ADB:Clemens, Franz Jakob

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Clemens, Fr. Jakob“ von Albert Stöckl, Franz Heinrich Reusch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 315–317, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Clemens,_Franz_Jakob&oldid=2491858 (Version vom 25. September 2018, 13:41 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Clemens Wenzeslaus
Nächster>>>
Clemens, Gottfried
Band 4 (1876), S. 315–317 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Franz Jakob Clemens in der Wikipedia
GND-Nummer 118521195
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|4|315|317|Clemens, Fr. Jakob|Albert Stöckl, Franz Heinrich Reusch|ADB:Clemens, Franz Jakob}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118521195}}    

Clemens: Fr. Jakob C. wurde geboren am 4. October 1815 zu Coblenz, † 24. Februar 1862. Er stammte aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie. Indem er seine erste Bildung im Kreise seiner Heimath empfing, genoß er das Glück, in echt katholischer Atmosphäre heran zu wachsen. Damals war die Familie Diez ein Sammelpunkt katholischen Lebens in der Rheinprovinz; alles, was katholisch war, fand sich hier zusammen, die beiden Brentano, Görres, Klee, Windischmann gehörten zu den innigsten Freunden des edlen Diez, und viele Ereignisse, welche jetzt der Geschichte der Kirche angehören, keimten in seinem Hause. Auch C. stand von Jugend auf diesem Hause nahe, aus dem er später auch seine Frau erhielt. Gewiß dürfen wir diese lebendigen Eindrücke seiner Jugend als die bedeutungsvollsten Grundlagen der treu katholischen Richtung seines späteren öffentlichen Lebens betrachten.

Von nicht geringerer Bedeutung aber für seine geistige Entwicklung ist noch dieses, daß er als sechzehnjähriger Jüngling, nachdem er einige Zeit in einem Pensionate in Metz verweilt hatte, in das Jesuiten-Collegium zu Freiburg kam. Der etwas unbändige, alle Extravaganzen, aber auch alle Liebenswürdigkeiten eines rheinischen Charakters in sich tragende Geist des jungen Mannes fand hier ebensowol eine sichere Leitung, als eine gesunde Nahrung. C. war deshalb auch später immer mit dankbarster Liebe dem Orden der Jesuiten zugethan, dem er den wichtigsten Theil seiner Jugendbildung verdankte. Die Historisch-politischen Blätter enthalten i. J. 1840 einen trefflichen Aufsatz von C. „Ueber Jesuitenschulen und namentlich die zu Freiburg in der Schweiz“, worin er mit großer Wärme die Erziehungs- und Unterrichtsweise der Jesuiten vertheidigte. 1834 machte C., nachdem er noch einige Zeit das Gymnasium zu Coblenz besucht, das Maturitätsexamen und bezog für ein Jahr die Universität Bonn, ohne über die Wahl seines Berufes noch ganz entschieden zu sein. Seine Studien daselbst waren daher allgemeiner und sehr mannigfaltiger Natur. Er hörte Philosophie bei Windischmann, Rechtsphilosophie bei Puggé, Kirchenrecht bei Walter, Sprachkunde bei August v. Schlegel, Dogmatik und Dogmengeschichte bei Klee etc. Er stand zu Bonn in herzlichem Verkehr mit gleichgesinnten Freunden, war in die besten Häuser aufgenommen und fand hier zugleich die Anregung eines geistigen Kampfes, der seinen Studien wie seinen Gesinnungen gleichmäßig nahe lag.

Im Herbst 1835 bezog C. die Universität Berlin, um in sieben Semestern seine weiteren akademischen Studien zu machen. Namentlich war es die Philosophie[WS 1], auf welche er mit regem Eifer sich warf; er hörte aber auch Vorlesungen über römisches Recht bei Savigny, Physiologie bei Müller, Philologie bei Böckh, Geschichte bei Ranke, Geographie bei Ritter, Naturwissenschaft bei Magnus und Mitscherlich etc. Berlin war damals die Metropole der deutschen Philosophie. Zwar lebte Hegel nicht mehr, als C. dahin kam, und Schelling erschien erst 1841 daselbst; aber die Katheder troffen noch von dem Geiste der absoluten Philosophie; Gabler, Gans, Michelet und Andere wirkten mit vollem Eifer in der genannten Richtung. Dennoch aber verfing sich C. nicht in dem Zauberkreise dieser absoluten Philosophie. Alles was er schrieb und lehrte, beurkundet uns, daß er niemals ein Anhänger derselben war, vielmehr mit seltener Schärfe, als er zu den Füßen ihrer besten Meister saß, über sie hinwegschaute.

