ADB:Reißiger, Karl Gottlieb

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Artikel „Reißiger, Karl Gottlieb“ von Moritz Fürstenau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 145–149, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rei%C3%9Figer,_Karl_Gottlieb&oldid=- (Version vom 24. September 2019, 09:31 Uhr UTC)
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Reißiger: Karl Gottlieb R., geboren am 31. Januar 1798 zu Belzig bei Wittenberg, erhielt den ersten Musikunterricht von seinem Vater, Christian [146] Gottlieb R., Cantor daselbst und Schüler Türk’s. Im J. 1811 brachte ihn der Vater auf die Thomasschule nach Leipzig, wo er, sich hauptsächlich den Schulwissenschaften widmend, nur unter Schwierigkeiten auch das Musikstudium fortsetzen konnte. Erst als er zum Concertisten im Alt vorgerückt war, lenkte sich Schicht’s Aufmerksamkeit auf ihn; der erfahrene Meister erkannte bald in ihm das außerordentliche Talent und gab ihm zunächst Unterricht im Clavierspiele. Auch in der Composition versuchte sich R. bereits um diese Zeit und setzte einige vierstimmige Motetten, meist aus den Jahren 1815 und 1816 herrührend, die auch während der Vesper in der Thomaskirche von den Thomasschülern aufgeführt wurden. 1818 bezog R. die Universität zu Leipzig, um Theologie zu studiren. Um sich seinen Unterhalt größtentheils selbst zu verdienen, gab er Unterricht im Clavier- und Orgelspiel, ward Solobaßsänger in den Gewandhausconcerten und spielte im Orchester bald Violine, bald Bratsche. Daneben widmete er die ihm freilich karg zugemessene Zeit der eigenen Ausbildung und schuf so einige Compositionen, die dem trefflichen Schicht bekannt wurden und seine Theilnahme für den talentvollen Kunstjünger in so hohem Grade steigerten, daß er sich 1820 erbot, dem jungen Studenten Unterricht in der Composition zu ertheilen. R. drang nun ins Heiligthum der Kunst ein und entschloß sich bald, dem Studium der Theologie zu entsagen, und sich ganz und gar der Musik zu widmen. Der wackere Lehrer verließ ihn bei der Ausführung nicht. In Verbindung mit seinem Schwiegersohne, dem Director der Leipziger Feuerversicherungsanstalt, Weiße, und andern edlen Männern in Leipzig und Berlin, verschaffte er seinem Schüler eine dreijährige Unterstützung. R. verließ nun 1821 Leipzig, um in Wien seine Studien fortzusetzen. Dort componirte er seine erste Oper, das „Rockenweibchen“, welche indeß nicht zur Aufführung kam, da der Text die Censur nicht passirte, sowie eine Ouvertüre zum „Käthchen von Heilbronn“; auch einige Claviercompositionen (op. 9, 10, und 11) gab er dort heraus.

