Über die Trunkenheit/Einleitung

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Über die Trunkenheit
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[1]
Über die Trunkenheit.

Nach dem Zeugnisse des Eusebius (Hist. eccl. II 18, 2) und des Hieronymus (De vir. illustr. 11) hat Philo zwei Bücher Περὶ μέθης verfaßt. Die jetzt allgemein gültige Ansicht, die auf den Untersuchungen L. Massebieaus, P. Wendlands und L. Cohns beruht, ist die, daß das uns erhaltene Buch das erste Buch „Über die Trunkenheit“ war und daß das zweite, welches über die εὐφροσύνη und γυμνότης handelte, für uns verloren ist. Der Autorität der genannten Gelehrten beugte sich auch E. Schürer, indem er in der 3. und 4. Auflage seines Werkes: „Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi“ seine frühere Meinung, die uns erhaltene Abhandlung Περὶ μέθης wäre das zweite Buch Philos, preisgab. So finden wir denn in O. Stählins Griechischer Literaturgeschichte S. 634 die communis opinio gebucht, gegen welche W. Boussets gegensätzliche Behauptung nicht aufkam. Und doch läßt sich zeigen[1], daß die handschriftlich unter dem Titel Περὶ μέθης überlieferte Abhandlung das zweite Buch Philos ist und daß uns von seinem ersten Buch Περὶ μέθης ein Teil erhalten blieb in dem Stücke § 139–177 der Schrift Περὶ φυτουργίας Νῶε.

Die Stellung, welche unsere Schrift in Philos großem allegorischen Kommentarwerke zur Genesis einnimmt, ergibt sich daraus, daß sie, soweit sie uns überkommen ist, der Erklärung bloß eines Verses gewidmet ist, nämlich Gen. 9, 21.

Sind schon die vorhergehenden Schriften Philos nicht streng nach einem logischen Schema aufgebaut, so ist der Zusammenhang der Gedanken in unserer Schrift oft unübersichtlich, trotz der Disposition des Themas, die der Verfasser § 4 und § 6 gibt. Von ihren fünf Abschnitten enthält unser Buch die ersten drei; daß auch die restlichen behandelt waren, dürfen wir aus den einleitenden Worten Über die Nüchternheit § 1 schließen.

[2] Der Gedankengang des 2. Buches Ü. d. Trunkenheit ist folgender:

A. Einleitung. § 1–10.

Hat sich das 1. Buch mit den Meinungen griechischer Philosophen περὶ μέθης beschäftigt, so soll das zweite die Ansichten Moses’ über diesen Gegenstand behandeln (§ 1), welcher verschiedenen Personen verschiedene Vorschriften über den Weingenuß machte. § 2. 3.

Der Wein ist für Moses Symbol von Lastern und Tugenden, die sich auch ohne Weingenuß bei den Menschen finden. § 4. 5.

Wesen und Ursachen dieser fünf Laster und Tugenden. § 6–10.

