Zum Abbruch verurtheilt!

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Autor: Leopold Katscher
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Titel: Zum Abbruch verurtheilt!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5–6, S. 86–88, 94–95
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reportage aus dem Newgate-Gefängnis (London) anlässlich der bevorstehenden Schließung
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Zum Abbruch verurtheilt!

Ein letzter Besuch im Kerker von Newgate.
Londoner Skizze von Leopold Katscher.

In nächster Nähe der berühmten Londoner St. Pauls-Kirche, an der Ecke von Newgatestreet und Old Bailey, fesseln zwei imposante Häuserkolosse aus massiven Riesenquadern unsern Blick. Mit ihrem grimmigen, düstern Aussehen und ihrer Thor- und Fensterlosigkeit nehmen sie sich in dieser modernen, geschäftigen Welt, unter Wagengerassel, Menschengedränge, Schreibstuben und glänzenden Läden befremdend genug aus. Eine Art Terrasse, die zwischen den beiden Gebäuden liegt, ist von außen her nicht zugänglich und dient nur als innere Verbindung zwischen ihnen. Das eine ist das „Sessions House of Old Bailey“ oder das Central-Criminalgericht von London, das andere der traurig berühmte Kerker von Newgate, das älteste und düsterste aller bestehenden Gefängnisse dieser gewaltigen Stadt. Hier wollen wir uns nur mit diesem letzteren Gebäude beschäftigen.

Die Einförmigkeit der Architektur des Gefängnisses wird auf der Südfront durch die in Nischen stehenden allegorischen Statuen der Eintracht, der Barmherzigkeit, der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Friedens und des Reichthums unterbrochen. Diese jetzt die äußeren Mauern des Kerkers von Newgate zierenden Standbilder schmückten einst das New Gate („Neue Thor“), welches dort lag, wo gegenwärtig Giltspurstreet und Newgatestreet einander kreuzen. New Gate war eines der fünf Hauptthore der alten City und enthielt ein Gefängniß, dessen nächtliche Gräuel der Quäker Ellwood eingehend beschrieben hat; sämmtliche Insassen mußten in einem einzigen Saale, zusammengepfercht, schlafen und „die Ausdünstungen so vieler Menschen genügten zur Erzeugung von mancherlei Krankheiten“; in der That starben während der großen Pest am Neuthor allein zweiundfünfzig Personen.

Aus diesem Gefängnisse ging später der jetzige Newgatekerker hervor, den George Dance, der berühmte Erbauer des Mansion House – des Amtssitzes der Lordmayors von London – von 1770 bis 1780 aufführte. Er richtete in Plan und Ausführung dieses Bauwerkes sein Hauptaugenmerk auf die Verhinderung des Entweichens von Gefangenen, und es gelang ihm denn auch, in dieser Beziehung das Möglichste zu leisten. Newgate ist nicht nur eines der größten Gefängnißhäuser – seine Hauptfaçade ist neunzig Meter lang – sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch das stärkste der Welt.

Das neue Gebäude war kaum vollendet, als ein Theil desselben im Jahre 1780 von den „Gordon Rioters“ wieder zerstört wurde. Lord George Gordon – der später in diesem Gefängnisse, wo er wegen einer Beleidigung der Königin von Frankreich eingesperrt war, sterben sollte – fuhr damals in einem vierspännigen Wagen umher und ermunterte einen aus fanatischen Quäkern, Negern, Matrosen, Wirthshauskellnern und allerlei Gesindel zusammengesetzten Pöbelhaufen bei dem Zerstörungswerke; Einige brannten die Wohnung des Gefängnißdirectors nieder; Andere plünderten das Gefängniß, befreiten die Sträflinge und trugen sie im Triumphe auf die Straße. Aber das war verlorene Liebesmüh’; denn der Schaden wurde bald gutgemacht, und im Jahre 1782 war das Gebäude vollends wieder hergestellt. Newgate, welches im Jahre 1858 zum Zweck der Einführung des Einzelzellensystems einem Umbau unterzogen wurde, war früher Straf- und Schuldengefängniß, und erst seit einigen Jahrzehnten wird es ausschließlich als Untersuchungskerker verwendet. Die Gefangenen werden über die erwähnte Terrasse oder durch einen anderen tüchtig vergitterten Hof zu den Verhandlungen in das anstoßende Criminalgericht gebracht.

