ADB:Dielmann, Jakob Fürchtegott

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Artikel „Dielmann, Jakob Fürchtegott“ von Heinrich Weizsäcker in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 680–683, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Dielmann,_Jakob_F%C3%BCrchtegott&oldid=- (Version vom 22. Mai 2019, 01:32 Uhr UTC)
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Dielmann: Jakob Fürchtegott D., Maler und Lithograph. Geboren in Frankfurt a. M. am 9. September 1809, † ebenda am 30. Mai 1885. D. stammt, genauer gesagt, nicht sowol aus Frankfurt, als aus der südlich des Mains gelegenen Frankfurter Vorstadt Sachsenhausen, und damit aus einer vorwiegend dem Landbau obliegenden Bevölkerungsschicht, die sich dank ihrer derben, wenn auch gesunden Eigenart von Alters her eines aparten Rufes erfreut. Etwas von dem Humor und oder naturwüchsigen Lebensart des Landkindes mag man auch in Dielmann’s künstlerischer Persönlichkeit wiedererkennen, und ein Theil der Popularität, die er heute wie ehedem in seiner Vaterstadt genießt, geht sicherlich darauf zurück.

Die Schule des Städel’schen Kunstinstituts, die Pflanzstätte aller aus Frankfurt hervorgegangenen künstlerischen Talente seit mehr denn 70 Jahren, hat auch D. die erste Ausbildung im künstlerischen Beruf gegeben. Er besuchte in den Jahren 1825 bis 1827 den von Inspector Wendelstadt, einem [681] Schüler von Jaques-Louis David, geleiteten Elementarunterricht und nahm auch später noch am Zeichenunterrichte theil, wiewol nicht regelmäßig, da die Armuth seiner Eltern ihn früh in die Lage versetzte, ums tägliche Brot arbeiten zu müssen. Dieser letzte Anlaß war es auch, der ihn bewog, ins Atelier des Lithographen J. C. Vogel in Frankfurt einzutreten, in dessen Auftrag er u. a. gemeinsam mit J. Becker (A. D. B. XLVI, 317) ein Panorama des Rheins zwischen Mainz und Coblenz für die Vervielfältigung in Steindruck aufnahm. Allein die Lithographenwerkstatt hat für D. wie für den ihm nahe befreundeten Jakob Becker nur ein Durchgangsstadium zur Ausübung der Malerkunst gebildet. Philipp Veit, seit 1830 Director der Städel’schen Kunstschule, wirkte ihm 1835 von der Administration des Instituts ein Stipendium zum Besuche der Düsseldorfer Akademie aus, um sich dort „unter Schirmer’s Leitung auszubilden“. Man wird annehmen dürfen, daß Veit, der immer ein kluger und vorurtheilsfreier Berather seiner Zöglinge war, Dielmann’s Beruf zum Landschaftsmaler erkannt und so mit Vorbedacht zu der Entwicklung eines Künstlers beigetragen habe, der in der That in diesem Gebiet, wenn auch in einem anderen Sinne als in dem der Düsseldorfer Romantik, zu einer außergewöhnlichen Bedeutung gelangen sollte. Zunächst allerdings wandte sich D. in Düsseldorf gleich Becker dem ländlichen Genre zu, für dessen Pflege ihm wie diesem Land und Leute im Flußgebiet des Mittelrheins und ferner das hessische Dorfleben im sogenannten Schwälmer Grunde eine unerschöpfliche Ausbeute an Motiven lieferten. Im J. 1842, als Becker mit einem Lehrauftrag am Städel’schen Institut angestellt wurde, kehrte mit ihm auch D. nach Frankfurt zurück, um im Gebäude des Instituts ein Atelier zu beziehen, später, und zwar im Laufe der 60er Jahre, verlegte er sein Standquartier nach dem unweit Frankfurt an den Abhängen des Taunus malerisch gelegenen Städtchen Cronberg, bald einen Kreis von jüngeren Künstlern dorthin nach sich ziehend. Die noch heute bestehende „Cronberger Malercolonie“, die im Verlauf der letzten vierzig Jahre die Mehrzahl der in Frankfurt heimischen Kräfte von autochthoner Eigenart und Tüchtigkeit in sich vereinigte, ist aus diesem Dielmann’schen Kreise hervorgegangen, dessen namhafteste Angehörige außer ihm Burger, Burnitz, Maurer und Ph. Rumpf waren oder noch sind. Am stärksten tragen unter diesen Burger und Rumpf die Spuren des beherrschenden geistigen Einflusses an sich, den D. auf sie ausübte.

Obwol es heißt, daß D. kein unermüdlicher Arbeiter gewesen sei und obwol er wegen andauernden Siechthums in den letzten zehn Jahren seines Lebens in der That fast vollständig auf die Ausübung seines künstlerischen Berufes verzichten mußte, so ist doch der gesammte Ertrag seiner Lebensarbeit nicht wenig umfangreich. Was zunächst seine sittenbildlichen Darstellungen betrifft, so ist zwar mit einer bloßen Anführung von Bildertiteln nicht viel gedient, es bleibt uns aber keine andere Wahl, soll hier wenigstens das Bekannteste davon in Kürze genannt werden (ein Theil der nachstehend erwähnten Bilder ist auch in Stich oder Lithographie vervielfältigt worden): die hessische Dorfschmiede, die Großmutter und ihre Enkel, der Pfarrer, dem Kinder auf dem Wege zur Kirche die Hand geben, das Kirchweihfest, die Weinlese; endlich, eine besonderes bekannte Composition des Künstler, das „Hessenmädchen“, das in der Hausthüre stehend eine Katze mit seinem Strickzeug spielen läßt. D. hat seine Bilder meist in kleinem Format, sowol in Oel als auch in einer Menge außerordentlich geschickt behandelter Aquarelle ausgeführt. Das meiste davon ist in Frankfurter Privatbesitz geblieben, auch von seinen Landschaften [682] die Mehrzahl, die mit Vorliebe Motive aus der Rheingegend und dem Taunusgebiet, aus Oberhessen und dem ehemaligen Kurhessen behandeln.

