ADB:Johann Casimir (Pfalzgraf bei Rhein)

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Artikel „Johann Casimir, Pfalzgraf bei Rhein“ von Friedrich von Bezold in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 307–314, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Johann_Casimir_(Pfalzgraf_bei_Rhein)&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 21:10 Uhr UTC)
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Johann Casimir, Pfalzgraf bei Rhein, Administrator der Kur 1583–92, wurde am 7. März 1543 zu Simmern geboren; er war der vierte Sohn des Pfalzgrafen Friedrich von Simmern von seiner Gemahlin Marie, einer Tochter des Markgrafen Casimir von Brandenburg. Schon Zeitgenossen fanden, J. C., der Neffe des berüchtigten Albrecht Alcibiades, könne sein „markgräfliches Geblüt“ nicht verleugnen. Dem lebhaften Knaben sagte es jedenfalls vortrefflich zu, daß der Vater ihm die gelehrte Erziehung ersparte, die er seinen übrigen Söhnen zu Theil werden ließ. J. C. wuchs unter den glänzenden Eindrücken der Höfe von Paris und Nancy heran, wo er sich neben den ritterlichen Fertigkeiten französische Sprache und Umgangsformen aneignete; die Eleganz seines Auftretens, selbst von Franzosen anerkannt, hinderte ihn übrigens nicht, frühzeitig auch die deutsche Hofsitte des virtuosen Trinkens zu pflegen. Nicht ohne Einfluß auf sein späteres Leben blieb die innige Freundschaft, die er damals mit dem jungen Karl von Lothringen schloß; um dessen Schwester Renata hat er jahrelang vergebens geworben. Als der junge Fürst, Freier einer katholischen Prinzessin und den Kopf voll Kriegsgedanken, an den heimischen Hof zurückkehrte, fand er den inzwischen zur Kurwürde gelangten Vater tief in theologische Händel verstrickt. Friedrichs Entscheidung für die reformirte Lehre stieß nicht am Wenigsten in seiner eigenen Familie auf heftigen Widerspruch. J. C. hatte keine theologische Ader; er nennt sich selbst einmal einen armen Reitersknaben, der von Jugend auf gern Wein getrunken. Während der Kurprinz Ludwig unerschütterlich am reinen Lutherthum festhielt, scheint der jüngere Sohn sich ohne besondere Schwierigkeiten dem Vater angeschlossen zu haben, dessen erklärter Liebling er wurde. Seit seinem 21. Jahr erscheint er bereits als politischer Vertreter des frommen Kurfürsten. Die allbekannte Erzählung freilich, daß er seinem Vater bei dessen berühmter Verantwortung vor Kaiser und Reich auf dem Augsburger Tage (14. Mai 1566) als „geistlicher Waffenträger“ zur Seite gestanden sei, beruht auf einem Irrthum; der junge Pfalzgraf war nicht in jener Reichsversammlung, wol aber in der Sonderversammlung der Augsburger Confessionsverwandten vom 24. Mai mit Bibel und Augsburger Confession gegenwärtig. Daß er nach dem Tode des Vaters am Heidelberger Bekenntniß festhielt und damit den Fortbestand der deutsch-reformirten Kirche sicherte, gereicht ihm gewiß zur Ehre und rechtfertigt allein seinen Wahlspruch: Constanter et sincere, mit dem sonst die Geschichte seiner Politik wenig im Einklang steht. Laut seinen eigenen Aufzeichnungen betrachtete J. C., grundverschieden von seinem Vater, dieses Festhalten am Bekenntniß nicht etwa einfach als Gewissenssache, sondern ausdrücklich auch als eine Forderung der Ehre, der kindlichen Pietät und der Klugheit. Trotz dieses innerlichen Gegensatzes zu der streng calvinistischen Hofpartei, der ihn im Streit über die Einführung der Kirchenzucht auf die Seite der Opposition führte, brachte die Politik den soldatischen Pfalzgrafen und die einflußreichsten Berather des Kurfürsten, Ehem und Zuleger, unabweislich in enge Verbindung. Es war das erste Resultat der jetzt in Heidelberg herrschenden kriegerischen Unionspolitik, daß im Winter 1567/68 der junge „Kriegsfürst“ den bedrängtent Hugenotten ein deutsches Hülfsheer zuführte und zu einem verhältnißmäßig günstigen Frieden verhalf. Für