ADB:Schultze, Leopold

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schultze, Leopold“ von J. L. Schultze. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 242–256, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schultze,_Leopold&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 05:57 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Schultze, Max
Band 54 (1908), S. 242–256 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand Juli 2015, suchen)
GND-Nummer 117647365
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|54|242|256|Schultze, Leopold|J. L. Schultze.|ADB:Schultze, Leopold}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117647365}}    

Schultze: Karl Leopold Sch., D. theol., Generalsuperintendent in der Provinz Sachsen, evangelischer Kanzelredner, katechetischer Schriftsteller und Kirchenpolitiker, geboren am 11. Juli 1827 zu Brandenburg als Sohn des Directors der Ritterakademie Wilhelm Sch., des früheren Feldpredigers im York’schen Corps, eines Mannes, in welchem bereits feinsinnige, ästhetisch abgetönte Geistescultur und warme, herzvolle Frömmigkeit, letztere durch die patriotisch-religiöse Bewegung jener Tage über den rationalistischen Gesichtskreis des väterlichen Hauses emporgetragen, eine harmonische Vereinigung schufen, die von seiner Persönlichkeit und von seiner Rede, besonders auch in entscheidenden kriegerischen Momenten, bedeutende Wirkungen ausgehen ließ, wie dies J. G. Droysen in seinem Werke über York mehrfach hervorgehoben hat (10. Aufl. II, 28, 96, 152, 257 f., 446 ff. u. a. a. O.). Das Glück, an [243] der Seite eines solchen Mannes sich zu entwickeln, sollte dem jüngsten und begabtesten der drei Söhne nur kurze Zeit zu Theil werden. Nachdem schon dem Vierjährigen die Mutter durch den Tod entrissen worden war, verlor er fünf Jahre darnach auch seinen Vater. Aber die Erinnerung an das Elternhaus, an des Vaters Wort als einen Quell geistiger und gemüthlicher Anregung blieb ihm ein Schatz fürs Leben. Dem zuerst noch der rechten Leitung entbehrenden verwaisten Knaben erschloß sich bald im Schulleben des Schindler’schen Waisenhauses zu Berlin eine neue Welt, sie bot ihm, nach überwundener spartanischer Strenge des ersten Eingangs, an der Hand eines Kläden und anderer trefflicher Lehrer die Schätze der Alten wie der deutschen Litteratur zu begeisterter Aufnahme dar; und es ist bezeichnend für die Eigenart des späteren Meisters in wohllautender Sprache und hohem Stil, mit welcher Entschiedenheit er schon damals über die lateinischen Autoren einen Plato und Sophokles stellte, über diese aber wieder die vaterländischen Größen, besonders Goethe. Wir fassen hierbei gleich die letzten Schuljahre auf dem Gymnasium zum Grauen Kloster mit denen in der Schindler’schen Anstalt zusammen. Neben ihrem intellectuellen Ertrage hatte sich noch ein früh auflebendes musikalisches Talent fast bis zur Grenze künstlerischer Leistungen hin entfaltet. Mit Beethoven und Bach war ein innerer Bund geschlossen worden, der den Jüngling hier und da zu eigenen Compositionen im Tone des Volksliedes weiterführte, und der als goldener Faden auch durch die arbeitsreichen Jahre des Mannes sich hindurchzog.

Das religiöse Leben Schultze’s hatte in dieser Zeit noch keine tiefergehenden Einwirkungen erfahren. Was ihn zum Studium der Theologie bestimmte, war zunächst das pietätvoll aufbewahrte väterliche Vorbild. Er wandte sich der Universität Halle zu, wo damals die von den Befreiungskriegen nachwirkenden religiösen Impulse am ausgeprägtesten eine bestimmte wissenschaftliche Formung sich gegeben hatten. Es war die der älteren sogenannten Vermittlungstheologie: vermittelnd zwischen Christenthum und allgemeinem Geistesleben im Sinne eines gemäßigten Pietismus, vermittelnd ferner zwischen lutherischer und reformirter Glaubensweise auf der verfassungsmäßigen Grundlage der preußischen Union. In ersterer Richtung vor allem wirkte tonangebend Aug. Tholuck, der weltbekannte Studentenvater, in letzterer, mehr in sich zurückgezogen, aber die sich ihm erschließenden Kreise durch tiefgründigen Gedankenbau sehr nachhaltig beeinflussend, Julius Müller, der Hallesche Dogmatiker und Unionstheologe. Jenem, der ihm auch durch eine gemeinsame Reise nach England zur Erweiterung seines kirchlichen Horizontes verhalf, fühlte sich Sch. zeitlebens dankbar verbunden, ohne doch der freundlichen Dringlichkeit Tholuck’scher Seelsorge seine innere Selbständigkeit ganz preiszugeben; diesem wurde er noch näher geführt, zum Theil durch einen gewissen conservativen und nach ethischer Klarheit strebenden Grundzug seines Wesens, dann aber auch durch die schnell erwachende Neigung zu des Lehrers zweitältester Tochter Anna. Die Musik hatte ihn mit ihr zusammengeführt, ihre wahrheitsernste Lieblichkeit, verbunden mit einem starken Erbtheil theologischen Geistes, brachte die reichbesaitete Harfe seines Gemüthslebens zum vollen Tönen; das spätere eheliche Verhältniß der unzertrennlich Verbundenen bewahrte bis zuletzt den frischen idealen Hauch. Damit aber nun im Frühling der Liebe auch der Ernst des Studiums sein volles Recht behaupte, wurde Halle eine Zeitlang mit Berlin vertauscht. Nitzsch und Neander, der letztere besonders auch durch das Vergeistigte, Weltentrückte seiner ganzen Persönlichkeit, wurden hier zu weiteren Förderern der theologischen Entwicklung, während Hengstenberg’s confessionelle Gebundenheit und zum Theil künstliche Beweisführung [244] keine näheren Berührungen zuließ. Die Märzstürme des Jahres 1848, welche damals über Berlin dahinzogen, konnten auf den vorhin erwähnten conservativen Zug nur befestigend einwirken. Als Sch. zur Vollendung seines Studiums wieder nach Halle zurückkehrte, breitete sich noch einmal sein bisheriger Werdegang vor ihm aus, wie er das verlassene Waisenkind nun auf die Höhen seelischen Besitzens geführt hatte – es war wie jene Stunde im Leben des Patriarchen, der vor dem Unverdienten seine Kniee beugt: von da an war er seines Gottes und seines inneren Berufes, ihm zu dienen, gewiß. –