Wer könnte all die Gräuel herzählen, deren Zeugen die Mauern von Newgate waren! Früher wurden dort Menschen dutzendweise gehenkt, die kein größeres Verbrechen b[e]g[a]ngen hatten, als Kaninchenfallen gelegt zu haben. Die Verurtheilten wurden auf offenen Karren nach dem Tyburn-Tree gefahren, wo im vorigen Jahrhundert die Hinrichtungen stattfanden und wo das niedrige Volk sich bei Gin und Pfefferkuchen den ärgsten Gemeinheiten und Ausgelassenheiten hingab. In dem bereits mehrfach erwähnten Raume zwischen Newgate und Old Bailey wurde die Folter des Zutodedrückens vollzogen; der Hof erhielt hiervon den Namen „Preß-Yard“. Wollte ein eines schweren Verbrechens Angeklagter seine Schuld nicht gestehen, so wurde er in einem auf diesen Hof mündenden Zimmer nackt auf den Boden gestreckt und während der ganzen Dauer der Tortur nur mit einem zur Erhaltung des Lebens gerade ausreichenden Minimum von Brod und Wasser genährt. Auf die Brust legte man ihm schwere eiserne Gewichte, welche vermehrt wurden, bis der Unglückliche entweder gestand oder starb. Manche Angeklagten erlitten diesen qualvollen Tod mit [87] großer Selbstverleugnung, um ihren Kindern ihr Vermögen zu erhalten, das im Fall eines Geständnisses und einer dann natürlich nicht ausbleibenden Verurtheilung confiscirt worden wäre. Diese grausame Marter wurde erst 1770 abgeschafft.

Die Lage der Gefangenen blieb lange Zeit hindurch die alte erbarmungswürdige, und zwar trotz aller testamentarischen Legate von Menschenfreunden; Newgate war und blieb eine Stätte des Lasters, ein Herd ansteckender Krankheiten. Man sagt, daß die Hälfte aller in London begangenen Verbrechen innerhalb der Mauern von Newgate geplant wurde.

Seit einigen Jahrzehnten sind dort freilich sehr viele Verbesserungen in den sanitären wie in allen übrigen Vorrichtungen eingeführt worden; sie sind zum großen Theil den Bemühungen der Menschenfreundin Mrs. Fry zu verdanken, die im Jahre 1838 schreckliche Mittheilungen über die menschenunwürdige Behandlung der Gefangenen veröffentlichte. Aber beim besten Willen wäre es in diesem alten Gebäude nicht möglich gewesen, den Anforderungen des Zeitgeistes vollkommen zu entsprechen, und so wurde denn der Beschluß gefaßt, den ebenso alten wie berüchtigten Kerker von Newgate aufzuheben und soeben, in den letzten Tagen des Januarmonates, hat sich die Räumung desselben vollzogen; bald wird man mit der Abtragung des Gebäudes beginnen, und damit wird London um ein interessantes, wenn auch grauenerregendes historisches Denkmal ärmer sein.

In der City liegend, stand das berüchtigte Gefängniß zu allen Zeiten unter der Oberhoheit des Lordmayors und der City-Rathsversammlung, und die alljährlich gewählten Sheriffs (eine Art Vicebürgermeister) mußten bis zum Jahre 1877 unter anderen Eiden auch einen leisten, der dahin ging, daß sie sich nie unterfangen würden, das Gefängniß von Newgate zu verpachten. In dem letztgenannten Jahre jedoch schuf das Parlament ein Gesetz, durch welches Newgate dem Ministerium des Innern, das auch das Justizressort verwaltet, unterstellt wurde. Seither war man schlüssig, diesem Kerker den Garaus zu machen.

