ADB:Neuber, Caroline

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Artikel „Neuber, Karoline“ von Joseph Kürschner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 472–476, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Neuber,_Caroline&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 05:27 Uhr UTC)
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Neuber: Friederike Karoline N., eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der deutschen Theatergeschichte, geb. am 9. März 1697 zu Reichenbach im Voigtland, starb am 30. November 1760 in Laubegast bei Dresden. Die historische Größe der N. besteht darin, daß sie einen Wendepunkt in der Geschichte des vaterländischen Theaters herbeiführt; daß die Dichtkunst wieder in enge Beziehung zur Schauspielkunst tritt; ihre persönliche Größe in dem bewußten Auftreten, mit dem sie trotz Feindschaft und Ungemach die Kunstreformen anstrebt. Die Fähigkeit, mit der sie ihre Aufgabe durchführte, die männliche Entschlossenheit, die sie in ihren Kämpfen allezeit bewies, wurzeln in den Erlebnissen ihrer Jugend. Traurig, öd’, liebeleer verlebte sie ihre Kindheit. Ihr Vater, der Advocat und Gerichtsinspector Daniel Weißenborn, war hart von Natur, härter gemacht durch schweres körperliches Leid, roh im Benehmen gegen Weib und Kind. Das erstere starb ihm im November 1705 in Zwickau, wohin die Familie 1702 übergesiedelt war. So verlor Karoline ihre Mutter früh und das Gerücht besagte, daß der Vater an diesem Verlust nicht schuldlos gewesen. Sie selbst wurde barbarisch behandelt, der Vater schlug ihr mit der Peitsche ins Gesicht, drohte ihr mit Erschießen, belegte sie fortgesetzt mit Namen wie Bestie und Canaille, sodaß sie 1702 aus dem Hause floh und nur durch Vermittlung eines Diakonen in dasselbe zurückgebracht werden konnte. Da Weißenborn an der Gicht darniederlag, hatte er sich einen Schusterssohn, den Studiosus Gottfried Zorn, als Amanuensis angenommen und diesem sein Haus versprochen und seine Tochter als Gemahlin zugesagt. Karoline liebte den jungen Mann mit Leidenschaft und als er wegen eines Zerwürfnisses zwischen ihrem Vater und seiner Mutter das Weißenborn’sche Haus meiden mußte, entzog sie sich am 14. April 1712 mit ihm durch die Flucht der väterlichen Gewalt. Weißenborn ließ die Flüchtigen [473] verfolgen und am 19. Mai wurde das Paar in dem Dorfe Ober-Affalter ergriffen und nach Zwickau in Gewahrsam gebracht. Nach siebenmonatlicher Haft kam Karoline, die in beweglichen Schreiben an den Rath ihre Lage geschildert, mit guten Gründen ihre Vertheidigung geführt, ins väterliche Haus zurück. Aber noch einmal sollte sich das Schauspiel der Flucht wiederholen, wenn auch mit günstigerem Ausgang. Wieder entstand zwischen ihr und einem Studiosus ein Herzensverhältniß und vom Vater deshalb mißhandelt, sprang Karoline durchs Fenster und floh mit ihrem Geliebten Johann Neuber (geb. am 22. Januar 1697 zu Reinsdorf). Noch im selben Jahre (1717) schlossen sich die Beiden der Komödiantenbande des Johann Spiegelberg in Weißenfels an und wurden am 5. Februar 1718 in der Hof- und Domkirche zu St. Blasii in Braunschweig ehelich verbunden. Von der Spiegelberg’schen kam das Ehepaar zur Haak’schen, später Haak-Hoffmann’schen Truppe, mit der es u. a. die Städte Leipzig, Braunschweig, Dresden, Hannover, Frankfurt a. M., Hamburg, Breslau und Nürnberg besuchte. Als die Frau des Principals Hoffmann gestorben war, dieser selbst aber die Gesellschaft verlassen hatte und dadurch die Möglichkeit eintrat das sächsische Privilegium zu erwerben, gelang es Neuber’s, unterm 7. April 1727 ein Interimsdecret, am 8. August desselben Jahres ein definitives Privilegium als königlich polnische und kurfürstlich-sächsische deutsche Hofcomödianten zu erhalten. Die Gesellschaft zählte damals u. a. Friedr. Kohlhardt zu ihrem Mitgliede, dem im folgenden Jahre