Den wohlgeprüften Candidaten erwartete zunächst eine pädagogische Aufgabe als Lehrer der heranwachsenden Töchter des Herrn v. Jena zu Cöthen in der Mark, bei deren Lösung er durch unmittelbaren Tact wie durch impulsive gesellige Begabung und Liebenswürdigkeit schnell die Herzen der Familie sich gewann. Zu besonderem Gewinn wurde ihm dabei der Verkehr mit dem Hause Müllensiefen’s, des damaligen Pfarrers in Cöthen, und das Vorbildliche von dessen Amtsführung. Nachdem noch ein Jahr in des Königs Rock seine schwankende Gesundheit glücklich befestigt hatte, und Müllensiefen einem Rufe an die St. Mariengemeinde in Berlin gefolgt war, wählte ihn Herr v. Jena zu dessen Nachfolger. Es war für den jugendlichen Anfänger keine leichte Aufgabe, in die Fußstapfen dieses bedeutenden Mannes und seiner 16jährigen Cöthener Wirksamkeit zu treten. Schon vor ihm hatte die edelgesinnte Patronatsfamilie ihrer Stellung zur Gemeinde die innere Grundlage kirchlicher und socialer Fürsorge gegeben durch allerlei Einrichtungen zunächst mehr in allgemein humanitärer Richtung. Indem Müllensiefen hieran anknüpfte, wußte er nicht nur dem v. Jena’schen Hause einen tieferen Fonds christlichen Lebens mitzutheilen, sondern auch den um die lieblichen Hügel des alten Oderthals (bei Freienwalde a. O.) gelagerten Ortschaften seines Sprengels ein lange nachwirkendes geistiges und geistliches Gepräge zu hinterlassen. Mit dem Feuer der ersten Begeisterung trat Sch. diese Hinterlassenschaft für die nächsten neun Jahre (1852–61) an. Eine bei seinem Weggang für den Nachfolger verfaßte ausführliche Instruction läßt am deutlichsten den Geist pastoraler Weisheit erkennen, mit dem er diesen mannichfach abgestuften, persönlichen und dinglichen Verhältnissen gerecht zu werden, das Veraltete langsam abzustellen, das Keimkräftige zu entwickeln sucht, den Geist auch eines liebevollen Eingehens, womit er den oft dürren Aaronsstab der äußeren Verwaltungsgeschäfte, insonderheit des mit jenen Einrichtungen verbundenen Cassenwesens, gleichsam zum Grünen bringt. Gerade nach dieser Richtung war es ihm auch beschieden Neues zu schaffen. Im engeren Verein wieder mit der Gutsherrschaft, im weiteren mit den Standesfamilien des Kreises, wurde ein Rettungshaus gegründet, angelehnt an die damals noch jungen Bestrebungen Wichern’s im Rauhen Hause und von ihrem Geiste erfüllt, eine der ersten Friedenstauben aus der Arche der Innern Mission über den Wogen eines verwahrlosten Volksthums, wie sie das Jahr 1848 zum Ueberfluthen gebracht hatte.

Unter den Männern, die in dieser Zeit auf Sch. eingewirkt haben, tritt neben Wichern und J. Müller besonders noch die kernige Persönlichkeit eines Jaspis, des pommerschen Generalsuperintendenten, hervor. Auf einer gemeinsamen General-Kirchenvisitation lernt er den tiefen Gewissensernst des oberhirtlichen Seelsorgers verehren, und lernt vor allem auch von seiner katechetischen Kunst das Geheimniß, wie es zu machen sei, daß „der Katechismus bei den Kindern nicht nur fest, sondern auch lose sitzt!“. In vertrauensvoller Arbeitsgemeinschaft mit den trefflichen Lehrern der Cöthener Parochie sehen [245] wir dieser Gedankensaat vielfältige und z. Th. schon selbständige Früchte entsprießen. Aber noch nach einer anderen Richtung mehr indirect sollte die Bekanntschaft mit Jaspis ein Markstein seiner Entwicklung werden. Das theologisch-kirchliche Denken des jungen Pfarrers, bis dahin überwiegend J. Müller’sche Züge tragend, hatte in dieser fortdauernden pietätsvollen Geistesgemeinschaft immer neue Anregung gefunden, die Fragen des praktischen Amts gleich in wissenschaftlicher Vertiefung anzufassen. So mußte er denn naturgemäß auch in den kirchenpolitischen Gegensatz der Halleschen Unionstheologie gegen den im Osten sich ausbreitenden schroff confessionellen Einfluß Hengstenberg’s hineingezogen werden; in dem damals erscheinenden eindrucksvollen Buche J. Müller’s „Die evangelische Union“ erblickte auch er sein Programm. Aber ein Jaspis war eben kein Hengstenberg; hier lernte er zum ersten Mal einen Kirchenmann größeren Stiles kennen, der die confessionelle Grundstellung mit weitherzigem Blick und innerlicher Wärme zu verbinden wußte: eine Verbindung, deren Möglichkeit gewiß auch J. Müller wohl bewußt war, die aber von seinem Schüler erst persönlich erlebt werden mußte, um als wohlthuende Ergänzung dessen kirchliches Urtheil weiter zu bilden.

Ein neues, abschließendes Element wurde diesen pastoralen Lehrjahren durch einen Ruf ins Wupperthal noch hinzugefügt, durch das Pfarramt an der Gemeinde Barmen-Wupperfeld, 1861–64. An diesem Brennpunkt religiösen Lebens, wo Gemeindeglieder, die nach schweren theologischen Büchern griffen, keine Seltenheit waren, dort mußte vor allem die Wirksamkeit des Kanzelredners einen zu höchster Entfaltung treibenden Resonanzboden finden. Ihre besondere Gabe: lebensvolle, anmuthige Herzlichkeit mit durchsichtig harmonischer Gedankenfülle zu verknüpfen – ein Charisma nicht nur der Rede, sondern des Charakters – gewann ihm in Begleitung von eifriger Seelsorge schnell die Liebe der nicht leicht zu befriedigenden Gemeinde. Im regen Austausch des Gebens und Nehmens mit ihr, wie auch mit anderen bedeutenden Geistlichen des Thals (Josephson, Kirschstein, Taube, Hesekiel u. A.) erschloß sich ihm die Macht eines christlichen Volkslebens, das bei aller Betonung religiöser Sitte doch nicht im landeskirchlichen Organismus und Bekenntniß seinen Schwerpunkt suchte, vielmehr in selbständigem Aufbau des Gemeindelebens von innen heraus mehr reformirte, um nicht zu sagen urchristliche, Färbung zeigte. Was die spätere synodale Selbständigkeitsbewegung in der preußischen Landeskirche und Sch. mit ihr mühsam erstrebte, das hatte hier sein urkräftiges Vorbild. Im Mittelpunkt aber dieser geistigen Strömung standen immer wieder die Stillen im Lande – die Bibelchristen! Starke innere Fäden gingen von ihnen wieder zu den württembergischen Stundenhaltern, wie überhaupt zu dem süddeutschen biblisch gerichteten Pietismus hinüber. Und so traten sie denn jetzt auch in seinen Gesichtskreis, die alten Forscher im Schacht der Bibel aus der Schule Bengel’s, mit ihrer schlichten, sinnigen Auslegungskunst. Besonders interessirt ruhte dabei sein Blick auch auf der Gestalt eines Martin Boos, jenes gewaltigen evangelisch gesinnten Volkspredigers im Gewande eines österreichischen Priesters. Die mit Boos einst zusammenhängende freiere Bewegung innerhalb der katholischen Kirche hat er in einem Schriftchen geschildert, das sich wie eine Weissagung auf die neuste confessionelle Entwicklung in Oesterreich liest.

Bei all diesem reichen, stark fluthenden Leben fehlten doch auch die persönlichen Schatten nicht ganz. Die Kreise der Gemeinde hätten gerne ihren Pastor auch politisch auf ihrer Seite gesehen. Schultze’s patriotische Anschauungen vermochten sich mit dem rheinischen Liberalismus, zumal in der [246] Zeit der heraufziehenden Conflictsjahre nur unvollkommen zu verständigen. Ein Ausspruch, den er damals that, hätte beinahe seine Stellung untergraben: der jetzt so verhaßte Ministerpräsident v. Bismarck werde noch einst der populärste Mann in Europa sein! Sodann ging mit dem besondern Ansehn und Vertrauen, das ein beliebter Pfarrer im Wupperthal genießt, auch eine Inanspruchnahme seitens der Gemeinde Hand in Hand, die auf die Dauer Gesundheit und Familienleben des überall Umdrängten zu gefährden drohte. Daher entschloß er sich, wiewohl schweren Herzens, der unerwartet an ihn herangetretenen Berufung zum Consistorialrath, Superintendent und Pfarrer der St. Pauligemeinde in Posen Folge zu leisten, und ließ die Barmer Gemeinde in Frommel’s Händen zurück. Der Oberkirchenrath zu Berlin, in welchem seit dem Eintritt W. Hoffmann’s, des württembergischen Theologen, immer mehr die unionsfreundliche Haltung der preußischen Kirchenpolitik in den Vordergrund getreten war, wünschte diese Position durch seine Wahl auch im Posener Consistorium zu verstärken.

