ADB:Leutinger, Nicolaus

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Artikel „Leutinger, Nicolaus“ von Rudolf Schwarze in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 498–499, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Leutinger,_Nicolaus&oldid=- (Version vom 24. Mai 2019, 11:09 Uhr UTC)
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Leutinger: Nicolaus L. (Leuticher), märkischer Historiker, der Sohn eines Predigers zu Alt-Landsberg, geb. daselbst 1554, † den 14. April 1612 zu Osterburg in der Altmark. Den ersten Unterricht genoß er in Landsberg, Bernau, Spandau, dann ward er in seinem 14. Jahre durch Fürsprache seines Pathen Joachim v. Röbel in die Fürstenschule zu Meißen aufgenommen, wo er bis zum Herbst 1572 verblieb und durch den Rector Georg Fabricius für das Studium der Geschichte und der klassischen Sprachen gewonnen wurde. Die Universität Wittenberg, welche er Anfangs erwählt hatte, mußte er bald, da ein Edict des Kurfürsten von Brandenburg die Märker von dort abrief, mit der in Frankfurt a. O. vertauschen. Hier ward er schon 1573 zum Magister creirt und widmete sich unter der Leitung von Matthäus Hostus, Joh. Schosser und Mich. Haslaub vorzugsweise den humanistischen Studien. Als aber auch sein Bruder Balthasar die Universität bezog, welcher später in Sachsen wegen theologischer Streitigkeiten auf dem Königstein und der Festung Hohenstein eine Zeit lang gefangen gehalten, zu keiner amtlichen Stellung gelangte, übernahm unser L. auf Wunsch seines Vaters (Herbst 1576) erst das Rectorat der Schule in Crossen, dann in Spandau, kehrte jedoch schon im Herbst 1579 nach Wittenberg zurück, um allein den Wissenschaften zu leben. Im April 1580 gab er zunächst seine „Carminum libri V“ heraus, von denen das dritte Buch die Hohenzollern’schen Regenten der Mark in chronologischer Folge besingt, das vierte Gedichte religiösen Inhalts, die übrigen meist nur Gelegenheitsgedichte aufweisen. Von einer größeren Reise, welche er eben angetreten hatte, rief ihn der Tod des Vaters († am 25. Februar 1581 im 56. Lebensjahre) nach Landsberg zurück, wo ihm vom Kurfürsten das erledigte Pfarramt übertragen wurde. Allein theils confessionelle Differenzen, theils sein unruhiges Temperament veranlaßten ihn schon 1583 dasselbe wieder niederzulegen. Es folgten nun seine jahrelangen Reisen durch fast alle Länder Europa’s, nach Süd und Nord, nach West und Ost. 1587 läßt er sich wieder dauernd in Wittenberg nieder, um an einer Geschichte der verschiedenen Völker, welche in der Mark seit der Sündfluth ansässig waren, zu arbeiten. Glücklicherweise begann er beim 16. Jahrhundert und gab bis zum J. 1594 sechs Theile zu je drei Büchern heraus, welche nach kurzer Einleitung die Regierungszeit der Kurfürsten Joachim I. und II. (von 1499–1571) umfaßten. Aber von Neuem vertauschte er die Feder mit dem Wanderstabe. Erst 1598 erschienen, als Ertrag seiner Reisen, zwei etwas verschiedene Topographien der Mark (Buch 19 und 20); dann nimmt er den Faden der Erzählung wieder auf und führt in zehn nach und nach erscheinenden Büchern die Geschichte der Regierung des Kurfürsten Johann Georg bis zum Regensburger Reichstag von 1594 fort, das letzte Buch vorzugsweise mit Schilderung der bereits beginnenden clevischen Händel füllend. Da L. zu weiterer Information im J. 1610 sowol die clevischen Lande als auch den Elsaß und Süddeutschland bereist, dabei aber [499] als strenger Lutheraner viel Unbill von der damals allerorten herrschenden Intoleranz zu erdulden gehabt hatte, so beschleunigte dies seinen Tod, der ihn überraschte, ehe er sein Werk zu einem Abschluß bringen konnte. Trotzdem bezeichnet dasselbe einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Märkischen Historiographie. Während seine Vorgänger, ein Jobst, Entzelt, Cernitius, Angelus, Hafftiz, in ihren Werken über die Form von Regesten und Regentenbiographien nicht hinauskamen, trachtete L. nach einer pragmatischen Schilderung der Ereignisse, belebte sie, bei seiner genauen Localkenntniß, durch Skizzirung des Schauplatzes, auf dem sie sich abspielten und erweiterte seinen Plan einer Geschichte der Mark Brandenburg, indem er bald die früheren Schicksale der von den Kurfürsten erworbenen Landestheile, bald die gleichzeitigen Zustände anderer Länder episodisch besprach. Auch in der Form der Darstellung, für welche er, von der ungelenken deutschen Prosa seiner Zeit sich abwendend, wieder zum Lateinischen zurückgreift, strebt er klassischen Mustern, besonders Cäsar und Curtius nach, wenn er freilich auch weit hinter ihnen zurück bleibt. Die traurigen Zeiten, welche bald nach seinem Tode über Deutschland und sein engeres Vaterland hereinbrachen, waren der Verbreitung seines Geschichtswerkes hinderlich, welches, in einzelnen Büchern an verschiedenen Orten gedruckt, sich zu verlieren Gefahr lief. Erst G. G. Küster (Bd. XVII, 435) gab die gesammten 30 Bücher „Commentare“ nebst den Gedichten, der diegesis de vita et obitu patris und einigen Reden über fürstliche Personen als „Leutingeri opera omnia“, 1729 (2 voll. in 4°) heraus, während gleichzeitig der Wittenberger Professor Krause eine Concurrenzausgabe besorgte, welche sich fast nur durch die verschiedene, den beiden Topographien angewiesene Stelle von jener unterschied. Küster verband mit seiner Ausgabe noch eine alphabetisch geordnete Uebersicht über die Geschichtschreiber der Mark Brandenburg, Krause mit der seinigen ein Werk von Leutinger’s Zeitgenossen Zacharias Garzäus, die Successiones familiarum et res gestae praesidum Marchiae Brandenburgensis. Die von beiden Herausgebern verfaßten Biographien Leutinger’s beruhen auf seinen gelegentlichen Angaben in den Dedicationen, mit denen er seine einzelnen Commentare an Fürsten, Standespersonen und Städte übersandte; sie setzen aber nach einer Berechnung Leutinger’s, als stände er 1611 im 64. Lebensjahre (Küster S. 1328), seine Geburt in das Jahr 1547, während frühere Angaben Leutinger’s (Küster 1225, 1249, 1250), daß er 1573 im 19. Jahre promovirt, im 14. Jahre in St. Afra bei Meißen inscribirt worden, verglichen mit der Notiz im Afraner-Album (Kreyßig’s Ausgabe 1876, S. 42), daß er von Pfingsten 1568 bis zum 25. November 1572 in der Fürstenschule zugebracht habe, das Eingangs genannte Geburtsjahr 1554 als das richtige erweisen.

Vgl. G. G. Küster zu Seidel’s Bildersammlung, S. 131–137. K. Kletke, Quellenschriftst. zur Gesch. d. preuß. Staats, S. 12 u. 29.