ADB:Ribbentrop, Friedrich Christian Heinrich

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Artikel „Ribbentrop, Friedrich Christian Heinrich“ von Heinrich Pröhle in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 402–405, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ribbentrop,_Friedrich_Christian_Heinrich&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 05:24 Uhr UTC)
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Ribbentrop: Friedrich Christian Heinrich R., Hegelianer und Missionar, wurde am 18. Februar 1819 in Wasserleben bei Wernigerode geboren. Sein Vater war dort Pächter des großen gräflichen Gutes und lebte in angenehmem geselligen Verkehr, unter Anderem mit der Familie des Kammerrathes Schmelzer auf Schloß Wernigerode. Bald überließ indessen Ribbentrop’s Vater, dessen noch lebender jüngerer Sohn preußischer General wurde, das große Amt Wasserleben der durch Eva König’s Tochter mit Lessing verwandten braunschweigischen Familie Henneberg. Er pachtete als Oberamtmann das noch weit ansehnlichere preußische Staatsgut zu Hornburg am Fallstein. In dieser Stadt wurde Friedrich wahrscheinlich von dem zu Hundisburg verstorbenen Pastor Radeke als damaligem Rector unterrichtet. Alsdann wurde er auf das Domgymnasium zu Halberstadt gebracht. Die Prediger und besonders die Lehrer am Dom gehörten damals der freieren religiösen Richtung an. Dies hatte zwar auf R. nicht einen solchen Einfluß wie auf einige seiner Mitschüler. Als indessen der Bruder seines Lehrers, Wilhelm Schatz, welcher letztere fast in allen Wissenschaften hervorragte, zum großen Bedauern des Doctor Schatz von den Bänken des Gymnasiums oder der Universität aus sich der Mission weihte, versagte R. dem beliebten Lehrer ebensowenig wie die andern Schüler (ganz als ob es sich um einen Gestorbenen handelte) sein Beileid.

Bereits in Halberstadt, wo R. der damaligen mit Gleim’s Gelde gestifteten Selecta angehörte und sich auch schon durch sein Clavierspiel auszeichnete, waren seine Bestrebungen so ausschließlich auf Wissenschaft und Kunst gerichtet, daß er als siebzehnjähriger Jüngling sich nur Berlin als weiteren Ort für seine Ausbildung erwählen konnte, den er nur einmal auf kurze Zeit mit München vertauschte, um auch sein Urtheil über Bildhauerei und Malerei zu vervollkommnen. Die „Gemeinheit des deutschen Studentenlebens“ sah er nur einmal auf der Rudelsburg, wo „drei liebliche Jenenser Studenten“ mit den Berlinern in Schnaps Brüderschaft machen wollten. Vom Studium der Mathematik und der classischen Sprachen wandte sich R. in Berlin bald ausschließlich der Hegel’schen Philosophie zu. An die theologische Facultät war für ihn wohl zu Hause nie gedacht worden. Die gesammte philosophische und aesthetische Bildung soll für R. nur das Material hergeben, welches ins philosophische System zusammengefaßt wird. Auf dem Gebiete der Musik huldigte er als Weltkind zuerst der geistlichen Richtung. Bach’s Passionsmusik erklärte er bald für das Schönste, was er bisher in der Musik überhaupt hatte kennen gelernt. Mozart’s Requiem sei zwar wunderschön, dringe aber doch nicht so zum Innersten der Seele. Seiner ganzen Seelenstimmung entsprach Nürnberg am meisten, weil dessen Bewohner Gemüthlichkeit mit Bildung vereinigten. Auf der Alpenreise antwortete er einigen Mönchen, die mit „Gelobt sei Jesus Christus“ vorbeizogen noch im Studentenbasse „guten Morgen“. In ihren Gesichtern las er noch mehr die Ekelhaftigkeit des Müßiggangs als Dummheit. R. schreibt: „Dazu die dicken Bäuche und glatt geschorenen Köpfe – kurz ein [403] tiroler Mädchen, das am Brunnen stand, entschädigte unser aesthetisches Gefühl auf sehr angenehme Weise.“ Ueber die Vergnügungssucht der Münchener konnte sich R. nicht genug wundern, entzog sich jedoch nicht den rasch auf einander folgenden Bällen. Wie sehr aber die bairischen Damen auch sein gewandtes Tanzen bewunderten, so befriedigte ihn doch das Leben nicht, welches in Vergnügungen seinen Höhepunkt erreichte. Im Sommer 1841 wollte er auf ein Vierteljahr in das Vaterhaus zurückkehren, von Hornburg aus die nahe Wolfenbüttler Bibliothek benutzen und dann in Berlin ein großes philosophisches Werk herausgeben, welches ihm bis spätestens zum Herbst 1843 die akademische Laufbahn eröffnen sollte.

