ADB:Hensel, Wilhelm

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Artikel „Hensel, Wilhelm und Fanny“ von Joseph Eduard Wessely, Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 3–6, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hensel,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 11. Dezember 2019, 06:08 Uhr UTC)
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Band 12 (1880), S. 3–6 (Quelle).
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Hensel: Wilhelm H. und Fanny H., geb. Mendelssohn-Bartholdy. Wilhelm H., der Sohn eines Landpredigers, ward zu Trebbin in der Mark am 6. Juli 1794 geboren. Der Vater ward bald hernach nach Linum in der Mark versetzt. Der Knabe zeigte früh Talent und Hang zur Malerei; aber es fehlten die Mittel für diese Laufbahn; er mußte sich entschließen, als er mit 14 Jahren nach Berlin kam, das Bergfach zu ergreifen. Ein Kunstkenner jedoch, der die Anlage des Knaben aus seinen autodidactischen Zeichnungen erkannte, gewährte für einige Jahre die Mittel zum Kunststudium. Bald aber mußte der junge Kunstschüler (sein Vater starb und die Mutter mit ihren [4] Töchtern war in dürftigen Umständen) seine Uebung schon zum Gelderwerb verwenden. Angestrengt arbeitend, die Nächte zu Hülfe nehmend, trug er durch Illustrationen und Radirungen zum Unterhalt der Seinigen bei. 1812 debütirte er auf der Berliner Ausstellung mit einem phantastischen Porträtbilde; es stellt den Kaiser Alexander als h. Michael und Napoleon als Lucifer dar. 1813 dem Rufe des Königs folgend, machte er beide große Feldzüge mit. Dann folgten für ihn, bei der Dürre der damaligen Kunstzustände in Deutschland Jahre der sorgenvollsten Mühe ums tägliche Brot. Freunde wie Tieck, Arnim, Chamisso riethen ihm zu, sich vielmehr ganz der Ausbildung seines nicht unbedeutenden poetischen Talentes zu widmen. Aber die Liebe zur darstellenden Kunst ließ ihn nicht los. Endlich lenkte eine größere Arbeit, die ein glücklicher Zufall ihm zuführte, die Augen auf ihn. Im Januar 1821 wurden zur Feier der Anwesenheit des Großfürsten Thronfolgers Nikolaus in Berlin bei Hofe lebende Bilder nach Lalla-Rookh gestellt und von H. arrangirt. Sie fielen so schön aus, daß der König ihn beauftragte, sie für die Großfürstin durch Zeichnungen festzuhalten. Bald wanderte Alles zum Atelier Hensels, um sein Werk zu sehen. Unter den Beschauern erschien auch die ihm bis dahin unbekannte Fanny Mendelssohn mit ihrer Familie.

Fanny war als das älteste Kind ihrer Eltern (vgl. den Artikel Felix Mendelssohn-Bartholdy) am 15. Novbr. 1805 in Hamburg geboren, mit „Bach’schen Fugenfingern“, wie die Mutter meinte. Dies Scherzwort bewahrheitete sich, denn das geistig in jeder Hinsicht bedeutende Kind entwickelte früh ein ungewöhnliches musikalisches Talent, welches zuerst durch den Unterricht der Mutter, dann (die Eltern waren 1811 nach Berlin übergesiedelt) durch den Ludwig Bergers (s. Bd. II S. 380) und zuletzt Zelters zu künstlerischer Reife entwickelt wurde. Doch war es nicht die Absicht des Vaters, auch das Mädchen – wie den 3½ Jahre jüngeren Felix – zur Künstlerin von Beruf zu erziehen; an der Tochter galt ihm die Erziehung des Charakters und der Hausfrau als das Wesentliche und sie selbst, obwol dem Bruder ebenbürtig an Begabung und Schulung, begehrte doch nichts Anderes, als bescheiden in den Schranken zu bleiben, die die Natur den Frauen gesetzt hat. Daß auch sie, wie Felix, christlich erzogen ward, war das Werk ihres Mutterbruders Bartholdy (der, was zu berichten Bd. II S. 107 versäumt ist, diesen Zunamen statt seines Geburtsnamen Salomon annahm, als er selbst 1805 zum Christenthum übertrat). Schon 1820 erfreute Fanny den auf Reisen befindlichen Vater durch Uebersendung ihrer „neuesten Lieder“ und Goethe, dem Felix im gleichen Jahre ihre Lieder bekannt machte, dankte ihr dafür mit einem Liedchen (mitgetheilt in Fam. Mendelss. I S. 102).

