ADB:Krug, Wilhelm Traugott

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Artikel „Krug, Wilhelm Traugott“ von Carl von Prantl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 220–222, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Krug,_Wilhelm_Traugott&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 15:14 Uhr UTC)
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Krug: Wilhelm Traugott K., geb. am 22. Juni 1770 in dem Dorfe Radis bei Wittenberg, † in Leipzig am 12. Januar 1842, Sohn eines Gutspächters, besuchte die lateinische Schule der benachbarten Stadt Gräfenhainichen und kam hierauf im Sommer 1782 an die Fürstenschule zu Pforta, von wo er 1788 an die Universität Wittenberg als Studirender der Theologie überging. Da ihn sein dortiger Lehrer und Gönner Reinhard veranlaßte, die akademische Laufbahn zu betreten, erwarb er sich vorerst durch eine Dissertation „Principium, cui religionis christianae auctor doctrinam de moribus superstruxit“ am 17. Oct. 1791 die philosophische Doctorwürde und begab sich hierauf im Herbst 1792 nach Jena, wo er durch Reinhold in die Kantische Philosophie eingeführt wurde, daneben aber auch bei Paulus, bei dem Philologen Schütz und bei dem Physiker Voigt Vorlesungen hörte. Dann ging er zu Ostern 1794 noch auf ein Semester nach Göttingen, wo er Heyne’s und Eichhorn’s Vorträge besuchte [221] und seine bereits in Jena geschriebenen „Briefe über die Perfectibilität der geoffenbarten Religion“ anonym drucken ließ (1794), gegen welche sich zwei Jahre später eine heftige theologische Polemik erhob. Im Herbst desselben Jahres habilitirte er sich in Wittenberg als Privatdocent durch eine Dissertation „De pace inter philosophos“ und las sogleich über Encyklopädie, sowie er gleichzeitig „Versuch einer systematischen Encyklopädie der Wissenschaften“, 1. Thl. (1796), veröffentlichte (der 2. folgte 1797, der 3. in zwei Abtheilungen erst 1804 und 1819). Auch erlangte er mittelst einer Abhandlung „Lex moralis utrum et quatenus omni naturae ratione praeditae scribenda sit“ im J. 1796 die Aufnahme als „Adjunct“ der philosophischen Fakultät, aber da ihm eine besoldete Professur versagt blieb, lebte er in gedrückter Lage, so daß er in Hypochondrie verfiel. Doch raffte er sich wieder auf und verfolgte mit Theilnahme die neueren Erscheinungen; so schrieb er „Ueber Herder’s Metakritik“ (1799) und neben „Aphorismen zur Philosophie des Rechts“ (1800), sowie „Philosophie der Ehe“ (1800) auch „Briefe über die Wissenschaftslehre“ (1800), welche ebenso gegen Fichte gerichtet waren, wie gegen Schelling die „Briefe über den neuesten Idealismus“ (1801). Die selbständige Wendung, welche er mit Kant’s System vornehmen zu müssen glaubte, begann er mit seinem „Entwurf eines neuen Organons der Philosophie“ (1801). Nunmehr fand er gegen Ende des J. 1801 eine Anstellung als Professor in Frankfurt a. d. O., wo er noch neben den philosophischen Vorlesungen auch theologische hielt. Auf einen Angriff Hegel’s, welcher im Kritischen Journale einen Aufsatz „Wie der gemeine Menschenverstand die Philosophie nehme“, geschrieben hatte, antwortete K. mit der Schrift „Wie der ungemeine Menschenverstand die Philosophie nehme“ (1802), und gleichfalls gegen Hegel und Schelling war gerichtet „Der Widerstreit der Vernunft mit sich selbst“ (1802); daneben erschien „Versuch einer systematischen Encyklopädie der Künste“ (1802). Den Grundgedanken aber des erwähnten neuen Organons führte er jetzt aus in seiner „Fundamental-Philosophie“ (1803), welche als seine erste Hauptschrift zu bezeichnen ist. Im J. 1804 erhielt K., welcher sich (1803) mit einer Tochter des Generalmajors v. Zenge verheirathet hatte, ziemlich gleichzeitig drei Anträge, nämlich einen an das Gymnasium zu Fulda, einen an die Universität Greifswald und einen dritten nach Königsberg auf den durch Kant’s Tod erledigten Lehrstuhl. Den letzteren nahm er nach längeren Verhandlungen an und traf im October 1805 in Königsberg ein, wo er die Ausarbeitung seiner speculativen Gesammtanschauung unternahm und deren eine Hälfte unter dem Titel „System der theoretischen