Als wir Anfangs dieses Monates die Ankündigung von der nahe bevorstehenden Aufhebung des Gefängnisses zu Newgate lasen, beeilten wir uns, den Lordmayor um eine Besichtigungsanweisung zu bitten, denn eine solche konnte man nur von dem Oberhaupte der Cityverwaltung oder von dem Minister des Innern erhalten. Wir erhielten die Erlaubniß sofort und machten uns schleunigst auf den Weg, um von derselben Gebrauch zu machen. An der einzigen und zwar recht kleinen und stark vergitterten Thür des Gebäudes zogen wir eine Glocke; ein blau uniformirter Hausbeamter öffnete uns, hieß uns die drei schmalen Treppen hinansteigen und nahm uns die schriftliche Erlaubniß des Lordmayors und unseren Regenschirm ab. Sodann führte er uns durch das Bureau des Gefängnißdirectors Sydney Smith in ein Vorzimmer, wo uns der Oberaufseher von Newgate, dem die Aufgabe zufiel, uns durch sämmtliche Räumlichkeiten dieses ernsten Hauses zu geleiten, in Empfang nahm.

Das Gebäude ist ein wahres Labyrinth, wie es die moderne Gefängniß-Architektur nicht herstellen würde. Es besteht aus einer Unzahl von Gängen, Höfen, Corridoren, Treppen, Verschlägen etc.; in diesem Gewirre könnte sich kein Verbrecher, der zu entweichen versuchen wollte, zurechtfinden. Ueberdies sind die Mauern sehr hoch, und die Höfe haben eine Bedachung in Form einer starken Obervergitterung. Dazu kommt noch, daß nur eiserne Gitter oder dicke, auf beiden Seiten mit Eisenplatten und Eisenstangen beschlagene eichene Thüren die einzelnen Räumlichkeiten mit einander verbinden.

An ein Entweichen ist hier also nicht zu denken. Die ungeheuer dicken Mauern bestehen aus Quadern, gebrannten Ziegeln und Eisenklammern, während die Fußböden der Höfe aus Asphalt oder Holz mit Eisenplatten hergestellt sind. Kurz, Newgate dürfte, wie schon angedeutet, das ausbruchsicherste Gefängniß der Welt sein. Die Höfe sind zumeist kurz und schmal, doch mangelt es nirgends an Licht und Luft, und die Düsterkeit, die das Gebäude von außen an den Tag legt, ist im Innern weit geringer.

Einer der Höfe ist der Spazierhof; er ist glatt und kahl; seine Mauern sind sehr hoch; sein Fußboden besteht aus abwechslungslosem Asphalt. Zwei andere Höfe sind für den Empfang von Besuchen seitens der Häftlinge eingerichtet, und in jedem dieser beiden Höfe befindet sich ein sechs Schuh tiefes Eisendrahtgeflecht, das in drei Abtheilungen zerfällt; die eine ist für den Besucher, die andere für den Häftling bestimmt, die mittlere für einen Gefängnißbeamten, der den Gefangenen und sein Gespräch zu überwachen hat. Natürlich sind die Häftlinge und ihre Verwandten oder Freunde in Folge dieser Vorrichtung außer Stande, einander die Hände zu reichen, geschweige denn einander etwas zuzustecken, höchstens können sie einander zur Noth sehen. Ein anderer, nur wenige Fuß breiter Hof birgt unter seinen Steinplatten die mit Aetzkalk gefüllten Särge der Hingerichteten von Newgate; an der einen Wand sieht man die Anfangsbuchstaben der Familiennamen der hier begrabenen Verbrecher der Reihenfolge ihrer Eingrabung nach eingehauen.

Aber betrachten wir das Innere des Gefängnisses, und zwar zunächst den eigentlichen Kerkerraum! Wir gelangen in einen Corridor, wo wir zwei neben einander liegende Zimmerchen erblicken. Hierher werden die Gefangenen gebracht, wenn sie sich mit ihren Vertheidigern besprechen wollen; hier kann Niemand sie hören, Niemand sie stören, Niemand auf den Gang der Gerechtigkeit einen ungebührlichen Einfluß üben. Die Möblirung ist sehr einfach: ein Tischchen, an dem der Sachwalter sich Notizen machen kann, und zwei kurze, mit Leder gepolsterte Bänke zum Sitzen. Sodann kommen wir in die Gefängnißküche, wo ein Koch gerade beschäftigt ist, das Mittagessen in drei großen Kesseln zu bereiten. Die Häftlinge dürfen sich, wenn es ihre Mittel erlauben, mit eigener Kost versehen; aber auch diejenigen, die sich nicht selbst verköstigen, werden gut versorgt. Dreimal täglich wird ihnen eine Kost gereicht, die hauptsächlich aus Suppe, Fleisch, Gemüse, Brod und Grütze besteht. Die Messer, die ihnen zum Zerschneiden des Fleisches überlassen werden, sind so stumpf, daß es unmöglich wäre, sich mit denselben eine Verletzung beizubringen.