auch Gottfried Heinrich Koch, Fabricius, das Lorenz’sche Ehepaar u. a. sich zugesellten. Während der Ostermesse 1727 spielte die Neuber’sche Gesellschaft bereits in Leipzig und in dieser Zeit beginnen ihre Beziehungen zu Gottsched, der nun in Gemeinschaft mit Neuber’s ans Werk ging, die verwilderte deutsche Bühne zu reinigen und das regelrechte Drama nach dem Muster der Franzosen auf ihr einzuführen. Es gelang auch den Hofpoeten Joh. Ulrich v. König für die Sache zu gewinnen und ihr, durch diesen, in hohen Kreisen Anerkennung und Ansehen zu verschaffen. War so die Verbindung mit König für die N. von Vortheil, so sollte sie später dazu beitragen, ihre Bahn abwärts zu führen. Denn als sich Gottsched mit ihm überworfen hatte, blieb er jedenfalls nicht ohne Einfluß auf die Streitigkeiten zwischen dem Principal Johann Ferdinand Müller und Neuber’s um das sächsische Privilegium, welches 1733 durch den Tod Friedrich August I. erloschen war und nun von ersterem gewonnen wurde. Die Neuber’sche Truppe, welche seit ihrem Bestehen in Frankfurt a. M., Hamburg, Blankenburg, Merseburg, Hannover, Dresden, Nürnberg, Augsburg, Wolfenbüttel, Braunschweig (1732 erhielt die Gesellschaft das Prädicat hochfürstl. braunschweigisch-lüneburgische Hofcomödiantens) und 1729 und 1730 ausgenommen alljährlich in Leipzig gespielt hatte, erschien nun seit Juli 1734 bis October 1737 nicht mehr in letzterer Stadt. Sie gab während dieser langen Zeit namentlich in Salzthal, Lübeck, Braunschweig, Hamburg, Kiel, Frankfurt a. M. und Straßburg Vorstellungen. Mit so vieler Kraft die N. auch ihre Reformpläne verfolgte, gelang es ihr doch nicht, überall damit durchzudringen, so 1735 in Hamburg, wo sie sich schließlich auch noch durch eine boshafte Ankündigung der sofort vom Senat verbotenen Abschiedsvorstellung viele Feinde machte. Der Schaden der ihr so erwuchs, wurde einigermaßen beglichen durch die Unterstützung, welche der Herzog Karl Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorp zu Kiel ihr 1736 durch Ertheilung eines Privilegiums angedeihen ließ. 1737 erschien die Truppe wieder in Leipzig und hier vollzog sich im October der in der Theater- und Litteraturgeschichte genugsam angezogene Act der Verbannung des Hanswurst von der Bühne in einem eigens dazu verfaßten Stück. Die N. fand in Leipzig den alten Beifall und dehnte ihre Vorstellungen trotz aller Versuche Müller’s sie zu verdrängen, bis zu den Fasten 1738 aus, mit [474] einziger Unterbrechung eines Aufenthaltes in Hubertusburg, wo sie vom 5. bis 13. Novbr. 1737 Vorstellungen am Hofe gab. Die Hoffnungen, welche sowol die N. als auch Gottsched an diese glanzvollen Tage knüpften, erfüllten sich nicht, die Wiederertheilung des Prädicats als sächsische Hofcomödianten war die einzige Errungenschaft, welche die Truppe an jene Vorstellungen an dem Hofe erinnerte. Bis 1743 begegnen wir dann der Neuber’schen Gesellschaft, bei der 1737 Uhlig, 1738 Heydrich eingetreten war, alljährlich in Leipzig, außerdem in Hamburg, Kiel, Frankfurt a. M. und Petersburg; in Hamburg zum letzten Male 1740. Der Einfluß der Opernfreunde, die sich durch die von Scheibe besorgte Einführung der Zwischenactsmusik (1738) für das Schauspiel nicht erwärmen ließen und gegen sie intriguirten, der Geschmack an extemporirten Stücken, die Concurrenz J. K. Eckenberg’s (A. D. B. V, 609) – alles wirkte zusammen, ihre Lage zu einer kritischen zu machen. Erbittert durch den Mißerfolg ihrer guten Bestrebungen, von Sorgen gedrängt, von Schulden bedrückt, kam ihr der Ruf der Kaiserin Anna an den Hof zu St. Petersburg und plötzlich gehoben vom frohen Ausblick in eine gute und ehrenvolle Zukunft rächte sie sich an dem undankbaren Hamburg. In einer Abschiedsrede, die sie selbst verfaßt hatte und in der es einleitend heißt: „Ihr Freunde habt Geduld, heut gehts die Feinde an“, höhnt sie rücksichtslos die