ADB:Amalie (Prinzessin von Oranien)

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Artikel „Solms, Amalia von“ von Pieter Lodewijk Muller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 572–575, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Amalie_(Prinzessin_von_Oranien)&oldid=- (Version vom 25. Mai 2019, 08:57 Uhr UTC)
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Solms: Amalia v. S., Prinzessin von Oranien, geboren 1602, Tochter des Grafen Johann Albrecht v. Solms-Braunfels, Obersthofmeisters des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, wurde, als sie noch sehr jung war, Hoffräulein bei dessen Gemahlin und begleitete sie zuerst nach Prag, zur böhmischen Königskrönung, und dann auf der Flucht nach Holland. Im Haag machten ihre Schönheit und ihr heller Verstand sie zu einer Zierde der dort beisammenlebenden oranischen und pfälzischen Höfe und scheinen auch bald die Aufmerksamkeit des Bruders und vermuthlichen Nachfolgers des Statthalters Moritz von Oranien, des Grafen Friedrich Heinrich (s. A. D. B. VII, 576) auf sich gezogen zu haben. Jedoch er schien der Ehe nicht weniger abgeneigt als sein Bruder und so blieb sie, wenn auch dem oranischen Hause nahe verwandt (ihres Vaters Mutter war eine Schwester Wilhelm’s von Oranien), in der abhängigen, ja ziemlich dürftigen Stellung, denn auch des Vaters Tod (1623) brachte ihr nichts, als die, wie es scheint, ziemlich ungewisse Prätension auf ihr Antheil an dem auf viele Kinder zu vertheilenden Nachlaß. So wurde es allgemein und nicht zum wenigsten von der böhmischen Königin, als ein unerhörter Glücksfall angesehen, als im Frühjahr des Jahres 1625 Moritz, als er sich dem Tode nahe fühlte, das Aussterben seines Hauses fürchtend, den Bruder, der schon im Felde war, plötzlich nach Haag rief und veranlaßte, auf der Stelle der armen Gräfin seine Hand anzubieten und gleich nachher mit Vernachlässigung aller Formalitäten, selbst des Kirchenaufgebots, sie zu heirathen. Drei Wochen später war Moritz todt und Amalia im Besitz einer glänzenden fürstlichen Stellung und eines fürstlichen Reichthums, bald auch der Mittelpunkt eines fröhlichen, glänzenden Hofes, wo aus allen protestantischen Ländern Europas der Adel sich zusammenfand. Da sie ausgezeichnet zu repräsentiren wußte, brachte dieser unerhörte Wechsel ihres Geschicks ihr nur Gutes. Mit dem wirklich ausgezeichneten Gemahl lebte sie in einer wahrhaft glücklichen Ehe, beide liebten und verehrten einander aufrichtig und nicht der geringste Makel heftete sich an ihren Ruf an einem bald ziemlich üppigen Hofe, wo nur die jährlichen Feldzüge die Reihe der Feste unterbrachen. Bald gelang es ihr, auch politischen Einfluß zu gewinnen, und wenige Jahre nach ihrer Heirath buhlten die Diplomaten um ihre Gunst und suchten namentlich die Franzosen sie durch reiche Geschenke bei guter Stimmung zu erhalten. Inwieweit sie sich dadurch beeinflussen ließ, ist nicht mehr festzustellen, gewiß ist es, daß es vieles Gerede veranlaßte. Und als sie, die bis jetzt immer der französischen Partei das Wort geredet, sich in den vierziger Jahren dem Frieden mit Spanien zuwandte und, wie allgemein geglaubt wurde, ihren jetzt unwiderstehlichen [573] Einfluß auf den alternden und immer kränkelnden Gemahl benutzte, um ihn den Frieden gutheißen zu lassen, galt es, wenigstens bei den Franzosen und ihren Anhängern, allgemein, sie sei, so gut wie ihre Anhänger de Knuyt und Musch (s. A. D. B. XVI, 336[WS 1] und XXIII, 92) von den Spaniern bestochen worden. Freilich schien der Argwohn bestätigt zu werden, als nach geschlossenem Frieden die spanische Regierung ihr einen Theil der dem oranischen Hause zukommenden Entschädigung, die Herrschaften Turnhout und Zevenbergen, persönlich übertrug. Jedenfalls beharrte sie so fest auf dem einmal eingenommenen Standpunkt, auch der ausgesprochenen Neigung des einzigen Sohnes gegenüber, daß sie, als Friedrich Heinrich gestorben war (1647), von den Spaniern als die