ihn selbst wurde dieser Erfolg verhängnißvoll, da die ihm geschuldeten Soldrückstände nicht rechtzeitig aufzubringen waren, blieb er der ständige Gläubiger der Krone Frankreich und überdies war sein brennender Ehrgeiz, dem Condé und Coligny nicht genug Rechnung getragen hatten, nur gereizt, nicht befriedigt worden. Nach seiner Rückkehr verlobte ihm [308] der mächtigste lutherische Reichsfürst, August von Sachsen, seine älteste Tochter Elisabeth; J. C. trug kein Bedenken, die Hand der schönen Prinzessin durch eine zweideutige Erklärung über seine Auffassung der Abendmahlslehre zu erkaufen, ein Handel, in welchen selbst der glaubenseifrige Friedrich willigte und der freilich zunächst dem deutschen Protestantismus zu Gute kam. Die Hochzeit Johann Casimir’s, die im Juni 1570 während des Speierer Reichstags gefeiert wurde, galt den Katholischen geradezu als eine antihabsburgische Demonstration, als ein „Gegenreichstag“ der vereinigten Evangelischen. In Wahrheit ließ sich Kurfürst August durch die Verschwägerung nicht aus seinen conservativen Bahnen verführen, hinderte vielmehr stets die weitergehenden Pläne der Pfälzer, die sich vergebens um eine protestantische Union mit England (1569), dann um ein Defensivbündniß mit Frankreich (1571/72) bemühten, und kehrte nach der Bartholomäusnacht wieder ganz zu seiner alten Freundschaft mit Habsburg zurück. J. C. selbst, der mit seiner streng lutherischen Gemahlin und den mißtrauischen Schwiegereltern bald in ärgerliche Spannung gerieth, trug, ohne es zu wollen, zur völligen Entlarvung und zum kläglichen Sturz der den Pfälzern freundlich gesinnten Partei in Sachsen, der sogenannten „Kryptocalvinisten“ bei; die Familienverbindung mit Pfalz, die August jetzt ganz offen bereute, verschärfte nur den Riß (1574). In Heidelberg freilich stieg, seitdem die bisherige Rücksicht auf Sachsen mehr und mehr in Wegfall kam, Johann Casimirs Einfluß zusehends und er wuchs mit seinem Anhang von kühnen Parteigängern nicht nur dem politisch unselbständigen Kurfürsten, sondern auch dessen vornehmsten Räthen und Theologen über den Kopf. Durch seine Vermittlung fanden die Unterhändler der französischen Regierung bald nach der Bartholomäusnacht wieder Zutritt am Heidelberger Hofe und im J. 1573 kam es dort sogar zu Verhandlungen über die Eventualität einer französischen Kaiserwahl. Die Franzosen erreichten dabei ihren nächsten Zweck, dem zum König von Polen gewählten Heinrich von Anjou den Weg durchs Reich zu sichern. Zur Annahme einer französischen Pension ließ sich J. C. nicht bewegen, vielmehr knüpften die Pfälzer gleichzeitig mit der Oppositionspartei in Frankreich an, mit deren Hülfe der unternehmende Bruder Oraniens, Ludwig von Nassau, die spanische Herrschaft in den Niederlanden und das Regiment der Medicäerin zu stürzen, ja sogar in Westdeutschland eine großartige Säcularisation, vor Allem des Erzstifts Köln durchzuführen dachte. J. C. und sein jüngerer Bruder Christoph offenbarten ihre Verbindung mit den Nassauern deutlich genug, als sie (October 1573) einen unter kaiserlichem Geleite stehenden Pulvertransport, der nach den Niederlanden ging, zerstörten. Kurz darauf fand Christoph, der begabteste von Friedrichs Söhnen, an der Seite der nassauischen Brüder den Heldentod auf der Mooker Haide (April 1574), während Johann Casimirs Aufmerksamkeit sich wieder ganz den französischen Verwickelungen zuwandte. Der erste Hülfsvertrag, den er nach Karls IX. Tod mit dem Prinzen Heinrich von Condé und dessen Verbündeten schloß und der ihm die Einräumung der dem Reich entzogenen Stifter Metz, Toul und Verdun versprach (1. Juni 1574), wurde durch die Rückkehr des Thronerben Heinrich aus Polen hinfällig; in einem neuen Vertrag (November 1575) ließ sich der Pfalzgraf für seine Theilnahme am französischen Bürgerkrieg wenigstens das Gouvernement der drei Stifter von den Bundesgenossen