Freunde des Hanswurst und stellte auf, was sie als nöthig erachtete die theatralische Kunst zu begreifen. Die Folge war allgemeine Entrüstung, die unleugbare Wahrheit dessen, was die muthige Frau gesagt, mochte stärker gewirkt haben, als der rücksichtslose Ton mit dem sie es gesagt hatte, der Senat entzog ihr die Concession. Das Glück, welches sie nun in Petersburg suchte, war trügerisch, der Tod der Kaiserin vernichtete ihre Hoffnungen; geschädigt in ihrem Besitz kehrte sie Ostern 1741 nach Leipzig zurück. Zwar wurden ihr in Leipzig auf Empfehlung des Geheimen Rathes Grafen von Lynar, die erbetenen Freiheiten bewilligt, aber während ihrer Abwesenheit hatten sich auch hier, und zu ihren Ungunsten die Verhältnisse verändert. Schönemann, der ihrer Truppe angehört hatte, war ihr nicht nach Petersburg gefolgt, sondern hatte in Lüneburg eine eigene Gesellschaft errichtet und sich mit Gottsched in Beziehung gesetzt. Der Forderung Gottsched’s, die N. solle einen Versuch mit der von ihm angestrebten Treue des Costüms machen, kam die N. nach, aber in einer Weise, welche die Verhöhnung Gottsched’s zum Zwecke hatte und erreichte. Gottsched wurde nun der erklärte Feind der früher von ihm beschützten Prinzipalin, und diese, weit entfernt nachzugeben, fügte ihm eine neue schwere Kränkung zu. Am 18. September 1741 führte sie ein selbstverfaßtes Vorspiel auf: „Der allerkostbarste Schatz“, in dem Gottsched selbst auf die Bühne gebracht wurde. Die seine Person betreffende Notiz des Theaterzettels lautet: „Der Tadler, als die Nacht in einem Sternenkleide mit Fledermausflügeln, hat eine Blendlaterne, und eine Sonne von Flittergold um den Kopf“. Die Versuche Gottsched’s, die Aufführung zu hintertreiben, mißlangen, selbst eine Wiederholung am 4. Octbr. konnte er nicht verhindern, da Graf Brühl einen Cabinetsbefehl erlassen hatte, „der Rath von Leipzig soll das Stück fernerhin ungestört aufführen lassen, ohne künftige Protestiren oder Appeliren im Geringsten zu attendiren“. Die Rolle des Tadlers wurde von Fabricius gespielt. Trotzdem die N. mit dieser Burleske die Lacher auf ihre Seite brachte, ging es doch von jetzt ab rapide mit ihr herab. Kohlhardt starb; Widerwärtigkeiten verschiedener Art traten an sie heran, die Einnahmen nahmen ab und müde und erbittert legte die N. 1743 das Scepter ihrer Theaterherrschaft nieder, um sich mit ihrem Manne nach Oschatz zurückzuziehen. Die Waffe des Hohns, die sie gegen Gottsched geschwungen, wurde jetzt gegen sie selbst von gemeiner Hand erhoben; es erschien ein Pamphlet niedrigster Art gegen sie unter dem Titel „Probe | Eines Heldengedichts | In acht Büchern | Welches künftig alle vierzehn Tage [475] Gesangweise herausgegeben werden | soll, und welches den Titel führet | Leben und Thaten | der weltberüchtigten und besten Comödiantin unserer Zeit, nehmlich | der Hoch-Edlen und Tugendbegabten Frauen | Frauen | Friederica Carolina | Neuberin gebohrne Weißenbornin, | Principalin der Königl. Pohln.-Churfürstl. Sächsischen, imgleichen Hochfürstl. Braunschweig-Lüneburg | nunmehr auch | Hochfürstl. Schleswig-Holsteinischen Hof-Comödianten. | Auf ihr Begehren | und Häuffiges Nachfragen ihrer Freunde | an das Licht gestellet | von | M. Friedrich Siegmund Meyer Zwickaviensis. | Der Gottes Gelahrtheit eifrigst beflißenen. | Zwickau 1743.