B. Zuchtlosigkeit und Unbildung als Quelle von Fehlern und Sünden. § 11–153.
I. Für diese These (§ 11. 12) wird das biblische Beispiel vom ungehorsamen Sohne als Beweis angeführt. § 13–29.
1. Der Bibelvers Deut. 21, 18–21 (§ 14) enthält vier Anklagen gegen den ungehorsamen Sohn; § 15–27.
a) die ersten zwei Anklagepunkte werden gegeneinander abgewogen und erklärt, § 15–19,
b) der dritte Punkt der Anklage § 20–26 und
c) der vierte Anklagepunkt. § 27.
2. Die Bestrafung des Ungehorsamen durch die Eltern. § 28. 29.
II. Die Bedeutung der Ausdrücke „Vater“ und „Mutter“. § 30–33.
1. Als Vater wird Gott, als Mutter sein Wissen gedeutet. § 30. 31.
2. Solcher Eltern Strafe kann niemand ertragen; § 32.
3. deshalb sind in dieser Abhandlung nicht diese Eltern zu verstehen, sondern der Vater als männliche, vollkommene, rechte Vernunft, die Mutter als die allgemeine Bildung. § 33.
III. Den genannten Eltern muß man wie ein Kind gehorchen; der Vater gebietet, der Natur zu folgen, die Mutter, sich an die in den einzelnen Staaten geltenden Gesetze zu halten. § 34.
IV. Diese Eltern haben vier Gruppen von Kindern; die erste, welche beiden, die zweite, welche keinem Elternteile gehorcht, die dritte, welche sich nur um den Vater, und die vierte, welche sich nur um die Mutter kümmert. § 35–93.
1. Philo behandelt zunächst die Gruppe derer, welche nur der Mutter, d. h. der Bildung und dem Gewohnheitsrechte, folgen.[3]
§ 36–64.
a) Als Vertreter dieser Gruppe wird Jethro angesehen, der Typus des Dünkels und der falschen Meinungen. § 36–45.
α) Infolge seines Wahnes setzt er sich in Gegensatz zu Moses, der die wahren Gesetze Gottes, d. i. der Natur, verkündet. § 37–40.
β) Seine Eigenschaften verführen Jethro zu Gottlosigkeit und Gottesleugnung. § 41–45.
b) Ein Geistesverwandter Jethros ist Laban, der auch die Gesetze der Natur nicht sieht und ihnen menschlichen Brauch vorzieht. § 46–53.
α) In der Erklärung von Gen. 29, 26 wird dem Laban Jakob gegenübergestellt und seine Werbung um dessen jüngere Tochter gerechtfertigt durch den Hinweis auf das Verhältnis der Philosophie zu der allgemeinen Bildung. § 47–51.
β) Zur Bestätigung dessen dient die Auslegung des Verses Gen. 29, 27. § 52. 53.
c) Der Gewohnheit zu folgen ist Frauenart, der Natur zu folgen verlangt einen männlichen Charakter. § 54–64.
α) Daß die Beobachtung von Gewohnheit und Brauch weiblicher Art gemäß ist, beweist Rachel (Gen. 31, 35). § 54. 55.
β) Sie gibt ihre Schwäche offen zu, infolge deren sie der Sinnlichkeit und der Gewöhnung unterliegt, während die meisten Menschen zwar ebenfalls scheinbaren Gütern nachjagen, sich aber in ihrer Oberflächlichkeit Täuschungen über ihre Widerstandskraft hingeben. § 56–59.
γ) Dagegen hat Sarah alles Weibliche von sich abgestreift, sich von allem Körperlichen losgerungen und sich dem Vater, d. i. Gott, angeschlossen. § 60–62.
δ) Mit ihr verglichen erscheint die große Menge der Menschen weibisch und hängt der Mutter an, d. h. der allgemeinen Bildung und dem konventionellen Recht. § 63. 64.
2. Als zweite Gruppe der Kinder betrachtet Philo die dem Vater, d. i. dem ὀρθὸς λόγος, Gehorsamen. § 65–76.
a) Von der rechten Vernunft werden sie des Priesteramtes gewürdigt. § 65–73.[4]
α) Nach Exod. 32, 27–29 sind das diejenigen, welche ihre Brüder, Nächsten und Verwandten töten; § 66. 67.
β) nach dem allgemeinen Gewohnheitsrecht, d. i. nach den Vorschriften der Mutter, wären sie wohl schuldig, nach der rechten Vernunft jedoch, d. i. dem Vater, werden sie freigesprochen; § 68.
γ) denn nicht Menschen töten sie nach dem Wortlaut, sondern, richtig verstanden, ist mit dem Bruder der mit der Seele verbrüderte Leib, mit dem Nächsten die Sinnlichkeit und mit dem Anverwandten die Sprache gemeint. § 69–71.