zusagen, die sich, wenn auch widerwillig, seinen Bedingungen bequemen mußten. Johann Casimirs zweiter französischer Feldzug (1575/76), im Verein mit Alençon und den Hugenotten unternommen, führte zu einem für Letztere sehr günstigen Frieden (Mai 1576), der jedoch die Hauptforderung des Pfalzgrafen unerfüllt ließ und ihn mit einträglichen Besitzungen in Frankreich sowie mit königlicher Pension und Bestallung abfand; Kurfürst Friedrich selbst hatte dem Sohn zum Verzicht auf jene allzuharte Bedingung gerathen. Während die Pfälzer ihren siegreichen [309] „Josua“ in den Himmel erhoben und J. C. bereits an einen neuen Feldzug in die Niederlande dachte, hatte, abgesehen von dem begreiflichen Haß der französischen Regierung und der von seinen Soldaten schrecklich mißhandelten Bevölkerung, sein offenkundiger Eigennutz auch bei vielen Hugenotten einen übeln Eindruck hinterlassen; selbst die protestantischen Schweizer waren durch das herrische Auftreten seiner Kriegscommissare stark verletzt worden. Auf den Bestand des französischen Friedens aber war so wenig zu hoffen wie auf die pünktliche und vollständige Bezahlung der deutschen Truppen. Der plötzliche Tod Kurfürst Friedrichs (26. October 1576) versetzte den nachgerade in Heidelberg allmächtigen Pfalzgrafen in die schwierigste Lage. Sein älterer Bruder Ludwig, der Erbe der Kur, hatte seit Jahren als Statthalter der lutherischen Oberpfalz gegen die Heidelberger Regierung frondirt und ging jetzt, ohne Rücksicht auf das väterliche Testament, eifrig ans Werk, die untere Pfalz von dem „bösen Gift“ des Calvinisms wieder zu reinigen. Die Stellung Johann Casimirs, auf dessen Abfall vom Bekenntniß des Vaters die Lutheraner hofften, wurde noch durch die Thatsache erschwert, daß Friedrich am Tage vor seinem Tode ein für den jüngeren Sohn vortheilhaftes Codicill errichtet hatte; in den confessionellen Hader der Brüder mischte sich eine unerquickliche Auseinandersetzung über den Besitzstand, und nachdem J. C. im August 1577 das streitige Neustadt an der Hardt mit gewehrter Hand weggenommen hatte, schien der Bruderkrieg bevorzustehen. Erst im Januar 1578 erfolgte ein friedlicher Austrag, nachdem Johann Casimirs Gemahlin die Versöhnung der Feindseligen glücklich zu Stande gebracht hatte. Die Brüder versprachen sich in Sachen der Religion gegenseitige Duldung und sogar Vertheidigung gegen etwaige Angriffe; die Aemter Kaiserslautern, Neustadt und Böckelheim, die nebst ein paar oberpfälzischen Stücken J. C. zufielen, wurden auf Jahre hinaus ein Asyl für die aus der Kurpfalz vertriebenen Reformirten. In dem Neustädter Casimirianum schuf der Pfalzgraf eine Art von Ersatz für die der lutherischen Reaction preisgegebene Universität Heidelberg und der materielle Aufschwung Frankenthals und anderer von niederländischen Calvinisten besiedelter Orte zeugte für die Rührigkeit des neuen Landesherrn. Noch während des Bruderstreits hatte er die im väterlichen Testament enthaltene Confession veröffentlicht (Februar 1577) und durch den von England, den Niederländern, Hugenotten, ungarischen und polnischen Evangelischen beschickten Convent zu Frankfurt (September 1577) der von den Lutheranern betriebenen exclusiven „Concordia“ eine Vereinigung aller freieren Elemente des Protestantismus entgegenzusetzen versucht. Trotz seiner höchst bescheidenen Einkünfte war der Pfalzgraf weit entfernt sich auf diese friedliche Fortsetzung und Erhaltung des väterlichen Werkes zu beschränken; an seinem kleinen Hof drängten sich vielmehr unausgesetzt die kriegerischen Projecte und die casimirische Politik, deren eigentliche Seele Johann Casimirs Liebling, der kecke Mömpelgarder Dr. Beutterich wurde, gerieth durch das Mißverhältniß ihrer Ziele und ihrer materiellen Mittel auf höchst bedenkliche Wege. Als der Einfluß der in Frankreich aufkommenden katholischen Liga den Frieden von 1576 umstieß