ADB:Schellenberg, Johann Rudolf

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Artikel „Schellenberg, Johann Rudolf“ von Carl Brun in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 762–765, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schellenberg,_Johann_Rudolf&oldid=2505996 (Version vom 22. Januar 2019, 17:21 Uhr UTC)
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Schellenberg: Johann Rudolf S., Maler, Kupferstecher und Dichter, geboren 1740 in Basel, † am 6. August 1806 in Töß bei Winterthur. Der Vater Schellenberg’s, Johann Ulrich, war ebenfalls Maler; er stammte von [763] Winterthur und hatte sich in Basel niedergelassen, wo er sich mit der Tochter des bekannten Malers Rudolf Huber verheirathete. Die ersten künstlerischen Anregungen empfing S. vom Großvater, auf seinem Schooße sitzend, versuchte er, was dieser ihm vorzeichnete, nachzuzeichnen und lernte er die Formen von Menschen und Thieren kennen. Für die Schule arbeitete der Knabe ungern, mehr als Lesen und Schreiben reizten ihn die Gesichter der Lehrer und Commilitonen, die er in schalkhafter Weise in seine Schulbücher eintrug. Nach dem Tode des Großvaters kehrte die Familie nach Winterthur zurück, wo der junge S. die Schule beendete. Da der gesammte künstlerische Nachlaß Huber’s, Gemälde, Zeichnungen und Gypsabgüsse, welch’ letztere zwar auf dem Transport zum Theil verunglückten, in den Besitz des Schwiegersohns übergegangen war, so fehlte es dem strebsamen Jüngling auch in der engeren Heimath nicht an dem nöthigen Material zur weiteren Ausbildung. Ein Unglücksfall, ein Sturz aus der Schaukel, der die zeitweise Lähmung der Rechten zur Folge hatte, trat dieser allerdings momentan hemmend in den Weg. Von einer Wanderschaft in die Fremde konnte einstweilen keine Rede sein. Als S. wiederhergestellt war, begab er sich nach Basel, woselbst er Gelegenheit fand, sich in der Landschafts- und Portraitmalerei zu üben und seine ersten historischen Compositionen und Genrebilder entwarf. Er versuchte sich besonders in der Darstellung der damals so beliebten Idyllen, in denen die Frauen der guten Gesellschaft als Schäferinnen, die Männer als arkadische Hirten aufzutreten pflegten, besser gelangen ihm aber, zu seinem Lobe sei es gesagt, Zeichnungen nach der ungeschminkten Natur, einfache Bauern und Bäuerinnen. S. hatte Unglück, ein Engländer engagirte den Künstler, ihn nach Italien zu begleiten, das Schicksal machte jedoch durch die geplante Reise einen Querstrich. Am Abend vor der Abfahrt wurde der Maler krank, und so konnte er den einzigen Anlaß, der sich ihm im Leben bot, das Land Raphael’s zu besuchen, leider nicht benutzen. Anstatt nach Rom gings wieder nach Winterthur, wo ein Meister leicht der Gefahr ausgesetzt ist, zu versauern. S. fühlte sich dort vereinsamt, da es ihm an gleichgesinnten Genossen fehlte, und er keine seiner Reife entsprechende Vorbilder hatte. Auch waren in dem kleinen Winterthur die Liebhaber und Kenner selten, und zeigten sich wenige Käufer. Der Maler zog sich in sich selbst zurück. Glücklicherweise wurde er bald durch den Kanonikus Johannes Geßner in Zürich auf dasjenige Gebiet hingelenkt, auf dem er Bleibendes leisten sollte. Geßner veranlaßte S., für wissenschaftliche Zwecke naturhistorische Zeichnungen herzustellen. Mehrere Monate weilte er bei seinem Gönner, nach Rösel’s Art Insecten zeichnend und ernste