δ) Vertreter solchen Priesterstandes sind Levi (§ 72) und Phinees (§ 73).
b) Von dem Vater, d. i. von Gott, werden solche Menschen außer mit der Priesterwürde auch mit dem Frieden belohnt. § 74–76.
3. Darauf bespricht Philo kurz die Gruppe der Kinder, die sich beiden Eltern, Mutter wie Vater, widersetzen. § 77–79.
a) Ihr Vertreter ist Pharao (Exod. 5, 2). § 77.
b) Unter den Menschen sind diese Frevler gegen Gott und Schädlinge jeder menschlichen Gemeinschaft zahlreich vertreten. § 78. 79.
4. Zuletzt wendet sich Philo der Gruppe von Kindern zu, welche Anhänger sowohl des Vaters wie der Mutter sind. § 80–93.
a) Darin, daß man sowohl der Weisung des Vaters (d. i. Der rechten Vernunft) folgt, den Vater des Alls zu ehren, wie der Weisung der Mutter (d. i. der Bildung), die menschlichen Satzungen und Bräuche zu beobachten, liegt eine Vollkommenheit. § 80. 81.
b) Eine solche Vollkommenheit hat nach Gen. 32, 28 Jakob erreicht. § 82. 83.
c) Tugenden, die sich aus der Rücksicht auf Vater und Mutter ergeben, sind Frömmigkeit und Gemeinsinn (Prov. 3. 4). § 84.
d) Moses hat mit Wohlbedacht diese doppelte Rücksichtnahme in drei Vorschriften symbolisch gefordert: § 85–87.
α) durch die Forderung der außen und innen vergoldeten Lade,
β) durch die Forderung zweier Gewänder des Oberpriesters (§ 86),
γ) zweier Altäre. § 87.[5]
e) Der Weise richtet sich eben nach der Gelegenheit, bei der er seine Weisheit betätigen soll. § 88.
α) Ein großer Künstler, wie z. B. Phidias, bearbeitet zwar verschiedenes Material, aber seine Kunst, seine Idee, ist doch in allen seinen Kunstwerken unverkennbar die gleiche. § 89. 90.
β) Dasselbe gilt vom Weisen; je nach der Materie, mit der er sich beschäftigt, umspannt er verschiedene Wissensgebiete, entwickelt verschiedene Fähigkeiten und bewährt verschiedene Tugenden, bleibt aber doch immer der gleiche. § 91. 92.
5. Eine Bestätigung der Richtigkeit seiner Einteilung der Kinder in die vier behandelten Gruppen sieht Philo in dem ausdrücklichen Hinweis auf den einen ungehorsamen Sohn Deut. 21, 20. Neben ihm gibt es Söhne, die einem Elternteile und Söhne, welche beiden Eltern folgen, Vertreter verschiedener Tugenden. Um so größer ist daher das Verbrechen des ersteren und deshalb die Todesstrafe gerecht. § 93–95.
V. Die letzte Folge des Ungehorsams gegen die Eltern ist die Vergötterung des Leiblichen, wie sie sich in der Verehrung des goldenen Kalbes und dem Liede der Trunkenen zeigt.
Exkurs über die Lieder. § 96–125.
1. Das falsche Lied der Trunkenen. Der Bibelvers Exod. 32, 17–19 wird als Kampf der Leidenschaften im menschlichen Leben gedeutet, welchem der Geist in seiner Friedenssehnsucht durch Flucht zu entgehen sucht. § 96–105.
2. Dem Jammergesang der Trunkenen werden Danklieder einiger Sieger gegenübergestellt. § 105–120.
a)
α) Ob seinem Siege über die Leidenschaften und die Sinnlichkeit stimmt Abraham mit Recht ein Danklied an; er unterscheidet den wahren Urheber alles Seins von den Mitteln, deren sich dieser bedient. § 106. 107.
β) Der Materialismus dagegen führt zum Götzendienst und zur Gottlosigkeit. § 108–110.
b)
α) Moses besingt die Niederlage des hoffärtigen Geistes (§ 111)
β) und die Erwerbung der Weisheit, die nur den Führern ziemt. § 112. 113.[6]
c) Der Bericht der aus der Schlacht zurückkehrenden Krieger (Num. 31, 49. 50) wird allegorisch als Sieges- und Danklied gedeutet. § 114–120.
3. Die Fortsetzung der Betrachtung jenes falschen Liedes der Trunkenen zeigt, daß sich diese freiwillig dem Trunke und dem Dünkel ergeben und so zur Zuchtlosigkeit und Unvernunft gelangen. § 122–125.
VI. Dagegen verleiht Nüchternheit das Vorrecht des Priestertums und führt zu Gott. § 126–153.
Das wird bewiesen durch die Erläuterung
1. der Bibelstelle Lev. 10, 8–10. § 126–143 und
2. Sam. I. 1, 11. § 143–153.