und der König seinen finanziellen Verpflichtungen gegen die deutschen Truppen nicht ordentlich nachkam, ließ J. C. seinen Protest hiergegen und die förmliche Aufkündigung aller ihm gewordenen Verleihungen durch Beutterich in einer Sprache anbringen, die dem König und seinem Hof wol unerhört vorkommen durfte. Ohne sich um die Rachedrohungen der Franzosen viel zu kümmern, betrieb J. C. ein Bündniß mit England und den niederländischen Staaten, denen er vermittelst englischer Subsidien ein Hülfsheer gegen Don Juan d’Austria zuführte (1578). Sein Eingreifen brachte freilich den Niederländern keinen Nutzen und ihm selbst wenig Ruhm. Während die über Erwarten starke Zahl seiner Truppen sogleich finanzielle Schwierigkeiten hervorrief, brachte sein eigenes Mißtrauen gegen Oranien und seine Unlust sich [310] dem bereits vorhandenen Obercommando unterzuordnen, vereint mit dem gleichzeitigen Einmarsch Alençons eine chaotische Verwirrung hervor. J. C., der sich von Oranien und den Staaten sogar persönlich bedroht glaubte, verließ die Armee und warf sich mit wenigen Reitern nach Gent, wo er gestützt auf die radikal calvinistische Partei Sonderpolitik zu treiben anfing. Er war dabei ganz in den Händen seiner Räthe, vor Allem Beutterich’s, der ein giftiges Libell gegen Alençon losließ, und des Fanatikers Dathenus, der Oranien für einen Atheisten erklärte; die Erwerbung der Grafschaft Flandern für J. C. scheint ihnen als nächstes Ziel vorgeschwebt zu haben. Von Königin Elisabeth gründlich desavouirt und in Gent durch Oranien selbst unmöglich gemacht, überließ der Pfalzgraf seine unbezahlten Soldaten ihrem Schicksal und ging nach England, wo ihn Elisabeth wieder zu Gnaden annahm und mit dem Hosenbandorden tröstete. Was wir von seiner Politik in den nächsten Jahren wissen, ist noch unrühmlicher. Nicht nur sämmtliche Parteien in Frankreich, der König, Alençon, die Guisen, Navarra, Condé, die reformirten Kirchen, fanden Zutritt bei J. C., um den sie, nach der Aeußerung seiner Vertrauten, buhlten wie um eine Braut; selbst die Spanier wußten mit dem Kämpen des Calvinismus anzuknüpfen. Sein Freund und Berather Fabian von Dohna entschuldigt dies mit den Worten: „Dieweil I. F. Gn. sonst nicht viel Mittel hatten sich zu mainteniren, so mußten sie dergleichen Tractaten sich auch zu Nutz machen.“ In die Anschläge, die Heinrich von Guise und Pfalzgraf Georg Hans von Veldenz zur Eroberung von Straßburg schmiedeten (1579), zeigt sich J. C. tief eingeweiht; er ließ die Stadt warnen. Schlimmer ist seine Zusammenkunft mit Guise’s Bruder Mayenne zu Nancy (Februar 1580); die Verhandlungen, die durch guisische Agenten (Malleroy) bis ins J. 1583 fortgeführt wurden, hatten ein verrätherisches Zusammenwirken der nach der Krone strebenden Lothringer und des Pfalzgrafen zum Zweck, der gegen Garantie des Religionsfriedens und Abtretung wichtiger französischer Städte den Häuptern der Ligue sein Schwert leihen wollte. Es kam freilich zu keinem Abschluß, ebensowenig mit Spanien, das sich schon während des Kölner Friedenscongresses (1579) und nachmals wiederholt an J. C. machte; gravirend für letzteren bleibt es jedenfalls, daß im Juli 1581 Beutterich, der eben mit den Hugenotten verhandelt hatte, dem König Philipp II. durch den Gouverneur von Burgund J. C. bewaffnete Unterstützung gegen Alençon, Oranien und die Staaten anbot. Das Gerücht, der Pfalzgraf habe sich Spanien verkauft, machte seinen evangelischen Freunden im Reich, ja manchem seiner eigenen Räthe ernstliche Sorgen. Immerhin wirft dieses fortgesetzte Spiel mit dem Verrath einen dunkeln Schatten auf den Pfalzgrafen, dessen sehnlicher Wunsch, mit fremden Mitteln eine gewaltige Streitmacht aufzubringen und dann die geträumte entscheidende Rolle in den großen Welthändeln zu spielen, außer allem Zweifel steht. Erfreulicher ist Johann Casimirs Theilnahme am Augsburger Reichstag 