Vor seiner Abreise nach München im Mai 1822 ließ er sich noch mit vielem Beifall im Hofoperntheater in einem eigenen Clavierconcerte und einer Baßarie von Händel hören. In München setzte er seine Studien in näherem freundlichen Umgange mit Winter fort und war außerordentlich thätig als Componist; er schrieb eine Concertouvertüre (d-dur), Ouvertüre, Entreacts und Chöre zur Tragödie „Nero“, dann Metastasio’s für ihn umgearbeitete Oper „Didone abbandonata“, welche jedoch erst 1824 in Dresden namentlich auf Empfehlung Weber’s gegeben wurde, da in München der Hoftheaterbrand die Aufführung verhinderte. Im Mai 1823 ging R. nach Berlin, nachdem er vorher noch seinem kranken Lehrer und Wohlthäter Schicht in Leipzig den letzten Dank gesagt hatte. In Berlin fand er freundliche Aufnahme im Hause des kunstsinnigen Fabrikanten Stobwasser, dessen älteste Tochter Marie er auch im J. 1828 als Gattin heimführte. Minister Altenstein, General Witzleben und Staatsrath Körner interessirten sich für ihn und durch sie erlangte er von dem König Friedrich Wilhelm III. die Mittel zu einer Bildungsreise nach Frankreich und Italien, mit dem Auftrage seitens des preußischen Ministeriums, genaue Einsicht in die musikalischen Lehranstalten dieser Länder zu nehmen. Im Juli 1824 ging R. durch Holland nach Paris, wo es ihm möglich ward, durch Verkauf einiger Compositionen an den Musikalienhändler Farrenc, seinen Aufenthalt zu verlängern. Erst Ende Februar 1825 reiste er über Turin, Genua, Mailand, Bologna, Florenz nach Rom, wo er während der Charwoche und dem Osterfeste blieb. Nach einem vierwöchentlichen Aufenthalt in Neapel kehrte er nach Rom zurück und lernte hier durch den preußischen Ministerresidenten Bunsen den Abbé Baini kennen, was ihn zu längerem Aufenthalte [147] in Rom bestimmte. Dort componirte er auch 100 Choräle für Bunsen und die Oper „Der Ahnenschatz“ (Gedicht von Georg Döring), welche er jedoch wegen Aehnlichkeit des Buches mit dem des Freischützen unbeendet ließ; nur die Ouvertüre ist bekannt geworden. Ende October 1825 reiste R. nach Berlin zurück, wo ihm der Auftrag ward, den Plan zu einem großen Conservatorium für den preußischen Staat zu entwerfen. Derselbe erhielt den Beifall der zur Begutachtung niedergesetzten Commission, kam jedoch nicht zur Ausführung. (Vgl. die Musikzeitung Echo von 1851.) Neben Zelter, Klein und Bach ward er bei dem königlichen Institut für Kirchenmusik angestellt und gab außerdem fleißig Unterricht, wie er denn jede freie Zeit zum Componiren benutzte; bis zum Jahre 1826 waren schon 41 Werke von ihm im Druck erschienen. Im October 1826 erhielt er zugleich einen Ruf nach dem Haag, um dort ein Conservatorium zu gründen, und einen Antrag, in Dresden als königlicher Musikdirector an Marschner’s Stelle zu treten. R. wählte den letzteren und kam im November 1826 nach Dresden, wo er sich bald als so brauchbar zeigte, daß ihn König Friedrich August der Gerechte 1827 zum Capellmeister und so zum amtlichen Nachfolger Weber’s ernannte.

R. hatte als junger Mann und Anfänger einen schweren Stand neben seinem ältern, am Hofe und in den höhern Kreisen beliebten Collegen Francesco Morlacchi. Letztern begünstigte neben den feinsten und glattesten Umgangsformen Erfahrung in jeder Beziehung: daneben die entschiedene Vorliebe des Königs für die italienische Oper. R. brachte außer seinem bedeutenden Talente gründliche musikalische Bildung, besten Willen und jugendlichen Eifer mit, unterstützt durch einen Charakter voll echt deutscher Biederkeit, liebenswürdigen Humors, Milde und Nachsicht. Freilich trat er eine gewichtige Erbschaft