ADB:Grünpeck, Joseph

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Artikel „Grünpeck, Joseph“ von Edmund von Oefele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 56–59, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gr%C3%BCnpeck,_Joseph&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 01:23 Uhr UTC)
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Grünpeck: Joseph G. (auch Grünpeckh, doch Grünbeck schreiben nur Andere) erblickte, wie er selbst einige Male kundgibt, in der baierischen Stadt Burghausen das Licht der Welt; aber das Geburtsjahr 1473 ist bloße Wahrscheinlichkeitsannahme des Wiener Hofbibliothekcustos M. Denis. Es scheint Verwechslung, wenn Abt Seifrid von Zwettel (Arbor Aniciana I, p. 25) beim Leichenbegängnisse Kaiser Friedrichs III. (1493) unsern G. eine deutsche Rede halten und deren Manuscript in der kaiserlichen Bibliothek zu Wien vorhanden sein läßt. Auch die weitere Behauptung Seifrids, G. sei des genannten Kaisers Mathematicus gewesen, muß auf sich beruhen; der Umstand wenigstens, daß G. in seiner Schrift „Von der Reformation der Christenheit und der Kirchen“ Ereignisse prophezeit, die auf den Todesfall Kaiser Friedrichs eintreten würden, ist eine zu schwache Stütze hiefür. Fest steht durch Grünpeck’s eigene Angaben, daß er Priester und Magister der freien Künste war; später führte er auch den Doctortitel. In ersterer Hinsicht darf man ihn aber nicht mit Löscher (Reformationsacta I, 1720, S. 90) für einen Nürnberger Prediger halten, denn „noricus“ wie er sich nennt, bedeutet bei ihm nichts Anderes als „bayerisch“, und daß er zu Nürnberg etwas drucken ließ, spricht doch nicht für seine Anstellung daselbst. Im J. 1495 führt ihn die Reiselust an den Tiberstrand, dann nach Toscana in Kaiser Maximilians Lager und während einer Waffenruhe in das der gegenüberstehenden Franzosen; von der hier verbreiteten Lustseuche entwirft er uns ein grauenvolles Bild. Nachdem G. sodann Ungarn und Polen bereist, treffen wir ihn, lateinischen Stil lehrend, am Gymnasium zu Ingolstadt. Von dort macht er unterm 10. Juli 1496 den Versuch, durch Vermittlung des Landshuter Kanzlers, Grafen von Kolberg zum Historiographen der baierischen Herzöge bestellt zu werden. Als aber die Lustseuche dieses Jahres auch Ingolstadt ergriffen, flieht G. nach Augsburg, wo er dem Bürgermeister Hans Langenmantel ein Prognostikon auf die Jahre 1496–99 überreicht, dem Domherrn Grafen Bernhart von Waldkirch, einem Mitgliede der Donaugesellschaft, seinen (quaksalberischen) „Tractatus de pestilentia scorra“ (18. October 1496), dann eine Uebersetzung hiervon dem Rathe widmet, auch an den ihm von Ingolstadt her bekannten Celtes schreibt (29. October 1496; Endlicher in den Wiener Jahrbüchern der Litteratur XLV, 1829, S. 174) und hierauf die Erlaubniß erhält, Patriciersöhnen humanistischen Unterricht zu geben. Zu solchem Behufe dichtete er „Comedie“ und setzte sie mit seinen Schülern in Scene. Dies brachte ihm Glück, denn als er am 26. November 1497 in Gegenwart des Kaisers den „Streit zwischen Virtus und Fallacicaptrix vor Maximilians Richterstuhl“ aufgeführt hatte, nahm ihn derselbe in seine Dienste. G. begleitete fortan den Kaiser als sein „amanuensis“, „Beihender“, d. h. wohl nur als ein zum Dictiren verwandter Schreiber – der natürlich „a secretis“ sein mußte und so manches Mal auch „heimblicher Rattsgenoß“ wurde – nicht aber als ein mit Entwurf und Expedition politischer und staatsrechtlicher Erlasse betrauter Secretär, mochten ihn auch Andere mit höflicher Steigerung „secretarius“ betiteln. Beichtvater des Kaisers, wie Moser aus der falschen Lesart „beichender“ schloß, ist G. ebensowenig gewesen, als Hofcaplan und Leibarzt, wozu ihn Aschbach (Geschichte der Wiener Universität II, 241) machte. Auch für dessen Behauptung, G. müsse den Mitgliedern der gelehrten Donaugesellschaft beigezählt werden, ist der Beweis nicht erbracht. Denn daß G. bei der Aufführung von Celtes’ „Ludus Dianae“ [57] vor Kaiser Maximilian am 1. März 1500 im Schlosse zu Linz den Prolog sprechen konnte, ist doch nicht durch jene Mitgliedschaft bedingt gewesen. Muthmaßlich auf des Kaisers Verwendung ward G. im nämlichen Jahre zu einem Kanonikat am Stifte Altötting in Baiern „präsentirt“. Derartiges hielt ihn aber nicht ab, als er wieder einmal, wahrscheinlich mit seinem Herrn im Frühjahre 1501, nach Augsburg kam, auf Bitten seiner Freunde ein „convivium, cui non solum Bachus et Ceres sed etiam Venus intererat“ zu veranstalten, und in Folge dieser Orgie befiel ihn selbst das Leiden, für das er sich früher so sehr interessirt hatte. Endlich in der Stille der Heimath wiedergenesen, gilt es aufs Neue, ein Unterkommen zu finden. Aber durch sein Büchlein „De mentulagra“, das er zu Burghausen am 5. Mai 1503 vollendet und worin er die selbstentdeckte Heilmethode des Uebels beschreibt, hat er sich, so freudig es von Vielen begrüßt ward, und trotz eingewobener Schmeicheleien gegen den Kaiser die Rückkehr an den Hof wol für immer unmöglich gemacht. Auch zu München, wo wir ihn am 20. October d. J. treffen, scheint er nichts ausgerichtet zu haben; von dort schreibt er an Celtes in Wien (Endlicher a. a. O.): vielleicht auf dessen Fürsprache rettete ihn Max aus der Noth durch Schenkung der Spitalmühle zu Steyer, wovon eine Ortsüberlieferung weiß. In jene Zeit könnte Grünbeck’s Aufenthalt zu Salzburg fallen, wo er, etwa im Peterskloster, „Vitae pontificium sancte Saltzburgensis ecclesiae“ schrieb, ein ungedruckt gebliebenes, wenig bedeutendes Werk, dessen mir vorliegende Handschrift in der Biographie des Erzbischofes Leonhart (reg. 1495–1519) bei der Wahlvorbereitung abbricht. Noch einmal greift G. zum Schulmeisterstabe: unterm 8. April 1505 gewährt ihm die Reichsstadt Regensburg eine Besoldung, um „Poetenschule“ zu halten. In dieser Stellung bleibt er nicht übers Jahr (Gemeiner, Regensburgische Chronik IV, 98). Ein neues Wanderleben beginnt: am 13. August 1506 treffen wir ihn zu Augsburg, am 11. August 1508 zu Regensburg, 1510 ist er so einsichtsvoll, auf seine Altöttinger Anwartschaft zu verzichten, vom J. 1514 verbringt er die Hälfte in der Schweiz, zu Einsiedeln, Baden und kehrt über den Bodensee, „Hertau“ (Hard bei Bregenz?) berührend zurück; am 27. Januar 1515 weilt er in Landshut; 1530 hat er sicher erlebt, wahrscheinlich auch das nächste, vielleicht noch das folgende Jahr, von da an muß ich ihn für verschollen erklären. Die Abart geistiger Thätigkeit, welcher sich G. nach anderwärtigem Schiffbruche vorzüglich hingab – man möchte sie das Prophetenhandwerk nennen – war, von der Mode getragen, pecuniären Erfolges sicher. Zu den Prognostica u. dergl., die er schon früher verfaßt (außer den oben erwähnten auch ein lateinisches: Wien 1496), kam eine „Außlegung“ mehrerer Wunderzeichen, welche G. dem Constanzer Reichstag zuschickte, 1507, und im folgenden Jahre erschien sein Hauptwerk, das „Speculum naturalis, coelestis et propheticae visionis“ (mit Holzschnitten, Nürnberg bei G. Stuchs), wovon alsbald eine Uebersetzung „Spiegel der natürlichen, himmlischen und prophetischen Sehungen“ (ebenda) herauskam. Hier wie in allen derartigen Schriften Grünpeck’s werden aus den Gestirnen und ihrem Stande, aus Meteoren, Naturwidrigkeiten, Mißgeburten und Anderm künftige Uebel mancherlei Art: Elementarereignisse, Krankheiten, Krieg, Türkennoth, Triumph aller Feinde des Kaiserreichs, dann überhaupt aus der schwärzest gemalten Gegenwart: Zerfall der Kirche, Vernichtung der Regierungsgewalt, Umsturz der ganzen Gesellschaftsordnung oft mittelst der gezwungensten Deutung und in einem für uns kaum mehr erträglichen Wortschwalle prophezeit, woran sich dringende Mahnung zur Besserung, Umkehr, Reform knüpft, in einem Tone, der G., dem verlotterten Priester, sehr wenig ansteht. Daß das „Speculum“ auf den Trienter „Index“ kam, beweist, welch’ ausgebreiteten und nachhaltigen Einfluß sein pessimistisch-fanatischer Inhalt auf die Volkskreise übte; aber Grünpeck’s Charakter und sittlicher Werth [58] sind falsch beurtheilt, wenn Flacius ihn als „Zeugen der Wahrheit“ benennt. Nachdem inzwischen manch’ Kleineres, z. B. ein Horoskop nebst Nativität für die Stadt Steyer (Pritz, Geschichte der Stadt Steyer, 1837, S. 394–96) auf Bestellung geliefert, und bei zwei Kirchenfürsten aus wittelsbachischem Stamme mittelst einer „Exhortatio“ angeklopft war (1515), brachte ihm die durch astrologisches Unwesen in allen Schichten des Volkes erzeugte Furcht vor Ueberschwemmungen