Es begannen hiermit sieben Jahre (bis 1871), die wohl als die glücklichsten seines Lebens bezeichnet werden dürfen. Gegenüber der geschlossenen Macht des katholischen Polenthums gerade in Posen fühlte sich alles, was deutsch und evangelisch war, von vorne herein wie verwandt. Man suchte für dies menschliche Sich-Nahekommen nach einem inneren Band, und man fand es in der aufstrebenden St. Pauligemeinde, um deren neuen Prediger jetzt die gebildeten Kreise der Stadt insonderheit sich sammelten. Ein äußeres Denkmal dieses Aufstrebens wurde der Bau der Paulikirche für die bis dahin gastweis untergebrachte Gemeinde, ein noch segensvolleres die Gründung des Posener Diakonissen-Mutterhauses, bei welcher Sch., von Anfang an Seele und Seelsorger des Hauses, mit Oberpfarrer Bork, Director Haupt, Major v. Treskow und andern Männern sich die Hand reichte. Auf der Dominsel angesichts der erzbischöflichen Burg Ledochowski’s wuchs das evangelische Reis hoffnungsvoll und bedeutungsvoll empor. Ein engeres Freundschaftsband verband ihn und seine Gattin während dieser Jahre mit dem geistig hochstehenden Hause des Oberpräsidenten v. Horn. In diesem Manne, der zugleich Präsident des Consistoriums war, vereinigten sich damals die Tendenzen des deutsch-evangelischen Widerstands gegen die im Polenthum immer bedrohlicher sich erhebende Macht Roms. Sch. ging ihm dabei zur Hand, u. a. durch einen im Namen des Consistoriums erlassenen flammenden Protest gegen die Aufforderung des Papstes, zur katholischen Kirche „zurückzukehren“. Doch was half es, daß der Vertreter des Staates in der Provinz fort und fort über unbefugte Klostergründungen und andere Uebergriffe nach Berlin berichtete? Ledochowski, der seinerseits über einflußreiche Verbindungen in Berlin verfügte, grub seine Gegenminen, und Horn – wurde nach Königsberg versetzt! So lagen die Dinge in Preußen vor dem Culturkampf.

Bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten erschien der Posener Consistorialrath sozusagen als die markanteste Gestalt eines unverzagten evangelischen Bewußtseins. Noch später, als er schon in Elbei war, reiste ihm ein katholischer Priester nach, um bei ihm seine Conversion zu vollziehen, weil er seinen Namen am öftesten hatte nennen hören (Zillgens). Auch im Collegium wurde sein Einfluß, unterstützt durch die schon angedeutete Gabe der innerlichen Erfassung von Verwaltungsgeschäften, mehr und mehr der entscheidende, und zwar, wie es scheint, ohne sonderliche Frictionen: mit den Collegen, besonders dem feinsinnigen Schellingianer Rödenbeck, dem späteren Consistorialpräsidenten, mit Karl Göbel, dem originellen reformirten Schrifttheologen, gestaltete sich der Verkehr sehr herzlich und anregend. Was aber so die Person an Vertrauen [247] sich erwarb, im Consistorium und weiterhin in der Geistlichkeit der Provinz, das übertrug sich nun ohne viel Umstände auch auf die principielle Stellung, seinen mit Schonung vertretenen unionistischen Standpunkt. Für zugespitzte kirchenpolitische Gegensätze war ohnehin in einer Provinz kein Boden, der die gemeinsame Frontstellung gegen Rom mehr als alles am Herzen lag, wo die Nöthe einer Kirche, die unter dem Zeichen der Diaspora kämpfte, überall in erster Linie den Gegenstand kirchenregimentlicher Fürsorge bildeten. Wie Sch. gegenüber dieser Lage thatkräftig helfend eingegriffen und die Sorgen der Amtsbrüder auf sein Herz genommen hat, das ist ihm noch durch ein besonderes Dankesvotum bezeugt worden, indem die außerordentliche Provinzialsynode, welche zur Vorberathung der in den älteren preußischen Landestheilen einzuführenden Kirchengemeinde- und Synodalverfassung 1869 zusammentrat, einmüthig ihn zu ihrem Präses erwählte. Der Oberkirchenrath, der die Wahl genehmigte, gab seine Befriedigung über die Führung der Präsidialgeschäfte dadurch zu erkennen, daß er dem in der Mitte der Vierziger Stehenden nunmehr das Amt eines zweiten Generalsuperintendenten in der Provinz Sachsen antrug. Der damit an ihn herantretenden Aufgabe, zu der ja in seinen bisherigen Führungen die mannichfachste Vorbereitung lag, glaubte er sich nicht entziehen zu dürfen, obgleich „die Stufen von der St. Paulikanzel herunter ihm noch schwerer wurden, als einst das Hinauf“, und er das Gefühl hatte, daß ein Riß durch sein Leben ging. Unter denen, die bei diesem Scheiden Aehnliches empfanden, sei hier besonders der früheren Confirmanden gedacht; eine begeisterte Schülerin hat nachmals seiner katechetischen Thätigkeit ein anmuthendes Denkmal gesetzt: „Consistorialrath D. Leopold Schultze als Religionslehrer an der Töchterschule.“

Die Heimathprovinz der Reformation lag vor ihm, mit ihren Domthürmen bis zur Wiege des deutschen Kaiserthums zurückweisend, mit ihren zahlreichen und gehaltvollen geistlichen Kräften im Süden um das wissenschaftliche Centrum Halle sich scharend, während der Norden mehr der confessionellen Richtung folgte; ein reichgegliederter, schöner Wirkungkreis, an dessen Eingang freilich zunächst die Schwierigkeiten sich thürmten noch über das erwartete Maß hinaus. Eine zweite Generalsuperintendentur innerhalb derselben Provinz war damals in Preußen, abgesehen von Berlin-Brandenburg, etwas Neues, nach der Absicht des Ministers v. Mühler sollte sie durch einen tüchtigen Vertreter erst als vollendete Thatsache wirken, dann wollte er ihre Uebernahme auf den Etat des Staats dem Parlament empfehlen. Das bald darauf folgende Regime Falk zeigte jedoch wenig Interesse, dieses Versprechen einzulösen, und so mußte denn der neue Generalsuperintendent zehn Jahre lang von 1871–81 als Dorfpfarrer in dem zwei Meilen von Magdeburg gelegenen Elbei sein Einkommen beziehen, eine vielfach demüthigende, Zeit und Kraft verzehrende Zwitterstellung, zumal er sich von der Ueberzeugung aus, daß im Connex mit dem kirchlichen Leben der Provinzialhauptstadt das Predigtzeugniß des Oberhirten dort nicht fehlen dürfe, jährlich noch zwölf Predigten auf der Magdeburger Domkanzel ausbedungen hatte. Eine wirklich innere Ausfüllung indessen konnte das Sporadische dieser Thätigkeit, obwohl sie auch hier bald einen dankbaren Zuhörerkreis um sich sammelte, und inbezug auf Gedankenreichthum und Formvollendung wohl den Höhepunkt seiner Predigtwirksamkeit bezeichnete, doch nicht gewähren; noch weniger das Stillleben der kleinen Elbeier Gemeinde, die an geistlicher Aufnahmefähigkeit das, was Sch. einst in seiner ersten Landpfarrei gefunden hatte, nicht erreichte.

