ADB:Schicht, Johann Gottfried

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Artikel „Schicht, Johann Gottfried“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 159–161, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schicht,_Johann_Gottfried&oldid=2506080 (Version vom 23. April 2018, 13:23 Uhr UTC)
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Schicht: Johann Gottfried S., geboren am 29. September 1753 in Reichenau, einem Dorfe bei Zittau, † am 16. Februar 1823 zu Leipzig als Cantor und Musikdirector an St. Thomas. Wir besitzen eine vortreffliche Schilderung seines Lebens und Wirkens in A. Dörffel’s Geschichte der Gewandhaus-Concerte in Leipzig, der wir uns getreu anschließen können, sowie eine kurze Selbstbiographie Schicht’s, die Gerber mittheilt. Er erzählt uns darin, daß sein Vater ein Leineweber und Choradjuvant in seinem Geburtsorte war. Dreivierteljährig ward er von seinem-Onkel, Christoph Apelt, als Pflegesohn angenommen; dieser erzog und unterstützte ihn bis in sein achtzehntes Jahr. Mit 13 Jahren wurde er auf das Gymnasium in Zittau geschickt, wo er zehn Jahre lang studirte. Während dieser Zeit hatte er Gelegenheit Unterricht im Clavier- und Orgelspielen bei dem Organisten und Musikdirector Joh. Trier zu erhalten, den er jedoch verließ, da Trier den Unterricht sehr saumselig betrieb. Die Lust zur Musik war aber so groß, daß er von nun ab auf eigene Faust sich übte. Im Jahre 1776 bezog er die Leipziger Universität und hörte die Vorträge über Rechtsgelehrsamkeit. Seine Bekanntschaft mit dem Musikdirector Hiller regte aber die alte Liebe zur Musik in einem so hohen Grade an, daß er sich ihr ganz widmete und das Rechtsstudium liegen ließ. Joh. Adam Hiller, die Seele des Leipziger Musik- und Concertwesens, leitete seit 1763 das sogenannte große Concert in den drei Schwanen. Als dasselbe 1778 wegen mangelhafter Betheiligung einging, gründete er die „Musikausübende Gesellschaft“, oder auch das „kleine Concert“ genannt. Als die Stadt sich 1780 endlich entschloß, den Tuchboden über der Bibliothek zu einem Concertsaale einzurichten – der Herzog von Weimar (Karl August) hatte sich nämlich bei einem Besuche des Concerts mißbilligend darüber geäußert, daß eine Stadt wie Leipzig einen so erbärmlichen Concertsaal besitze, mit einem so engen und fast gefährlichen Eingange – wurden 1781 die sogenannten Gewandhausconcerte eröffnet, die Hiller dirigirte, wofür er einen Jahresgehalt von 400 Thlr. bezog. S. trat als Violinist in das Orchester Hiller’s, als er noch in den drei Schwanen spielte, blieb auch in der Zwischenzeit sein treuer Gefährte, spielte auch regelmäßig jeden Winter mehrere Male Clavierconcerte und es war ihm auch, wie er selbst sagt, das Orgelspielen übertragen. Wie man das letztere verstehen soll, ist nicht klar; da der erbärmliche Concertsaal – wenn man den Tanzboden überhaupt so nennen darf – wohl schwerlich eine Orgel besessen hat, und da Hiller nie einen Organistendienst bekleidete, so konnte er auch hier nicht vertretend eintreten. Im Jahre 1785 legte Hiller die Direction nieder, S. sagt „um einer anderweitigen Bestimmung zu folgen“; es werden ihn wohl Zerwürfnisse mit der Direction veranlaßt haben, denn das Cantorat an St. Thomas trat er erst 1789 an; dagegen führte er 1786 in Berlin den Messias von Händel auf und das Jahr darauf zweimal in Leipzig; man ersieht daher daraus, daß er in der Zeit ohne feste Anstellung war. Zu seinem Nachfolger am Gewandhaus wählte man aber S., doch erhielt er nur 300 statt wie Hiller 400 Thlr. Vielleicht liegt hier der Streitpunkt und das Geheimniß, warum er der