Nachdem C. am 19. August 1839 mit einer Dissertation „De philosophia Anaxagorae Clazomenii“ das Doctorat der Philosophie sich erworben hatte, verließ er Berlin und begab sich nach München. Hier hielt er sich längere Zeit auf und genoß den Umgang der Männer, welche die damalige Blüthe der Münchener Universität bezeichnen, eines Görres, Philipps, Lasaulx etc. Dann reiste [316] er nach Italien und hielt sich namentlich in Rom längere Zeit auf, bestens empfohlen und sich selbst empfehlend. Unter Anderen wurde er auch mit Galuppi in Neapel und mit Gioberti bekannt. Der wissenschaftliche Gewinn, den er hieraus zog, war groß; der Hauptgewinn aber, den er aus Rom mitbrachte, war die Befestigung der vollen Hingabe an die Autorität der Kirche.

Im Jahre 1843 habilitirte sich C. als Privatdocent der Philosophie in Bonn. Von nun an beginnt seine großartige akademische Lehrthätigkeit. Seine akademischen Vorlesungen erstreckten sich fast über alle Disciplinen der Philosophie; mit besonderer Sorgfalt aber behandelte er Metaphysik und Geschichte der Philosophie. Eine zahlreiche Hörerschaft sammelte sich um seinen Lehrstuhl; sein lebendiger feuriger Vortrag riß Alle hin und der katholische Geist, welcher seine Philosophie durchwehte, machte ihn zum Lieblingslehrer der jungen katholischen Rheinländer. Seine Tendenz ging überall dahin, in der Philosophie wieder an die Principien der alten katholischen Philosophie anzuknüpfen und so den Faden der organischen Entwicklung der christlichen Speculation, welchen man seit der Reformation hatte fallen lassen, wieder aufzunehmen. So suchte er die Philosophie auf der Grundlage der bewährten Principien der alten christlichen Schulen wieder neu zu begründen, bereichert mit den sicheren Resultaten der neueren Forschungen auf den verschiedenen Gebieten menschlicher Wissenschaft.

Nicht blos auf dem Lehrstuhl aber, sondern auch auf litterarischem Gebiete war C. thätig. Im Jahre 1847 erschien seine erste größere Schrift: „Giordano Bruno und Nikolaus von Cusa“, worin er seinen soeben bezeichneten philosophischen Standpunkt bereits klar darlegte. Im Jahre 1848 ward seine wissenschaftliche Thätigkeit einige Zeit unterbrochen, indem er als Abgeordneter in das Frankfurter Parlament gewählt wurde. In dieser Zeit wohnte er auch der ersten katholischen Generalversammlung in Mainz bei, wo er durch eine begeisternde Rede die Gründung von Vincentius-Vereinen anregte. Bald aber suchte er seine akademische Wirksamkeit wieder auf, und nun begann für ihn eine Periode unruhigen Kampfes. Er trat als Gegner der Günther’schen Philosophie auf. Im Jahre 1853 erschien seine Schrift: „Die speculative Theologie A. Günther’s und die katholische Kirchenlehre“, worin er die Resultate der Günther’schen Speculation mit den Definitionen der Kirche zusammenstellte, und den Widerspruch derselben mit den letzteren aufwies. Diese Art der Widerlegung und überhaupt der Befehdung eines damals in großem Ansehen stehenden Systems zog ihm viele Gegner zu, die mit heftiger und mitunter leidenschaftlich erregter Polemik gegen ihn auftraten. So Baltzer, Knoodt, Hornek etc. C. vertheidigte sich gegen diese Angriffe; es erschienen aus seiner Feder zwei neue Schriften: „Die Abweichung der „Günther’schen Speculation von der Kirchenlehre“, 1853 gegen Baltzer, und: „Offene Darlegung des Widerspruches der Günther’schen Speculation mit der katholischen Kirchenlehre“, 1853 gegen Knoodt. Er verwahrte sich in diesen Schriften gegen die Verdächtigungen, denen er ausgesetzt geworden, und obgleich es ihm hier nicht ganz gelang, den Ton der Heftigkeit, der nun einmal angeschlagen war, zu vermeiden, so muß man ihm doch das Zeugniß geben, daß seine Erörterungen sich von persönlichen Verdächtigungen seiner Gegner frei erhielten.

Nachdem C. volle 13 Jahre als Privatdocent in Bonn gewirkt hatte, wurde er endlich im Jahre 1856 als Professor der Philosophie an die Akademie Münster berufen. Er habilitirte sich zu dieser Professur am 2. August jenes Jahres mit der vielbesprochenen Schrift: „De scholasticorum sententia, philosophiam esse theologiae ancillam commentatio.“ Die Berufung des C. nach Münster wurde in allen katholischen Kreisen aufs freudigste begrüßt. Zwar wollte ihm die Vorsehung in dieser neuen Stellung nur wenige Jahre schenken. [317] Aber diese wenigen Jahre sollten nicht ohne großen Gewinn für die Akademie sein, in welcher er mit hochverdienten Collegen in schätzenswerthester Freundschaft zusammenwirkte, wenn es ihm gleichwol auch hier nicht an kleinlichen Feinden und Neidern fehlte. Die Frequenz der Akademie steigerte sich durch C.; gleich mit ihm waren gegen 70 Studenten von Bonn nach Münster übergesiedelt und seine Zuhörerschaft war immer eine außerordentlich große. Von ihm ging eine frische Anregung aus, nicht blos auf die Studirenden, sondern auch auf die außerakademischen Gesellschaftskreise seiner neuen Heimath.