C. Trunkenheit verursacht Nichtwissen des Wissenswerten. § 154 bis 205.

I. Das Wesen der ἄγνοια. § 154–164.
1. Ersatz einer Definition durch den Vergleich mit körperlicher Blindheit und Taubheit und durch Gegenüberstellung mit der ἐπιστήμη. § 155–161.
2. Es gibt zwei Arten des Nichtwissens, das einfache Nichtwissen und das mit der Einbildung des Wissens verbundene. § 162. 163.
II. Für die schlimmere Art des Unwissens, die sich mit der Einbildung des Wissens verbindet, ist Lot ein Beispiel und sein Verhalten den Töchtern gegenüber die Folge seines Rausches. § 164–166.
III. Der Mensch ist überhaupt nicht imstande, Gewißheit über das Wesen der Dinge zu erlangen und kann deshalb das Wahre und Nützliche nicht wählen, das Falsche und Schädliche nicht meiden (Skeptischer Exkurs). § 167–202.
1. Menschliches Wissen gelangt nur bis zur Wahrscheinlichkeit; denn nur wenn wir von den gleichen Gegenständen immer dieselben Vorstellungen hätten, könnten wir ein sicheres Urteil über die Dinge fällen. § 167–169.
2. Die Vorstellungen von den Erscheinungen sind jedoch verschieden,
a) weil die Lebewesen eine unendliche Mannigfaltigkeit zeigen,
§ 171–174,
α) als Subjekte der Beurteilung, § 171,
β) als Objekte der Beurteilung. § 172–174;[7]
b) weil insbesondere die Menschen einander nicht gleich sind.
§ 175–180.
α) Verschiedene Individuen reagieren nicht nur zu verschiedenen Zeitpunkten, sondern zu gleicher Zeit auf den gleichen Vorgang verschieden. § 176. 177.
β) Jedes einzelne Individuum empfängt je nach seinem körperlichen oder Gemütszustand von den gleichen Dingen verschiedene Eindrücke. § 178–180.
c) Die Lage, Entfernung und örtliche Umgebung des Vorstellungsgegenstandes ruft Sinnestäuschungen hervor. § 181 bis 183.
d) Je nach der Quantität der Bestandteile ändert sich das Wesen und die Wirkung zusammengesetzter Körper. § 184. 185.
e) Wir nehmen fast nie das Wesen der Dinge selbst unmittelbar wahr, sondern nur durch Vergleich mit ihrem Gegenteil (§ 186–188)‚
f) nur in komplexen Mischungen durch Vermittlung wesensfremder Medien. § 189–192.
g) Erziehung, Bräuche und Gesetze sind auf der ganzen Welt verschieden und demzufolge auch die Ansichten über die ethischen Begriffe. § 193–197.
h) Aber auch über die wichtigsten Weltanschauungsfragen sind die Philosophen zu keiner Einigung gelangt. § 198–202.
IV. Durch den skeptischen Exkurs wird die § 164–166 gegebene Deutung Lots und seiner Töchter, gemäß Gen. 19, 33. 35 gerechtfertigt. § 203–205.
D. Die dritte Folge der Trunkenheit ist die Unersättlichkeit der Begierde. § 206–224.
I.  1. In ihrer Unersättlichkeit sind die Schlemmer der Begierde verfallen. § 206. 207.
2. Ein solcher Schlemmer, der König Ägyptens, überschätzt das Irdische und Vergängliche. § 208. 209.
II. 1. Die drei Meister, deren Wirken der Unmäßigkeit der zügellosen Seelen dient: der Oberbäcker, der Obermundschenk und der Oberküchenmeister sind Eunuchen. § 210–213.
2. a) Der mäßige Genuß von Brot, Zukost und Getränk ist eine Lebensnotwendigkeit und sichert dem Menschen ein unangefochtenes Leben. § 214. 215.[8]
b) Dagegen bringt die Sucht nach einem lustvollen Leben eine Übertriebenheit im Genuß hervor und maßlose Anforderungen an die Kunst des Oberbäckers, des Obermundschenks und des Oberkoches. § 216–219.
3. Am unersättlichsten aber sind die Menschen im Weingenuß. § 220. 221.
4. Ihre Unersättlichkeit führt jedoch nicht zur Stillung ihres Durstes, sondern, nach Deut. 32, 32. 33, zur Strafe Gottes für ihre Schlechtigkeit. § 222–224.

  1. Diesen Nachweis versuche ich in den „Studien zu Philo von Alexandria“, wo auch die Fragen beantwortet werden, wie die Abhandlung Ü. d. Trunkenheit mit den beiden in der philonischen Schriftensammlung vorausgehenden zusammenhängt und ob in dem verlorenen Teil des 2. Buches die Bibelverse Gen. 9, 22 und 23 erläutert waren.
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