naturgeschichtliche Studien machend. J. H. Sulzer’s „Kennzeichen der Insecten“ war das erste Werk, in dem S. mit 52 Radirungen voll Geist als Insectenzeichner auftrat. Der Erfolg war groß und machte weitere Kreise, auch das Ausland, auf den anspruchslosen Künstler aufmerksam. Der Hannoveraner Andreae, der 1763 seine Briefe aus der Schweiz nach Hannover veröffentlichte, wandte sich für die Herstellung der Illustrationen an S. „Ich hatte, schreibt er in der Vorrede (S. VII), nach langem Suchen das Glück, an dem geschickten Herrn S. einen Mann zu finden, der von dem uneigennützigsten Patriotismus angefeuert, sich entschloß, die zur Aufnehmung dieser Aussichten nöthigen Reisen zu thun.“ Fortan hatte S. das Feld gefunden, welches er unermüdlich bearbeitete. Er legte sich eine große Sammlung von Aquarellen an, 3800 Blätter entomologischer Zeichnungen enthaltend, die später nach München an den Kurfürsten Theodor von Baiern verkauft wurde. Genug verdienend für seinen Unterhalt, stets reichlich für Verlagshandlungen beschäftigt, führte er ein stilles und zufriedenes Leben. Er verheirathete sich in Winterthur, dem er bis zu seinem Tode treu blieb, und das [764] er nur zeitweise verließ, wenn er Wanderungen im Schweizer Land unternahm, sich nach Basel oder Bern begab. Das Lob, welches Andreae seinen Insecten spendet (Briefe. S. 51): „Man wird schwerlich irgendwo in Werken der Kunst etwas der Natur getreueres antreffen“, ist voll und ganz berechtigt.

S. war ein ungemein fruchtbarer Künstler, der sich an zahlreichen Werken als Zeichner und Radierer betheiligte. Arbeiten von ihm in J. J. Roemer’s „Genera insectorum Linnaei et Frabricii, iconibus illustr.“ (Vitod. apud Steiner & Soc. 4°. 1789); in Herbst’s „Naturgeschichte der Krabben und Krebse“ (Theil I); in Sulzer’s „Abgekürzte Geschichte der Insekten“ (Theil I und II, Winterthur, Steiner & Co. 1776); in J. C. Füßli’s „Magazin für die Liebhaber der Entomologie“ (8°, Zürich, 1778–1779); in Füßli’s „Archiv für Insektengeschichte“ (8 Hefte 4°, Zürich, 1778–1786); in Füßli’s „Geschichte der besten Künstler in der Schweiz“; in Basedow’s „Elementarwerk“. Auch lieferte S. Beiträge zum „Botanischen Magazin“ von Roemer und Usteri, zu Usteri’s „Annalen der Botanik“; zu dem „Neuen botanischen Magazin“ Roemer’s; zu Willdenow’s „Historica amaranthorum“ (Fol. Zürich, 1790) und zur „Helvetischen Entomologie“ (1. Bd. 8°, Zürich 1798). Viele Blätter des Meisters finden sich in den zürcherischen Neujahrsstücken der Chorherrn, der Stadtbibliothek, des Musiksaales, der naturforschenden Gesellschaft u. s. w., bald sind es solche nach J. M. Usteri (Scenen aus der vaterländischen Geschichte und der Zeit der Reformation, z. B. Zwingli’s Zug in den Kappeler Krieg, Pelikan, der von seinem Lehrer eine hebräische Bibel empfängt), bald solche nach eigener Zeichnung (ein Lehrer mit seinen Schülern im Naturaliencabinet, der Bartgeier, Neuholländische Küste). Selbständig gab S. folgende Werke heraus: „Das Geschlecht der Land- und Wasserwanzen nach Familien geordnet“ (14 Taf., 8°, Zürich 1800); „Entomologische Beiträge“ (10 Taf., Winterthur 1802); „Gattungen der Fliegen“ (42 Taf. 8°, Zürich 1803); „Plantes et arbustes d’agrément“ (20 Taf. 8°, Winterthur 1791–1794); „Collection choisie de plantes et arbustes“ (27 Taf. 4°, Zürich 1797). Angeregt durch Holbein’s Todtentanz, den S. für Herrn v. Mechel