Ein nachdenklich stimmendes Gemach ist die Gefängnißcapelle, in der täglich um 8¾ Uhr Morgens ein Gottesdienst abgehalten wird. Die Männer, die unten sitzen, und die Weiber, die auf den Gallerien Platz nehmen, können einander nicht sehen. Auch giebt es hier, und zwar unmittelbar vor dem Hochaltar, eine „Condemned bench“, das heißt eine Bank, auf der die zum Tode verurtheilten Insassen des Kerkers sitzen. In London leben Leute, die sich noch erinnern, auf dieser Bank zu gleicher Zeit nicht weniger als einundzwanzig Personen sitzen gesehen zu haben; es war dies zu der noch Manchem erinnerlichen Zeit, da der Diebstahl eines Taschentuches mit dem Tode durch den Strang bestraft wurde. Der beliebte Prediger Dr. Dodd, der Erzieher des jungen Lord Chesterfield, für den die berühmten „Briefe an meinen Sohn“ geschrieben wurden, hielt in dieser Capelle im Jahre 1777 seine eigene Grabrede, ehe er wegen einer Fälschung gehenkt wurde.

Jetzt werden wir in ein kleines, schmales Cabinet geführt, das uns in seiner Bestimmung an die wohlbekannte „Schreckenskammer“ in dem weltberühmten Wachsfigurencabinet der Madame Tussaud[WS 1] in der Londoner Bakerstreet erinnert. Wir erblicken auf einem Schranke Wachsnachbildungen von Verbrecherköpfen, deren frühere Träger auf dem Platze vor dem Criminalgericht gehenkt wurden, darunter eine Reihe der berüchtigtesten Mörder, Giftmischer und Raubmörder, von denen in den blätterreichen Annalen der englischen Criminalgeschichte zu lesen ist. Schon früher hatte man solche Wachsköpfe nur anfertigen lassen, wenn der der Hinrichtung in amtlicher Eigenschaft beiwohnende Sheriff es wünschte; seit 1867 hat man davon gänzlich Abstand genommen. Nicht minder unangenehm, als die Gedanken, denen man hier nachhängen muß, sind diejenigen, denen man sich unwillkürlich hingiebt, wenn man das „Fesseln-Museum“ besichtigt. Dieses ist in einem Zimmer untergebracht, das einst eine Küche war, jetzt aber den Beamten als Wärmstube dient. An der den Fenster gegenüberliegenden Wand steht ein großer Kasten, in welchem die Ketten aufbewahrt werden, mit denen man die Gefangenen, wenn diese Disciplinarstrafe über sie verhängt wird, an die Wand schließt; ferner befinden sich dort die Fesseleisen, mit denen den Häftlingen während ihrer Ueberführung in ein Strafgefängniß oder auf der Reise Hände und Füße in Schach gehalten werden, endlich der von dem Vorgänger des jetzigen Gefängnißdirectors erfundene Riemen, der den Delinquenten bei der Hinrichtung Hände, Füße und Leib so fesselt, daß ein Zappeln oder ein Ausschlagen unmöglich wird.

In demselben Zimmer befindet sich die Prügelmaschine, mit deren Hülfe die „Garrotters“ bestraft wurden. Diese waren gefährliche Straßenräuber, welche in den sechsziger Jahren in London ihr Unwesen trieben und sich dadurch auszeichneten, daß sie [88] Passanten in unbelebten Gassen von hinten überfielen und[WS 2] auf geschickte Art würgten, um sie zu berauben. Wurde ein Garrotter erwischt, so steckte man ihn in das soeben erwähnte Instrument, welches ihm Hände und Füße so festhielt, daß er sich nicht rühren konnte, während man ihm eine tüchtige Tracht empfindlicher Prügel verabreichte. Die Anwendung dieser radicalen Strafe genügte, um nach kurzer Zeit das Garrotterthum gänzlich zu beseitigen.

