ADB:Heß, Heinrich von

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Artikel „Heß, Heinrich von“ von Friedrich Pecht in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 278–281, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:He%C3%9F,_Heinrich_von&oldid=- (Version vom 25. Juni 2019, 20:09 Uhr UTC)
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Heß: Heinrich von H., Historienmaler und Professor an der Münchener Akademie, geb. den 19. April 1798, gest. den 29. März 1863, einer der berühmtesten Meister der Cornelianischen Epoche, ist der zweite Sohn des kurpfälzischen Hofkupferstechers K. E. Ch. H. in Düsseldorf. Da der Vater schon 1806 nach München übersiedelte, so empfing der Sohn bei sehr früh hervortretender Neigung zur Kunst dort den ersten Unterricht und zwar von diesem selber, der ein sehr strenger Zeichner, sich eben damals mit besonderer Liebe den Altdeutschen zugewendet hatte, auf die er also auch Heinrich wie den älteren Bruder Peter hinwies. Obwohl dann Heinrich bald die unter des Eklektikers Peter von Langer’s Leitung stehende Akademie besuchte, so zeigen doch schon seine frühesten Arbeiten die bestimmte Hinneigung zur romantischen Schule, besonders zu Overbek. Das empörte den Akademiedirector so, daß er ihn von der Anstalt verwies, obwohl er sich so rasch entwickelte, daß er schon in seinem siebzehnten Jahre eine sehr rührende Grablegung und einen St. Lucas, dann im achtzehnten jenes berühmte Gemälde von Glaube, Hoffnung und Liebe in der Leuchtenbergischen Galerie malte, eine für dieses frühe Alter und das so schwache technische [279] Vermögen jener Zeit höchst auffallende Leistung, welche die größten Erwartungen erregen mußte. Ihr folgten noch einige andere, so jene liebenswürdige Magdalena und eine heilige Familie. H. ging nun mit einem königlichen Stipendium 1821 nach Italien und blieb vier Jahre in Rom, wo er sich an die Nazarener wohl im Allgemeinen anschloß, aber doch im Ganzen eine mehr selbständige Stellung behauptete, vor Allem Raphael studirte, überdies auch als geborener Katholik niemals jenen fanatischen Glaubenseifer entfaltete, welcher das unterscheidende Moment der Convertiten war, und daher auch keineswegs bloß religiöse Bilder malte. So hat man auch eine Anzahl Porträte aus dieser Zeit von ihm, z. B. Thorwaldsen und die bekannte Freundin König Ludwigs, Gräfin Florenzi. Bunt und hart gibt besonders sie gerade keine glänzende Vorstellung von seiner Befähigung zu dieser Kunstgattung. Weit bedeutender ist der für den Prinzen Karl von Baiern in Rom ausgeführte Parnaß, der in lebensgroßen Figuren Apoll inmitten der neun Musen die Leier spielend zeigt. Die stehende Figur des Gottes ist glücklich erfunden und verhältnißmäßig für jene Zeit gut modellirt, auch zeigt sie wie die Musen überall die Einwirkung Raphael’s. Weniger freilich Originalität und frisches Lebensgefühl. Störend wirkt auch die bunte und schwere Colorirung besonders der Gewänder der Musen, die der grauen Töne in den Uebergängen ebenso entbehrt, als der unbestimmten überhaupt, und dadurch etwas unangenehm Gläsernes erhält. Ebenso findet sich in den Köpfen wenig Individualisirung. Dennoch ist das Ganze eine überaus achtbare Leistung für einen so jungen Mann. Ein um diese Zeit entstandener Weihnachtsabend, wo die Engel das Christkind durch die Lüfte tragen, sowie eine Madonna mit dem Kinde und zwei musizirenden Engeln voll edlen Gefühls zeigt H. den technischen Erfordernissen der Oelmalerei ebenfalls besser gewachsen als seine meisten Richtungsgenossen und man nimmt wiederum den vortheilhaften Einfluß der Altitaliener wie des Raphael wahr. In solchen Vorwürfen, die er mit Innigkeit und schönem Stylgefühl durchbildet, wirkt er denn auch am wohlthuendsten. Allen Extremen abgeneigt, kühl und verständig strebt der Maler nach einer harmonischeren Ausbildung seiner Fähigkeiten als die übrigen Glieder der Schule, und erreicht sie auch. Das sollte sich jetzt zeigen, als er 1826 in Rom durch Cornelius den Ruf als Professor an die Münchener Akademie erhielt, wo man ihm alsbald die Leitung der Malklasse übertrug, als demjenigen der nach dieser Seite hin immer noch am wenigsten sündigte. König Ludwig bestellte bei ihm nun Cartons für Glasgemälde im Regensburger Dom und 1827 die Ausmalung der durch Klenze eben im Styl der Markuskirche gebauten Allerheiligenkapelle mit Fresken. Dieselben bringen in der einen Kuppel Einzelfiguren und Scenen aus dem neuen Testament, und entsprechende aus dem alten in der zweiten. Im Halbrund der Apsis sind dann in kolossalen Figuren die Dreieinigkeit, unter ihr Maria auf dem Thron, Heilige und Propheten dargestellt. Unterstützt von mehrereren Schülern hat H. diese höchst umfangreiche Arbeit mit bemerkenswerther Energie in zehn Jahren glücklich zu Ende geführt. Die durch seine Malereien geschmückte Kirche macht einen harmonischeren und wohlthuenderen Eindruck als die meisten modernen dieser Art, wozu allerdings viel beiträgt, daß sämmtliche Gemälde durch Goldgrund verbunden sind. – Sich im Styl eng an die großen Italiener, vor allem an Raphael anschließend, aber auch Einflüsse von Michel Angelo und den besseren Mosaiken der Markuskirche zeigend weiß H. auch hier seinen Madonnen und Engeln viel fromme Lieblichkeit zu geben, und bleibt immer angemessen wenn auch selten überraschend. Nie eigentlich erhaben und gewaltig, ja etwas fast Bürgerliches im Gegensatz zum Adel des Overbek zeigend, wirkt er doch wohlthuend durch den schönen Ernst und die verhältnißmäßige Seltenheit des Eckigen und Harten, was die Schule oft so ungenießbar [280] macht. Die Farbe ist freilich auch hier noch schwer und der neutralen Töne entbehrend zu bunt, wie das einmal im Geschmack der ganzen Periode lag. Am gelungensten ist die Apsis, dann die Auferstehung Christi, eine Madonna in trono in einer Seitenkapelle u. A. m., sämmtlich durch ihr sicheres Stylgefühl durchaus ansprechende, wenn auch durch keine besondere Eigenthümlichkeit frappirende Schöpfungen. Ueberdieß waren in der Allerheiligenkapelle die italienischen Erinnerungen bei H. noch lebendig und wirken so wohlthätig ein, daß man sie wenn auch keineswegs die bedeutendste, doch jedenfalls die in sich vollendetste Schöpfung der Münchener Schule jener Zeit nennen kann. Dieselbe war kaum fertig, so mußte H. mit seinen Schülern, unter denen sich besonders Schraudolph und Fischer hervorthaten, die von Ziebland eben fertig gestellte Basilika des heiligen Bonifacius mit Gemälden aus dem Leben des Heiligen im Schiff verzieren, während die Apsis die Darstellung des Welterlösers in der Mandorla enthält und einige Kapellen besonderen Heiligen vorbehalten blieben. Ebenso wurde die obere Wandfläche des Schiffs mit Scenen verziert, welche die Einführung des Christenthums in Deutschland vom 3. bis 9. Jahrhundert darstellen. Diese Bilder zeigen allerdings einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Freskotechnik, die H. jetzt mit sehr anerkennenswerther Gewandtheit handhabte. – Dafür werden die herben Farben zu oft durch süße ersetzt, und die der ganzen Schule eigene Gewohnheit selbst die tiefsten Localfarben durch das Licht aufheben zu lassen nimmt der Malerei das Ernste und Stimmungsvolle in etwas. – Dennoch dürften diese Gemälde bis heute kaum durch technisch vollendetere Fresken überboten worden sein. Freilich tritt hier der Schulcharakter, der Devotion und Salbung, ja selbst Sentimentalität an die Stelle ächten Naturgefühls, tiefer Ueberzeugung setzt und selbst ein zeitweiliges Kokettiren mit einem schwächlichen Realismus nicht verschmäht mehr heraus als eine schlagende Eigenthümlichkeit. In dieser Beziehung bleibt H. hinter Cornelius und Overbek, wie Führich weit zurück, und seine große Schule hat diesen Hang zum Conventionellen dann noch bis ins Banalste getrieben.