Um so mehr mußte jetzt das Schwergewicht seines Wirkens dahin fallen, wohin ja auch das Amt des Oberhirten mit seinen Visitationen und Weiheacten [248] vor allem wies, auf den persönlich anfassenden Verkehr mit den Amtsbrüdern, wie mit deren Patronen und Gemeinden. „Wenn er dann mit den Geistlichen zusammentraf“ – so schildert ein Amtsgenosse, Generalsuperintendent Baur, in seinem Lebensbild Schultze’s diese Wirksamkeit – „erwachte die Erinnerung an die einst mit ihnen verlebten entscheidenden Tage der theologischen Prüfung und an die ins Gewissen greifenden Stunden der Ordination auf beiden Seiten, und von ihr war der Weg leicht zur Gegenwart mit ihren häuslichen und gemeindlichen Leiden und Freuden, Sorgen und Siegen. Visitationen, Kircheinweihungen, Jubelfeiern, Vereinstage boten Gelegenheiten, die im besten, im evangelischen Sinne bischöfliche Erscheinung dem evangelischen Volk nahe und ihre Kraft zur vollen Geltung zu bringen. Da erfüllte sich denn des Herrn Wort von den Strömen lebendigen Wassers, die von der glaubensinnigen und geistesmächtigen Persönlichkeit fließen.“ – Unter zahllosen ähnlich lautenden Aeußerungen, die dem Unterzeichneten von Geistlichen der Provinz Sachsen ohne Unterschied des kirchlichen Standpunkts zu Ohren gekommen sind, ist ihm besonders ein Wort als bezeichnend für das intimere Moment dabei im Gedächtnis geblieben: bei aller großen Bedeutung dieses Mannes sei doch seine Gegenwart und sein Umgang Niemandem je beschwerlich geworden.

Als Sch. nach Sachsen kam, stellte der Confessionalismus im kirchlichen Leben der Provinz eine ansehnliche, vielfach dem Unionsgedanken noch spröde gegenüberstehende Macht dar. Begünstigt von oben her durch das Ministerium Mühler, hatte er besonders in dem charaktervollen Magdeburger Appellationsgerichtspräsidenten Ludwig v. Gerlach, dem von Friedrich Wilhelm IV. einst „gefürchteten“ Führer der Kreuzzeitungspartei, sowie in Consistorialrath Appuhn seine Stütze gefunden, während der Präsident des Consistoriums, Nöldechen, nach Geist und Gemüth sich Sch. verwandt fühlend, ihm von seinem ursprünglich confessionellen Standpunkt aus bald eine warme Freundeshand der Verständigung hinüberreichte. Die Hallesche Richtung war in hervorragender Weise repräsentirt durch den ersten Generalsuperintendenten Möller, eine innerlich vornehme, theologisch und philosophisch durchgebildete Persönlichkeit, mit der zu allen Zeiten, auch da, wo die kirchenpolitischen Wege später auseinanderführten, ein herzlich collegialisches Zusammenwirken möglich war. In dieser so verschiedene Möglichkeiten darbietenden Combination nun vor allem eine Politik der Versöhnung in der Richtung auf die Union hin anzubahnen, dazu war Sch. von maßgebender oberkirchenräthlicher Seite, von dem ihm persönlich gewogenen, auf der Höhe seines Einflusses damals stehenden Generalsuperintendenten Hoffmann ausersehen worden. Und Niemand konnte eine solche Aufgabe freudiger in die Hand nehmen, denn er: sie bedeutete für ihn nicht sowohl eine Politik, als ein seiner innersten Natur entsprechendes und durch die Erfahrungen seines bisherigen Lebens ihm nahe gelegtes Handeln. Wie stark aber dasselbe auch in seinen theologischen Ueberzeugungen wurzelte, das hatte bereits im J. 1868 ein Vortrag auf der Berliner Pastoralconferenz gezeigt, der in der Geschichte der Unionsbestrebungen fast eine ähnliche Bedeutung erlangt hat, wie das vorhinerwähnte Buch von J. Müller: „Die Augsburgische Confession als Gesammtbekenntniß unserer ev. Landeskirche“. In diesem, noch als Druckschrift warm ansprechenden, Exposé erschien der berechtigte Kern einer sogenannten Consensus-Union (die das Gemeinsame der zu vereinigenden Bekenntnisse in ausdrücklicher Formulirung zu Grunde legt), wie jenes Buch sie befürwortet hatte, noch schärfer, einwandsfreier gefaßt, und mit dem verfassungsmäßigen unverkürzten Recht der lutherischen und reformirten Sonderbekenntnisse in ein ausgeglichenes Verhältniß gesetzt: „Die Nothwendigkeit des Bekenntnisses folgt aus dem Recht [249] der Gemeinde an die evangelische Wahrheit, schließt aber die Möglichkeit eines Gesammtbekenntnisses für die evangelische Kirche nicht aus. Auch durch das unzweifelhafte Recht der Einzelgemeinde an ihr besonderes Bekenntniß wird die Bekenntniß-Einheit der Landeskirche nicht alterirt.“ „Als Ausdruck jenes Consensus aber war eins der reformatorischen Bekenntnisse selbst vorgeschlagen, mit Berufung auf die Friedensmission der Augustana schon in der Geschichte, und mit der Reserve, daß auch dieser Formulirung, wie den Bekenntnissen überhaupt, nur ein relativ verpflichtender Charakter beizumessen sei; wolle man daher diese Fahne aufpflanzen, so müsse es mit der ausdrücklichen Erklärung geschehen, daß dadurch an dem historischen Bekenntnißstand der Gemeinden, wie er ihnen verbürgt ist, d. h. an der fortdauernden Geltung ihrer Sonderbekenntnisse für sie nichts geändert werde.“

Wir haben es hier jetzt nicht mit der Beurtheilung dieses praktischen Vorschlags zu thun, der übrigens so, wie er gemacht wurde, nie zur Ausführung gekommen ist, sondern vielmehr mit der darin sich ausdrückenden, principiellen Stellung. Was darin nämlich von freudiger Anerkennung des Geschichtlich-Confessionellen neben dem Unionsgedanken sich kundgab, war völlig ernst gemeint, es war ein, wenigstens vorherrschend, lutherischer Grundtypus seines Denkens, zu dem ja seine Natur eigentlich von Haus aus angelegt war, und der sich im Laufe der Jahre durch die Berührung mit Jaspis und andern edlen Vertretern des Lutherthums allmählich herausgebildet hatte. Ein wichtigeres Ergebnis, als die Ausführung jenes Vorschlags es hätte haben können, stellte sich bei dieser principiellen Stellung heraus, indem sie es ihm ermöglichte, mit den confessionellen Kreisen der Provinz Sachsen bald ein Vertrauensverhältniß zu gewinnen. Er fand sie doch im allgemeinen zu milderen Auffassungen geneigt, von Halleschen Einflüssen, namentlich denen Tholuck’s, nicht unberührt, die Anerkennung ihrer berechtigten Eigenthümlichkeit seitens des neuen Oberhirten wurde dankbar empfunden. Mit so mancher Stätte ernsten religiösen Lebens – und dazu gehörte, zum Theil noch unter Nachwirkungen des Pietismus, auch manche edle Familie, deren sociale Stellung im Sinne eines noblesse oblige christlich vertieft und für den Fortschritt der Zeit erschlossen war, – konnte eine wirkliche Gemeinschaft in den innerlichsten Fragen sich bilden.