Ein wohlhabender junger Gelehrter von so umfassender Bildung hätte wohl nicht nöthig gehabt, sich schon vor dem Betreten des Universitätscatheders einen Namen als Schriftsteller zu machen. Nicht seine geselligen Talente, aber seine Gabe, durch eine nicht unbedeutende Persönlichkeit unmittelbar zu wirken, hätte auch für den Beginn der akademischen Laufbahn – am wenigsten allerdings in Berlin – für R. einige Fäden anknüpfen können. Allein die Abfassung des Buches war für ihn überhaupt nur ein geistiger Proceß, mit dessen Beendigung jede Wirksamkeit erst beginnen konnte. Es war das Rechenexempel, das er auf seinen ganzen Bildungsgang vor dem Eintritte in das Leben machen mußte. Aber das Exempel war schwer. R. fand bald, daß die Lust fertig zu sein sehr leicht sei und bekämpft werden müsse, sowie daß man durch Schriften mehr Unglück stiften könne als durch andere Unternehmungen. Für ihn stand die Pflicht fest, nichts der Oeffentlichkeit zu übergeben, was nicht „aus vollem inneren Seelenfrieden“ geschrieben sei. Wenn sich die Menschen früher mit den Fäusten ins Angesicht geschlagen hatten, so fand er, daß sie jetzt viel feiner geworden waren, sich mit Blicken und – was das Allerfeinste sei – mit dem Verstande verwundenten. Dies trifft aber nach Ribbentrop’s Meinung alles ins Herz, und wie der Mord aus Leidenschaft leichter entschuldigt wird, so wird der grobe Spott weit übertroffen von der Satire und Ironie in Büchern und Wissenschaften. Die rasche Verbesserungssucht gehe daraus hervor, daß die Menschen Gott nicht mehr fürchteten. Solche und ähnliche Gedanken legte R. in den Briefen an den Vater zu derselben Zeit nieder, da der Unterzeichnete ihn (seinen älteren Mitschüler) in den Musikkreisen Adolf Schrader’s in Berlin wiedersah. Schrader, der Sohn eines Organisten in Croppenstedt, war ein Jüngling von ähnlichen, aber geringeren Anlagen wie R. Von dessen Seelenkämpfen verlautete in jenem Kunstkreise nichts. Da sogar Schrader sich nach 1848 nicht ohne allen Erfolg an der Musikkritik betheiligt hat, so kann nicht daran gezweifelt werden, daß R. trotz seines Ernstes selbst schon durch ganz kurze Musikreferate, wie sie in mehr witziger Art der Staatsanzeiger von 1848 über das Theater von Oldenburg brachte, alle andern damaligen Musikreferenten in Schatten gestellt haben würde. Allein wer dachte damals daran? Als aber Ribbentrop’s Verwandte sich trotz ihres bedeutenden Vermögens nicht darein finden konnten, daß er im Vaterlande ganz von neuem beginnen wollte, und als Schrader, der stets sein lebhaftester Bewunderer gewesen war, ihn 1848 nicht mehr verstand, war er nicht länger im Vaterlande zu halten. Der Vater rügte es, daß sich der Abschluß des lange erwarteten Werkes in Grübeleien auflöste. Der Sohn aber erbot sich dem reichen Oberamtmann gegenüber, zunächst das Examen als Gymnasiallehrer zu machen. Er erhielt nur in Philosophie und deutscher Litteratur die Berechtigung, in Prima zu unterrichten. Das nützte ihm schon an sich nichts, denn der deutsche Unterricht wurde den classischen Philologen oder den Mathematikern mit überlassen. Ihm aber lag es nun hauptsächlich am Religionsunterricht. Er erhielt ihn zu seiner großen [404] Freude, vielleicht bei August oder Bonnell, an einem Gymnasium in einer unteren Classe. 1848 gerieht er in Gefahr, ihn wieder zu verlieren. Indessen schon war er mit Goßner bekannt, der auf eigene Hand Missionäre bildete. Es waren Handwerksburschen, die R. unterrichten half – vielleicht im Englischen, damit sie über London als Missionare nach Ostindien gehen konnten. Dies benutzte Goßner, um ihn ganz zu gewinnen und auf dem nämlichen Wege selbst nach Ostindien zu schicken. Das Jahr 1848 hatte ihn vollständig gebrochen. In London wurde R. bei einem frommen Handwerker einquartiert, der am Morgen des Sonntages, an welchem R. anlangte, in einer deutsch-evangelischen Kirche mit dem flüchtigen Prinzen von Preußen zum Abendmahle gegangen war. Die Erzählungen seines Wirthes von dem Prinzen, welcher am Altare geweint habe, regten in R., der freiwillig vor der nationalen Erhebung in Deutschland geflohen war, den Gedanken an, daß Gott allen Nationalstolz breche, den deutschen wie den französischen. Insoweit der deutsche Nationalstolz dem Kaiser Wilhelm gegenüber getreten war, hat ihn Gott allerdings gebrochen!