kräftigste Stütze angesehen wurde, und im verhängnißvollen Jahre 1650 der spanische Gesandte Antoine Brun von ihr sagte, sie rede überhaupt als sei sie zu Madrid geboren. Jedenfalls erlaubten ihr die so erworbenen Besitzungen, auch nach dem Tode des Gemahls, auf gleichem Fuß das Leben, wie sie es bis jetzt geführt, fortzuführen. Denn mit merkwürdigem Ordnungssinn hatte sie den glänzenden Haushalt geführt und das Gesammtvermögen unbeschwert bewahrt trotz den vielen Bauten, welche der Gemahl theilweise ihr zu Liebe ausführen ließ. Das noch jetzt weit bekannte Schloß in der Nähe von Haag, das „Haus im Busch“, ein Muster des überladenen und etwas schwerfälligen Baustils des Zeitalters, vom berühmten Baumeister des Amsterdamer Rathhauses, Jakob van Campen erbaut und von Jordaens und zahlreichen anderen meistens belgischen Malern mit theilweise allegorischen Bildern geschmückt, ist von allen das meist bekannte. Namentlich der Mittelpunkt des Lustschlosses, der Oranjezaal, war ihren eigenen Entwürfen nach gebaut und verziert worden, der Dichter Huygens, der Secretär des Prinzen, und der Maler Gerard Honthorst (s. A. D. B. XIII, 486 und 94[WS 2]) waren dabei ihre ständigen Berather, wie denn Huygens überhaupt ihr Vertrauter geblieben ist, solange sie lebte. Das Streben nach königlichem Glanz der beiden oranischen Eheleute äußerte sich wohl am stärksten in den Heirathen ihrer Kinder. Von den vier Töchtern wurde die älteste, die fromme Luise Henriette, die Gemahlin des Großen Kurfürsten, die zweite wurde die Stammmutter des noch heute in den Niederlanden regierenden, damals die Statthalterschaft in Friesland führenden Zweiges des nassauischen Hauses, die dritte war die Mutter des „alten Dessauers“. Die vierte hätte sie gern später dem König Karl II. von England verheirathet, doch mußte sie sich mit dem Herzog von Simmern begnügen. Doch die glänzendste Partie war dem Sohn bestimmt, für welche die Eltern schon bald die Hand der ältesten Tochter König Karl’s I. von England zu erwerben suchten. Freilich gelang es doch bloß durch das Opfer eines beträchtlichen Theils ihres Vermögens. Denn allein um die Geldmittel der Oranier für ihre sinkende Sache flüssig zu machen und womöglich zugleich den Beistand der niederländischen Republik zu erwerben, stimmte das stolze englische Königspaar in die unebenbürtige Heirath, jedoch ohne den unrettbar verlorenen Kampf neu beleben zu können, denn die so erworbenen Mittel wurden fast sämmtlich von den unfähigen Hofleuten Karl’s I. vergeudet, und wenn auch die Parlamentspartei sich in der Republik weniger Freunde erfreute, die Versuche sie in den inneren Kampf Englands hineinzuziehen erweckten heftigen Widerwillen und blieben vollkommen fruchtlos. Auch A. erlebte wenig Freude an der königlichen Schwiegertochter. Solange ihr Sohn lebte, galt sie als die Stütze der Friedenspartei, und blieb also entzweit mit dem übrigen Hof, an welchem sie nicht mehr die erste Stelle bekleidete. Und als Wilhelm II. plötzlich gestorben und wenige Wochen später ihr Enkel Wilhelm III. geboren war, entstand ein Streit zwischen der Mutter und der Großmutter über die Vormundschaft, der zu der heftigsten Erbitterung der beiden Prinzessinnen führte. Die stolze, energische, erfahrungsreiche [574] Schwiegermutter konnte nicht dulden, daß die hoffärtige, launenhafte Prinzeß Royale, die nur dem Interesse ihres eigenen Hauses lebte, und sich als Königstochter weit über die ehemalige Hofdame ihrer Tante erhaben fühlte, die oranische Partei führen und die Mittel des oranischen Hauses zum Besten der Stuarts weiter verschleudern sollte. Diese Spaltung vernichtete alle Aussichten der Statthalterpartei, welcher die Mehrzahl der Bevölkerung entschieden anhing und sicherte den Regenten, namentlich als Johann de Witt ihre Führung übernommen, die Herrschaft. Die Staaten von Holland und die Gerechten gaben zuletzt die Entscheidung, welche der A. und dem Kurfürsten von Brandenburg die Mitvormundschaft neben der