1582, wo seine Vertreter, an ihrer Spitze der treffliche Kanzler Dr. Ehem, die protestantischen Interessen kräftig zu wahren suchten und, ohne sich vom Kaiser einschüchtern zu lassen, die Partei der schwer bedrohten Reichsstädte hielten. Freilich vermochte der Pfalzgraf die unbegreifliche Kurzsichtigkeit der größeren evangelischen Stände nicht allein gutzumachen; eben so vereinsamt blieb er kurz darauf in dem Versuch, dem Kurfürsten Gebhard Truchseß von Köln, dessen bevorstehende Bekehrung und Heirath schon während des Reichstags ein öffentliches Geheimniß war, mit den Waffen die Behauptung seines Erzstifts zu ermöglichen. Als es zur Anwendung der Gewalt kam, zogen sich die protestantischen Fürsten, die bis dahin den Erzbischof durch Versprechungen und Intercessionen ermuthigt hatten, fast sämmtlich zurück; selbst Kurfürst Ludwig von der Pfalz, der die Bedeutung der Sache für den deutschen Protestantismus besser würdigte als der egoistische August von Sachsen, rieth seinem Bruder dringend ab sich weiter einzulassen. [311] J. C., dessen ungestümes Drängen auf offenes Bekenntniß zum Calvinismus dem Erzbischof jedenfalls nicht genützt hatte, führte jetzt allerdings dem Verlassenen eine Armee zu; er ließ sich zu seiner Sicherung das ganze Erzstift verschreiben (12. April 1583) und dachte wol gar daran, Gebhard könnte allenfalls zu seinen Gunsten resigniren! Uebrigens ging er von Anfang an ohne Hoffnung ins Feld; dieser Zug, äußerte er, solle sein Kirchhof sein. Der „Doctorenkrieg“, dessen eigentlicher Leiter, Beutterich, zwar soldatische, nicht aber strategische Fähigkeiten zeigte, nahm einen überaus kläglichen Verlauf und endigte wie immer mit einem Zerwürfniß zwischen J. C. und seinem Verbündeten. Daß die Geldgier Beutterich’s und anderer „Harpyien“ im pfälzischen Hauptquartier den schlimmsten Einfluß geübt, daß Beutterich’s alter Haß gegen Oranien die Zurückweisung eines von den Generalstaaten angetragenen Bündnisses veranlaßt habe, wird von glaubwürdiger Seite versichert. J. C. war für Freund und Feind ein Gegenstand des bittersten Spottes geworden, als der längst erwartete Tod seines Bruders (12. October 1583) ihm den willkommenen Anlaß bot, sein Heer zu entlassen und nach Heidelberg zu eilen. Kurfürst Ludwigs Testament bestimmte zu Vormündern seines 1574 geborenen Sohnes Friedrich außer J. C. drei strenglutherische Fürsten, Ludwig von Württemberg, Ludwig von Hessen und Georg Friedrich von Brandenburg. J. C. ergriff jedoch, ohne diese Verfügung zu berücksichtigen, unter Berufung auf die goldene Bulle, die pfälzischen Hausverträge und das Testament Friedrichs III. augenblicklich allein Besitz von der Vormundschaft und der Administration des Kurfürstenthums. Die Protestationen der Mitvormünder führten nur zu einem langwierigen Proceß am Reichskammergericht, und als dieser endlich (1589) zu Ungunsten Johann Casimirs entschieden wurde, war die Stellung des Administrators nicht mehr so leicht zu erschüttern. Württembergs wiederholte Drohungen mit der Gewalt (1584/85) wurden vom Pfalzgrafen mit kriegerischen Gegendemonstrationen beantwortet und fanden bei der Friedensliebe der übrigen Fürsten wenig Beifall. Vergebens regte die Curie wieder die Uebertragung der pfälzischen Kur auf Baiern an; selbst die kaiserliche Belehnung des Administrators, anfangs von Württemberg hintertrieben, erfolgte nach ein paar Jahren doch (1585). So vollzog sich unaufhaltsam die zweite Calvinisirung der kaum zum Lutherthum zurückgebrachten Kurpfalz. J. C. verfuhr übrigens gemäßigter und vorsichtiger als sein lutherischer Vorgänger. Aber sein Verlangen gegenseitiger Duldung wurde von den Lutheranern durchaus zurückgewiesen, der Versuch durch eine öffentliche Disputation (April 1584) zu entscheiden mißlang, wie vorauszusehen war, und das Gebahren der lutherischen Zeloten, die sich nicht scheuten den Administrator