In seinen landschaftlichen Darstellungen liegt Dielmann’s bleibende Bedeutung. Hier ist er in jeder Hinsicht einer von den Suchenden gewesen, die unserer heutigen Zeit in ihrem Streben nach Befreiung von angelerntem und halbwahrem Formgefühl auf dem Wege zu einer ursprünglicheren, individuelleren Art zu gestalten, vorangegangen sind. In seinen figürlichen Compositionen ist er bei allem Reiz des eigentlichen Machwerks und aller Frische der persönlichen Wahrnehmung doch nicht ganz frei von einer gewissen Süßigkeit, die mehr ein Symptom der allgemeinen Geschmacksrichtung seiner Zeit, als ein Ergebniß der tieferliegenden Beobachtungsgabe ist, durch die sich seine künstlerische Natur im besonderen auszeichnet. Diese letzte tritt hingegen in ihrer ganzen Lebhaftigkeit und Schärfe in Dielmann’s landschaftlichen Schilderungen hervor und zwar in Verbindung mit einer so feinen und gewählten Farbengebung, daß unser Künstler darin keinen Vergleich zu scheuen braucht, ja selbst in Parallele tritt zu den großen französischen Coloristen der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dieser Vergleich liegt besonders nahe, wenn man sich erinnert, daß auch bei anderen Cronberger Künstlern, so Burnitz und Schreyer, bestimmte und sogar unmittelbare Beziehungen zu Paris offen daliegen. Von D. ist zwar nicht überliefert, auf welchem Wege sich seine Annäherung an die „école de 1830“ vollzogen haben mag, die geistige Verwandtschaft mit ihr steht aber außer Frage und er selbst hat zuweilen nicht ungern darauf angespielt. Dabei hat ihn doch das Erbtheil des natürlichen Volksgemüths, das in ihm lag, vor allen Abwegen bewahrt, auf welche die zur Modethorheit gewordene Gallomanie Andere zu anderen Zeiten gelockt hat, und der größte Reiz seiner Werke liegt gerade in ihrer durchaus persönlich gehaltenen Eigenart. So begegnet sich D. in seinen künstlerischen Absichten noch weit mehr mit Männern wie etwa Eduard Schleich in München oder Lier am gleichen Orte, die ja auch der Schule des „paysage intime“ nicht allzufern standen und doch eine so überlegene originale Kraft in sich selbst hatten, daß sie mit Recht in der Geschichte der modernen deutschen Landschaftsmalerei zu den hervorragendsten, ja zu den tonangebenden Persönlichkeiten zählen.

Es ist an dieser Stelle unmöglich, eine Uebersicht von Dielmann’s landschaftlichen Darstellungen zu geben, die folgenden besitzt das Städel’sche Kunstinstitut: Burgthor der Ruine Eppstein im Taunus (1858), Motiv aus Aßmannshausen (1858), Stadtthor von Münzenberg, hessischer Dorfweg; ebenda der Nachlaß des Künstlers mit rund 200 gezeichneten und aquarellirten Studien und Entwürfen und Dielmann’s Porträt, gemalt von Karl Bennert.

An graphischen Werken Dielmann’s sind über 20 Originallithographien, vorwiegend Volkstrachten und humoristische Blätter mit localen Beziehungen, ferner eine Originalradirung (Amme, einem Kind das Essen reichend) und zahlreiche illustrirte Werke vorhanden. Unter diesen letzteren enthält der „Rheinische Sagenkreis“ von Adelheid v. Stolterfoth 21 Umrisse, nach Zeichnungen von Alfred Rethel lithographirt von D. (Frankf. a. M. 1845); für eine Reihe von „Album“-Werken mit Ansichten vom Rhein, von der Lahn, von badischen und fränkischen Orten und endlich von Frankfurt a. M. hat D. neben Anderen die Vorzeichnungen geliefert, diese sind sämmtlich bei Carl Jügel in Frankfurt erschienen. Des von Vogel ebenda herausgegebenen Rhein-Albums ist schon im Eingang Erwähnung geschehen.

Schülerlisten des Städel’schen Kunstinstituts. – Nachruf in d. Frankf. Zeitg. v. 2. Juni 1885 (Morgenbl., Nr. 153) von Franz Rittweger; von [683] demselben werthvolle Nachrichten auch in den von ihm herausgegebenen „Frankf. Hausblättern“ (1882, Nr. 45 u. 47) und in d. „Frankf. Reform“ (1864, Nr. 92). – Von dem Dichter Wolfgang Müller von Königswinter; einem nahen Freunde des Künstlers, ein Aufsatz über Dielmann im XXIX. Bde. d. Lpz. Illustr. Ztg. – Wilhelm Kaulen, Freud’ und Leid’ im Leben deutscher Künstler. Frankf. a. M. 1878, S. 40 ff. – Heinrich Weizsäcker, Frankf. Kunst in d. Zeitschr. „Pan“ (1897, 4. Heft, S. 242).