Direction sobald den Stuhl vor die Thür stellte. Man höre, was die Direction für die 300 Thlr. alles vom Musikdirigenten verlangte: er mußte den Gesangchor einüben, die Haus- und Saalproben abhalten, die neuen Partituren und Stimmen corrigiren, die Concertprogramme abfassen und nach dem Satze corrigiren. S. war eine jugendliche unternehmende Kraft und widmete sich mit Eifer und Begeisterung der für ihn so ehrenvollen Stellung. Da er aber von dem geringen Gehalte nicht leben konnte, bewarb er sich 1790 um die freigewordene Organistenstelle an der Neukirche und erhielt sie auch. Hier wirkte er, bis er im Jahre 1810 abermals, wenn auch nicht unmittelbar, doch nur durch einige Jahre getrennt, der Nachfolger Hiller’s [160] im Amte des Cantorats und der Musikdirectorsstelle an St. Thomas werden sollte. Noch ist nachzutragen, daß er im Jahre 1798 gemeinsam mit dem Baumeister Limburger die Singakademie gründete und dieselbe bis 1807 leitete, in welchem Jahre er die Direction an Wilh. Friedr. Riem abgab. Viel Freude muß ihm dieselbe nicht bereitet haben, denn in dem 1809 abgefaßten Lebenslaufe vergißt er ganz ihrer zu erwähnen; dagegen erwähnte er seiner Verheirathung mit der Sängerin Costanza Alessandra Ottavia Valdesturla, aus Pisa gebürtig, die bereits in Italien große Erfolge erzielt hatte und von der Concertdirection im Jahre 1785 als Sängerin geworben war. Sie gefiel den Leipzigern sehr, noch besser aber S., so daß er sie 1786 zum Weibe nahm und sie damit zugleich an Leipzig fesselte, wo sie 17 Jahre lang als Sängerin thätig war, auch noch 1803 und 1804 zeitweise auftrat. Sie erhielt im ersten Jahre 650 Thlr. jährlich, in den folgenden sieben Jahren je 550, dann fünf Jahre lang je 400 und die letzten 5 Jahre nur noch 250 Thlr. Hierauf empfing sie eine Pension von jährlich 200 Thlr. bis sie am 19. Juli 1809 ihr Leben beschloß. Die Leipziger verstanden sich gut auf das Handeln! Der Grund, warum Hiller die Direction einst niederlegte, wird durch solche Vorkommnisse immer klarer. Von den 4 Töchtern, die ihm seine Frau schenkte, trat Henriette Wilhelmine in die Fußstapfen ihrer Mutter und S. läßt uns hier in seiner sonst so kurz und geschäftsmäßig abgefaßten Biographie einen Blick in sein Vaterherz thun. Er schreibt: „Es ist die einzige Tochter von vieren, die am Leben blieb und mir in Rücksicht ihres musikalischen Talents schon manche Vaterfreuden gemacht hat“. Sie trat 1806 zum erstenmale als Sängerin im Gewandhaus auf, wurde 1807 als Concertsängerin angestellt (sie zählte erst 14 Jahre) und erhielt in den ersten zwei Jahren je 200 Thlr. dann bis 1810 je 300 Thaler (!). Limburger, der bereits oben erwähnt wurde, bemerkt allerdings, sie habe zwar nie gefallen, sei aber in der That der Direction unentbehrlich gewesen. Sie vermählte sich im Mai 1813 mit dem Kaufmann Weise in Hamburg und starb, erst 38 Jahre alt, am 4. October 1831 in Leipzig. – Ueber Schicht’s Thätigkeit in seiner neuen Stellung an der St. Thomasschule ist wenig zu berichten und lassen uns hier alle Quellenwerke im Stich. Das Amt war so vielseitig und nahm die Thätigkeit eines Mannes so voll in Anspruch, daß schon eine außerordentliche Schaffenskraft dazu gehörte, um noch über die Amtspflichten hinaus sich thätig zu zeigen. Ihm lag nicht nur ob die Kirchenmusik Sonntags und auch in der Woche ein- bis zweimal vorzubereiten, einzustudiren und zu leiten, sowie die Chorschüler in der Musik zu unterrichten, sondern er war auch noch als Lehrer in der Schule selbst verpflichtet im Latein und anderen Gegenständen zu unterrichten. Wir wissen aus Bach’s Leben, wie besonders das