Die auf solchen persönlichen Wegen fortschreitende Aussöhnung zwischen Lutherthum und Union innerhalb der Provinz Sachsen wurde nun von einer andern Entwicklung durchkreuzt. Daraus sich ergebende Reibungen haben zum Theil mit beigetragen, eine neue kirchenpolitische Situation zu schaffen. Was hier darüber zu sagen ist, kann wiederum nicht den Anspruch erheben, über das so Gewordene ein abschließendes Urtheil zu fällen, denn dazu bedürfte es erst einer alle Factoren berücksichtigenden Geschichte jener kirchlichen Aera, die noch auf ihren Darsteller wartet. Einstweilen kann es nur darauf ankommen, nach bestem Wissen Thatsachen mitzutheilen, durch die das Werden bedingt wurde, wobei freilich auch die Auffassung dieser Thatsachen von Seiten der in ihrem Handeln dadurch bestimmten Person nicht unberücksichtigt bleiben kann. Bezüglich des letzteren Punktes liegt in einer Reihe von Aeußerungen, die in den „Kirchlichen Bausteinen“ gesammelt worden sind, besonders in dem Aufsatz „Die Parteien der positiven Union, ihr Ursprung und ihre Ziele“, urkundliches Material vor.

Das mit Falk und Herrmann beginnende liberale Regiment vermochte in noch erheblich geringerem Maße, wie das vorhergehende Mühler’sche, Schultze’s Zustimmung zu finden, was für seine loyale Denkweise ein tiefer Schmerz war. Obwohl selbst im Kampfe gegen Rom erprobt, sah er doch in den Einzelheiten [250] des sogen. Culturkampf’s ein Uebergreifen aus dem Machtbereich des Staates in die Sphäre religiöser Freiheit, das die Position der katholischen Kirche durch ein ihr aufgedrungenes Märtyrthum nur verstärken könne. Für ganz besonders verhängnißvoll aber hielt er es, daß als Mittel des Kampfes eine Gesetzgebung gewählt worden sei, von der die evangelische Kirche, die treue Bundesgenossin des preußischen Staates, in gleicher Weise mitgetroffen werde, und daß durch dieses zugleich freiheitliche Ordnungen, die bei allmählicher, ruhiger Einführung vielleicht förderlich oder wenigstens erträglich sich gestaltet haben würden, den Charakter einer unverdienten Maßregelung der Kirche angenommen hätten, ja den zum religiösen Abfall geneigten Volksschichten geradezu als eine indirecte Aufforderung erscheinen könnten, den Ordnungen der Kirche sich zu entziehen. Anders dachte man über diese Dinge nun in Halle. Dort hatte, je mehr die den älteren Unionsstandpunkt vertretenden Glieder der Facultät sich gesundheitlich gehemmt fühlten, Professor Beyschlag mit aufstrebender Kraft die kirchenpolitische Führung der Collegen in die Hand genommen. Er selbst hat die damit beginnende Entwicklung der Dinge, wie sie sich ihm darstellte, in seiner Selbstbiographie geschildert. Daß von dieser Darstellung verschiedentliche Abstriche gemacht werden müssen, und daß Beyschlag, der Meister geistvoller, künstlerisch abgerundeter Conception, manches andere eher als ein nüchtern abwägender Historiker war, dürfte selbst von seinen Freunden zugestanden werden. Für Schultze’s Eigenart hat er ein volles Verständniß nicht besessen; obwohl – oder vielleicht auch weil – er bis zu einem gewissen Punkt ihm innerlich verwandt war. Beide Männer waren lebensvoll vordringende Naturen, ästhetisch durchgebildet, mit hoher Phantasie ausgerüstet. Beiden, noch mehr wohl Beyschlag, konnte es gelegentlich begegnen, daß sie im Schwunge festlicher Stunden Kreise mit sich fortrissen, deren Stellung nachher im einzelnen ihren Erwartungen nicht ganz entsprach. Ihr Unterschied läßt sich vielleicht am kürzesten so formuliren: Beyschlag, mehr Verstandesimpulsen folgend, war der Mann der Vermittlung, das Rechnen mit Compromissen seine Stärke, Sch. dagegen mehr der Mann der Versöhnung, der das Leben von der Gemüthsseite her erfaßte, darum aber auch die Güter der Gemüthswelt vor einem do ut des sorglich hütete. Dazu kam noch dies, daß für Beyschlag nach der Luft, in der er lebte, die Kreise der städtischen Intelligenz als das von der Kirche zu Gewinnende, wenn auch um schweren Preis, überall im Vordergrunde standen, während Sch. mehr das Ganze im Auge hatte.

Kaum hatte Falk den Kampf gegen die katholische Kirche eröffnet, als Beyschlag mit Lebhaftigkeit den Gedanken erfaßte, die Kräfte der evangelischen Kirche, zunächst die der landeskirchlichen großen Unionspartei, sozusagen als Hülfstruppen des Staats mobil zu machen. Eine freiheitliche Fortbildung des Unionsgedankens, wenn auch nicht in dem Sinne, wie der Protestantenverein ihn vertrat, so doch in Annäherung dazu, sollte damit Hand in Hand gehen, indem das relativ Verpflichtende des kirchlichen Bekenntnisses, wie es bisher von den maßgebenden Vertretern der Richtung meist aufgefaßt worden war, auf die mehr formelle Bedeutung eines Vorbildes und Wegweisers für kirchliches Lehren reducirt wurde. In diesem Sinne erging 1873 von Halle aus die Aufforderung zur Unterzeichnung eines Programms für die nunmehr als „Evangelischer Verein“ zu constituirende Unionspartei. Die Tendenz des Unternehmens trat durch ein gleichzeitiges scharfes Abrücken Beyschlag’s von der confessionellen Gruppe, die in seinen Aeußerungen nur noch als Hüterin des Ueberlebten und als Hemmschuh kirchlicher Entwicklung erschien, noch deutlicher zu Tage. Diese Auffassung konnte nun Sch. nach seinen oben geschilderten [251] Erfahrungen nicht theilen, ebensowenig die damit verbundene optimistische Beurtheilung des staatlichen Culturkampfs, den zu unterstützen ihm überhaupt nicht als Aufgabe der Kirche erschien. Vor allem aber hatte er gegen jene Reduction der Autorität der Symbole wesentliche Bedenken, verstärkt durch das Eintreten von Mitgliedern der Halleschen Facultät für eine abschwächende Entscheidung des bekannten Sydow’schen Lehrprocesses. Er vermochte daher mit vielen Anderen in der Provinz, die es bisher mit Halle gehalten hatten, das neue Unionsprogramm nicht zu unterzeichnen. Man legte sich in diesen Kreisen damals wohl auch die Frage des Anschlusses an die confessionelle Partei vor. Indessen widersprach dies Schultze’s nach wie vor unionsgesinntem Standpunkt. Und so lag denn, falls Halle nicht einlenkte, das Auseinandergehen der alten Unionspartei in zwei getrennte Lager schon damals in der Luft.

