man kann mir Gleiches mit Gleichem bekämpfen; ein paarmal hunderttausend Zündnadelgewehre greifen besser durch, als ein Kölner Sängerfest oder ein Leipziger Turnerzug mit Fahnen und Kränzen. Nur würde sich die Welt täuschen, wenn sie vergessen wollte, daß Sängergeist und Turnergeist die Zündnadelgewehre geführt haben. Und wenn man das wirklich vergessen wollte, so würde der neue Bau abermals zusammenstürzen und wir – d. h. die dem alten Burschengeist für das ganze Deutschland Getreuen – würden abermals singen:

Das Haus mag zerfallen,
Was hat’s denn für Noth?
Der Geist lebt in uns Allen
Und unsre Burg ist Gott!“

F. H.