von der Kanzel herab als Ahab und „Kriegsgorgel Alcibiades“ zu brandmarken, ließ jedes friedliche Zusammenleben unmöglich erscheinen; übrigens hatte auch J. C. in seinem Mandat gegen das Condemniren (19. Februar 1584) sich zu weit auf das Feld dogmatischer Polemik begeben. Die Heidelberger Schulen wurden im Mai 1584 völlig „reformirt“; die Neugestaltung der Universität und die systematische Entfernung aller lutherischen Geistlichen nahm J. C. erst in Angriff, nachdem er sich auf einer Zusammenkunft mit seinem Schwiegervater (Juli 1584) überzeugt hatte, daß von Kursachsen keine Feindseligkeiten zu befürchten seien. Die Universität gewann übrigens durch die (erst 1588 vollendete) Calvinisirung sowol an wissenschaftlicher Bedeutung als an Frequenz. Trotzdem hatte gerade in Heidelberg das Lutherthum während Ludwigs Regierung so tief Wurzel gefaßt, daß J. C. noch im J. 1590 ein förmliches Glaubensexamen mit der Bürgerschaft anstellen ließ. In der Oberpfalz vollends trotzten die Lutheraner wie unter Friedrich III. der calvinistischen Regierung; die gewaltsamen Maßregeln Johann Casimirs brachten es schließlich soweit, daß bei seinem Tod Neumarkt in Aufruhr stand und eine förmliche Empörung der Oberpfälzer drohte. Mehr als [312] dies alles erregte den Unmuth der lutherischen Fürsten, vor Allem der Contutoren die calvinistische Erziehung, die J. C., um sein Werk zu sichern, dem jungen Pfalzgrafen zu Theil werden ließ. Die schlimmsten Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt: der Administrator wolle seinen Mündel durch Gift beseitigen; man suche Friedrich krank zu machen, zwinge ihn mit Schlägen zum Besuch calvinistischer Predigten. Daß J. C. die lutherischen Erzieher sammt ihrem fast mönchischen Erziehungsplan beseitigte und den jungen Prinzen nicht wie bisher „in den Winkeln“, sondern „zu fürstlichem Gespräch und Sitten unter den Leuten“ hielt, auch kräftiger nähren ließ, kann jedenfalls nur als eine sehr vernünftige Aenderung betrachtet werden. Friedrich, der neue treffliche Lehrer erhielt und im J. 1587 öffentlich das reformirte Glaubensbekenntniß ablegte, ist unter der Zucht des Oheims gewiß nicht zum Fanatiker geworden; allerdings dürfte seine dem Vater so unähnliche Vorliebe für ritterliche Künste und weltliche Lustbarkeit auf Rechnung der casimirischen Pädagogik zu setzen sein. Größere Schwierigkeiten bereitete seine Schwester Christina, die an der lutherischen Pfalzgräfin Elisabeth einen Rückhalt fand. Die unedle Härte, womit J. C. den confessionellen Widerstand seiner Gemahlin und Nichte zu brechen suchte, ist entschieden der abstoßendste Zug in der Geschichte dieser calvinistischen Reaction. In den ersten Jahren seiner Regierung mußte der Administrator, bald von Württemberg, bald von seinem unruhigen Vetter Georg Hans mit Krieg bedroht, zu sehr an seine eigene Erhaltung denken, um die alte abenteuerliche Politik fortsetzen zu können. Gebhard Truchseß erlag allein gelassen rasch dem überlegenen Feind; in den Streit der Straßburger Capitularen begnügte sich der Pfalzgraf mit Schreiben und Schickungen einzugreifen. Dagegen finden wir ihn im Frühjahr 1585, als die Ligue in Frankreich sich mächtig erhoben, in verdächtigen Unterhandlungen mit den Guisen, bei denen er offenbar seine von der Regierung immer noch nicht gedeckten Rückstände herauszuschlagen hoffte. Als aber das Juliedict den Bund des Hofes mit der katholischen Opposition verkündigte, trat J. C. endlich mit auf die Seite seiner Glaubensgenossen und des rechtmäßigen Thronerben Heinrich von Navarra, dessen Gesandte seit 1583 in England, Dänemark, Deutschland für Errichtung einer großen protestantischen Union thätig waren. Selbst August von Sachsen, der eben seine „Mutter Anna“ verloren und sich mit der jugendlichen Prinzessin von Anhalt vermählt hatte, erkannte die Nothwendigkeit eines schärferen Auftretens gegen die