Selbstverständlich konnte es nicht nur in einer Provinz und darum nicht gleich auf einmal zur endgültigen Entscheidung darüber kommen. In Berlin standen die um den Hofprediger Kögel sich scharenden Kreise – bald darauf gesellte sich als eine werdende Größe auch Stöcker dazu – vor derselben Frage. Mit dem Ersteren als seinem Schwager und Studiengenossen war Sch. schon seit lange durch die innigste Freundschaft verbunden, und wurde es in dieser Zeit beginnender gemeinsamer Kämpfe nur noch mehr. Kögel’s gewaltige Persönlichkeit (s. A. D. B. LI, 299) hat vor dem Kaiser und vor der Oeffentlichkeit oft das entscheidende Wort gesprochen, in Bezug auf die theologische und praktische Durcharbeitung der Gedanken hat er in dem etwas älteren Schwager dankbar einen ergänzenden Genossen anerkannt. „Was die Gruppe der positiven Union in diesem ihrem Leiter und Träger verloren hat“, so schrieb er nach Schultze’s Tode, „welche Säule für die Landeskirche zusammengebrochen ist, das kann selbst der weniger Kundige von ferne ermessen.“ – Der Fortgang der Falk’schen Gesetzgebung verschärfte inzwischen von Monat zu Monat die kirchenpolitische Situation, ganz besonders auch die in dem ersten Entwurf des Civilstandsgesetzes ausgesprochene Absicht: zur Führung der standesamtlichen Register im Bedarfsfalle auch der Geistlichen sich zu bedienen, so daß ein solcher u. a. in die Lage kommen konnte, ein Paar, das den Trauungssegen aus seiner Hand verschmähte, dennoch bürgerlich zusammensprechen zu müssen. Als pastor pastorum sah Sch. hierin den Tiefpunkt der diesem Stande zugemutheten Demüthigungen und hielt es für seine Pflicht, in einer Schrift „Wider den geistlichen Civilstandsbeamten“ 1874 sich seiner Ehre anzunehmen, wobei die Amtsstellung des Verfassers die Form der Anonymität an die Hand gab, doch nicht ohne die verständliche Andeutung, daß er aus dieser Frage für sich persönlich eine Cabinettsfrage machen werde: es war wie ein erstes Kreuzen der Schwerter, der Minister ließ die Sache fallen. Dort aber, wo man schon früher seine positive Stellung zum Bekenntniß geschätzt hatte, glaubte man jetzt auch die Führung der ersten ordentlichen Provinzialsynode 1875 in keine besseren Hände legen zu können als in die des muthvollen Oberhirten. Indem nun Sch. seinerseits diesem dringenden Wunsche der confessionellen Partei um der Sache willen nachgeben zu müssen glaubte, hatte er allerdings seine Stellung auf der außerordentlichen Provinzialsynode in Posen als Präcedens für sich, er machte sich aber wohl nicht ganz klar, daß der durch Präsident Herrmann an Falk’s Seite gerückte Oberkirchenrath am wenigsten geneigt sein würde, das Außerordentliche zum Ordentlichen werden zu lassen: die Leitung des synodalen Lebens durch maßgebende kirchenregimentliche Personen. Beyschlag, der die Schwäche dieser Position durchschaute, war denn auch im Stande, durch eine Anfrage an den [252] Commissar des Oberkirchenraths im Augenblick der Wahlhandlung die Majorität auf den von ihm vorgeschlagenen Präses zu lenken. Es ist jedoch historisch unrichtig, wenn seine Darstellung aus der angeblichen Verstimmung Schultze’s über diese Niederlage den Entschluß einer antihalleschen und antiherrmannschen Parteigründung herleitet. Wie die am Schluß dieses Artikels angeführten Verhandlungen ergeben haben, beruht diese Annahme auf einer Verwechslung zweier ganz verschiedener Vorgänge von Seiten Beyschlag’s. Sie widerlegt sich auch schon dadurch, daß Sch. fünf Monate nach jener Synode in einem neuen Vortrag auf der Berliner Pastoralconferenz: „Ekklesia und Volkskirche“, die Stellung des Oberkirchenraths wieder sehr freudig vertreten hat, nämlich in Bezug auf den 1873 erschienenen Erlaß einer Kirchengemeinde- und Synodalordnung in ihrer ersten Fassung.

So befanden sich denn die Dinge thatsächlich noch in der Schwebe, als Ende 1875 die außerordentliche Generalsynode begann. Sie sollte dem Aufbau des presbyterial-synodalen Verfassungswerkes für die älteren preußischen Provinzen durch eine Generalsynodal-Ordnung die krönende Spitze aufsetzen. Da jedoch das Ganze wegen des kirchlichen Besteuerungsrechtes noch der Genehmigung des Parlaments bedurfte, so hatte Herrmann jetzt im Einverständniß mit Falk in den sogenannten Schlußbestimmungen der Vorlage eine unvermuthete Abänderung der früher erlassenen Kirchengemeinde- und Synodalordnung eingefügt, die auf die liberale Stimmung des Abgeordnetenhauses Rücksicht nehmend ein Ueberwiegen des Laienelements auf den Synoden bezweckte. Auch Sch. hatte in jenem Berliner Vortrag die Heranziehung des Laienelements zur Verwaltung der evangelischen Landeskirche vertreten, und zwar im Blick auf ihren volkskirchlichen Charakter; da dieser sich ihm jedoch mit dem religiösen Begriff der Kirche (Gemeinschaft der Heiligen) nicht deckte, so sah er hierin eine nothwendige Schranke jener Betheiligung, und vor allem hielt er es für widersprechend dem religiösen Begriff, daß über den Umfang derselben die Rücksicht auf ein interconfessionelles, ja zum Theil nichtchristlichen Strömungen hingegebenes Parlament entscheiden solle. Da er sich hierin nun mit Kögel, Professor Cremer, Generalsuperintendent Erdmann, v. Wedel (späterem Minister des kgl. Hauses) und vielen Andern zusammenfand, so mußte, wie das schon auf der sächsischen Provinzialsynode geschehen war, der rechte Flügel auf der Unionspartei von dem linken gesondert sich verständigen, und zwar im Sinne einer Ablehnung der ganzen Vorlage. Gegen den Widerspruch dieses Flügels und der Confessionellen wurde sie zum Beschluß erhoben. Derartige parlamentarische Sonderungen können aber auf die Dauer nicht ohne Formulirung eines bestimmten Programms sich vollziehen. Es kam daher gleich nach der Generalsynode zur definitiven Begründung einer Partei der „Positiven Union“ – ein schon früher von J. Müller und Andern gebrauchter Ausdruck, der jetzt besonders in dem ersteren Wort seinen Accent fand.

Es würde hier zu weit führen, die Bestrebungen dieser Partei im einzelnen zu verfolgen. Auch von der Betheiligung Schultze’s – bezüglich der Provinz Sachsen traten ihm besonders Consistorialrath Renner, Graf v. Hagen, Graf Hohenthal und Andere zur Seite – dürfte sich aus dem Bisherigen bereits im allgemeinen ein hinreichendes Bild gewinnen lassen. Daß seine persönlichen und amtlichen Beziehungen zu Halle dabei gegenüber den großen principiellen Gesichtspunkten etwas mehr zurücktraten, als Beyschlag und seine Freunde es erwartet haben, hat den begleitenden litterarischen Auseinandersetzungen zum Theil ein besonderes Gepräge gegeben. J. Müller selbst, seit zwanzig Jahren von Schlaganfällen heimgesucht, hielt sich von einer eigentlichen Einwirkung auf den Gang der Dinge zurück. Obwohl er von seinem [253] Collegen formell und öffentlich sich nicht lossagen wollte, hat er doch die Stellung seiner Schwiegersöhne, Sch. und Kögel, verstanden und namentlich ihre Haltung auf der Generalsynode ausdrücklich gebilligt; mit großer Freude scharte sich um dieselbe Zeit im Elbeier Pfarrhaus der weitere Müller’sche Familienkreis um seinen Jubilar. Daß Sch. in dem, was er für recht hielt, nur das folgerichtige Ergebniß seines oben geschilderten Entwicklungsganges vertrat, mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit, unbewegt durch Gunst oder Mißgunst, und daß über den kirchenpolitischen Graben das Ungeheuchelte einer liebevoll demüthigen inneren Stellung immer wieder Brücken schlug, ist auch von Andersdenkenden anerkannt worden. Als es im J. 1879 hieß, er würde die Schwierigkeiten von Elbei mit der Posener Generalsuperintendentur vertauschen, vereinte sich die Geistlichkeit der Provinz zu einer großen Petition um sein Bleiben. Die Folge war, daß nun endlich auch Falk nachgab. 1881 wurde die zweite Generalsuperintendentur selbständig fundirt und damit nach Magdeburg verlegt. Hier wirkte Sch. zunächst in der bisherigen Weise weiter, sodann nach Möller’s Emeritirung 1890 als erster Generalsuperintendent und Pfarrer am Dom.