Zwischen dem jungen Maler und ihr entspann sich seit jenem Besuch in seinem Atelier bald ein inniges Verhältniß. Die Lalla-Rookh Bilder hatten ihm aber noch ein weiteres Glück gebracht: ein Reisestipendium nach Italien auf 5 Jahre mit dem Auftrag, dort eine Copie der Raphael’schen Transfiguration zu malen. Eine Verlobung vor seiner Abreise wollten Fannys Eltern nicht zugeben, theils wegen seiner noch so unsicheren Lage, theils weil sie an ihm eine gewisse katholisirende Richtung, im Geiste der damaligen Romantiker, scheuten. Doch ward, nachdem er 1823 abgereist war, die Verbindung durch eine Correspondenz mit der Mutter aufrecht erhalten und Fanny, im Herzen gebunden, erwartete treu seine Rückkehr. – H. malte in Italien neben der Transfiguration (jetzt im Raphaelsaal zu Sanssouci) und viel eifrigen Studien namentlich seinen „Christus und die Samariterin“ (jetzt in Schloß Bellevue bei Berlin) und das historische Gemälde: „Viktoria Caldoni nimmt Abschied von den Ihrigen beim Eintritt in das Kloster“.

[5] H. kehrte im Octbr. 1828 nach Berlin zurück; am 22. Januar 1829 fand die Verlobung, am 3. Octbr. die Trauung statt. Das junge Paar bezog einen Theil des elterlichen Hauses, Leipzigerstraße Nr. 3 (das jetzige Herrenhaus) und bildete seitdem einen Theil jenes glücklichen Familienverbandes, von dem uns in der „Familie Mendelssohn“ (s. u.) ein so anziehendes und gehaltvolles Bild vorliegt. Um die durch innigste wechselseitige Liebe und Verehrung verbundenen Familien sammelte sich in dem reichen Hause Alles, was in Berlin an hervorragenden Erscheinungen der Kunst und auch der Wissenschaft zusammenströmte. Wenn gleich Fannys Kunstübung sich innerhalb der Schranken des Hauses hielt, so fehlte es ihr doch nicht an bedeutenden Wirkungen in die Oeffentlichkeit hinaus. Sie war nicht nur eine Meisterin auf dem Clavier, besonders im Vortrage classischer (namentlich Bach’scher) Musik, sondern zugleich eine ausgezeichnete Chordirigentin. Für die Musiken, welche während einer langen Reihe von Jahren an den Sonntagmittagen im Hensel’schen Hause stattfanden und an denen als Hörer theilnehmen zu dürfen sich die Berliner Welt zur Ehre rechnete, wußte sie die ausgezeichnetsten musikalischen Kräfte Berlins zu gewinnen. Hier wurden nicht nur die Compositionen ihres Bruders zuerst gehört, sondern namentlich auch ältere Musik, Werke von Bach, von Gluck in meisterhafter Ausführung vorgetragen. Auch Fannys eigene Compositionen fanden reichen Beifall, nicht zum Wenigsten bei ihrem Bruder. So schreibt ihr dieser von München aus (1830) in Beziehung auf ihre Compositionen: „Du weißt aber wahrhaftig, was sich der liebe Gott bei der Musik gedacht hat, als er sie erfand“. Gleichwol mahnte er die Schwester von dem Druckenlassen ab; in einem Brief an die Mutter (2. Juni 1837) schreibt er darüber: „ihr zureden, etwas zu publiciren, kann ich nicht, weil es gegen meine Ansicht und Ueberzeugung ist, ich halte das Publiciren für etwas Ernsthaftes (es sollte das wenigstens sein) und glaube man soll es nur thun, wenn man als Autor sein Leben lang auftreten und dastehen will. Dazu gehört aber eine Reihe von Werken, eines nach dem anderen; von einem oder zweien allein ist nur Verdruß von der Oeffentlichkeit zu erwarten, oder es wird ein sogenanntes Manuscript für Freunde, was ich auch nicht liebe“. Wohl aber veröffentlichte er einige ihrer Lieder, die er besonders liebte, ohne Nennung ihres Namens unter seinen eigenen Liedern (Op. 8. Nr. 2 Heimweh; Nr. 3 Italien; Nr. 12 Suleika und Hatem; Op. 9. Nr. 7 Sehnsucht; Nr. 10 Verlust; Nr. 12 Nonne). Erst viel später hat Fanny (nach einem s. Z. viel gesungenen Liede in einem Schlesinger’schen Album von 1837) auf immer erneutes Zureden der Freunde einige Hefte ihrer Lieder veröffentlicht und dann auch in gewissem Sinne den vom Bruder geweissagten Verdruß damit geerntet, denn das größere Publikum fand sie seinen gespannten Erwartungen nicht entsprechend.