[94] Unsern Gang durch das Gefängniß fortsetzend, erlangen wir endlich Zutritt in den Zellenraum, in welchem die Häftlinge den Schlußverhandlungen und der damit verbundenen Freisprechung oder Verurtheilung entgegen sehen. Dieser Raum besteht aus drei Stockwerken und enthält alle Zellen, die es in Newgate giebt, etwa zweihundert. Jede Zelle ist sechs Schritt lang und zwei Schritt breit, und in der oberen Hälfte der der Thür gegenüberliegenden Wand befindet sich ein vergittertes Fenster, das Licht und Luft spendet; unter demselben stehen das Waschbecken und ein Gefäß zum Ausleeren des unreinen Wassers nach dem Waschen. Neben der Thür sehen wir ein Gestell, auf dem das Eßgeschirr, das Bettzeug und einige Bücher frommer Natur Platz finden. Der Häftling darf lesen, was er will, auch schreiben und sonstige Arbeiten verrichten, falls dabei keine Stich-, Hieb- oder Schneidewerkzeuge zur Verwendung kommen, also nichts, was zum Selbstmord reizen könnte. In keiner Zelle darf länger als bis acht Uhr Abends Licht sein; denn die Gefängnißdisciplin erfordert, daß zu dieser Stunde jeder Häftling sich schlafen lege; zu diesem Behufe breitet er das übrigens recht warme Bettzeug über die Breitseite der Zelle in der Nähe der Thür auf die Erde, von der er sich um sechs Uhr Morgens wieder erhebt. Ein Tischchen, ein Stuhl ohne Lehne, ein Thermometer und ein Glockenzug vervollständigen die Einrichtung der Zelle.

Es steht dem Gefangenen frei, von zehn bis zwölf Uhr Vormittags und von zwei bis vier Uhr Nachmittags auf dem Spazierhofe zu promeniren.

Wird ein Gefangener eingebracht, so muß er vor Allem ein Bad nehmen, und er hat die Wahl zwischen kalt und warm. Während des Bades untersucht ein Wärter seine Kleider, nimmt aus denselben alles Reglementswidrige heraus und trägt sie dann in eine der zu ebener Erde belegenen Zellen, in der der Ankömmling bleibt, bis ihn der Hausarzt am nächsten Morgen untersucht; ist er krank, so kommt er in’s Hospital, andernfalls in eine Zelle der oberen Stockwerke, und dort bleibt er, bis er entweder freigesprochen oder verurtheilt wird. Führt er sich gut auf, so hat er sich nicht mehr wie einst über schlechte Behandlung zu beklagen, auch nicht über Mangel an Licht und Reinlichkeit. Die Zellen machen, wie das ganze Innere dieses Gebäudes, den Eindruck der Freundlichkeit und strengsten Reinlichkeit. Beträgt er sich widersetzlich, so können verschiedene Disciplinarstrafen über ihn verhängt werden; in der Regel entzieht man ihm die Gefängnißkost und reicht ihm nur Wasser und Brod, oder man verkleinert ihm seine Portionen. In manchen Fällen schließt man ihn in Eisen; doch darf der Gouverneur dies nur auf einen Tag thun; für eine längere Fesselung bedarf er eines schriftlichen Befehles des Untersuchungsrichters des Betreffenden. Die härteste Strafe ist das Einsperren in eine dunkle Zelle, doch kommt dieselbe, wie man uns mittheilte, seit vielen Jahren fast nie mehr zur Anwendung, und so benützt man denn die Vorhalle des Dunkelzellenraumes einstweilen als Tischlerwerkstätte.