Philosophie“ zu veröffentlichen begann (1. Thl. 1806, 2. Thl. 1808, der dritte Thl. erst 1810; der 1. Thl. fand noch eine 4. Aufl. 1833, von den beiden anderen erschienen zweite Auflagen 1820 und 1823). In der Zeit der Bedrängniß Preußens durch Napoleon wirkte K. lebhaft bei dem in Königsberg entstandenen „Tugendbunde“ mit. Zu Ostern 1809 folgte er einem Rufe nach Leipzig, wo er mit großem Lehrerfolge und zugleich in vielseitigster Rührigkeit bis an sein Lebensende wirkte. Sein Antrittsprogramm „De poëtica philosophandi ratione“ enthielt eine entschiedene Ablehnung der Phänomenologie Hegel’s und alsbald gab er in der Schrift „Der Staat und die Schule“ (1810) doctrinäre Ergüsse über geforderte Reformen der Universität, womit er wenig Beifall erntete. Im Herbste 1813 zog er als Freiwilliger mit dem verbündeten Heere, wovon er im Frühjahre 1814 wieder zurückkehrte. Dann veröffentlichte er „Geschichte der Philosophie alter Zeit“ (1815) und brachte die zweite Hälfte des begonnenen Hauptwerkes zur Vollendung, nämlich „System der praktischen Philosophie“ (1. Thl. Dikaiologie, 1817, 2. Thl. Aretologie, 1818, 3. Thl. Eusebiologie, 1819), worauf er alsbald das Ganze wieder in gedrängter Kürze zusammenfaßte im „Handbuch der [222] Philosophie und der philosophischer Litteratur“ (1820, 3. Aufl. 1828). Hierauf folgten eine „Dikaiopolitik“ (1824), eine „Pisteologie“ (1825) und ein „Kirchenrecht nach Grundsätzen der Vernunft“ (1826), und in einem abermals neuen Anlaufe faßte er den Gedanken, die Philosophie in alphabetische Ordnung zu bringen, d. h. es erschien „Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften“ (4 Bde., 1827–29, 2. Aufl. 1832). Daneben hielt er (1829) vor gemischtem Publicum „Universalphilosophische Vorlesungen für Gebildete beiderlei Geschlechts“, welche dann wirklich gedruckt wurden (1831) und außerdem entfaltete er eine schriftstellerische Thätigkeit, welche sich nahezu auf Alles erstreckte, indem er bei jedem Vorkommnisse sich berufen fühlte, seine Meinung abzugeben. So schrieb er nicht nur nach der Rückkehr vom Heere ein „System der Kriegswissenschaft“ (1815), sondern auch fortan zahlreiche Broschüren über Repräsentativsystem, über Preßfreiheit, über den heiligen Bund (dabei eingefädelt von Frau v. Krüdener), über den Zustand Deutschlands gegen Stourdza, über Haller’s Restaurationslehre, über deutsches Universitätswesen, über Griechenlands Wiedergeburt, über wahren und falschen Liberalismus, über Katholicismus und Cölibat, über Polens Schicksale, über Judenemancipation, natürlich auch über die Kölner Wirren (1837) und über Vereinigung der christlichen Confessionen, sowie auch über A. Ruge und die Halle’schen Jahrbücher. Es zählt ja das von ihm in seiner Autobiographie angelegte Verzeichniß seiner Schriften (worauf hiermit verwiesen sei) nicht weniger als 189 Nummern. Als er im J. 1830 Rector der Universität war, hatte er bei Gelegenheit der Reformationsfeier mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen, erhielt aber schließlich von den städtischen Behörden einen silbernen Ehrenbecher, und da er 1833 als Deputirter der Universität in die Ständeversammlung eintrat, hatte er neuen Stoff zu doctrinären Kundgebungen gefunden. Er war in der That von einem aufrichtigen Aufklärungsstreben beseelt und förderte so die Verbreitung eines politischen und kirchlichen Liberalismus. Als Philosoph vertrat er auf Kantischer Basis den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand und indem er bezüglich des von ihm angestrebten Synthetismus den Thatsachen des Bewußtseins eine stärkere Betonung verlieh, war ihm manche Anknüpfung an Jacobi ermöglicht; später kehrte er mehr zum eigentlichen Kantianismus zurück. K. selbst hatte bereits 1825 unter dem Namen Urceus seine „Lebensreise in sechs Stationen“ beschrieben, dann schrieb er 1830 „Leipziger Freuden und Leiden“, und seine Eitelkeit veranlaßte ihn, noch 1842 zu veröffentlichen „Krug’s Lebensreise in sechs Stationen von ihm selbst beschrieben“.

S. auch Emil Ferd. Vogel, Wilhelm Traugott Krug (1844). Ueber dessen Philosophie s. J. Ed. Erdmann, III. 1, S. 368 ff.