ADB:Comander, Johannes (1. Artikel)

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Artikel „Comander, Johannes“ von Christian Immanuel Kind in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 428–430, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Comander,_Johannes_(1._Artikel)&oldid=- (Version vom 17. November 2019, 07:35 Uhr UTC)
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Comander: Johannes C. (Dorfmann),[WS 1] einer der graubündnerischen Reformatoren, dessen Geburtsjahr unbekannt ist (er † 1557), war nach früherer Annahme gebürtig aus dem Rheinthale, wogegen in neuerer Zeit Th. v. Liebenau die Herkunft aus der Stadt Luzern wahrscheinlich gemacht hat. Letzterm zufolge hätte die Familie daselbst ein Hutmachergeschäft geführt, weshalb auch C. den Beinamen „Hutmacher“ geführt haben soll. – Sichere Nachrichten sind indessen erst seit Comander’s öffentlichem Auftreten in Chur vorhanden. Die seit der zweiten Disputation in Zürich allgemeiner auftretende reformatorische Bewegung gab auch in Chur dem Rathe Veranlassung, die Sorge für die Pfarrkirchen der Stadt selbst an die Hand zu nehmen, nachdem die Aufforderung an den Titular der Pfründe, die Pfarrei persönlich zu bedienen, erfolglos geblieben war. Diesem Umstand verdankte C. seine Berufung als Prediger der St. Martinskirche in Chur, woselbst er nun 34 Jahre ununterbrochen wirkte. In seinem öffentlichen Auftreten erscheint C. als ein gebildeter Priester, der gute Studien gemacht hatte, und außerdem bestrebt war, die Lücken seiner Kenntnisse durch eifriges Selbststudium auszufüllen, um dem bedeutungsvollen Wirkungskreise, zu dem er berufen war, würdig vorzustehen. Er stand in naher Verbindung mit Zwingli und den übrigen Züricher Gelehrten, sowie mit Vadianus in St. Gallen. Außerdem fand er Hilfe und Unterstützung an den Churer Humanisten, einem Nicolaus von Balingen, dem Archidiacon Johann v. Pontisella, und dem Stiftsschulmeister Jacob Salandronius. Noch in späteren Jahren erlernte er das Hebräische.

Sein persönlicher Charakter war der eines wohlwollenden nach Kräften hilfreichen Mannes, der von der Größe seines Berufes durchdrungen, bereit ist für denselben jedes Opfer zu tragen. In seiner politischen Anschauung stimmte er wesentlich mit Zwingli überein. Auch ihm war es nicht blos um die kirchliche Reform zu thun, sondern eben so sehr um eine Neugestaltung des Volks- und Staatslebens.

Die Stütze seines Wirkens war anfänglich die eben so zahlreiche wie einflußreiche französische Partei, allein sie stand ihm nur so lange zur Seite, als sich die Macht seines Wortes gegen die Stellung des Bischofs verwenden ließ, wandte sich aber von ihm ab, als C. das Söldner- und Pensionenwesen ganz in Zwingli’s Geiste tadelte. Hierin lag das Verhängniß seines Lebens.

[429] Die Nachwirkungen der Schlacht von Pavia, die Unternehmungen des Castellans von Musso, und die weit verbreiteten Besorgnisse vor dem Umsichgreifen der Täuferei, die auch in Chur zu bedenklichen Ausschreitungen geführt hatte, brachten C. hauptsächlich in den ersten Jahren seines Wirkens in die größte Bedrängniß. Der Bischof verlangte zu Ende des Jahres 1525 von dem rhätischen Bundestage, daß C. und seine Genossen vor das gegen die Täuferei eingesetzte Strafgericht gestellt werde, um hiermit der ganzen Reformbewegung ein rasches Ende zu bereiten. C. erlangte indeß von dem Bundestage, der ihn vorgeladen hatte, die Erlaubniß, sich in einem öffentlichen Gespräche verantworten zu dürfen. Dasselbe fand trotz aller Gegenanstrengungen des Bischofes am Epiphaniastage 1526 in Ilanz statt, und C. vertheidigte daselbst mit glänzendem Erfolge seine These, „daß die Kirche keines andern als nur Christi Stimme hören solle“. Von Versetzung in Anklage war nach diesem Gespräche nicht mehr die Rede, vielmehr erließ der Bundestag erst in Folge dessen die eingreifenden Artikel, welche die politische Grundlage der Reformation in Graubünden wurden. Nichts schien mehr den Lauf derselben hemmen zu können, bis das Unglück der züricherischen Waffen vor Cappel 1531 und der zweite Landfriede auch hier einen Stillstand der Bewegung veranlaßte. Wie die Schlacht bei Cappel eine Niederlage hauptsächlich für die politischen Ideen Zwingli’s war, so spürte auch C. fortan eine weit kühlere Stimmung in seiner Umgebung. Die Partei schien ihre nächsten Zwecke bereits erreicht zu haben, und war weitern Reformen durchaus nicht zugethan. Daher Comander’s Klagen in seinen Briefen an Bullinger.