Prinzeß Royale zuwies, eine Entscheidung, welche natürlicherweise die Eintracht nur sehr dürftig herstellte. Nach dem Tode der Prinzessin war A. neben ihrem Schwiegersohn, dem friesischen Statthalter Fürsten Wilhelm Friedrich von Nassau, mit dem sie keineswegs immer in gutem Einverständniß lebte und nach dessen, 1664 erfolgtem Tode, allein das anerkannte Haupt ihrer Partei, doch sie war damals so vollkommen unter den Einfluß der Regenten, und namentlich von de Witt gerathen, daß sie es niemals versuchte den Kampf mit denselben anzufangen und im Gegentheil die Adoption des Enkels als Kind des Staats durch die holländischen Staaten veranlaßte. Es ist viel gestritten worden, was sie zu einer solchen Haltung veranlaßt habe. Man kann nicht umhin zu glauben, ihre sehr bestimmt ausgesprochene Feindseligkeit gegen die englische Königsfamilie habe dabei mitgewirkt, denn sie übertrug die Abneigung gegen die Schwiegertochter auf ihre ganze Verwandtschaft und das nicht mit Unrecht. Eine Erhebung des minderjährigen Enkels, dessen Umgebung durch die Mutter fast vollkommen englisch geworden war, wäre gewiß nur Karl II. und dem Hause Stuart zu Gute gekommen, und hätte jedenfalls nicht ihr die Macht in die Hände gelegt. Inwieweit sie dabei den Interessen der Republik Rechnung getragen hat, läßt sich nicht bestimmen. Es scheint wohl, sie sei ganz Holländerin geworden und vielleicht hat sie so in einem Anschluß an die regierende Regentenpartei das Mittel gesehen, einem Kampf vorzubeugen, wie er hundert Jahre später die Republik zu Grunde richtete. Doch natürlich hatte diese Haltung zur Folge, daß, als einige Jahre später, 1672, der Enkel alle Würden seines Vaters wiedererhielt und der unbestrittene Beherrscher der Republik wurde, sie durchaus weder Theil an seiner Erhebung noch nachher an seiner Macht hatte. Noch drei Jahre lebte sie, als die Großmutter des Staatsoberhauptes, denn als solches kann Wilhelm III. gewiß gelten, geehrt, bis sie am 8. August. 1675 fast vierundsiebzigjährig, gestorben ist. Keine Prinzessin von Oranien, mit Ausnahme der preußischen Wilhelmine, welche hundert Jahre später als Gemahlin des schwachen Wilhelm’s V. die oranische Partei führte, hat einen solchen Einfluß auf die Geschichte der niederländischen Republik geübt, als diese deutsche Reichsgräfin, welche mit einer Würde und Pracht auftrat, als sei sie von Rechts wegen den Königinnen ebenbürtig. Bis in ihr hohes Alter blieb A. immer eine stattliche Erscheinung, welche, wenn nicht geliebt, doch allgemein geachtet wurde; sie liebte es in königlicher Pracht zu leben, sie wurde immer mit goldnem Geschirr bedient und selbst die Schlüssel ihrer Cabinete waren von massivem Gold. Die Anhänger ihres Hauses, gegen welche sie herrisch genug auftrat, selbst der treue Huygens klagte darüber, behandelten sie ganz als sei sie eine Königin und nicht die Wittwe des ersten Dieners der Staaten, und auch als die Regierung den Staaten und namentlich dem Rathspensionär zugefallen war, galt sie auch diesem als die vornehmste Person im Staate. Die wunderbare schiefe Stellung der Oranier in der Republik ist durch ihren Einfluß aufrecht gehalten worden, und ihrer Politik ist es wohl zumeist zu danken, daß es in den Jahren der Minderjährigkeit Wilhelm’s III. den Regenten und ihrem Führer gelang, den Staat [575] durch alle inneren und auswärtigen Gefahren hindurchzusteuern, bis mit dem Zusammensturz ihrer Regierung auch zugleich die Rettung geschehen konnte.

Vgl. die beim Artikel Friedrich Heinrich angeführten Quellen, namentlich auch die Archives de la Maison d’Orange 2e Série Vol. III–V; die Mémoires de Constantin Huygens, herausgegeben von Jorissen. Dazu Wicquefort, Histoire des Provinces Unies des Pays-Bas; de Witts Brieven, Lettres et Mémoires d’Estrades. Hollandsche Mercurius. Auch Veegens, De Stichting der Oranjezaal in Historische Studien I, Onze Prinsessen..


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: XVII, 336
  2. Vorlage: 494