ADB:Curione, Celio Secondo

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Artikel „Curioni, Celio Secondo“ von Jacob Achilles Mähly in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 647–649, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Curione,_Celio_Secondo&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 23:40 Uhr UTC)
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Curioni: Celio Secondo C. (mit dem latinisirten Namen Coelius Secundus Curio) geb. 1. Mai 1503 in Turin, gehört zu der zahlreichen Classe der italienischen Flüchtlinge, welche sich in Folge der ersten Religionsverfolgungen in der Schweiz ein Asyl gesucht haben. C. fand dasselbe nach längeren Irrfahrten in Basel (1546), wohin auch A. Socinus aus Siena, aus der bekannten Anti-Trinitarierfamilie mit fünf Söhnen, der hier sein noch blühendes Haus gründete, wohin ferner die Brüder B. und Ph. Orelli aus Locarno, wohin der berühmte Arzt Wilhelm Gratorolus aus Bergamo und viele andere, meist Kaufleute, sich gewendet hatten. Als das jüngste von 24 Kindern faßte er, unterstützt von einer regen, beinahe träumerischen Phantasie, eine innige Neigung zu den Studien, zu deren Betrieb ihm seine Vaterstadt Turin, später Mailand reiche Gelegenheit bot. Durch die zufällige Lectüre von Luther’s Schrift über „den Ablaß“ für die neue Lehre mächtig entflammt, beschloß er über die Alpen zu ziehen; auch Erasmus’ Ruf zog ihn nach den transalpinischen Gegenden, und nicht minder hatte die Kenntniß einzelner Schriften des Melanchthon einen tiefen Eindruck auf sein leicht erregbares Gemüth gemacht. Aber das Unternehmen lief nicht ab ohne vorhergegangene zweimonatliche Gefangenschaft auf dem Schloß Capriana durch den Bischof Bonifacius von Ivrea. Kaum entlassen, wurde C. in Folge seines unvorsichtigen Eiferns gegen den Reliquiendienst zur Flucht gezwungen. Vorsicht scheint überhaupt keine Haupttugend seines Charakters gewesen zu sein, denn auch später zog er sich wieder eine neue und lange Gefangenschaft in Turin zu, aus welcher er sich nur durch eine, dem Leser beinah unglaublich erscheinende Verumständung retten konnte. Am gefährlichsten war seine Lage im Städtchen Pessa bei Lucca, wohin er auf seiner Reise (um seine Familie nach der Schweiz abzuholen) gelangt war. Von den Häschern der Inquisition nämlich erkannt und während er seine Mahlzeit einnahm belagert, wäre er unzweifelhaft verloren gewesen, wenn die Feigheit der Schergen der Inquisition ihm nicht [648] einen Ausweg gelassen hätte. C. war groß und stark. Mit dem Tischmesser, welches er vielleicht mehr aus Zufall als aus Absicht in der Hand behielt, ging er mitten durch die Sbirren hindurch, schwang sich auf sein Pferd und ritt davon. — Nach einem dreijährigen Aufenthalt als Professor in Padua begab er sich nach Venedig, Ferrara (wo er die der Reformation so geneigte Herzogin Renée und den Vater der berühmten Olympia Morata, Peregrino Morato, kennen lernte), Lucca (wo er durch Vermittlung der erstgenannten ein Jahr lang an der Universität lehrte), der Schweiz, welche fortan seine Heimath werden sollte. Erst Vorsteher einer Schule in Lausanne, verließ er, unbekannt aus welchen Gründen, diese Stellung wieder und kam nach Basel, wo zufällig der Lehrstuhl der Rhetorik vacant war. Durch Verwendung einflußreicher Freunde erhielt er denselben und empfing sitzend — eine Vergünstigung, welche nur ganz ausgezeichneten Männern zu Theil wurde — den akademischen Doctorgrad. Sein Ruf lockte sogar aus Ungarn und Polen Studenten nach Basel, verschaffte ihm die Gunst hoher und höchster Personen (so der englischen Elisabeth) und vermittelte die Bekanntschaft und den Briefwechsel mit berühmten Männern und Gelehrten, so mit Melanchthon, Bullinger, Musculus, mit dem Züricher Konrad Geßner, mit Sturm in Straßburg, Vadian in St. Gallen, Fugger in Augsburg u. a., auch verschaffte er ihm verschiedene, höchst ehrenvolle Berufungen, so von Papst Paul III. nach Rom, vom Herzog von Savoyen nach Turin, vom Kaiser Maximilian nach Wien und vom Woiwoden Johann II. von Siebenbürgen an die in Weißenburg zu gründende Universität. C. schlug diese glänzenden Anerbietungen sämmtlich aus, aus Dankbarkeit gegen die Schweiz, welche ihm nach langen Verfolgungen ein Asyl geboten hatte, vorzüglich aber aus Anhänglichkeit an seine zweite Heimath Basel, welche damals den Namen des schweizerischen Athen mit Fug und Recht trug. Dafür hat ihn die Stadt mit dem Bürgerrecht für ihn und seine ganze zahlreiche Familie, von welcher der Vater freilich manches theure Glied ins frühe Grab sinken sah (so seine berühmte erst achtzehnjährige Tochter Angela, welche an Vielseitigkeit der Bildung mit Olympia Morata verglichen werden darf, an mannigfacher weiblicher Kunstfertigkeit sie übertraf). Unter den zahlreichen Freundschaftsverhältnissen Curioni’s ist wol keines zarter und duftiger, keines inniger als das mit jener Olympia Morata. Der letzte, mit sterbender Hand geschriebene Brief der Dulderin ist an C. gerichtet, der noch erhaltene Briefwechsel zwischen Beiden legt ein gleich ehrenvolles Zeugniß für den Charakter beider Briefsteller ab. Caelius überlebte seine im besten Alter hingegangene Freundin (sie starb 1555) noch um 14 Jahre; er starb 25. Nov. 1569 nach kurzer Krankheit.

