ADB:Sivers, Jegór von

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Artikel „Sivers, Jegór von“ von Arend Buchholtz in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 436–438, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sivers,_Jeg%C3%B3r_von&oldid=- (Version vom 22. August 2019, 00:44 Uhr UTC)
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Sivers: Jegór v. S., Dichter, Litterarhistoriker, Landwirth, geboren am 1./13. November 1823 auf dem Landgute Heimthal bei Fellin in Livland, † zu Riga am 12./24. April 1879. Einem alten livländischen Adelsgeschlechte entstammend, jüngster Sohn des Landraths Peter Reinhold v. S., eines ausgezeichneten Landwirthes, der für die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Bildung des Landvolkes in Livland wirksam eingetreten war, wurde Jegór v. S. zunächst im elterlichen Hause erzogen, wo nicht allein das Vorbild des weitblickenden Vaters fördernd auf ihn einwirkte, sondern auch der Einfluß des Lehrers seiner Geschwister, des späteren Generalsuperintendenten und Bischofs Ferdinand Walter, eines Mannes von großem Verstande und nicht gewöhnlicher Thatkraft, den heranwachsenden Knaben anregte und belebte. Als der alternde Vater nicht mehr selbst dem Sohne die nöthige Erziehung im elterlichen Hause zu geben vermochte, vertraute er den zehnjährigen Knaben der zu ihrer Zeit rühmlich bekannten Krümmer’schen Erziehungsanstalt im livländischen Städtchen Werro an. Hier erfuhr v. S. wie so manche folgende Schülergeneration den wohlthätigen Einfluß des Lehrers Mortimer, eines ausgezeichneten Pädagogen. Ihm vor andern, denn Sivers’ Vater starb, als der Sohn elf Jahre alt war, verdankte S., daß seine jugendliche Kraft sich harmonisch entwickelte. In Werro, wo er mit dem gleichalterigen Karl v. Stern, dem livländischen lyrischen Dichter, Freundschaft schloß, die bis zu Stern’s Tode währte, regte sich zuerst auch Sivers’ dichterische Ader.

Von 1843 bis 1846 lag S. auf der Universität Dorpat naturwissenschaftlichen und staatswirthschaftlichen Studien ob. Im besondern war es das weite Gebiet der Zoologie und das enger begrenzte der Konchyliologie, denen er sein Interesse zuwandte. Doch mehr als sie nahmen den ästhetisirenden Studenten, dessen „angeborenes Gefühl für schönes Maß und feine Lebensformen“ ihn kein rechtes Gefallen an dem flotten Studentenleben seines Corps finden ließen, litterarische und dichterische Studien in Anspruch. In seine Dorpater Jahre fällt das Erscheinen des mit Stern und anderen herausgegebenen Büchelchens „Balladen und Lieder“ (1846), im folgenden Jahre veröffentlichte S. unter seinem Namen die erste Sammlung eigener „Gedichte“.

Von 1846–1850 bewirthschaftete S. das väterliche Gut Heimthal und nahm an den Pflichten, die er als Glied der livländischen Ritterschaft zu erfüllen hatte, lebhaften Antheil. Die Landes- und landwirthschaftlichen Interessen wurden von seinen litterarischen und poetischen Arbeiten überboten. Die Heimthaler Jahre sind seine schöpferischsten Dichterjahre. Auch als Kritiker und Litterarhistoriker versuchte er sich nun zum ersten Male. Bereits im Jahre 1849 ist es der livländische Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, der eigenartigste und nach Goethe größte unter den Dichtern der Sturm- und Drangzeit, dessen Leben und Werken er seinen ersten Aufsatz in der Zeitschrift Inland widmete und auch in der Zukunft bis an sein Lebensende einen großen Theil seiner Mußestunden opferte.

Unzufrieden mit den engen und unerfreulichen Verhältnissen seiner Heimath, verließ S. im Jahre 1850 Livland, um fortan während einiger Jahre das unstete Leben eines Reisenden zu führen. Sein Ziel war Mittelamerika. Zur [437] weiten Fahrt sich rüstend, erfuhr er in Berlin noch Alexander von Humboldt’s nie versagende, förderliche Hilfe. Von seinem Wohlwollen getragen und mit seinen gewichtigen Empfehlungen versehen, reiste S. über England und Madeira, die kleinen Antillen, Portorico und Jamaika nach Honduras. In Guatemala ließ er sich nieder; hier lebte er das idyllische Leben eines Farmers, baute Mais, Indigo, Kaffee und Tabak und lernte auf zahlreichen Ausflügen die eigenartige Natur des centralen und südlichen Amerika kennen. Er sah den Nicaraguasee und bewunderte in Mexiko, „von der Flamme innerer Gluth erwärmt“, die großartigen Ruinen einer längst verfallenen Culturperiode. Einmal erlitt er auch Schiffbruch, wobei er seine werthvollen naturhistorischen Sammlungen einbüßte, aber mit unverdrossenem Muthe ging er von neuem ans Sammeln und Beobachten. Erst das gelbe Fieber, dem er anheim fiel, zwang ihn, Amerika zu verlassen.