Während des abendlichen Musicirens der Familie pflegte sich der selbst – ausübend wenigstens – völlig unmusikalisch war, auf seinem Gebiete künstlerisch zu betheiligen, indem er an seinem Portraitalbum zeichnete: einer Sammlung von Köpfen mit Blei oder farbigen Stiften gezeichnet, in die er daheim und auf Reisen alles aufnahm, was ihm an Freunden und merkwürdigen Menschen begegnete. Diese Bilder, anfangs etwas scharf und trocken, bei steigender Virtuosität immer weicher und zierlicher ausgeführt, in der materiellen Aehnlichkeit allerdings häufig durch einen Hang zum Idealisiren beeinträchtigt, waren bis zu seinem Tode weit über die Zahl von Tausend gestiegen. Ueber einen Zeitraum von fast 50 Jahren reichend, bilden sie zugleich eine lehrreiche Gallerie von Costümebildern. Die interessante Sammlung ist jetzt dem Königl. Kupferstichcabinet eingereiht. Er malte auch sonst viel Portraits, arbeitete überhaupt sehr fleißig. Das Portrait seines Schwagers Felix v. J. 1830 ward [6] von J. Caspar, sein Bild „Mirjams Lobgesang“ von H. Bourne gestochen. Letzteres Bild kaufte 1838 die Königin Victoria und H. mußte seine Mirjam in veränderter Composition für England nochmals malen. Die Königin von England besitzt noch manche andere seiner Bilder. Im Winter 1837–38 vollendete er einen „Christus in der Wüste“.

Das glückliche Leben in Berlin ward nur durch einige erfrischende Reisen unterbrochen. 1835 reiste das Ehepaar zum Kölner Musikfest, nach Paris, Boulogne und durch Belgien zurück. 1838 war H. in London, wo u. A. Lord Egerton bei ihm das sehr bekannt gewordene große Bild bestellte, welches den Herzog von Braunschweig am Vorabend der Schlacht von Quatrebas auf dem Balle in Brüssel darstellt. Im September 1839 reiste das Ehepaar nach Italien um dort, hauptsächlich in Rom, den Winter zuzubringen im anregendsten Verkehr hauptsächlich mit den Künstlern der französischen Academie. H. neigte sich überhaupt mit Vorliebe der französischen und belgischen Malerei zu. Unter den Musikern, mit denen man verkehrte, war auch der junge Gounod, von dessen Talent und genialischem Wesen Fanny, auch bei später in Berlin fortgesetzter Bekanntschaft mit großen Erwartungen spricht. Aus Rom schreibt sie einmal über ihn: hyperromantisch und leidenschaftlich; dem fällt nun die Bekanntschaft mit deutscher Musik (durch ihr Spiel) wie eine Bombe ins Haus; möglich daß sie großen Schaden anrichtet.

Dem Vater Mendelssohn-Bartholdy, der 1835 starb, folgte die Mutter 1842 im Tode nach. So löste sich das äußere Band, welches die Familie bis dahin so fest umschlossen hielt. Doch folgten auch dann noch sonnig heitere Jahre; auch noch (vom 2. Jan. bis 2. Aug. 1845) eine zweite Reise nach Italien, über der jedoch von Anfang an ein Schleier lag, weil sie durch die Sorge um Fannys Schwester Rebecca und deren Gatten Dirichlet (Bd. V S. 251) veranlaßt ward, die beide in Italien erkrankt waren. Dann aber zertrümmerte unerwartet rasch der Tod die Grundpfeiler dieses schönen Lebensglückes: am 17. Mai 1847 erkrankte Fanny plötzlich während einer Probe für die nächste Sonntagsmusik; Nachts 11 Uhr schon war sie eine Leiche: ein Bluterguß ins Gehirn hatte sie getödtet. Sie war eine Frau ebenso reich an Gemüth, wie ausgezeichnet durch Geist und vielseitige Bildung. Schroffer in ihrem Wesen, als ihr Bruder Felix, oft von unbequemer Aufrichtigkeit und gegen solche, die ihr unsympathisch waren, auch manchmal ungerecht, erschien sie Fremden leicht schroff und kalt. Wie wenig sie beides in Wahrheit war, dafür liegen jetzt in den Briefen und Tagebüchern des Hauses Mendelssohn die schönsten Zeugnisse vor. Sie war zugleich voll Witzes und oft derben Humors.

Der Gatte überlebte sie noch 14 Jahre; aber sein Leben war zerstört, sein Muth und seine Künstlerkraft richteten sich nicht wieder auf. Er suchte als ein leidenschaftlicher Feind der Revolution Zerstreuung in politischer Aufregung, in publicistischer und schriftstellerischer Thätigkeit; sein verödetes Atelier betrat er kaum wieder. Am 26. Novbr. 1861 machte ein Akt der Nächstenliebe seinem Leben ein Ende: er wollte einem, aus dem Omnibus steigenden Mann beispringen, fiel aber dabei selbst und erlitt eine gefährliche Verwundung.

H. war Hofmaler, Professor, Mitglied des academischen Senates, geschmückt mit zahlreichen Orden; im Publikum berühmt, fast berüchtigt für seinen immer spielenden echt Berliner Witz. Nach seinen Bildern sind außer den genannten u. A. noch folgende Stiche erschienen: Bildniß seiner Gattin (von E. Mandel), Diesterwegs (von Eichens), de La Motte Fouqués (von Fleischmann). Von seinen Dichtungen ist nur Einzelnes erschienen.

Vgl. S. Hensel: Die Familie Mendelssohn 1729–1847. Nach Briefen und Tagebüchern. Bd. I–III. Berlin 1879.