und anderen Schrecken, welche für 1524 drohten, reichen Arbeitsgewinn. Es ward der „Spiegel“ neu aufgelegt (Leipzig 1522), mit einem abgeschmackten „Dyalogus epistolaris“ zwischen Türke und Renegat über Islam und Christenthum Kaiser Karl zum Türkenkriege in Ungarn ermahnt (1522), und die Stadt Regensburg (1523) mit einem „Judicium“ bedacht, welches für den Eintritt der Wassersnoth Rathschläge gibt, hauptsächlich aber sich bemüht, Ereignisse neuerer Zeit, wie Bürgeraufruhr und Judenvertreibung, als durch die Sterne prädestinirt hinzustellen. Man hat nun geglaubt, G. „vielleicht mit zu den einflußreichsten Astrologen zählen zu dürfen, welche das Drama des Bauernkrieges herbeiführten“ (J. Friedrich, Astrologie und Reformation, 1864, S. 26). Aber auch wenn, wie noch immer fraglich erscheint, ein solcher Zusammenhang überhaupt annehmbar ist, möchte ich G. doch nicht in vorderster Reihe nennen. Denn ausdrücklich von Leiden des Bauernvolkes spricht er kaum einmal, dagegen trifft sein Tadel jeglichen Stand, Hoch und Nieder mit gleicher Schärfe; den Eiferer für die Kaisergewalt spielend, beklagt er ihre Schmälerung durch die Fürsten, aber gegen dieselben zu hetzen, hat er, der sie immer brauchte, sich wohl gehütet. Nach wie vor sein Gewerbe treibend, findet er sich z. B. im J. 1527, als Max II. geboren war, mit einer Nativitätstellung ein (bei Chmel, die Handschriften der Hofbibliothek zu Wien, II, 1841, S. 489–92 mitgetheilt, doch irrig auf Max I. bezogen). Zu den letzten Erzeugnissen Grünpeck’s gehört ein „Pronosticum“ für die Jahre 1532–40, nach deren Ablauf etwas wie Weltende kommen sollte (Regensburg, J. Khol, 1532). Anspruch auf unseren Dank hat sich G. durch nichts von all’ dem erworben, immerhin aber durch ein anderes Werk, das freilich ebensowenig aus wissenschaftlichem Drange hervorging, die „Historia Friderici III. et Maximiliani I.“ (herausgegeben in Chmel’s Oesterreichischem Geschichtsforscher, I, 1838, S. 64–97). In der Zeit von 1508–16 verfaßt, will sie dem jungen Erzherzog Karl durch eine Bilderreihe mit Text die Tugenden seiner Ahnen zeigen. Friedrichs Geschichte zu schreiben, ist G., wie er angibt, von Max beauftragt; zum Biographen des Letzteren hält er sich durch mehrjährigen Dienst bei ihm befähigt. Für einen solchen Zweck kam es natürlich nicht darauf an, den gesammten Stoff zu verarbeiten, es sollten Charakterzüge gegeben und die Porträte gezeichnet werden. So erhalten wir auch mehreres Brauchbare. Interessant ist eine Eröffnung, welche hier G. in unmißverständlicher Absicht macht: Werke, die ihm der Kaiser in die Feder dictirt, als „Commentaria de rebus suis gestis“ und ein „Libellus de naturis animalium et variis rerum experienciis“ und ein „Codicillus de proverbiis“ befänden sich noch in seinem Verwahre. Später, nicht vor 1526, hat G. die „Historia“ ziemlich unbeholfen deutsch übersetzt, hie und da etwas geändert, am Schlusse mit einer klagenden Schilderung von Maximilians Tod und dem traurigen Loos seiner treuen Diener, worunter vor Allem er, versehen und das Schriftchen in dieser Gestalt dem Kaiser Karl wie dem Könige Ferdinand zugeeignet (herausgegeben von J. J. Moser als „Lebensbeschreibung etc.“, 1721). Seine Anwesenheit bei Maximilians Hintritt zu Wels (1519) sucht er ihnen dadurch glaubhaft zu machen, daß er gesehen zu haben vorgibt, wie dessen Pferde damals die Köpfe unter den Barren gehalten, Zähren vergossen und etliche Tage kein Futter zu sich genommen. Auch hier nennt er Werke, welche er aus des Kaisers [59] Mund über Tisch „hüpschs und geblümbt geschrieben“: ein „Büchel von der Natur der Tieren und mannicherley Erfahrungen aller Ding, so er in seinem Leben begrieffen“, ein „Büchlein von den Sprichen und mannicherley gemeinen Reden“, endlich ein „Büchlein von seiner Eltern Geschichten“; doch über ihren Verbleib schweigt er jetzt.

Benützt wurden die meisten gedruckten Werke Grünpeck’s und Handschriften der k. Hof- und Staatsbibliothek zu München; vergleiche R. Pallmann’s Artikel über ihn bei Ersch und Gruber, Sect. I, Th. 95, 1875, S. 9–11; Kobolt, Ergänzungen und Berichtigungen zum baierischen Gelehrtenlexikon[WS 1], 1824, S. 118–125.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Gelehrtenlehrtenlexikon