In dieser Zeit ward C. in einen neuen Kampf verwickelt. Er hatte in die Mainzer Zeitschrift: „Der Katholik“, Jahrg. 1859, einen Artikel geschrieben: „Unser Standpunkt in der Philosophie.“ Es war im wesentlichen nur eine Wiederholung dessen, was er in der oben genannten Habilitationsschrift: „De scholasticorum sententia etc.“ entwickelt hatte. C. führte den Gedanken durch, daß die Philosophie, obgleich ihrem Princip nach selbständig, doch dem christlichen Glauben weder übergeordnet sei, noch gleichgültig gegen denselben sein dürfe, vielmehr der Offenbarung und der kirchlichen Lehrautorität sich zu unterwerfen habe. Zugleich wies er mit Begeisterung auf den heil. Thomas und die Scholastik hin, an deren Grundsätze man wieder anknüpfen müsse. Dies gab nun dem Tübinger Professor Dr. Kuhn Veranlassung, zuerst in seiner Dogmatik und dann in einer eigenen Schrift: „Philosophie und Theologie, eine Streitschrift“, 1860, gegen C. aufzutreten. Es wurde letzterem vorgeworfen, daß er durch die Forderung der Unterwerfung unter die Autorität die Selbständigkeit der Philosophie aufhebe, sowie daß er die Scholastik zu repristiniren suche, wogegen Protest eingelegt werden müsse. C. vertheidigte sich gegen diese Angriffe in einer Gegenschrift: „Die Wahrheit in dem von Herrn Prof. Dr. Kuhn angeregten Streite über Philosophie und Theologie“, 1860, brach aber dann den Streit ab, indem er richtig bemerkte, daß im Hinblick auf die Art und Weise, wie von den Gegnern der Streit geführt werde, es sich nicht absehen lasse, welcher Gewinn daraus für die katholische Wissenschaft erwachsen möchte.

C. war ein eifriger Mitarbeiter am Mainzer „Katholik“; eine Reihe von Artikeln in demselben flossen aus seiner Feder, darunter die „Besprechung der neueren Litteratur über Thomas v. Aquino“, die „Berichtigung neuerer philosophischer Irrthümer“, eine Besprechung einiger Werke der Löwener Schule – seine letzte litterarische Arbeit.

Schon seit längerer Zeit zeigten sich bei C. Symptome einer im Anzuge befindlichen Luftröhrenschwindsucht. Das Uebel bildete sich fortschreitend immer mehr aus, und zuletzt nahm es derart überhand, daß er, nach vergeblichen Heilversuchen in Bädern, auf ärztlichen Rath im November 1861 seinen Lehrstuhl verließ und nach Italien ging, um in einem milderen Klima Heilung des Uebels zu suchen. Aber vergebens. In Rom, wo er sich niederließ, verschlimmerte sich sein Zustand immer mehr und hier hauchte er, versehen mit den heil. Sterbesacramenten, unter dem Segen des heil. Vaters fromm und gottergeben seine Seele aus.

C. war eine der hervorragendsten Persönlichkeiten auf dem Gebiete der katholischen Wissenschaft; ihm verdankt die letztere zum guten Theil ihre Wiedergeburt nach mannigfachen Verirrungen, in die sie sich verloren hatte, sein lebhafter Geist und sein reger Eifer für das Gute wußte sich Anerkennung zu erringen auch unter den ungünstigsten Verhältnissen; sein Name wird stets ein gefeierter sein und bleiben bei Allen, denen katholische Wissenschaft und katholisches Leben eine Herzenssache ist.[1]

„Zur Erinnerung an C.“ im „Katholik“, Jahrg. 62 und Programm des sel. Professors Winiewski im Lectionskataloge der Akademie Münster vom Jahre 1864.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 315 ff. (zum Artikel Clemens): Clemens veröffentlichte Aufsätze über Giordano Bruno und Nic. v. Cusa schon 1845 in d. kath. Zeitschr. von Dieringer. Ferner erschien von ihm 1845 in zwei Auflagen: „Der heil. Rock zu Trier und die protestant. Kritik; zur Würdigung der Schrift: Der h. Rock zu Trier und die 20 anderen h. ungenähten Röcke von Gildemeister und H. v. Sybel.“ (Diese antworteten in der Schrift: „Die Advocaten des h. Rocks“, 3 Hefte, 1845). – Clemens ist auch der Verfasser (oder vielmehr Uebersetzer) der 1841 im 7. Bd. der hist.-pol. Blätter erschienenen Abhandlung (von Olivieri) „Der h. Stuhl gegen G. Galilei“ (s. v. Gebler, G. Galilei, Stuttg. 1876, S. 305). [Bd. 5, S. 795]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Pilosophie