an und oft mag diese Erkenntniß schwer auf seinem bescheidenen Gemüthe gelastet haben. Weber hatte in wenigen Jahren Capelle und Hoftheater, sowie den Geschmack des Publicums in Dresden auf einen vorher nicht geahnten hohen Standpunkt gebracht. R. erkannte mit richtigem Takt, daß ihm obliege, diese Errungenschaft im wahrhaft deutschen nationalen Sinne aufrecht zu erhalten und fortzuführen. Er erscheint hierbei einestheils als ausgezeichneter Dirigent und Reproducent der erhabenen Werke großer Meister, anderntheils als Schöpfer zahlreicher vortrefflicher Compositionen. Im Theater und Concertsaal führte er den Dirigentenstab mit Begeisterung, Kraft und Verständniß; unter ihm bemächtigte sich der Spielenden ein unbegrenztes Gefühl der Sicherheit und Ruhe. Im Einzelnen den Ausführenden volle Freiheit lassend, verstand er doch, in streng harmonischer Einheit das Ganze zusammen zu halten und von sich aus zu beleben. Als seine Mitarbeiter Morlacchi (1841) und der königliche Musikdirector J. Rastrelli (1842) gestorben waren, lastete sein Amt mit doppelter Schwere auf ihm. Da ward im Januar 1843 Richard Wagner, nachdem unter Reißiger’s Leitung im November 1842 seine Oper „Rienzi“ einstudirt und mit großem Beifall gegeben worden war, als königlicher Capellmeister angestellt. Selbstverständlich konnten beide in ihren Ansichten so verschiedene Künstler nicht ohne Reibungen neben einander verkehren, doch kam es nie zum offenen Bruch. Am schönsten bethätigte R. seine Unparteilichkeit, als er im J. 1852 Wagner’s Tannhäuser auf das sorgfältigste wieder neu einstudirte und dirigirte. Hatte R. schon während der letzten Jahre von Wagner’s Amtsführung Neigung gezeigt, sich einigermaßen von seiner Thätigkeit als Operndirigent zurückzuziehen, so trat diese Absicht nach der Anstellung des Capellmeisters C. Krebs (1850) noch entschiedener hervor. R. beschränkte sich in den letzten acht Jahren vorzüglich nur auf die Direction der Opern Gluck’s, Mozart’s, Weber’s, Mehul’s, Cherubini’s, kurz der Meisterwerke der classischen Periode [148] und auf den Dienst der königlichen Capelle in der katholischen Hofkirche. R. war für Dresden der eifrige begeisterte Repräsentant jener Richtung, die ungeschmälert bestehen wird, so lange es eine Tonkunst gibt: er war der Vertreter des musikalischen Classicismus in der deutschen Musik.

Die Richtung, welcher er als Dirigent mit Vorliebe folgte, findet man auch wieder in seinen Compositionen. Sowie er Haydn und dessen Geistesverwandte verehrte und in diesen besonders das Gemüthliche, Herzliche bewunderte, so hört man in seinen Compositionen vorzugsweise denn auch das Gemüth, die Empfindung des Lyrikers sprechen. Deshalb ist es auch vorzugsweise das Lied, in welchem er das Ausgezeichnetste leistete. Durch seine Lieder ist er am bekanntesten, ja volksthümlich geworden. Man braucht nur an den „Zigeunerknaben im Norden“ und „Vater Noah“ zu erinnern. 76 Sammlungen Lieder, Balladen, Duetten, Liedertafelgesänge etc. sind von R. im Druck erschienen. Nächst dem Lied ist es die Kirchenmusik, welche ihm die reichsten Lorbeeren trug. Außer seinem großen Oratorium „David“ schrieb er für die katholische Hofkirche zu Dresden nicht weniger als zwölf Messen, ein Requiem für den Todestag des Königs Anton, zwanzig Graduale, 6 Offertorien, sieben Psalmen, zwei Hymnen und zwei Miserere. Außerdem zwei Psalmen für die Singakademie zu Berlin (1826), einen Psalm von Klopstock für das Elbmusikfest in Halle (1830), eine Cantate von Wilmsen für den märkischen Gesangverein (1835), viele Motetten, Hymnen etc. für den gemischten und Männerchor.