Die wissenschaftliche Thätigkeit unseres Gelehrten umfaßt vorzüglich zwei Gebiete, das theologische und das philologische. Ein Verzeichniß seiner sämmtlichen Schriften — freilich nicht immer zuverlässig — findet sich in Herzog’s Athenae rauricae s. v. Curio p. 292 sqq. Seine Hauptstärke als theologischer Schriftsteller liegt in seinen paränetischen Schriften, zu welchen wir auch seine Pasquille und Satiren gegen die katholische Kirche und einzelne ihrer Träger rechnen. C. nahm in Bezug auf Glaubenssätze einen liberalen Standpunkt ein, der ihm viele Feinde, selbst Denunciationen an den Rath zuzog (so von dem Italiener Vergerio). Er wagte u. a. die Aeußerung: Alle Wahrheit stamme von Gott, ob sie nun mittelbar durch Plato oder Moses oder Paulus, ob sie durch Cicero oder einen andern Heiden gelehrt werde; diejenigen Heiden, die da recht lebten, den einigen Gott verehrten, dem Nächsten nichts Böses zufügten, möchten Gott eben so angenehm sein als die Frommen des alten Testaments. — Das war natürlich in der damaligen Zeit nicht nach Jedermanns Geschmack.

Curioni’s philologische Thätigkeit war eine vielumfassende und erstreckt sich [649] auf Grammatik, Hermeneutik und Kritik. Auch die sogenannten Realien hat er in den Kreis seiner Studien gezogen („Notae et praefatio de mensuris ponderibus reque nummaria Romanorum et Graecorum“, Bas. 1549). Von den classischen Autoren sind es Cicero (speciell dessen rhetorische Schriften und Reden), Livius, Seneca, Persius und Juvenalis, über welche er theils kritische, theils exegetische Arbeiten geliefert hat. Auch verdient hervorgehoben zu werden seine Herausgabe des Thesaurus von Nizolius in vermehrter Gestalt („Nizolius, sive thesaurus Ciceronianus a C. S. Curione auctus“, Bas. 1548). Auch Schriften pädagogischen Inhalts hat er verfaßt, hat die Disciplin der (insbesondere lateinischen) Grammatik durch besondere Arbeiten zu fördern gesucht und ist selbst der strengen Philosophie (wenn auch mehr als Sammler und Erklärer) nicht fremd geblieben. Daß ein so thätiger, von den treibenden Ideen der Zeit völlig erfüllter Geist auch die Zeitgeschichte nicht vernachlässigte, ist natürlich (so „De bello Melitensi histor. nova“, Bas. 1567).

Die Quellen zu Curioni’s Lebensgeschichte fließen am reichlichsten in seinen Briefen (Coelii Secundi Curionis epist. select. libr. II et oratt., Bas. 1553) und in den (von ihm herausgegebenen) der Olympia Morata (Bas. 1552), vgl. ferner die Orat. panegyr. de C. S. Curion. vit. atque obitu hab. Bas. a. 1570 a J. N. Stupano und einen Fascikel (noch ungedruckter) Briefe in einem Manuscript der öffentlichen Bibliothek zu Basel; endlich Streuber, C. S. Curioni und seine Freunde, im Basler Taschenbuch, 1853, S. 47 ff. Vgl. auch L. R. Linder in der Zeitschrift für die historische Theologie 1872, S. 414 ff.