ADB:Rauschenbusch, August Ernst

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Artikel „Rauschenbusch, August Ernst“ von August Döring in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 223–225, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rauschenbusch,_August_Ernst&oldid=- (Version vom 20. Juni 2019, 19:37 Uhr UTC)
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Rauschenbusch: August Ernst R., Dr. phil., evangelischer Geistlicher, theologischer, pädagogischer, historischer und belletristischer Schriftsteller, 1777 bis 1840. R. war der Sproß einer alten Pastorenfamilie, die durch mehrere Generationen die Pfarre zu Merbeck im Lippischen bekleidet hatte. Die Familie stammte von einem große Bauernhofe bei Herford, dem Rauschenbuschhofe, dessen Besitzer noch jetzt den Namen Rauschenbusch führen. Sein Vater, Hilmar Ernst Rauschenbusch, lutherischer Prediger zuerst in Bünde in Westfalen, wo auch August Ernst die ersten 13 Jahre seines Lebens zubrachte, dann in Elberfeld; war Pietist von der alten Schule, eine bedeutende Persönlichkeit und auch als Schriftsteller, z. B. in einer Schrift über Armenpflege, in bemerkenswerther Weise hervorgetreten. Nach nur zweijährigem theologischen Studium in Marburg, wo er Jung-Stilling näher trat, und Göttingen erwarb R. 1798 bei der bergischen und 1800 bei der märkischen Synode das Zeugniß der Wahlfähigkeit; bei letzterer mit dem Zeugniß „vorzüglich bestanden“. Von 1802 bis 1808 war er Pfarrer in Kronenberg bei Elberfeld, von wo aus er nun, zu Fuß hin- und herwandernd, vielfach den kränklich gewordenen Vater in Amtsgeschäften unterstützte, auch mehrere jüngere Brüder zur Universität vorbereitete. Von 1808–14 war er Rector einer höheren Bürgerschule in Schwelm bei Elberfeld. In diese Zeit fällt die Abfassung einer kleinen Schrift „Rationalismus und Pietismus“, sowie vornehmlich die der „Auserlesenen biblischen Historien aus dem Alten und Neuen Testament nach Hübner“, deren erste Auflage 1806 erschien und die außer vielfachen Nachdrucken gegen 100 rechtmäßige Auflagen erlebte (vor mir liegt die 73. Aufl. von 1874) und ins Dänische, Polnische und Französische übersetzt wurde. Ihr Gebrauch in Elementarschulen ist bis 1895 nachweisbar. Er hat dazu auch ein mehrbändiges „Handbuch für Lehrer beim Gebrauch der biblischen Historien“ verfaßt, das noch nach seinem Tode in neuer Bearbeitung wieder aufgelegt worden ist. Es ist ein eigenthümliches Zusammentreffen, daß R. in diesen Schwelmer Jahren mit dem Bearbeiter eines ähnlichen Schulbuches, Friedrich Kohlrausch, in freundschaftliche Beziehungen trat. Die Kohlrausch’schen „Geschichten und Lehren des Alten und Neuen Testaments für Schulen“ gingen aus Anregungen des Herbart’schen pädagogischen Seminars in Göttingen 1810 hervor, erschienen 1812 und erlebten 1862 die 23. Auflage. Aus häufigen Zusammenkünften bei Kohlrausch, der damals Rector einer höheren Bürgerschule in Barmen war, an denen auch der spätere Oberhofprediger in Berlin, Friedr. Strauß, damals Pfarrer in Ronsdorf bei Elberfeld, theilnahm, entstand Juni 1812, unter Betheiligung auch einiger anderer benachbarter Geistlicher, das [224] Platokränzchen, in dem allwöchentlich ein Nachmittag und Abend der Lectüre eines platonischen Dialogs und lebhaften Diskussionen über philosophische, theologische und politische Zeitfragen gewidmet wurde. Es bestand bis Ende October 1813 (s. Fr. Kohlrausch, Erinnerungen aus meinem Leben 1813, S. 108 ff. 128 f.). Nach einer mir vorliegenden handschriftlichen Aufzeichnung hat R. aus diesem Kränzchen – wie wohl auch aus der 1804–10 erschienenen Platoschrift Schleiermacher’s – die Anregung zu selbständigen Studien über Plato’s Leben erhalten (siehe weiter unten!), die jedoch zu keiner Veröffentlichung führten.

Anfang 1814 trat R. als Feldprediger bei der „Bergischen Brigade“ unter Generallieutenant v. Hünerbein ein, machte die Belagerung und Einnahme von Mainz mit und überstand ein gefährliches Lazarethfieber, das er sich durch unerschrockene Ausübung seiner Seelsorgerpflichten bei den Verwundeten zugezogen hatte, nur durch die hingebende Pflege seiner Gattin, die auf die Kunde seiner Erkrankung herbeigeeilt war. Bei der ersten Jahresfeier der Leipziger Schlacht 1814 finden wir ihn in der gleichen Berufsstellung in Düsseldorf als feurigen Festredner thätig. Die Predigt liegt gedruckt vor. Bei diesem Anlaß entstand auch sein ausgezeichnetes, patriotisches Gedicht „Was glänzt auf der Berge nächtlichen Höh’n, wie heilige Opferflammen?“ Auch andere patriotische Lieder von ihm aus dieser Zeit wurden auf fliegenden Blättern verbreitet. Wahrscheinlich ist er auch Verfasser der herrlichen Dichtung „Das eiserne Kreuz“ („Als ein Denkmal jener Tage Ueberstandner Leidenszeit“ u. s. w.).

