ADB:Dankrotzheim, Konrad

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Artikel „Dankrotzheim, Konrad“ von Jakob Franck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 737–739, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Dankrotzheim,_Konrad&oldid=- (Version vom 11. Dezember 2019, 15:05 Uhr UTC)
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Dankrotzheim: Cunrat v. D., ein elsässischer Dichter des 15. Jahrhunderts. Das wenige, was über sein äußeres Leben bis jetzt sich auffinden ließ, ist, daß er zu Dengelsheim am Rhein („Dankrotzheim“ oder „Dankratzheim“ in den Urkunden des Klosters Schwarzach, das dort Gülten hatte) zwischen Drusenheim und Fortlouis, ganz nahe bei Sesenheim, beheimathet und von 1410–30 Schöffe zu Hagenau gewesen war. Hiernach ist Grimm in den Weisthümern I. S. 736 zu berichtigen, welcher Dengelsheim als identisch mit „Dangolsheim“ bei Molsheim im Elsaß gehalten hat. Cunrat D. ist Verfasser eines versificirten Festkalenders (Cisiojanus) unter der Benennung „Das heilige Namenbuch“[1], welches zuerst Strobel in seinen Beiträgen zur deutschen Litteratur und Litterärgeschichte (Straßburg 1827, S. 105 ff.) aus einer Straßburger Handschrift abdrucken ließ und das Cunrat D. nach seiner eigenen Angabe (S. 128) im J. 1435, also in höherem Alter dichtete. Mone hat in seiner Zeitschrift für die Gesch. des Oberrheins II, S. 323 ff. zwei von dem Dichter ausgestellte Urkunden aus dem Königsbrücker Archiv zu Lichtenthal mitgetheilt und zu dem Zwecke abdrucken lassen, theils um die Sprache des Mannes nachzuweisen, theils um seine Stellung und Befugnisse kennen zu lernen. Auf dem Siegel einer dieser Urkunden steht (nach Mone) der Name „Clobelouch“, aber es ist zu bezweifeln, daß Cunrat D. zu dieser im Elsaß und Speyergau verbreiteten Familie gehörte, die namentlich auch in Speyer ansässig war. Andere Urkunden desselben, aber in jüngerer Abschrift, fanden sich in dem Copialbuche der Abtei Stürzelbronn in der neu errichteten Bibliothek zu Straßburg und zwar von den J. 1412, 13, 15, 20 und 31, Fol. 101, 98, 203, 122 und 130. Eine Vergleichung jedoch mit diesen Urkunden, die, wenn auch Cunrat D. sie nicht dictirt hat, doch jedenfalls die Mundart seiner Zeit und seines Wohnortes genau wiedergaben, zeigt, daß weder Strobel’s Abdruck des Gedichtes, noch seine Handschrift in der Sprache genau ist. Des Dichters Zeit fällt in die Zeit des blühenden Buchhandels zu Hagenau, welcher damals besonders mit Handschriften altdeutscher Gedichte getrieben wurde, was wol nicht ohne Einfluß auf ihn selbst war. Dieser Buchhandel war wol auch der Grund, daß zu Hagenau im 15. und 16. Jahrh. bedeutende Druckereien errichtet wurden, weshalb auch der Buchdrucker Anselm von Baden sein Geschäft nach Hagenau verlegte. Vgl. Mone, Schriften d. bad. Alterthumsvereins I, 254 und dessen Anzeiger VI, 256 und VII, 616. Cunrat Dankrotzheim’s Namenbuch ist eine deutsche Bearbeitung des sogen. Cisiojanus oder der lateinischen Kalenderverse, die mit diesem Worte anfangen und mit verstümmelten Namen die Heiligen- und Festtage des Jahres aufzählen. Die Behandlung des Gegenstandes ist aber bei Cunrat D. viel besser als im Lateinischen. Was das Wesen des lateinischen Cisiojanus betrifft, so war dieser in Denkverse gebrachte Heiligenkalender vornehmlich für die Jugend bestimmt, um dadurch die unbeweglichen Feste jedes Monats und deren Tage an den Fingern abzählen zu können. Vor Erfindung des Druckes und bevor man eigentliche ordentlich eingerichtete Kalender hatte, namentlich ehe die gedruckten Kalender in allgemeinen Volksgebrauch kamen, schrieben die Pfaffen und Mönche die Kalender hinter die Meßbücher und Breviarien, oder auch hinter die Psalter und die Gerichtspersonen hefteten sie hinter die Statuten der Städte und Gesetzbücher. Die erstere Gewohnheit wurde auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst und zu Luther’s Zeiten beibehalten. Das Datum gab man nach den Wochentagen oder nach einem kirchlichen Feste oder durch die Namen der Kalenderheiligen an, nach welchen die betreffenden Tage benannt waren. Um nun diese Tage leichter [738] merken zu können, brachte man die Namen der Heiligen und der unbeweglichen Feste in lateinische Hexameter und zwar so, daß man dabei Abkürzungen, meistens die Anfangsbuchstaben der Namen gebrauchte, z. B.:

Cisio Janus Epi sibi vendicat Oc Feli Mar An
Prisca Fab Ag Vincenti Paulus nobile lumen
.