R. war bald in Capland. Er wohnte einige Zeit bei einem deutschen Missionar, der auf die Bewirthung solcher Durchreisender eingerichtet war. Im Caplande half er auch noch großen erwachsenen Mohren mit kleinen Kindern zusammen das Lesen zu lehren. Damals schrieb er, er habe ein Jahrzehnt lang in Berlin für einen allseitig wissenschaftlich gebildeten Doctor der Philosophie gegolten und nicht ein Wort von den friedlichen Revolutionen der Erde gewußt, die „den blut- und schandbefleckten Revolutionen dieser Welt“ zur Seite gingen. Indessen schrieb er doch auch während der Meerfahrt nach Ostindien: „Man kann die beste Seele mit orthodoxen Wahrheiten zu Tode ärgern. Auch der Teufel weiß mit dem Worte Gottes zu kämpfen.“ Auf dem Ganges kam ihm der Sohn seines Wirthes in Calcutta im Boot entgegen. An dem Ufer des Ganges fand R. eine Schönheit neben der andern. Er erinnerte sich an das Paradies, das ja auch von einige nach Indien verlegt sei. Anfangs wirkte er nur durch Beaufsichtigung von Bazarschulen und Waisenanstalten. Jene unterstützte er auch von dem väterlichen Vermögen. Sein eigener Gedanke war dagegen die Erbauung des Fakirhauses in Chuprah, worin er die frommen Fakir sammelte, da sie bei Krankheit von den Hindu’s aus Aberglauben verlassen und gemieden werden. Nach einiger Zeit wurde Ribbentrop’s eigene Gesundheit angegriffen. Ein Engländer bemerkte es und drang ihm das Geld zu einer Erholungsreise auf. Er nahm es auch an, kaufte aber einem „Bruder“, der sich eben verheirathen wollte, Möbeln dafür. So hielt er im Fakirhause seine philosophisch-theologischen Unterredungen und erfreute Jung und Alt durch seine meisterhafte Begleitung der Gesänge. Nur auf einige Zeit mußten die Missionäre nach Dinapore fliehen. Hier wurde man aber durch das Gerücht geschreckt, daß die Muhamedaner auf ihrem diesmaligen Opferfeste Menschen statt Ziegen opfern wollten. Die Tapferkeit der Engländer hob R. stets hervor. Er erzählte von einigen wenigen Männern, die auf einige Zeit eingeschlossen waren und sich schnell einen Brunnen gruben, um sich nicht zu ergeben. Aber er klagt auch, daß die Engländer nicht vom Opium und vom „Indigogötzen“ lassen wollten. Indessen versuchte, als R. sich mehr und mehr aufrieb, wieder ein Engländer vergeblich, ihn für 500 Gulden nach dem Himalaja zu schicken. Um ihn zu einer mehrtägigen Erholungsreise zu veranlassen, mußte ein Missionar in Muzafferpur ihn zu Gevatter bitten. In der Nacht zum Sonntag, 6. Sept. 1863, traf er ein, blieb aber nur bis zu Mittwoch, weil die andern Brüder in Chuprah nicht wohl waren. Nur auf zwei Stunden nahm er für die Rückfahrt am Mittwoch vor Sonnenaufgang den Wagen des angesehenen Missionars an. Er wollte [405] nun noch vier Stunden bis zu einer englischen Factorei gehen, um dort zu frühstücken. Als er von dem Wagen stieg, gesellten sich einige Hindu’s zu ihm. Alle halbe Stunden saßen Bettler am Wege: Jeder empfing eine Gabe von ihm. Niemand bemerkte, daß er unwohl sei. Gegen halb ein Uhr war er nur noch eine halbe Stunde von der Factorei entfernt. Da bemerkte ein Hindu, der seine Kuh weidete, daß „der Saheb“ anfing mit wankenden Schritten zu gehen. Er verfolgte ihn 100 Schritte weit mit den Augen und sah, wie er sich unter einem Baum auf dem Straßendamm setzte, wo er sogleich, vom Herzschlage (nicht vom Sonnenstich) getroffen, todt rücküber fiel. Es war am 9. September 1863. Nun sprang der Hindu und mehrere andere Hirten herbei. R. wurde zu seinem Freunde nach Muzafferpur zurückgefahren, wo er Donnerstag 10. September auf dem Missionsbegräbnißplatze unter den Nativchristen begraben wurde.

R. war insofern ein Opfer der Hegel’schen Philosophie, als dieselbe zur Zeit, da er in Berlin scheiterte, den Einfluß verlor, welchen sie zur Zeit Friedrich Wilhelm’s III. besessen hatte. Wie es scheint, wollte er nicht darauf verzichten das ganze System zu umfassen, während er als Aesthetiker auch auf dem Universitätscatheder zuletzt vielleicht etwas geleistet haben würde. Von den Bestrebungen der Lichtfreunde und Orthodoxen in seiner Heimath, der Provinz Sachsen, hatte er kaum Notiz genommen. Der Wendepunkt in seinen Abstractionen, der ihn seiner Familie entriß, hat etwas Typisches für die Bewegung der Geister um 1848, wenn er auch selten so schroff und zerstörend eintrat. Den Vorwurf, daß er schon als Philosoph wie später noch mehr als Christ sich allzusehr als Weltbürger und nicht als Deutscher gefühlt habe, kann man ihm nicht ersparen.

Dr. Friedrich Ribbentrop. Von W. Krüger, Pastor in Langenberg. Bremen 1873. – Eigene Erinnerungen.