ADB:Cramer, Johann Friedrich (Pädagoge)

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Artikel „Cramer, Johann Friedrich“ von Adolf Häckermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 555–557, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Cramer,_Johann_Friedrich_(P%C3%A4dagoge)&oldid=- (Version vom 25. Mai 2019, 07:49 Uhr UTC)
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Cramer: Johann Friedrich C., Pädagog, geb. 19. Novbr. 1802 zu Tiefthal, einem Dorfe unweit Erfurt als Sohn des dortigen Lehrers, und gest. 29. März 1859. Er empfing vom Vater zugleich mit der übrigen Dorfjugend den ersten Unterricht. Das höhere Streben des begabten Knaben fand seine Befriedigung in der Musik, in Gesang und Clavierspiel, sowie in den Anfängen des Generalbasses. Der schroffe Gegensatz zwischen dem feurigen Aufstreben seines Gemüthes und dem kalten Druck der Verhältnisse, sowie der frühe Tod der Mutter, welcher durch die Schrecknisse des französischen Krieges im J. 1806 veranlaßt wurde, erzeugten in seinem Wesen einen hohen sittlichen Ernst und eine Zurückgezogenheit, die er auch in der Folge nur schwer überwand. Ostern 1816 bezog er das mit einem Seminar verbundene Rathsgymnasium zu Erfurt, um sich zum Elementarlehrer vorzubereiten. Da ihm jedoch seine musikalische Bildung [556] Aussicht auf ausgedehnten Privatunterricht und somit genügende Geldmittel gewährte, so beschloß er, sich den gelehrten Studien zu widmen und besuchte drei Jahre hindurch bis 1823 Secunda und Prima des Gymnasiums in Erfurt und begann Ostern 1823 seine Universitätsstudien zu Berlin, für welche ihm gleichfalls der Unterricht in der Musik und andern Lehrgegenständen die Mittel gewährte. Mit dem erwähnten Studium der Theologie verband er zugleich dasjenige der Pädagogik und wandte sich dem letzteren in der Folge fast ausschließlich zu. Namentlich gewährten ihm die Vorlesungen Neander’s eine hohe Befriedigung, auch predigte er wiederholt in seiner Heimath. Zugleich aber gerieth er durch Schleiermacher’s Vorlesungen in einen inneren Zwiespalt. Je weniger es ihm gelang, durch Schleiermacher’s theoretische Darstellungen mit sich zum Abschluß zu kommen, desto mehr gelangte er durch praktische Studien zu erwünschten Resultaten. Als Mitglied des philologischen Seminars unter Böckh, der philosophischen Gesellschaft bei Heinrich Ritter (seit 1837 in Göttingen) und des historischen Disputatoriums bei Ranke lieferte er Abhandlungen in verschiedenen Gebieten. Nachdem er Michaelis 1826 das Oberlehrerexamen bestanden hatte, wirkte er am Friedrich-Werder’schen Gymnasium unter Zimmermann und Ribbeck drei Jahre als Lehrer und hatte zugleich Gelegenheit, im Hause des Geh. Oberreg.-Rath v. Meusebach, wo er die Söhne unterrichtete, dessen reichhaltige Büchersammlung zu benutzen. Fortgesetzt empfing er reiche und vielseitige Anregung durch Böckh und Lachmann auf dem Gebiet des classischen Alterthums und der germanistischen Philologie. Nicht minder waren ihm Karl Ritter’s, Ermann’s und Alexander v. Humboldt’s geographische und naturwissenschaftliche Vorträge förderlich. Endlich diente auch ein genaueres Studium der Hegel’schen Philosophie dazu, seinen inneren Zwiespalt zwischen den Anforderungen der Kritik und des religiösen Gemüthes zu versöhnen. Nach einer kurzen Wirksamkeit im J. 1829 in Elberfeld erhielt er 1830 die Berufung nach Stralsund zum ordentlichen Lehrer der Prima und Secunda des dortigen Gymnasiums. Mehrfach