Als Operncomponist hat R. nie Glück gehabt. So viel Schönes jede seiner dramatischen Schöpfungen enthält, konnten sie sich doch nicht auf dem Repertoire erhalten. In Reißiger’s Natur lag es nicht, sich zu hohem dramatischen Schwunge zu erheben, der Lyriker war in ihm vorherrschend; auch erschwerte ihm in dieser Beziehung schlechte Wahl der Texte seine Bestrebungen. Am längsten noch hat sich sein Erstlingswerk erhalten, das Melodram „Yelva“ (1828), welches freilich nur in sinniger Weise eine einfache Handlung begleitet. 1829 folgte „Libella“, 1831 die „Felsenmühle“, 1833 zur Vermählung des Königs Friedrich August das Festspiel „Der Erde reinstes Glück“, 1835 „Turandot“, 1843, „Adele de Foix“, 1846 „Der Schiffbruch der Medusa“, 1850 zur Vermählung der sächsischen Prinzessin Elisabeth ein Festspiel „Der Götter Wettstreit“, 1851 die Musik zum zweiten Theile des Faust („Raub der Helena“, zum Goethefeste), 1855 die Musik zu Schiller’s 50jähriger Todesfeier im königlichen Hoftheater, 1853, 1857 und 1859 Festspiele zu den Vermählungen des Kronprinzen Albert, der Prinzessinnen Margarethe, Anna und des Prinzen Georg. Von den Ouverturen zu diesen Werken haben die zu „Yelva“ und zur „Felsenmühle“ europäischen Ruf erlangt. Von größeren Instrumentalwerken sind hier noch eine Jubelouverture (1828), eine Sinfonie (1837), eine Ouverture (op. 128) und eine Festouverture (1850) zu erwähnen. Außerdem schrieb R. noch eine große Anzahl Compositionen für Concert- und Kammermusik. Mehr oder minder ernst gearbeitet, haben diese Werke seinen Ruf weit über die Grenzen Deutschlands hinausgetragen und werden überall, wo Hausmusik getrieben wird, mit Vorliebe gespielt. Ein ziemlich genaues Verzeichniß seiner Compositionen bringt Ledebur im „Tonkünstler-Lexikon Berlins“ (Berlin 1861, S. 445 flg.). Zu erwähnen ist noch, daß das kleine Musikstück, welches unter dem Namen „Weber’s letzter Gedanke“ durch unzählige Ausgaben und Bearbeitungen bekannt wurde, die Nr. 5 der Danses brillantes pour le Pianof. (op. 26) von R. ist. Näheres hierüber erzählt Jähns in seinem Buche: Karl Maria von Weber in seinen Werken (Leipzig 1871, S. 446). Fassen wir ein Gesammtbild Reißiger’s als Dirigenten und Componisten auf, so erscheint er uns, wie schon gesagt, und wie ein früherer Biograph treffend sagt, als Repräsentant echt deutscher „Gemüthsmusik“. [149] Ohne eine Epoche zu bezeichnen, ohne einen hervorstechend eigenthümlichen Stil zu besitzen, ist er doch selbständig in vieler Beziehung zu nennen. Er ist einer der Componisten, welche eben schufen, weil sie schaffen mußten, nicht weil sie schaffen wollten. Unaufhaltsam drängte es ihn, die Gefühle der Freude und Trauer hinauszusingen in Gestalt inniger, fließender Melodieen. Wenn er hierbei sein großes Talent mitunter allzu leicht walten ließ, so lag dies in Eigenschaften seines Charakters. Mit so reichen Gaben ausgerüstet, lebte R. in Dresden im glücklichen Familienkreise, geachtet von seinen Fürsten (er diente vier Königen), denen er ein unwandelbar treuer Diener war, seinen Vorgesetzten, Collegen, Untergebenen und Kunstgenossen. Im August des Jahres 1858 ward er von einem Schlaganfalle getroffen, konnte sich jedoch nach eingetretener Besserung den ganzen Winter über wieder seinem Berufe widmen. Im Frühjahre 1859 begab er sich nach Karlsbad zu einer Cur, welche jedoch seine Körperkräfte ungewöhnlich angriff. Demohngeachtet erholte er sich so weit, daß er auf den Rath der Aerzte seit dem 17. August wieder den Dienst in der katholischen Hofkirche versehen konnte. Am 5. November noch dirigirte er die Litanei, als ihm am 7. Mittags ein plötzlich wiederholter Schlaganfall sanft und schmerzlos den Tod brachte. Von imponirender Persönlichkeit, leuchtete doch aus Reißiger’s Auge Jedem das reichste Gemüth, wahre Humanität hervor. Man erkannte in ihm sofort den Schöpfer so vieler weicher und heiterer Melodien, so vieler frommer und sinniger Lieder. Ein unerschöpflicher liebenswürdiger Humor beseelte ihn, der ihn zum angenehmsten Gesellschafter machte; oft sang er mit schöner Baßstimme seine unübertrefflichen komischen Lieder im kleinen Kreise von Bekannten und Freunden.

Illustrirte Zeitung 1859, N. 857. Nekrolog von M. Fürstenau.