S. hielt sich noch anderthalb Jahre in England, Frankreich und Belgien, am längsten in Deutschland auf, bevor er nach Livland zurückkehrte. Während seines Aufenthalts in Deutschland gewann er, zumal in Berlin, jene zahlreichen Beziehungen zu litterarischen Celebritäten, die für alle folgenden Jahre ihre anregenden Wirkungen auf S. ausübten. In Berlin verkehrte er viel in den Kreisen Alexander von Humboldt’s, Varnhagens und Bettina von Arnim’s, die nicht zu fassen vermochte, daß S. aus dem Lande der Freiheit ins geknechtete Europa hatte zurückkehren können.

Im Jahre 1852 gab S. eine neue Sammlung seiner Gedichte heraus: „Palmen und Birken“, die 1853 eine zweite Auflage erlebten. Auch für mehrere Zeitschriften war er thätig: für Gutzkow’s Unterhaltungen am häuslichen Herd, für die Blätter für litterarische Unterhaltung u. a. Auch die Zeitschriften seiner Heimath gingen nicht leer aus. Die Rigasche Zeitung und das Inland brachten Beiträge seiner Feder, vornehmlich über amerikanische Verhältnisse. Zusammengefaßt, ergänzt und vermehrt, erschienen seine Reisedenkwürdigkeiten und Forschungen in den beiden 1861 veröffentlichten Büchern: „Cuba, die Perle der Antillen“ und „Ueber Madeira und die Antillen nach Mittelamerika“.

1853 kehrte S. nach dreijähriger Wanderschaft nach Livland zurück, um fortan hier seßhaft zu bleiben. Er wurde wieder Landwirth. Zunächst pachtete er das Ritterschaftsgut Planhof, dann kaufte er das benachbarte Rittergut Raudenhof, verheirathete sich und blieb seinen litterarischen Liebhabereien treu. Die fünfziger und sechziger Jahre waren die fruchtbarsten in Sivers’ Leben. Er schrieb über Paul Fleming, über Klinger und Kotzebue, mit besonderem Eifer aber trieb er seine Lenzstudien weiter, über die er mehrfach im „Inland“ berichtete, gab 1855 „Die deutschen Dichter in Rußland“ heraus, eine Sammlung von Dichtungen mit litterarhistorischen und biographischen Einleitungen, die manchen wenig bekannten vaterländischen Poeten unverdienter Vergessenheit entriß; 1858 folgte das „Litterarische Taschenbuch der Deutschen in Rußland“ und 1863 gab er die letzte Sammlung eigener Gedichte, die „Dichtungen aus beiden Welten“ heraus.

S. war aber auch ein eifriger Landwirth und stets bemüht, den außerhalb Landes gewonnenen Ideen und Erfahrungen in Theorie und Praxis in der Heimath Boden zu gewinnen. Die ihm eigene Humanität ließ ihn auch liebevoll für das Wohl seiner Bauerschaft sorgen.

Die politischen Kämpfe des Landes, die in den sechziger Jahren immer ernster wurden, trieben den Patrioten in eine rege publicistische Thätigkeit hinein. Er trat für die Freigebung des Güterbesitzrechts ein, beantragte eine Revidirung der livländischen Landesverfassung und vertrat seine Reformideen in Wort und Schrift, auf Landtagen wie in Broschüren und Denkschriften.

[438] Auch manches historische Buch hat S. geschrieben: eine Geschichte Wendens, eine Geschichte des Landgutes Smilten und die Festschrift zu R. J. L. v. Samson-Himmelstjerna’s Ehren, die Geschichte der Bauernfreiheit in Livland. In seinem Buche: „Herder in Riga“ stellte er alle Urkunden zusammen, die sich auf des Dichters Aufenthalt in Riga beziehen.

Als er fünfzig Jahre alt geworden war, hatte S. noch den Muth und die Kraft, einem ihm angetragenen ehrenvollen, neuen Lebenslauf zu folgen: er übernahm die durch Karl Hehn’s Tod freigewordene Professur für Landwirthschaft am baltischen Polytechnikum und siedelte nach Riga über. In diesem Lehramte hat er sehr segensreich gewirkt und für die Hebung des landwirthschaftlichen Studiums viel gethan. Seiner Anregung verdankt das Polytechnikum, daß eine zweite Professur für Landwirthschaft begründet und das dem Staat gehörende Gut Peterhof bei Riga dem Polytechnikum als Versuchsfarm auf eine längere Reihe von Jahren überlassen wurde.

S. hatte außerordentlich vielseitige Interessen. Am treuesten blieb er den Lenzstudien. Als Lenzforscher und Lenzsammler wird er in der deutschen Litteraturgeschichte fortleben. Sein letzte litterarische Gabe, die wenige Wochen vor seinem Tode in der baltischen Monatsschrift erschien, war eine Lenz betreffende polemischer Natur. S. war es nicht mehr vergönnt, seine sehr schätzenswerthe Sammlung Lenziana selbst zu verwerthen. Nach seinem Tode hat Sivers’ Wittwe das gesammte Lenzmaterial in Karl Weinhold’s Hände gelegt, der den dramatischen Nachlaß 1884 und die Gedichte 1890 herausgegeben hat.

S. war ein Mann, der den Idealen seiner Jugend treu bis zum Tode geblieben war, ein unantastbarer Charakter, ein Patriot, denn alles, was er that, geschah, um mit seinen Worten zu sprechen, für das Land, in dem seine Wiege gestanden hatte und dem er daher auch sein Leben zu schulden meinte.

G. Kieseritzky, Jegór v. Sivers. Rede. Riga 1879.