überall vordringende katholische Restauration, aber sein plötzlicher Tod (Februar 1586) veranlaßte zunächst eine Rückkehr der sächsischen Politik in ihre alten Geleise. So verging fast das ganze Jahr 1586 über der Vorbereitung und Reise einer von den vornehmsten protestantischen Reichsständen beglaubigten Gesandtschaft, die König Heinrich III. Monate lang auf eine Audienz warten ließ, um sie dann mit einer beleidigenden Antwort heimzuschicken. Trotzdem steckten Sachsen und die anderen Fürsten die Beschimpfung ein; die Hugenotten waren wieder ganz auf J. C. angewiesen, der sich indessen schon während der Verhandlungen über den bevorstehenden Feldzug mit den französischen Unterhändlern, freilich nicht ohne deren eigene Schuld, gründlich überwarf. Die englischen Subsidien wurden nur spärlich und nach endlosen Formalitäten geliefert und das gegenseitige Mißtrauen steigerte sich, als J. C., der das Commando nicht selbst zu übernehmen wagte, aber auch keinem anderen Fürsten gönnte, seinen Vertrauten Fabian von Dohna an die Spitze der deutschen Hülfstruppen stellte. Dohna, ein wackerer Mann, aber durchaus kein Heerführer, hatte überdies in der Person des intriganten Franzosen La Huguerye einen Berather der übelsten Sorte und der dringende Wunsch des Pfalzgrafen, seinen alten Freund, den Herzog von Lothringen, geschont zu sehen, wurde in Frankreich auf höchst unlautere Motive zurückgeführt. Das zwieträchtige Heer gerieth, ohne etwas geleistet zu haben, [313] durch einen glücklichen Ueberfall Guise’s (bei Auneau, 24. November 1587) in völlige Auflösung; der Feldzug wurde zum schmachvollen Rückzug, gefolgt von einem verheerenden Einfall Guise’s und der Lothringer in die Grafschaft Mömpelgard. Das kläglichste Nachspiel bildeten die skandalösen Beschuldigungen, die sich die Hugenotten und ihre deutschen Verbündeten ins Gesicht schleuderten. Die einzige wohlthätige Folge des Unternehmens war die Errichtung einer Miliz und sogenannter Nothspeicher zur Vertheidigung der Pfalz gegen plötzliche Kriegsnoth (1588). Bald gewann der Anschluß König Heinrichs III. an die Hugenotten und – nach seiner Ermordung – der Uebergang der Krone an Heinrich von Navarra selbst Kursachsen für die Sache, von der man sich bisher ängstlich ferngehalten hatte: nach einem verunglückten Versuch (1589) kam es endlich zur Aufstellung einer deutsch-protestantischen Hülfsarmee (1591), nicht ohne daß J. C. auch diesmal durch Verdächtigung der französischen Unterhändler die Sache erschwert und verzögert hatte. Sein Einfluß setzte die Ernennung eines deutschen Fürsten, Christian von Anhalt, zum Heerführer durch. Es war der letzte Erfolg seiner vielgeschäftigen äußeren Politik, die auch nach dem Tode des ihn ganz beherrschenden Beutterich († im Februar 1587) ihren haltlosen und launenhaften Charakter beibehalten hatte. Einen unerwarteten Sieg errangen dagegen in diesen Jahren die pfälzischen Unionsbestrebungen innerhalb des Reichs. Bisher waren dem Administrator eigentlich nur Landgraf Wilhelm und sein Vetter Johann von Zweibrücken, der sogar (1588) dem reformirten Bekenntniß beitrat, freundschaftlich näher gestanden. Jetzt verband sein Schwager, der junge Kurfürst Christian von Sachsen, mit dem Anschluß an Frankreich auch eine Umgestaltung seiner inneren Politik und erneuerte zum Schrecken seiner lutherischen Unterthanen die Annäherung an den pfälzischen Calvinismus. Nachdem J. C. auf einer Zusammenkunft zu Plauen (Februar/März 1590) den Kurfürsten, der an einen Schirmverein von Ständen beider Religionen dachte, für ein Defensivbündniß aller evangelischen Reichsglieder gewonnen hatte, führte die von einer Reihe protestantischer Fürsten beschickte Versammlung zu Torgau (Februar 1591) zwar zu keinem wirklichen Abschluß, doch schien der freilich finanziell nur schwach fundirte Unionsentwurf (die hauptsächliche Vorlage der späteren Ahauser