ADB:Häßler, Johann Wilhelm

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Häßler, Johann Wilhelm“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), S. 20–22, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:H%C3%A4%C3%9Fler,_Johann_Wilhelm&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 07:38 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Haßler, Ludwig Anton
Band 11 (1880), S. 20–22 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Wilhelm Häßler in der Wikipedia
GND-Nummer 11636906X
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|11|20|22|Häßler, Johann Wilhelm|Robert Eitner|ADB:Häßler, Johann Wilhelm}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=11636906X}}    

Häßler: Johann Wilhelm H. (Haesler), ein tüchtiger Componist, der dem Edelsten und Höchsten der Kunst nachstrebte, war am 27. März 1747 zu Erfurt geboren. Häßler’s Oheim mütterlicher Seits, der bekannte Orgelvirtuos und Componist J. Chr. Kittel, einer der bedeutendsten Schüler Seb. [21] Bach’s, führte ihn als Lehrer in die Form und den Geist der Bach’schen Schule ein. Die Zeit jedoch, in die Häßler’s erstes Schaffen fiel, war der Kunst nicht günstig. Kleinlich wie die äußeren Verhältnisse des Deutschen waren, so kleinlich und zimperlich war sein musikalischer Geschmack und ein Seb. Bach stand wie eine Eiche in spärlichem Gestrüpp, die den Zeitgenossen nur belästigend erschien. Die ersten Werke, die von H. erschienen, wurden daher mit wenig günstigen Augen angesehen und man warf ihm direct vor „ein Abschreiber“ Bach’s zu sein. Die von ihm geübte Gegenkritik in der Vorrede seiner ersten Sammlung Clavier- und Singstücke zeugt von hohem Muth und großer Sicherheit im Selbsturtheile. Er sagt unter Anderem: „es ist doch nicht einerlei, in der Manier eines anderen arbeiten oder ihn nachahmen und abschreiben.“ Unter diesen Verhältnissen nahm er daher mit Freuden den Antrag eines Lord Ancram im J. 1790 an, in die Dienste desselben in London zu treten, woselbst er eine höchst einträgliche Thätigkeit fand. Doch auch hier fand er nicht, was er suchte. Schon im November 1792 schrieb er den Seinigen nach Erfurt „die Menschen sind hier zu kalt, ich gehe nach Rußland.“ Er ging zuerst nach Petersburg und 1794 nach Moskau, wo er 1822 auch sein Leben endete. Hier fand er in den höchsten Kreisen der Aristokratie, deren Zirkel sich ihm öffneten, einen Boden, der seinen Bestrebungen jeglichen Vorschub leistete. Von der Natur mit den besten Gaben für Kunst und geselliges Leben ausgestattet, von liebenswürdiger Persönlichkeit und lebendigem Geiste, räumte man dem deutschen Künstler eine Lebensstellung ein, welche ihn über den gewöhnlichen Maßstab der irdischen Sorge hinweg hob, so daß er uneingeengt sich den idealen Zielen völlig hingeben konnte. Wie er selbst gleichsam ein neues Leben begann, so zeichnete er auch seine neuen Compositionen mit opus 1 und gelangte bis zu seinem Lebensende bis opus 50, doch zog er hier hinein weder seine zahlreichen Lieder noch die Orgelstücke, so daß die Zahl seiner Werke recht bedeutend ist. Meinardus, von dem wir eine vortreffliche Biographie Häßler’s besitzen, zählte allein 52 Sonaten für Clavier allein, 12 Sonaten für Clavier und Violine und 86 Variationen, die sich in seinem Besitze befinden. Außerdem gibt es aber noch zahlreiche instructive Piecen, tanzförmige Stücke, 360 Orgelpräludien, Charakterstücke, Phantasiestücke und mehrere Hefte Lieder und Gesänge. H. war es nicht vergönnt die Fesseln seiner Zeit zu sprengen, und obgleich er sich verkannt glaubte, war er doch so ganz und gar ein Kind seiner Zeit; er hat sich nie über die Höhe eines Emanuel Bach’s zu erheben vermocht und trotz seines fließenden Gesanges und des Gefälligen in seinen Ideen ist er nie über die Ausdrucksweise seiner Zeit hinweg gekommen. Erst durch Mozart und weit später durch Beethoven’s Schöpfergeist trat die vollkommene Umwälzung ein, die es verstand den musikalischen Ideen einen höheren Schwung zu verleihen und dafür den richtigen Ausdruck zu finden. Doch erst nach Jahrzehnten drang das Verständniß in größere Kreise ein und wurde zum Allgemeingut; bis dahin vergnügte man sich an den Werken eines Dussek, Clementi, Ries, Steibelt, Reißiger, Hummel u. A. – Als H. bereits das 70. Jahr erreicht hatte, also um 1817, beabsichtigte sein Sohn Karl Elias, der als Musiker in Hamburg lebte, eine Gesammtausgabe der Werke seines Vaters zu veranstalten und schrieb an denselben, um die Erlaubniß von ihm zu erhalten. Die Antwort des Vaters ist neben dem Humoristischen auch charakteristisch für ihn und die damalige Zeit. Er schreibt: „Pro primo würde ich eine neue Ausgabe meiner sämmtlichen Werke nicht zulassen, wenn du es auch könntest. Warum? – Weil ich noch so Vieles in petto, id est in meinem Kopfe habe, was erst heraus muß, um einer solchen Ausgabe ein honorichteres Ansehen zu geben. – Pro secundo müssen die, mit einer Raserei gekauften Dussek’schen, Steibelt’schen, Field’schen etc. Schmierereyen und Klimpereyen sich bis zu ihrem nahen Verschwinden verloren haben, ehe man Geschmack an meinen [22] ernstlich unterrichtenden Compositionen finden wird. Da das nun ohnmöglich in Galopp geschehen kann, so erhellt daraus, daß pro tertio et ultimo nicht eher an die Ausführung deines schönen Planes gedacht werden kann, als bis dein Vater zwischen 6 Brettern und 2 Brettchen (mit Bürger zu reden) sanft und seelig ruht.“ H. starb an seinem 76. Geburtstage den 27. März 1822 in Moskau. Die handschriftliche Sammlung seiner Gesammtwerke, die sein Sohn angelegt hatte, ging bei dem großen Brande in Hamburg verloren.

Allgem. musik. Zeitung, Leipzig 1865, Nr. 31 u. 32.