ADB:Kücken, Friedrich Wilhelm

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Artikel „Kücken, Friedrich Wilhelm“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 290–292, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:K%C3%BCcken,_Friedrich_Wilhelm&oldid=- (Version vom 21. Oktober 2020, 02:21 Uhr UTC)
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Kücken: Friedrich Wilhelm K., ein bei der großen Menge sehr beliebter Liedercomponist, der zwar vor dem Kunstrichter wenig Gnade fand, doch aber einige Lieder geschaffen hat, die durch Einfachheit und innigen Ausdruck unvergänglich bleiben werden. K. war den 16. Novbr. 1810 in Bleckede im Lüneburgischen geboren. Sein Biograph Neumann (Kassel, bei Balde) gibt zwar den 10. an, doch scheint dies auf einem Druckfehler zu beruhen, da auch sämmtliche Nekrologe den 16. verzeichnen. Kücken’s Vater war ein wohlhabender Landwirth und großer Musikliebhaber, in dessen Hause viel musicirt wurde. Des Sohnes musikalische Anlagen zeigten sich schon frühe; ohne Unterricht lernte er Klavier spielen und componirte allerlei kleine Stücke. Durch die um 1826 stattfindende Verheirathung seiner Schwester mit dem Musikdirector und Schloßorganisten Friedrich Lührß wurde der Trieb nach musikalischem Unterricht mächtig in ihm angeregt und obgleich er vom Vater bereits zum Landwirth bestimmt war, gab derselbe den dringenden Bitten seines Sohnes doch nach und ließ ihn mit seinem Schwiegersohne nach Schwerin gehen. Dort, unter der Anleitung desselben, machte er in Composition und praktischen Studien schnelle Fortschritte. Einige Stücke für den dortigen Militärchor, eine Cantate, das Duett „Der Jäger“ und das als „Thüringer Volkslied“ allbekannt gewordene „Ach, wie wär’s möglich dann“, fanden allerseits die beste Aufnahme und sogar der Großherzog Paul Friedrich zog ihn an den Hof, wo er als Klavierlehrer des Prinzen und der Prinzessin, sowie als Mitwirkender in den musikalischen Abendunterhaltungen der großherzoglichen Familie thätig war. – Durch die Vermittelung des Frhrn. v. Sell, damals Gouverneur der großherzogl. Kinder und ein großer Musikliebhaber, ging K. im J. 1832 nach Berlin, um sich dort bei dem als Lehrer im Contrapunkt bekannten Birnbach weiter auszubilden. Seine Geistesrichtung war aber nicht auf das Ernste und Erhabene gerichtet. „Ach, wie wär’s möglich dann“ blieb für sein ganzes Leben der Ton, den er am liebsten anschlug und so entstanden auch in Berlin eine Anzahl seiner bekanntesten und am meisten beliebt gewordenen Lieder, wie „Du bist wie eine Blume“, „Maurisches Ständchen“, „Das Mädchen von Juda“, „Ach, wenn du wärst mein eigen“ u. a. m. Außerdem aber auch Sonaten, Duos, eine Oper „Die Flucht nach der Schweiz“, welche im königl. Theater in einem Winter 14 Mal mit großem Beifall zur Aufführung gelangte.