copirte, entstanden „Freund Hein’s Erscheinungen, ein Todtentanz in 24 Blättern“ (Winterthur 1785), zu dem Musäus die Verse lieferte. Für das Komische und Satirische hatte S. besonderes Talent, er fand in den Menschen das Charakteristische sofort heraus und war ein vorzüglicher Caricaturenzeichner, wie das eigenhändig radirte Bildniß des Berliner Professors Jacob Wegelin von St. Gallen beweist. Hierher gehören auch die „36 Köpfe zur Lavater’schen Physiognomik“, welche uns heute wie Beiträge zur Darwin’schen Theorie anmuthen und die 1772 erschienenen 7 Blätter „Pour raillerie“, in denen der Künstler, ähnlich wie Grandville, den Menschen einen Spiegel vorhält, indem er sie als Thiere verkleidet auftreten läßt. Die Schalkhaftigkeit in Schellenberg’s Natur, das Sarkastische in seinem Wesen eignete sich vortrefflich zur Illustration von Fabeln: 1777 kamen, Daniel Chodowiecki gewidmet, mit dem S. in Briefwechsel stand, bei Steiner in Winterthur 21 Kupfer zu den Fabeln von Hagedorn, Gleim und Lichtwer heraus, 1794 veröffentlichte die Steiner’sche Buchhandlung nebst einem Aufsatz Schellenberg’s über die Frage: „Sind die Fabeln eine Uebung für Kinder oder sind sie es nicht“, seine „Sittenlehre in Fabeln und Erzählungen für die Jugend“. Von den 13 Illustrationen derselben sind am gelungensten die Thierbilder, besonders das Titelblatt. Weniger Glück hatte der Künstler mit seinen Illustrationen biblischer Geschichten; die bei Steiner 1774 und 1779 in Kupfer geätzten Bilder zum alten und neuen Testament, durch welche S. mit Lavater bekannt wurde, weisen sich überdies zum Theil als Copien Raphaelischer Cartons aus. Es ist hier nicht der Ort, ein [765] Verzeichniß der einzelnen Blätter Schellenberg’s zu geben, denn die Winterthurer Bibliothek allein besitzt von ihm 11 Mappen aus dem Nachlasse des verstorbenen Bibliothekar Horner, und neben Winterthur ist der Meister so zahlreich in Zürich, in der Bühlmann’schen Sammlung und im Künstlergut, vertreten, daß nur ein systematischer Katalog uns einen vollständigen Begriff von seinem unendlichen Fleiße geben könnte. Als Landschafter arbeitete S. auch nach G. H. L. Nicolovius und Friedrich Rehberg, als Genremaler nicht selten nach Chodowiecki. Er hat eine Folge „Schweizer Trachten des Zürichgebiets“ herausgegeben, bekannte antike Statuen, wie den „Apoll von Belvedere“ reproducirt und uns eine Reihe von Bildnissen bedeutender Schweizer in guten Radirungen hinterlassen. Als Maler wußte S. besser mit Wasserfarben als mit Oelfarben umzugehen, vollendet, ganz einzig in ihrer Art sind seine Conchylien und Schmetterlinge in dem L. 61 bezeichneten Bande Züricher Meister im Künstlergut, das außerdem noch Handzeichnungen von ihm besitzt (vgl. R 25, Bl. 21 u. 22; R 35, Bl. 145 u. 151; R. 42, Bl. 33 u. 34), die zum Theil getuscht, zum Theil mit Rothstift ausgeführt sind. Von den schriftstellerischen Arbeiten Schellenberg’s – er hinterließ bei seinem Tode im Manuscript 7 Bände Gedichte und prosaische Rhapsodien – ist neben den bereits angeführten, im Druck 1795 in der Steiner’schen Buchhandlung nur noch eine „Kurze Abhandlung über die Aetzkunst“ erschienen.

S. 3. Neujahrsstück der Zürcher Künstlergesellschaft von 1807 (16 Seiten und zwei Abbildungen von F. Hegi und H. Lips). – Füßli, Geschichte der besten Maler in der Schweiz. Bd. 3, S. 255. – Nagler, Künstlerlexikon, Bd. 15, S. 175–178.