“ | Ein zweiter Theil dieser scandalösen Schrift erschien 1744, in eben dem Jahr, in welchem die N. eine neue Truppe errichtete, der Koch, Heydrich, Antusch’s, Lorenzen’s, Wolffram, die Kleefeld, Bruck und Schubert angehörten und mit der sie bis 1750 alljährlich in Leipzig, außerdem auch in Dresden, Warschau und Frankfurt a. M. spielte. Die Zeit ihrer zweiten Direction ist an Glanzpunkten arm, an Widerwärtigkeiten umso reicher. Zu den ersteren zählt vornehmlich die im Januar 1748 in Leipzig stattgefundene erste Aufführung des jungen Gelehrten vor Lessing, den Friedrike N. damit auf der Bühne einführte; zu den letzteren vor allem der Streit mit Schönemann, der ihr den Leipziger Boden streitig zu machen suchte, endlich die Ertheilung des Hofcomödiantendecrets an Koch, welche ihren Untergang in Leipzig besiegelte. Im Herbst löste die N. ihre Gesellschaft zum zweiten Male auf. Als Principalin verdrängt versuchte N. als Schauspielerin ihr Heil, sie erschien 1753 als solche in Wien, mißfiel aber und mußte 1754 der Kaiserstadt den Rücken wenden. Auch der letzte Versuch, 1755 noch einmal mit einer kleinen Truppe die alte Gunst des Schicksals zu gewinnen schlug fehl, der dritte schlesische Krieg machte 1756 allen „Komödiantenfahrten“ der Vielgeprüften ein Ende. Der königliche Leibarzt Dr. Löber in Dresden nahm das Ehepaar N. mitleidig in sein Haus, und im Febr. 1759 raubte der Tod Karolinen den Gatten, 1760 die Kriegsfurie der Wittwe die Dresdener Zufluchtsstätte. Bei einem Bauer in Laubegast fand sie die letzte Unterkunft, hier auch traf sie am 30. November 1760 der Tod. Am 1. December wurde sie in Leuben beerdigt, man mußte ihren Sarg über die Kirchhofsmauer schaffen, weil der Geistliche der Komödiantin die Thüre nicht öffnen ließ! – 1776 wurde ihr in Laubegast ein Denkmal errichtet, welches sie als eine Frau „voll männlichen Geistes“, als die „berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit, Urheberin des guten Geschmacks auf der deutschen Bühne“ mit Recht bezeichnete. 1852 ließen Dresdener Hofschauspieler das Grab der Schauspielerin neu herrichten und mit einem Steine bezeichnen; ebenso wurde an ihrem Sterbehaus eine Gedenktafel mit der Inschrift: „Hier starb Karoline Neuber am 30. November 1760“, angebracht und das stark verfallene Denkmal restaurirt. Am 17. September wurden Grabstein und Denkmal enthüllt und 92 Jahre nach ihrem Tode der Segen über dem Grabe Carolinens gesprochen. Auch am 30. November 1885 fand eine kleine Feier am Grabe statt. – Die Verdienste der N. sind vielseitiger Natur und der Versuch sie zu Gunsten ihres Mannes zu schmälern muß angesichts der Urtheile ihrer Zeitgenossen und ihrer eigenen gelegentlichen Aeußerungen, aus denen tiefe Einsicht in das Wesen ihrer Kunst, seltene Energie und nie ermattender Muth sprechen, als gescheitert betrachtet werden. Gewiß war er ein tüchtiger Gehülfe, ein guter Geschäftsmann, aber nur durch ihre Einsicht und Fähigkeiten, die bewußte Vortheile zum Opfer brachten, gelang die von Gottsched angebahnte Reform der Bühne, nur durch sie begann die Schauspielkunst sich zu veredeln, sie konnte diese zwar nicht zum Höchsten leiten, aber doch den Nachfolgern den Boden ebenen und den Weg weisen. Und sie that noch mehr, was größer war als es heut erscheinen mag. Sie betonte das sittliche Element, sie forderte von ihren Mitgliedern nicht allein, daß sie gute Schauspieler, [476] sondern auch daß sie anständige Menschen seien. Die ledigen Schauspielerinnen wohnten in ihrem Haus, die ledigen Männer aßen an ihrem Tisch, aus der „Bande“ wurde eine Familie, aus der Principalin die wachende und sorgende Hausfrau. Und wie die letztere auf das Leben, so sah die Principalin auf die nöthige Sorgfalt bei Proben und Aufführungen. Lessing rühmt ihr „vollkommene Kenntniß ihrer Kunst“ und „männliche Einsichten“ nach. – Mehr den Sammler auf sie bezüglicher Aktenstücke, als den seinen Stoff durchgeistigenden Biographen hat N. in J. F. v. Reden-Esbeck gefunden, dessen 1881 erschienener „Beitrag zur deutschen Cultur- und Theatergeschichte“ von Caroline N. und ihren Zeitgenossen bei aller Fülle des Materials kein lebensvolles Bild der Frau und Künstlerin, kein erschöpfendes ihrer Bedeutung für Theater und Litteratur zu geben vermag.[1]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 476. Z. 12 v. o.: Vgl. Distel in der Vierteljahrsschrift f. Litteraturgesch. V, 50 ff. [Bd. 36, S. 790]