Rob. Schumann’s Zeitschrift „Neue Zeitschrift für Musik“ fällt im Jahre 1837 in Nr. 16 des 7. Bandes folgendes treffende Urtheil. Es heißt dort: „Hr. K. ist, seinen Duo’s nach, ein glatter, freundlicher junger Mann, dem man [291] nichts anhaben kann, und schüttelts aus den Fingern. In Leichtigkeit der Form und Melodie streifen die Sonaten an Reissiger’s Compositionen in dieser Art, der indessen bei weitem besser erfindet und mehr auswählt. Die Form ist eine alte gewöhnliche: Cdur, Gdur, ein wenig Amoll, Cdur; die Melodie hält sich zwischen deutscher Prosa und Bellini’scher Weichlichkeit; namentlich klingen im ersten Satz in Nr. 2 die weltberühmten Triolen aus dem Montecchi-Finale doch zu mächtig hindurch. Dem Scherzo fehlt alle Feinheit des Witzes, dagegen er sich im sogen. ‚à la Russe‘ mit Geschick und Natürlichkeit auszudrücken versteht. Zusammen genommen: Die Sonaten werden jungen Talenten weder viel nützen noch schaden, jedenfalls sie unterhalten“. Ein andermal heißt es dort bei Besprechung der oben erwähnten Oper, die um 1839 bei Schlesinger in Berlin im Klavierauszuge erschien (Bd. 11 S. 157): „Kücken’s Musik ist im übrigen leicht, fließend und melodiös, wenn auch ohne erhebliche Erfindung und nicht aus dem Kreise des Gewöhnlichen heraustretend“. Wie beliebt K. damals als Componist bereits war, gibt uns eine andere Besprechung seiner Duette op. 25 zu erkennen. Otto Lindner, in Berlin lebend, schreibt in derselben Zeitung (Bd. 13 S. 127): „Ein nicht Geringeres haben die Duetten dieses Componisten beigetragen, diese Gattung überhaupt in Credit zu bringen. Manch schöne Lippe lächelt schöner und manches Auge leuchtet sehnsuchtstrunkener bei seines Namens wohlbekanntem Klange. Sehr gleich ist es übrigens, welches von den Kücken’schen Duetten man im Sinne hat, wenn man ihre Formenfertigkeit, die Leichtigkeit in Stil und Ausdruck, den schmeichelnden Wohlklang und die lebendige Empfindungssprache rühmt, die sich jedoch wol in acht nimmt, durch allzu starke Rührung das gemüthliche Behagen, die stillvergnügte Laune zu verscheuchen“. Auch auf S. 185 desselben Bandes werden die Vorzüge der Kücken’schen Muse treffend charakterisirt. Es heißt dort: „Wie Wenige der zahllosen Liedercomponisten, hat sich K. des Salontons zu bemeistern gewußt. Gewandte, glatte Technik, meist ausdrucksvolle, stets sangbare Melodie, Wärme der Empfindung, eine Declamation, die, wenn auch der feineren Abstufung einer tiefen Charakteristik entbehrend, doch nirgend durch Unpassendes, Verfehltes stört, das sind da, wo poetische Tiefe der Auffassung, Originalität der Erfindung verlorene Posten sein würden, immerhin achtbare Tugenden. Sind seine Lieder nicht frei von bloßen Floskeln und flachen Conversationswendungen, so sinken sie doch nirgends zu der gassenhauerartigen Frivolität, die in den Proch’schen und öfters in den Fr. Lachner’schen Liedern so abstoßend hervortritt“.

Auch in Berlin war K. in den aristokratischen Kreisen eine gesuchte Persönlichkeit und man drängte sich, ihn als Lehrer zu gewinnen, so der Graf von Redern und der Prinz Georg von Cumberland, der spätere König von Hannover. Im Jahre 1841 ging K. nach Wien und studirte unter Sechter Contrapunkt und Fuge. Einer Einladung nach der Schweiz folgend, dirigirte er 1843 die großen Männergesangvereinsfeste zu St. Gallen und Appenzell, gründete in Teufen im Verein mit dem Präsidenten Roth einen Gesangverein, der in kurzer Zeit einen bedeutenden Aufschwung nahm und erfolgreiche Resultate lieferte. In diesem Jahre ernannte ihn der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin zum Hofcomponisten, auch wurde die längst geplante Reise nach Paris in diesem Jahre ausgeführt. Dort schrieb er die am meisten bekannt gewordene seiner Opern „Der Prätendent“, die aber erst 1847 in Stuttgart zum ersten Male gegeben wurde und dann in fast allen Städten die beste Aufnahme fand. Wieder nach Berlin sich wendend, erhielt er hier im Jahre 1851 den Ruf als zweiter Kapellmeister an der Stuttgarter Hofbühne, wo er neben Lindpaintner wirkte und nach dessen Tode im J. 1856 in dessen Stellung eintrat. Im J. 1861 nahm er seinen Abschied und zog sich als Privatmann nach Schwerin zurück. [292] Wie beliebt K. in den gesellschaftlichen Kreisen war, die seine Lieder, Duette und Quartette über alles schätzten, bewies wieder 1863 sein Aufenthalt in Straßburg, wo er mit Berlioz, Abt und anderen als Preisrichter fungirte und vor allen anderen durch Ovationen jeglicher Art ausgezeichnet wurde. – Am Abend des 3. April 1882 verschied K. plötzlich in Schwerin. Die neue Berliner Musikzeitung schreibt (1882, S. 114): „Wenn auch bereits über 71 Jahre alt, erfreute sich der Verewigte doch noch einer seltenen körperlichen wie geistigen Rüstigkeit. Noch am Vormittage hatte er sich der Pflege seiner Lieblinge, der Rosen, gewidmet, die den kleinen Vorgarten seines am Pfaffenteiche gelegenen Hauses im Sommer zu einer viel bewunderten Sehenswürdigkeit Schwerins machten, und den Abend hatte er in heiterem Freundeskreise zugebracht, von wo er mit der Pferdebahn heimfuhr. Am Ende der Strecke wollte der Conducteur ihn daran erinnern, daß es Zeit sei auszusteigen. Allein K. war bereits verschieden. Ein Schlaganfall hatte schnell und unvermerkt seinen Lebensfaden durchschnitten. Noch mit der Cigarre in der Hand saß er da – es war zu Ende“.