Wer bei einer Schlußverhandlung zu einer Kerkerstrafe verurtheilt wird, den überführt man alsbald in eines der Strafgefängnisse Londons oder der Provinz. Wird aber ein Insasse von Newgate zum Tode verurtheilt, so weist man ihm sofort nach der Verhandlung eine der beiden „Condemned Cells“ (Zellen der zum Tode Verurtheilten) an, wo er die Zeit bis zu seiner Hinrichtung verbringt. Diese Zellen haben fast dieselbe Einrichtung wie die anderen; nur sind sie doppelt so groß und enthalten zwei Fenster, zwei Sitzbänke und ein hölzernes Bettgestell.

Seit 1868 finden die Hinrichtungen im Gebäude selbst statt. Die jetzige Generation erinnert sich noch der Scenen, zu denen die öffentlichen Hinrichtungen vor Schaffung des 1868er Gesetzes Anlaß gaben. Dieselben fanden auf dem Platze vor Old Baily am Montagmorgen statt. Sonntags um Mitternacht begann vor dem Richtplatz ein Pöbelhaufe sich zu versammeln – hauptsächlich das gefährliche Gesindel, das die schmutzigen, übelriechenden, verrufenen Seitengäßchen („slums“) bewohnt.

Die Menge schlenderte anfänglich lachend, jodelnd und scherzend umher und tummelte sich in den Schenken, welche die ganze Nacht hindurch offen blieben. Später kauerten die Weiber und Kinder sich in Winkeln und Thorwegen und auf Stiegen nieder, um ein wenig zu schlummern. Der rohe, gemeine, betrunkene Mob wuchs immer mehr an, und die Wirthe machten glänzende Geschäfte, indem sie in die oberen Fenster ihrer Häuser Sessel stellten und dieselben um zweiundeinhalb bis einundzwanzig Schilling an „feine Herrschaften“ vermietheten. Etwa um drei Uhr Morgens öffnete sich die Thür des Schuldengefängnisses, und die Basis des Gerüstes wurde auf Rädern in die Straße gefahren. Jetzt rissen sich die Schlummernden aus Morpheus’ Armen los und beobachteten mit den Uebrigen die Errichtung des Galgens. Während die Zimmerleute ihre Hämmer schwangen – die Insassen der condemned cells konnten es hören – wurden sie vom Volke gehänselt; dieses fluchte und schimpfte in fürchterlicher Weise und erging sich in den rohesten, gemeinsten Späßen. Endlich war der fertige Galgen in der Morgendämmerung deutlich zu erkennen – ein Gespenst bei anbrechendem Tage.

Bald ertönte im Glockenthurme der gegenüberliegenden Kirche zum „Heiligen Grabe“ Todtengeläute, und der Hausgeistliche erschien, von den Sheriffs, dem Henker, den Kerkermeistern und dem armen Sünder gefolgt, in der „Schuldenthür“. Die Zuschauermenge konnte den Gottesdienst hören, konnte bemerken, wie der Henker dem Delinquenten die Mütze über das Gesicht zog, konnte ihn aufknüpfen und sterben sehen. Schreckliche Neugierde!

Der Henker pflegte abergläubischen Zuschauern das benützte Seil nach der Hinrichtung um einen Schilling per Zoll zu verkaufen; aber er hatte Concurrenten, die in dem Gedränge umhergingen und falsche Galgenreliquien um einen Penny bis sechs Pence feilboten. Ein gewisser Catnach, der in dem berüchtigten Stadttheil Seven Dials wohnte, besoldete einen „Dichter“, der die Bekenntnisse und den Schwanengesang jedes Hinzurichtenden in Verse bringen mußte, die dann, mit einem rohen Holzschnitt des Galgens illustrirt, gedruckt und sofort nach dem Fallen des Seiles in Umlauf gesetzt und verkauft wurden.

Seit 1868 sind die Hinrichtungen glücklicher Weise nicht mehr öffentlich. Sie finden in einem Holzverschlage statt, der in einem Hofe von Newgate steht und in welchem der Galgen permanent aufgerichtet ist. Der Verschlag ist so klein, daß nur etwa zwanzig Personen darin Platz haben. Unser Führer theilte uns mit, daß er zu seinem Leidwesen jeder Justificirung beiwohnen müsse; außerdem müssen der Hausgeistliche und der Untersuchungsrichter des betreffenden Unglücklichen dabei sein, früher auch ein City-Sheriff. Während der traurigen Arbeit wird die obere Hälfte des Holzverschlages geöffnet, damit die Vertreter der Presse, welche noch immer Zutritt haben, den Vorgang beobachten können; leider bringen viele Blätter über jede Hinrichtung widerlich ausführliche Berichte.