Von 1815 bis zu seinem Tode 1844 war R. Pfarrer in Altena an der Lenne. Hier entfaltete er eine überaus vielseitige Thätigkeit. Außer seinen Functionen als Geistlicher, zeitweise auch als Superintendent, sowie als Mitherausgeber des Märkischen Gesangbuches und Verfasser eines Agendenentwurfs war er besonders für Hebung des Schulwesens thätig, begründete eine Art Fortbildungsabendschule für Arme, an der er selbst unterrichtete, und gab außerdem für solche, die sich wissenschaftlich weiterbilden wollten, unentgeltlich private Curse in Geschichte, Geographie und Sprachen. Im J. 1818 erschien von ihm anonym der Roman „Idaline oder das Fest der Einkleidung in der Abtei zu Heiligensee“. Aus dieser ersten Altenaer Zeit findet sich eine merkwürdige Schilderung seiner Geistesart in der anonymen parodirenden Weiterführung von Wilhelm Meister’s Lehrjahren, die unter dem Titel „Wilhelm Meister’s Wanderjahre“, 5 Theile, 1821–28 (Bd. 1–3 in 2. Aufl. 1823), sogar den echten Wanderjahren den Vorsprung abgewannen; Verfasser derselben ist Fr. Wilh. Pustkuchen, nach dem Pseudonym Glanzow, unter dem er einen Theil seiner zahlreichen Schriften erscheinen ließ, auch Pustkuchen-Glanzow genannt, damals evangelischer Pfarrer in Limme bei Lemgo (vgl. den Artikel „Pustkuchen“ in der A. D. B. und W. Creizenach in der Einleitung zu Bd. 19 der Cotta’schen Jubiläumsausgabe 1906, S. XIV–XVIII). Von der Mitte des 3. bis zur Mitte des 5. Theiles erscheint hier bedeutsam in den Gang der Handlung eingreifend die Figur des Bergraths Anselmo, unter der sich, wie schon die Uebereinstimmung der angeführten Lebensdaten zeigt, unser R. verbirgt. Die Schilderung ist im Ganzen mißgünstig, wie ja auch selbst Goethe in dieser Schrift schlecht wegkommt. Anselmo ist sehr geistvoll und kenntnißreich, aber etwas barock-sarkastisch; vornehmlich aber zu vielseitig und in seinen Interessen und Bestrebungen sprunghaft wechselnd. Bemerkenswerth ist, daß ihm auch die Beschäftigung mit einem Leben Plato’s beigelegt wird, und daß ihm dabei eine merkwürdig gescheite und gegen die Schleiermacher’sche Theorie vortheilhaft abstechende Ansicht von der allmählichen Entwicklung des [225] platonischen Gedankenkreises in den Mund gelegt wird. (Band 3, 2. Aufl., S. 189 u. 201 ff.). Jedenfalls müssen damals zwischen den beiden Männern lebhafte persönliche Beziehungen bestanden haben.

Seit 1830 entfaltete R. eine besonders lebhafte und vielseitige schriftstellerische Thätigkeit. Abgesehen von einem (mir nicht vorliegenden) „Leben Jesu“ und Beiträgen zu einem von seinem Schwiegersohne Karl Aug. Döring, Pfarrer in Elberfeld (s. A. D. B. unter dem Namen) seit 1830 herausgegebenen „Christlichen Taschenbuch“ gab er anonym den Roman „Leben, Thaten und Fahrten eines jungen Buchhändlers oder Erziehung und Leben“ heraus (Schwelm 1830). Im selben Jahre erschien eine kleine Schrift „Die religiösen Eigenthümlichkeiten der Länder Jülich, Cleve, Berg und Mark“, sowie „Hermann Hamelmann’s“ (des Geschichtsschreibers der Reformation und des Humanismus in Westfalen, s. A. D. B. unter dem Namen) „Leben. Ein Beitrag zur westfälischen Reformationsgeschichte.“ Ein Vortitel bezeichnet diese Schrift als Theil I einer Serie „Bilder westfälischer Theologen“; doch ist außer einer kurzen Darstellung des Märtyrerthums Adolf Clarnbach’s und Peter Flystedt’s in der gleichen Richtung nichts weiter erschienen. Dagegen gab er 1832 zusammen mit Friedr. Harkort „Friedrich v. Hövels’ – eines ausgezeichnet gemeinnützigen westfälischen Landedelmannes und Verwaltungsbeamten, 1766–1826 – hinterlassene Schriften. Erster Theil“ (Elberfeld) heraus, zu welcher Schrift R. einen kurzen Nekrolog und eine längere Denkschrift über die Verdienste von Hövels beisteuerte. Im J. 1833 erschien sein „Erziehungsbüchlein oder Anweisung zur Erziehung der Kinder für den Bürger und Landmann“. Rauschenbusch’s Wunsch, aus dem zwar gesegneten und erfolgreichen, aber doch in enger Sphäre sich bewegenden Wirken in Altena zu einer theologischen Lehrthätigkeit an der Bonner Universität berufen zu werden, ist nicht in Erfüllung gegangen. Ostern 1840, am 25. Jahrestage seiner Einführung in Altena, erlag er wiederholten Schlaganfällen.

Vgl. Fr. Aug. Schmidt, Neuer Nekrolog der Deutschen, Jahrg. 1840, Nr. 152, woselbst auf das Elberfelder Intelligenzblatt 1840, Nr. 90, als Quelle verwiesen wird, und die Aufzeichnungen seines Sohnes A. Rauschenbusch in Walter Rauschenbusch, Leben und Wirken von Aug. Rauschenbusch, Cleveland (Ohio) 1901, S. 2 ff.