ergangene Berufungen zu Directoraten an andern Gynmasien lehnte er aus Liebe zu seinem Amte ab. Zugleich begründete er durch seine Vermählung mit einer Erfurter Jugendfreundin seine Häuslichkeit in Stralsund und wirkte nun 25 Jahre, seit 1832 Subrector, seit 1836 Conrector und Professor, pädagogisch wie litterarisch, höchst segensreich nicht nur für das Gymnasium, sondern für das gesammte Geistesleben Stralsunds. Auch der Tonkunst, welche schon seine frühste Jugend erheitert hatte, widmete er eine besondere Fürsorge und nahm sich des Gesangunterrichts am Gymnasium mit allen Kräften an. Selbst Mitglied der Stralsunder Liedertafel, bildete er aus den Schülern des Gymnasiums einen ähnlichen auch die Instrumental-Musik umfassenden Verein. Im übrigen trug seine Lebensthätigkeit praktisch wie theoretisch ein vorwiegend pädagogisches Gepräge. Auch seine litterarische Thätigkeit war fast ausschließlich dieser Wissenschaft geweiht. Besonders wichtig ist außer vielen kleinen Schriften und Artikeln zu Gräfe’s Wörterbuch der Philologie seine „Geschichte der Erziehung und des Unterrichts“, von welcher Bd. I. 1832, Bd. II. 1838 erschien. Daran schließt sich „Geschichte der Erziehung und des Unterrichts in den Niederlanden im Mittelalter“ (1843) und „De Graecis medii aevi studiis“, 2 Thle. 1849 und 1853. In organischem Zusammenhange mit dieser pädagogischen Richtung steht demgemäß seine Vorliebe für Geschichte, besonders der Cultur der Völker, auf welche sich eine Reihe kleinerer Schriften und Vorträge seinerseits beziehen; doch setzte er auch das Studium der Sprachen fort und unterrichtete am Gymnasium in der Hebräischen, Griechischen, Lateinischen und der Muttersprache, hinsichtlich welcher er auch die alt- und mittelhochdeutschen Studien mit Interesse verfolgte. Zugleich widmete er seine Zeit der Förderung allgemeiner Bildung und Volksentwicklung, [557] betheiligte sich an den gelehrten historischen Gesellschaften von Pommern und zu Utrecht, am Gustav-Adolf-Verein, der Bibelgesellschaft zu Stralsund und der Pestalozzistiftung zu Berlin und war auch ein Mitstifter des litterarischen Vereins zu Stralsund, in welchem er zahlreiche Vorträge über Pädagogik und Geschichte hielt, welchen sich auch populäre Vorlesungen geschichtlichen Inhalts vor einem auserwählten Auditorium, u. a. eine Rede über „Parallele zwischen Sokrates und Pestalozzi“ (vgl. Mager’s Pädag. Revue 1847, S. 285 ff.) anschlossen. Seine litterarische Productivität erhielt ihn in fortwährendem Briefwechsel mit bedeutenden Gelehrten des In- und Auslandes, zu denen er auf seinen zahlreichen, von Jahr zu Jahr sich fortsetzenden Geschäfts- und Erholungsreisen in Deutschland, der Schweiz und Scandinavien auch in persönliche Berührung trat. Auch nahm er, während er den ins Frankfurter Parlament gewählten Dir. Nizze vertrat, infolge ergangener Einladung von Mitte April bis Mitte Mai 1849 an den Berathungen über ein Unterrichtsgesetz in Berlin Theil. Nachdem er am 3. Nov. 1854 unter allgemeiner Theilnahme sein 50jähriges Amtsjubiläum und am 18. April 1855 seine silberne Hochzeit gefeiert hatte, sah er sich in Folge eines Gehirnleidens genöthigt, in demselben Jahre seine Lehrthätigkeit zu unterbrechen und starb am 29. März 1859.

Cramer’s Selbstbiographie in Zaber’s Nekrolog in den Berichten des litter.-ges. Vereins zu Stralsund, Strals. 1867, Bd. II, XII. 41. Zaber’s Gesch. des Stralsunder Gymnasiums, Strals. 1860, S. 39–41.