Nach der Vollendung dieser großen Arbeit, 1838, der er noch ein Abendmahl im Refectorium des anstoßenden Benedictinerklosters als nahezu beste Composition hinzufügte, kehrte H. wieder zur Oelmalerei zurück. Seine bedeutendste Leistung in derselben ist eine kolossale Madonna in trono mit Heiligen, eine sogenannte Santa Conversazione, welche ihn auf einer überaus achtbaren Stufe technischer Ausbildung und sicheren Stylgefühls zeigt, und unter sämmtlichen Productionen dieser Art in der Neuen Pinakothek einen höchst ehrenvollen Platz einnimmt, von keiner überboten wird. Besonders glücklich ist auch hier das was ihm immer am besten gerieth, die Darstellung edelster Weiblichkeit in der Madonna gelungen, auch die verschiedenen Kirchenväter bilden eine sehr respectable Gesellschaft, der Maler ist des großen Styls in der Malerei vollkommen mächtig. Aber die Gluth der Umbrier oder Raphael’s Gewalt sind hier freilich zu kühlerer Temperatur, zu einer Art Frühnebel verflüchtigt, in welchem die Gestalten nicht zu voller Lebenskraft kommen, sondern mehr etwas Traumhaftes erhalten, die milde Würde muß überall Begeisterung und Erhabenheit, oder die Tiefe der Empfindung ersetzen. Das ist nun noch auffallender bei einem nicht fertig gewordenen Abendmahl, einer Composition, die sich in ihrer Anordnung von der herkömmlichen wesentlich entfernt und die allgemein menschliche Wahrheit durch ein mehr rituales Motiv, die Stiftung des Abendmahls ersetzt. Ehe er sie vollenden konnte, starb der Künstler.

H. hat der verhältnißmäßig harmonischen Vollendung seiner Werke halber eine sehr große Schule gehabt, in der außer Schraudolph noch J. B. Müller und der Tyroler Mader am ehesten zu erwähnen wären, während der bedeutendste [281] seiner Schüler J. A. Fischer bald selbständigere Bahnen einschlug, und sich von ihrer oft unleidlichen Banalität und bäurischem Wesen wieder entfernte. Dasselbe stand indes in einem unläugbaren Zusammenhange mit der modern ultramontanen Partei, als einer wesentlich vom Bauernstand getragenen, dient ihren Anschauungen zum Ausdruck, – während H. selber in seiner Production mehr etwas Bürgerliches hat, im Leben durch seinen überaus achtbaren, lehrhaften und reflectirenden Charakter zum Professor geboren war.