Wie früher schon in Cöthen und in Posen, so waren auch in Sachsen die Werke der Inneren Mission seine Lieblingspflanzung und wurden es besonders im Zusammenhang mit Magdeburg. Unter seiner Förderung gelang, vertreten von Hesekiel, dem späteren Generalsuperintendenten, damals Pfarrer bei Magdeburg, die Angliederung der Inneren Mission an das synodale Leben in Kreis und Provinz, erwuchs am Fuß der Harzberge als freundlicher Absenker der Vereinsthätigkeit das erste norddeutsche Sommerhospiz, Haus Hagenthal. Noch anhaltender beschäftigte ihn die Gründung eines Magdalenenasyls in Krakau, nachher unter Superintendent Pfeiffer weiter aufblühend, am anhaltendsten die Pflege des Stadtmissionswerkes in Magdeburg, wobei namentlich Dr. Hartmann und Kaufmann Fahrenhorst seine freundschaftlich verbundenen Mitarbeiter waren. In dem frischen Angreifen dieses Werkes erkennen wir u. a. einen Einfluß von Stöcker’s großzügiger Thätigkeit in Berlin, wie sie von Anfang an Schultze’s Blicke auf sich gelenkt hatte. Wer so wie er das Volkskirchliche betonte, freilich in reinlicher Unterscheidung von dem Idealbegriff der Ekklesia und darum nicht ausnahmslos Stöcker’s Ideen theilend, mußte auch für die sociale Frage und die Mitarbeit der Kirche daran ein warmes Verständniß haben, wozu schon ehedem das Vorbild eines Victor A. Huber, des Schwagers von J. Müller, angeregt hatte; selbst Lassalle’s Schriften lagen nicht außerhalb seines Gesichtskreises. Stöcker’s energisches Vordringen war ihm auch sonst sehr sympathisch; er wurde insonderheit noch mit ihm verbunden durch die in den achtziger Jahren einsetzende Bewegung für größere Selbständigkeit der Kirche gegenüber dem Staat, namentlich des synodalen Elementes in ihr. Hinsichtlich des letzteren war inzwischen die positiv unirte Strömung so mächtig angewachsen, daß selbst Präsident Herrmann 1878 ihr weichen mußte. In ihren Händen lag zunächst die Führung des General-Synodalvorstands, in welchem bald Schultze’s Mitgliedschaft von wachsendem Einfluß wurde. Sie warf sich, da die Zusammensetzung der Synoden einstweilen verfassungsmäßig festgelegt war, auch noch nicht gleich in dem erwarteten Maße zu Uebelständen geführt hatte, vor allem auf eine Lösung der Fesseln, die das Handeln der Kirche noch überall an ministerielle Vorentscheidungen, Parlamentsbeschlüsse, ausschließlich staatliche Ernennung der meisten kirchenregimentlichen Personen, sowie der akademischen Lehrer u. s. w. banden. Die confessionelle Gruppe, einst im Verdacht stehend, das synodale Leben nicht aufkommen lassen zu wollen, kämpfte bei diesen Bestrebungen [254] mit den Positiv-Unirten – „Schultze an Schultze“, wie Kleist-Retzow sich scherzhaft ausdrückte: ein warmes, sympathisches Einverständnis verband beide Männer miteinander, während die Mittelpartei, einst wärmste Fürsprecherin des kirchlichen Selbständigkeitsgedankens, jetzt in die Minorität gedrängt sich grollend abseits hielt. Sch. gab jedoch die Hoffnung nicht auf und arbeitete besonders in seiner Provinz daran, auch Beyschlag’s Richtung irgendwie zum Mitgehen zu bewegen, damit die betreffenden Forderungen als einmüthige Wünsche der Kirche endlich des Staates umpanzertes Herz erreichen möchten. In drei Punkten war es gelungen, diese Einmüthigkeit herzustellen, sie sollten auf der 3. Generalsynode 1891 zu Anträgen an Krone und Landtag erhoben werden: Freiheit der Kirche zur Abänderung ihrer Organisation in Detailangelegenheiten, Erweiterung des kirchlichen Selbstbesteuerungsrechtes, directe königliche Sanction kirchlicher Gesetze ohne ministerielles Placet. Gerade in dieser Zeit neuer Entscheidungen fiel nun Hofprediger Stöcker bei dem neuen Herrscher in Ungnade. Sch. fand sofort den Muth, öffentlich sein unentwegtes Festhalten an dem von Stöcker sachlich vertretenen Standpunkt zu bezeugen, indem er im Evangelisch-socialen Congreß an seiner Seite erschien. Schon redeten servile Zeitungsstimmen von dem frondirenden Generalsuperintendenten, der als nächster fallen müsse. Indessen so begreiflich ihm Stöcker’s Verstimmung auch erschien, hielt er es doch nicht für richtig, die evangelische Kirche und ihre Politik für eine aggressive Richtung auf die kaiserliche Person hin zu engagiren, zumal diese noch am Anfang ihrer Regierung stand. Als daher innerhalb der Generalsynode der Wunsch auftauchte, Stöcker durch Neuwahl in den General-Synodalvorstand eine ostentative Genugthuung zu bereiten, und er sich überzeugen mußte, daß ein solcher Beschluß die weitere Verständigung der Parteien wie der Factoren der Gesetzgebung zum Scheitern bringen würde, hielt er sich für verpflichtet, denselben zu widerrathen. Von manchen Seiten ist diese Trennung in einer persönlichen Frage als ein sachliches Nachgeben aufgefaßt worden. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, daß Sch., wenn ihm noch ein längeres Wirken beschieden gewesen wäre, die Beseitigung solcher für ihn bloß im Gebiet des Persönlichen liegenden Mißverständnisse erreicht haben würde, wie sie denn auch thatsächlich innerhalb der Gruppe der positiven Union wohl eine vorübergehende Schwankung, aber keine Scheidung herbeigeführt haben. (Die Selbständigkeitsanträge der Generalsynode fanden ihre Berücksichtigung in dem Staatsgesetz vom 25. Mai 1895.)