Seine Idee war es, das Hochstift Chur ähnlich dem Großmünsterstift in Zürich zu reformiren, und dessen Einkünfte für eine gelehrte Schule nutzbar zu machen. Da er jedoch hiefür nicht die gewünschte Unterstützung fand, so begnügte er sich nachgerade damit, wenigstens die Einkünfte des Dominicanerklosters St. Nicolai in Chur für diesen Zweck zu gewinnen. Es gelang ihm dies schließlich, und so gründete er 1537 mit Hilfe gleichgesinnter Freunde im Convent der Dominicaner eine gelehrte Schule, an der nachmals 9 Jahre lang der gelehrte Humanist Simon Lemnius wirkte.

Zu gleicher Zeit that C. einen weitern Schritt zur Befestigung der graubündnerischen Reformation, indem er für die Gründung eines eigentlichen Lehramtes sorgte, und vom Bundestag die Bewilligung zu synodalen Einrichtungen erhielt, auf welchen die Prüfung und Beaufsichtigung der Prediger beruhen sollte. Dabei gab er seinen Amtsbrüdern einen von ihm nach Leo Jud bearbeiteten Katechismus in die Hände, der später hier auch in das romanische Idiom übersetzt wurde. Trefflich benutzte er die neue Synodaleinrichtung, um bei der wegen einer Nothtaufe entstandenen Bewegung die besten Kräfte auf das diesfalls angeordnete Religionsgespräch in Süs December 1537 zu entsenden, wo es galt, einen Schlag gegen die Evangelischen abzuwenden. So war nun die evangelische Landeskirche in Graubünden in eine selbständige Entwicklung geleitet, die es ihr ermöglichte, auch die Gefahren des Interims ohne besondere Nachteile zu bestehen.

Im J. 1550 von der Pest befallen, sah C. neben sich seinen Amtsgenossen im Predigtamte, sowie den noch jugendlichen Lemnius dahin sterben. Er selbst konnte sich nur mit Mühe wieder erholen, und gelangte, obwol ihm noch sieben Lebensjahre beschieden waren, nicht wieder zu seiner frühern Frische.

Während des zweiten Theils seines Wirkens, das man vom Jahre 1538 an rechnen kann, galten seine Arbeiten und Kämpfe hauptsächlich der Erhaltung der neu gegründeten Kirche und zwar von jetzt an weniger gegenüber dem Bischofe von Chur, als angesichts der italienischen Emigranten, unter denen sich frühzeitig [430] arianische Ansichten hervorwagten. Bekannt, und für die Kirchen in Graubünden geradezu bedenklich, war insbesondere das Auftreten des früheren Bischofs von Capo d’Istria, Peter Paul Vergerio, dessen vielgeschäftige litterarische Thätigkeit die Aufmerksamkeit der mailändischen Inquisition wach rief und deshalb den Predigern von Chur manche Sorge bereitete. Die nur zu begründete Besorgniß, daß eine in den italienischen Landestheilen kaum erst angebahnte Kirchenorganisation sich keinesfalls selbständig zu entwickeln befähigt sein werde, führte deshalb C. zu einem weitern Ausbau der rhätischen Kirche, als er ursprünglich beabsichtigt haben mochte. Das Bedürfniß, der Kirche ein Bekenntniß zu geben und die Synodalverfassung näher auszuführen, gab Veranlassung zu dem Entstehen der rhätischen Confession von 1553, welche als gemeinschaftliches Werk des C. und seines nunmehrigen Amtsgenossen Gallizius anzusehen ist, und auch als das Vermächtniß beider an die rhätische Kirche gelten darf. Diese Confession, welche 1566 durch die helvetische abgelöst wurde, legt das Hauptgewicht nicht sowol auf ins einzelne gehende Lehrsätze, als auf den festen Verband der Synodalen unter sich, und war durch ihre ganze Anlage bestrebt, einen brüderlichen Sinn unter denselben zu pflanzen. Zu Ende des Jahres 1557 starb C., und hinterließ die Kirchen- und Schulanstalten der Stadt in einem blühenden Zustande, und auf dem Lande und bei den Unterthanen einen raschen Fortschritt der Reformation.

Pet. Dominik Rosius, De porta historiae reformationis rhaet., 1772. Campell’s Rhätische Geschichte, deutsch von Moor, 1853. Bullinger, Reformationsgeschichte von Hottinger u. Vögeli, 1838. Reformationsbüchlein, Chur 1819. Kind, Die Reformation in den Bisthümern Chur und Como, 1858. Ferdinand Mayer, Mißlungener Versuch, das Hochstift Chur zu säcularisiren 1838, 1839. (Schw. Museum von Gerlach, Hottinger u. Wackernagel, II. III. Bd.) Ferdinand Mayer, Die evang. Gem. von Locarno, I. Bd., 1836. Hottinger, Helvet. Kirchengesch., III. Theil, S. 208. 284. 826. Auhorn, Wiedergeburt, S. 23 f.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Über diese Person existiert in Band 16 ein weiterer Artikel.