Letztere hart auf den Cantor drückte und seine Kräfte in einer Weise in Anspruch nahm, daß er fast zu unterliegen glaubte. Bach machte sich frei von der letzteren Verpflichtung, doch nicht Jedem war es gegeben, so energisch gegen die Väter der Stadt aufzutreten. Später hob man diese Verpflichtung auf, schon aus dem Grunde, weil sich die Zeiten geändert hatten und der Fachmusiker nicht mehr die Universität besuchte. Wann dies aber geschehen, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich geschah es bei Weinlig’s Wahl, dem Nachfolger Schicht’s, der, soweit wir seinen Lebenslauf kennen, keine wissenschaftliche Bildung besaß. Noch sei eines Schreibens Erwähnung gethan, das einzige, welches bisher von S. bekannt ist und von der pseudonymen La Mara in ihren Musikerbriefen (I, 311) mitgetheilt wird; es weiht uns in die Leiden eines Concertdirectors ein. Es rührt aus dem Jahre 1807 her, als er noch die Gewandhausconcerte dirigirte und ist an die Direction, resp. an den Vorsteher Herrn Hofrath Rochlitz gerichtet. S. beklagt sich darin, daß die [161] Sängerin „Demoiselle Schneider“ und der Sänger Schulz, sein künftiger Nachfolger, ihre contractlich eingegangene Verpflichtung nicht erfüllen, die Proben im Hause selten besuchen, besonders auch noch sich in ungebührlicher Weise gegen ihn betragen. Es ist eben eine gewöhnliche Erscheinung, daß der Solosänger sich für unfehlbar hält, ohne doch das musikalische Wissen zu besitzen, was gelegentliche Belehrung unnöthig machte. Schicht’s Schreiben zeigt einen milden und doch festen Charakter, begründet auf wahrem Wissen und praktischer Erfahrung. – Als Componist hat S. nicht die Bedeutung erreicht, die er durch sein segensreiches Wirken für das Leipziger Musiktreiben sich erworben hat. Nur zu geistlichen Liedern hat er einige Melodien erfunden, die sich längere Zeit in den Gesangbüchem erhalten haben (s. Winterfeld, ev. Kirchenges. III, 483). Er schrieb mehrere Oratorien, Messen, Motetten, Psalmen, Cantaten, Te Deum, die wohl seiner Zeit aufgeführt und von den Zeitschriften lobend erwähnt wurden, doch festen Fuß konnten die Werke nicht fassen, da ihnen das Geniale und eine reiche Fundgrube ursprünglicher Erfindungskraft mangelte. Er schrieb in dem herkömmlichen Stile sicher und wohllautend, doch unterschied er sich wenig von den Arbeiten seiner Vorgänger. Es war eben nur conventionelle Musik. Sein „Allgemeins Choralbuch,“ 1819 in Leipzig erschienen, fand dagegen als praktisches Buch eine weite Verbreitung, doch kam er damit mehr einem gefühlten Bedürfnisse entgegen, als daß er ein Werk von bleibendem Werthe geschaffen hätte. 1812 gab er auch „Grundregeln der Harmonie“ in Leipzig heraus; sie haben wenig Beachtung gefunden, denn die musikalische Setzkunst ging durch Beethoven’s Schaffensgeist mit Riesenschritten einer neuen Zeit entgegen, die binnen kurzem alles Frühere als veraltet erscheinen ließ. Sein bestes Werk, welches sich noch lange bis nach seinem Tode erhalten hat und von Gesangvereinen viel gebraucht worden ist, sind seine vierstimmigen Motetten in 11 Heften mit 23 Nummern, in Leipzig bei Breitkopf und Härtel erschienen. Noch heute machen sie durch ihre Einfachheit, ihren Wohlklang und ihre Sangbarkeit einen wohlthuenden Eindruck. Das Drängen der Zeit nach Neuem hat aber auch sie fast in Vergessenheit gebracht. Nur von Schulchören werden sie noch fleißig gesungen und bieten gerade solchen Chören den besten und geeignetsten Stoff.[1]

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. S. 161. Z. 21 v. u. vergl. Distel in den Monatsheften f. Musikgesch. Septbr. 1893. [Bd. 36, S. 790]