So entstanden die kläglichen Verse des Cisiojanus (Cisio — circumcisio, d. h. festum circumcisionis Christi; Janus bezeichnete den Monat Januar), den man auch Cisianus oder Cisivianus nannte. Diese Verse, die freilich für den Nichtgeistlichen sehr der Erklärung bedurften, waren eine Plage der Jugend, die man fleißig im Auswendiglernen und Erklären derselben übte, was dann auch für etwas galt. Matthesius in seinen Historien oder Predigten über Luther’s Leben und Sterben (Nürnberg 1566. 4) meldet daher (S. 796) ausdrücklich von Luther, „daß dieß Knäblein in der lateinischen Schul zu Mansfeld seine zehen Gebote, Kinderglauben, Vater Unser, neben dem Donat, Kindergrammatica, Cisio-Janus vnd christlichen Gesängen fein fleißig vnd schleunig außwendig gelernt habe“. Und dem „Bethbüchlein mit eym Calender vnd Passional hübsch zugericht. Mart. Luther, Wittenberg. MDXXX.“ fehlt deswegen auch der Cisiojanus nicht, auch findet sich vor demselben ausdrücklich die Bemerkung: „Auff das die junge Kinder den Kalender außwendig an den Fingern lernen, haben wir hiebei den Cisio-Janus in seinen Versen gesetzt“. Philipp Melanchthon setzte zu seinem lateinischen Gebetbuche einen neuen Cisiojanus in nicht viel besseren Versen, der aber durch die überhäufte Menge der gedruckten Kalender unnöthig gemacht und endlich vergessen wurde.

Der nachweisbar älteste der deutschen Cisiojanus, welche in der Regel in eben so schlechten Versen abgefaßt waren, wie die lateinischen, ist der von Hermann dem Mönch von Salzburg noch im 14. Jahrh. verfaßte, der sich in der Wiener Handschrift 2856, Bl. 278–79 erhalten hat. Ueber acht weitere zum Theil auch gedruckte Handschriften vgl. Fr. Pfeiffer im Serapeum 1853, S. 146 ff., woselbst auch ein etwas jüngerer Cisiojanus abgedruckt ist. Außerdem hat bereits (aus d’Achery, Coll. vet. script. T. II.) C. H. Haltaus in seinem Calendar. med. aevi, Lips. 1729. App. 153 seqq. aus einer Pergamenthandschrift des 14. Jahrh. einen Cisiojanus mitgetheilt.[2] Eine von Eschenburg im N. Litt.-Anz. 1807, S. 62 abgedruckte Probe eines Cisiojanus vom J. 1470 lautet für den Monat October:

Remigius der hieß Frantzen
Mit Gerdrut fröhlichen Dantzen
Dionysius sprach was bedeutet das
Es wäre Gallen und Lucas besonder bas
Vrsula sprach wer tanzen wölle
Der sey Simonis vnd mein Geselle.

Vgl. für den Cisiojanus außer den angegebenen Quellen im Allgemeinen: Ruhkopf, Gesch. d. Schul- u. Erziehungswesens I. S. 140 ff. und Hannöversche Anzeigen 1751, St. 19; für den lateinischen Cisiojanus: Steigenberger, Entstehung der kurfürstl. Bibliothek in München, S. 44 ff. G. B. Pontanus, Calend. Poeticum, Hann. 1608, 4. S. 16 ff. und N. Litt.-Anzeiger 1807, S. 59 ff. und für den deutschen: J. G. Krünitz, Oekon. Encyklop. XXII. S. 520 ff. Zapf, Buchdruckergesch. Augsburgs I. S. 9. Panzer I. S. 59 und Hain 5365 (beide bloße Folioblätter). Fischer, Beschreib. typogr. Seltenheiten 1804, VI. S. 35. Fichard, Frankfurt. Archiv III. S. 212 ff. Gräße IV, 2b. Oswalds v. Wolkenstein Gedichte (B. Weber), S. 286 ff. Scheible, Schaltjahr IV, S. 178 ff. Serapeum 1858, S. 201. Mecklenb. Jahrb. 1858, S. 126 (niederdeutsch) und Wagner’s Archiv 1873, S. 5 ff. (niederrheinisch); über deutsche [739] Handschriften (zu Wien) Hoffmann v. Fallersleben S. 252, (zu Donaueschingen) Barack S. 99 ff., (zu München) Bibl. Monac. T. I, P. II, p. 165. Einen Cisiojanus in böhmischer Sprache aus dem 13. Jahrh. veröffentlichte W. Hanke, Prag 1853, 8. und eine französische Version aus dem Anfange des 16. Jahrh. das Serapeum 1862, S. 297 ff. Für den ältesten gedruckten deutschen Kalender ist zu vgl. Aretin im N. Litt.-Anz. 1806, S. 830 ff. Vgl. auch v. Liliencron in Haupt’s Zeitschrift VI, S. 349–69.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 737. Z. 12 v. o.: Neue Ausg. des „Heil. Namenbuches“ in Thl. 1 der Elsäss. Litteratur-Denkmäler, herausg. von Er. Schmidt und E. Martin. [Bd. 12, S. 794]
  2. S. 738. Z. 21 v. u.: Ein niederd., die Tage durch Silben bezeichnender Cisiojanus von Konrad Gesselen, zw. 1438–1464, ist herausgegeben von K. E. H. Krause im Rostocker Schulprogr. 1875. [Bd. 5, S. 796]