Unter dem Galgen befindet sich eine aus zwei langen Brettern bestehende Fallthür, auf die der arme Sünder zu stehen kommt. Dieser wird mittels des von Wetherett erfundenen Riemens, den wir im „Fesseln-Museum“ gesehen haben, gebunden; sodann vollbringt der Henker sein kurzes, aber gräßliches Werk, und in demselben Augenblick wird ein Hebel in Bewegung gesetzt, der die Fallthür öffnet, durch die der Gehenkte mit gebrochenem Genick in die darunter befindliche Grube stürzt. Alsbald steigt ein Henkersknecht eine an der Seite des Galgens liegende Treppe hinab, legt die Leiche in einen mit Aetzkalk gefüllten Sarg und trägt denselben nach dem Begräbnißhofe, wo so viele „große“ Verbrecher den ewigen Schlaf schlafen.

Während der Hinrichtung – deren Zeit sich nach der Uhr der Kirche „Zum heiligen Grabe“ richtet – werden noch immer die Glocken dieses Gotteshauses geläutet, wahrscheinlich weil es das nächste ist. In früheren Zeiten, als die Todesstrafe noch in Tyburn vollzogen wurde, erhielt jeder Delinquent auf dem Wege nach dem Richtplatze in dieser Kirche einen Blumenstrauß. Um Mitternacht vor dem Hinrichtungsmorgen ging der Meßner der Kirche „Zum [95] heiligen Grabe“ um die Gefängnißmauern herum, seine Glocke läutend und dabei ein Lied singend, das in deutscher Uebersetzung etwa Folgendes besagt:

„Die Ihr in dem Haus der Verurtheilten seid,
Nun macht Euch für morgen zum Sterben bereit!
Und betet; denn nahe die Stunde ist,
In der vor der Allmacht erscheinen Ihr müßt!
Erforschet Eu’r Inn’res, bereuet bei Zeiten,
Daß die Höll’ Euch nicht fesselt für Ewigkeiten!
Wenn morgen die Glock’ uns’rer Kirche Euch Armen
Ertönt, habe Gott mit Euch Erbarmen!
Es hat zwölf geschlagen.“

Zu den Celebritäten im guten und schlechten Sinne, die in Newgate saßen, zählen die berühmten Dichter Crabbe, Wither und Sackville, welche hier wegen Schulden eingesperrt wurden, ferner William Penn, welcher wegen des Predigens auf der Straße eine Strafe verbüßte, sowie Daniel Defoe, der Verfasser des „Robinson Crusoe“, wegen der Herausgabe seiner Broschüre „The shortest way with dissenters“. Der populäre Räuber Jack Sheppard, den sowohl Defoe als auch der soeben verstorbene bekannte Belletrist William Harrison Ainsworth zum Helden von Romanen gemacht haben, gehörte gleichfalls zu den unfreiwilligen Einwohnern des düsteren Hauses am „Neuen Thor“.

Unser Rundgang ist beendet. Wir werden in das Vorzimmer zurückgeführt, müssen dort unseren Namen in das Buch der Besichtiger eintragen und treten durch das Bureau des Directors, der uns noch einige auf den Kerker bezügliche Aufschlüsse giebt, den Rückweg an. Wie uns der Gouverneur sagte, wird das Gebäude zwar vorläufig noch nicht niedergerissen, sondern soll vor der Hand die Bestimmung erhalten, die Gefangenen am Tage ihrer Schlußverhandlung aufzunehmen, aber es kann nicht mehr lange dauern, und das aus dem zwölften Jahrhundert stammende Gefängniß von Newgate wird der Vergangenheit angehören. Die Citywelt erwartet die Demolirung schon mit Ungeduld; denn auf dem Grund des berüchtigten Kerkers sollen Comptoire und Magazine errichtet werden, und Grund und Boden sind in der City bekanntlich gar kostbar.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Tussand
  2. Vorlage: nnd