Unionsacte von 1608) trotz mancher politischer und religiöser Schwierigkeiten Aussicht auf Verwirklichung zu haben, als das rasche Wegsterben Kurfürst Christians und des Pfalzgrafen das halbvollendete Werk wieder zerschlug. Johann Casimirs Pläne, die er keineswegs sehr geheim hielt, gingen auf eine große protestantische Umgestaltung des Reichs, die wesentlich dem Ideal seines Vaters entspricht und sich in die Schlagworte: christliche Freistellung und evangelische Kaiserwahl zusammenfassen läßt. Er rechnete dabei auf die Losreißung Ungarns und Böhmens vom Haus Habsburg und scheint sogar vorübergehend an die Person Heinrichs von Navarra gedacht zu haben. Daß er selbst nach der Kaiserkrone gestrebt hätte, wie ihm manche seine Gegner zutrauten, läßt sich nicht nachweisen. Immerhin galt er den Katholischen recht eigentlich für die Verkörperung der Revolution, für „des Teufels Botschaft, allen Unrath in der Christenheit anzusagen.“ Der Tod Kurfürst Christians und das Scheitern der Union beschleunigten das Ende des Pfalzgrafen, dessen letzte Jahre durch ein furchtbares häusliches Unglück verdüstert wurden. Im October 1589 ließ er seine Gemahlin Elisabeth von Sachsen plötzlich verhaften; sie starb kurz darauf (2. April 1590) als Gefangene, zwar zum Calvinismus bekehrt, aber unter der schweren Anklage des Ehebruchs und Mordversuchs gegen ihren Gemahl, dessen Ueberzeugung von ihrer Schuld auch der Bruder der unseligen, Kurfürst Christian, theilte. J. C., tief erschüttert, ergab sich stärker als je seinem alten Hang zum Trinken; Widerwärtigkeiten aller Art, Unzufriedenheit des landsässigen Adels, Aufleben der lutherischen Opposition, elende Streitigkeiten der Räthe und Vertrauten, [314] das Scheitern einer für seinen Mündel unternommenen Heirathshandlung verstärkten die Wirkung der großen Schicksalsschläge. Nach längerem Leiden starb J. C. am 6. Januar 1592. Seine letzten Worte waren: „Ach lieber Herr Jesu Christe, gehe nit mit deinem armen Knechte ins Gericht, sondern sei mir gnädig! Ach Herr Christe, misericordia, misericordia!“ Sein ursprünglich heiteres und liebenswürdiges Temperament hatte längst unter dem Druck der zunehmenden Verantwortung, wie sie die Administration mit sich brachte, schwer gelitten „und war der Herr bei Weitem nicht mehr, der er zuvor bei seiner kleinen Regierung zu Kaiserslautern war.“ Durch und durch lebensmüde sank der rastlose Fürst ins Grab. Auf der Bühne der europäischen Politik ein ungeschickter und unglücklicher Spieler, hat er als Landesherr sein Amt nach bestem Wissen verwaltet und die deutsch-reformirte Kirche aus einer lebensgefährlichen Krisis gerettet. Aber seine Gestalt erinnert mehr an die kleinen fürstlichen Heroen des 30jährigen Krieges als an jene Helden des Calvinismus, denen er sich beigesellen wollte. „Magnam de se famam ubique excitavit, quam re plerumque non implevit“ (Thuanus).

Vgl. außer den bei der Biographie Kurfürst Friedrich III. des Frommen angeführten Werken: Die Leichenreden auf J. C. von Quir. Reuter u. Dan. Tossanus; Groen van Prinsterer, Archives de la maison d’Orange-Nassau; Kluckhohn, Briefe Friedrichs des Frommen; Das (mit Unrecht sogenannte) Tagebuch Johann Casimirs (her. von Häusser, Quellen und Erörterungen zur bair. u. deutschen Gesch. VIII); Die französischen Historiker und Memoiren der Zeit (unter Letzteren am reichhaltigsten, aber höchst unzuverlässig die Mémoires de la Huguerye). Unter dem hier benutzten archivalischen Material hebe ich die Selbstbiographie Fabian’s von Dohna (Archiv zu Schlobitten) als seltenes Beispiel deutscher Memoiren aus jener Zeit hervor. – Neuere Arbeiten: Kluckhohn, Friedrich der Fromme (Nördl. 1879); Ritter, Briefe u. Acten I. (Einleitung); Kluckhohn, Die Ehe des Pf. Joh. Casimir, nebst meiner Ergänzung: Die letzten Jahre der Pf. Elisabeth (Abhandl. der bair. Akad. der Wiss. III. Cl. 1873, 1879).