Es gilt jetzt noch auf die von Sch. schriftstellerisch vertretenen Gedanken, soweit sie nicht schon im Rahmen seiner Kirchenpolitik angedeutet wurden, einen kurzen Blick zu werfen. Zu einer eigentlichen zusammenhängenden Schriftstellerei ist es freilich in seinem vielfach bewegten Leben, bei seiner Art, von den an ihn herantretenden Führungen und Ansprüchen die jedesmalige Aufgabe der geistigen Production sich stellen zu lassen, nicht gekommen. So gab die Anfechtung der Wahl des Pfarrers Werner aus Guben für das St. Jakobi-Pastorat in Berlin Gelegenheit, seine Stellung zur Bekenntnißfrage, die ja immer wieder als das punctum saliens in den Differenzen mit Halle hervortrat, näher zu beleuchten. Die „Rückblicke auf den Fall Werner“ stellen besonders zwei Gesichtspunkte als für ihn maßgebend hin: das auch landrechtlich festgestellte Recht der Gemeinde, daß „ihr niemals ein Pfarrer aufgedrungen werden solle, gegen dessen Grundsätze sie erhebliche Einwendungen hat“ (Werner’s Wahl war durch einen Protest aus der Gemeinde beanstandet), ferner: den Unterschied zwischen „Lehrabweichungen, die nur auf einem dogmatischen, wenn auch fundamentalen Defect beruhen und eine geistliche Censur nicht erforderlich [255] machen, und zwischen herausfordernden Angriffen auf das kirchliche Bekenntniß, die nicht zu dulden seien.“ – Namentlich in der von ihm mitbegründeten „Kirchlichen Monatsschrift“, dem Organ der „Positiven Union“, lag wiederholte Veranlassung vor, einzelne Gedankengruppen in abgerundeten Aufsätzen darzubieten, die dann nach seinem Tode in die Sammlung der „Kirchlichen Bausteine“ übergegangen sind. Als typisches Gepräge dieser Veröffentlichungen darf eine an die württembergische Theologie angelehnte Schriftforschung bezeichnet werden, mit vorwiegend intuitivem Gehalt, der jedoch an dem Fortschritt der Wissenschaft orientirt war: außer den früher genannten Wegweisern seien hier u. A. Dorner, Martensen, Keerl, Auberlen, Philippi, Hofmann, Frank erwähnt. Im Mittelpunkte stand ihm dabei die Gestalt Christi; ihr galten immer wieder seine tiefsten, oft genialen Blicke: „Züge aus dem Bilde Jesu“, die „Seelsorge Christi“; von ihr fand er den unmittelbaren Uebergang zu allem, was die anima naturaliter christiana des Menschen bewegt: „Der Bundesgenosse Christi in des Menschen Brust“; in ihrer Rede sah er, im Gegensatz zu einer die apostolische Lehre von dem synoptischen Zeugnis losreißenden Betrachtungsweise, den Vollgehalt christlicher Lehre keimartig beschlossen: „Das Christenthum der Bergpredigt“. Schon in seiner Posener katechetischen Wirksamkeit war ihm der originale Gedanke aufgegangen, das Bild des Herrn nun auch für die Erklärung des Katechismus, insonderheit des 1. Hauptstücks, bis ins Einzelne fruchtbar zu machen, bei jedem der Gebote das Vorbildliche der „Fußstapfen Jesu“ den Kindern zu zeigen, und dadurch dieses Hauptstück erst recht eigentlich aus der Sphäre des Alten in die des Neuen Testaments hinaufzuheben. Denn es erschien ihm durchaus unpädagogisch, die Paulinische Auffassung der Gesetzespädagogik als eines Mittels der Sündenerkenntniß ohne weiteres auf die Stufe des kindlichen Verständnisses zu übertragen. In Luther’s Verknüpfung und Erklärung der Hauptstücke sah er einen faßlicheren Zusammenhang durchgeführt und suchte ihn in der „Gliederung des Textes“ aufzuzeigen, woran die „Wanderungen durch den Katechismus“ sich schlossen: Fingerzeige, wie der Katechismus zum interpres sui ipsius zu machen sei. Die Aufgabe anschaulicher, das Kinderherz anfassender Darbietung sollte in den Musterstücken „Zur Plastik des Unterrichts“ sich vollenden. So entstand die auch in der Lehrerwelt weitverbreitete Schrift „Katechetische Bausteine“. Ihr zur Seite ein allgemeineres, schon in seiner Ueberschrift freundlichen Humor andeutendes pädagogisches Bekenntniß: „Pädagogische Klippen. Ein Laienwort“ (in den Kirchl. Bausteinen).

Unter den mannichfachen amtlichen Einwirkungen Schultze’s hatte sich, wie es nicht anders sein kann, eine große Fülle persönlicher Beziehungen um ihn gebildet. Sie erfreuten ihn kurz vor seinem Ableben noch mit einer besonders warmen Begegnung, als er 1891 wieder auf der Posener St. Paulikanzel stehend das jubilirende Diakonissenhaus begrüßen durfte, jetzt unter der Oberleitung seines Freundes Hesekiel, rasch emporgewachsen unter der Hand der Oberin Schwester Bade.

Noch ein großer festlicher Tag war ihm beschieden. In einer mehr denn 20jährigen Wirksamkeit mit der Provinz Sachsen durch immer stärkere Wurzeln verwachsen, hatte er sich auch die Schäden ihres kirchlichen Lebens nicht verhehlt, die da leicht sich einstellen, wo über einer großen geschichtlichen Vergangenheit die Frische des Wiedererwerbens des Vätererbes erlahmt. Um so mehr hatte er es für seine Pflicht gehalten, bei Gelegenheit des Lutherjahres 1883 an den historischen Stätten der Provinz die Kraft erwecklicher Rede zu entfalten. Ihren Abschluß fanden diese Zeugnisse in der Einweihung der erneuerten [256] Wittenberger Schloßkirche 1892 in Gegenwart des Kaisers und der evangelischen deutschen Fürsten.

Kurz nach diesem Tage brach unter der Ueberlast von Arbeiten, die in den letzten Jahren, zum Theil auch durch längere Vertretungen erkrankter Collegen, auf ihm gelegen hatten, seine Kraft zusammen. Aus einer Sitzung des Generalsynodalvorstandes kehrte er mit Ohnmachtszuständen zurück, so daß der Arzt zunächst eine vierteljährige Ruhezeit verlangte. In Berlin brachte er sie zu, nahe dem Hause seines Sohnes, alten Freunden wie Emil Frommel ins Auge blickend, besonders wehmüthig dem damals schon erkrankten Rudolf Kögel. Noch einmal machte er dann den Versuch, mit einem beschränkten Maß von Arbeit in sein Amt zurückzukehren. Unvergeßlich wurde sein letztes Examen und seine letzte Ordination denen, die daran theilgenommen. Aber es war nur ein gewaltsames sich Aufraffen. Er mußte Magdeburg verlassen, um in der Höhenluft von Beatenberg Erfrischung zu suchen. Dort begann nach wiederholten Schlaganfällen eine Leidenszeit von mehreren Monaten, die insonderheit an die pflegende Treue seiner Lebensgefährtin die höchsten Anforderungen stellte. Unter dem Sonntagsgeläut der Domglocken wurde der Bewußtlose nach Magdeburg zurückgebracht. Dort entschlief er am 24. October 1893 und wurde unter warm empfundenen Gedächtnißworten seiner nächsten Collegen – Rudolf Kögel sandte von seinem Schmerzenslager einen Nachruf – von der Gemeinde und den zahlreich herbeigeeilten Geistlichen zur Ruhe des Südfriedhofs geleitet.

Schriften von Leopold Sch.: „Die evangelische Bewegung innerhalb der katholischen Kirche zu Ende des vorigen Jahrhunderts“, Barmen 1862; „D. Julius Müller. Mittheilungen aus seinem Leben“, Bremen 1879; „Rückblicke auf den Fall Werner“, Magdeburg 1881; „Katechetische Bausteine zum Religionsunterricht in Schule und Kirche“, Magdeburg 1886, 11. Aufl. 1908; „Kirchliche Bausteine. Zeugnisse von Licht und Recht der evangelischen Kirche. Aus nachgelassenen Reden und Abhandlungen“, Bremen-Halle 1895, 2. Aufl. 1908.

Biographisches: Zum Gedächtniß an D. L. Schultze. Erinnerungen an seinen Heimgang und Reden an seinem Sarge. Magdeburg 1893. – Lebensbild des weil. 1. Generalsuperintendenten der Provinz Sachsen D. L. Schultze von Wilh. Baur. Magdeburg 1894. – Consistorialrath D. L. Schultze in Posen als Religionslehrer in der Töchterschule, von L. Maßalien. Ev. Volkskalender. Posen 1897. – Die Controverse über D. Schultze zwischen J. L. Schultze einerseits, Professor Beyschlag und Superintendent Felgenträger andererseits findet sich: Kirchliche Monatsschrift, Gr.-Lichterfelde, Berlin, XIX. Jahrg., H. 10, 12, 14. – Evangelische Blätter. (Halle a. S.) XXV. Jahrg., H. 8, 10, 12. XXVI. Jahrg., H. 1.
J. L. Schultze.