ADB:Stolberg-Stolberg, Christian Graf zu

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Artikel „Stolberg-Stolberg, Christian, Graf zu“ von Erich Schmidt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 348–350, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stolberg-Stolberg,_Christian_Graf_zu&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 16:55 Uhr UTC)
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Stolberg-Stolberg: Christian, Graf zu St.-St., Dichter und Uebersetzer, wurde am 15. October 1748 zu Hamburg geboren und erscheint bis 1776 als Trabant seines jüngeren, ungleich schwungvolleren Bruders Friedrich Leopold, so daß zunächst auf den Artikel über diesen verwiesen werden muß. Der Jüngling hat geschrien „dir mich weihen? ich dir? stygische Furie, Afterthemis?“ und eingestimmt in die Tiraden des Göttinger Bundes, für Bürger geschwärmt, die griechische Poesie gründlicher, aber trockener ergriffen, in der Schweiz den Cultus Tell’s mitgemacht und noch 1787 an einem dramatischen Denkmal dieses Freiheitshelden gearbeitet, Klopstock gehorsam verehrt, aber fast überall die zweite Rolle gespielt, auch als unproductiver Dichter die hohe Ueberlegenheit des vielgeliebten Bruders willig anerkannt. Eigenthümliche Weisen auf der „Zwillingsleyer“ zu spielen war ihm versagt. Schon seine Jugend trieb spärliche lyrische Blüthen. Einige Paralipomena bewahrt das Bundesbuch, drei Gedichte vom Frühjahr 1773 hat Schüddekopf aus Ebert’s Nachlaß hervorgezogen (Zeitschr. für deutsche Philologie 18, 481). Er dichtet 1775 „An die Unbekannte“: „An’s Mägdlein sei dies Lied gericht’t, Die mich nicht kennt, und ich sie nicht,“ also eine der seit Klopstock nicht seltenen Liebeserklärungen ins Blaue – doch spricht er im gleichen Jahr von „einer ersten, heftigen, unglücklichen Leidenschaft“ (Hennes S. 58), und im Juli 1774 (Strodtmann I, 208) so bestimmt von seinem „gar zu übergöttlichen Mädchen“, daß gewiß nicht nur an Hölty’sche Nebelbilder zu denken ist; schwerlich aber schon an seine spätere Gattin. Greifbarer ist die Ode „Die Blicke. An Dora“. Die Gedichte der Brüder, 1779, bringen von Chr. nur wenige Nummern, überwiegend Gelegenheitscarmina, sechs Stücke aus dem Griechischen: Idyllen und Anakreontea, zwei Balladen: „Elise v. Mansfeld“ (eine an das Stammschloß angeknüpfte langathmige Entführungsgeschichte in 52 Gleim’schen Strophen) und „Der wahre Traum“ (der „Büßenden“ Friedrich Leopold’s verwandt). Ihm fehlt die jugendliche Andacht für der Väter Vorzeit, die dann in Katharina Stolberg’s Erzählung „Rosalia“ zerfloß. Erst 1814 folgt „Die weiße Frau“, ein stilloser, auf den Umfang einer Epopöe erstreckter Cyclus mit spaßhafter Würze und ganz persönlicher Wendung an Schwester Auguste. Tüchtig und herzlich zeigen den Grafen so manche Familienverse, bis zum „Hänschen im Keller“. Neben hübschen Distichen stehen mühsame Sonette. Die eigne Silberhochzeit feierte er mit einer Anleihe bei Ausonius. Er übersetzte, der römischen [349] Poesie (Horaz) nur flüchtig zugewandt, leidlich correct, aber steif und metrisch ungelenk Anakreon, Theokrit, Bion, Moschos, Musaios, Homerische Hymnen, die Batrachomyomachie, und ließ diesen kleineren Arbeiten 1787 seinen deutschen „Sofokles“ folgen. Mit Friedrich Leopold dilettirte er selbst im Drama („Schauspiele mit Chören“, 1787). „Otanes“ nach Herodot stellt die Frage: Königthum oder Republik? und führt die Losung οὔτε ἄρχειν οὔτε ἄρχεσϑαι (Vgl. auch die auf England deutende Anm. W. 4, 311) trotz allem Mord unter milchblütigen Männern ohne Wucht und dramatischen Abschluß aus. Der „Belsazer“, ein biblisches Trauerspiel, wie Katharina 1788 einen klopstockisirenden Moses brachte, stellt in dürrer Sprache Belsazer, Cyrus, Daniel nach einander hin, verläuft ins Epische, mischt in den Chören Antikes und Psalmen, flicht viele alttestamentliche Worte ein und gibt lyrische Wechselgesänge gegen den Tyrannen und Lüstling. Das spöttische Xenion „König Belsazer schmaust“ … ist ganz richtig, denn des Königs erstes Wort gilt den „Genossen meines Mahls“, beim zweiten Auftreten heißt es „nichts soll stören unser Freudenmahl“, beim dritten: „Das Gastmahl, der Tanz und der Gesang dauern fort“, die Kebsweiber, die anfangs seltsam Klopstockisch singen, stimmen ein Trinklied an. Uebrigens hat Chr. ein Bündel eigener Xenien vernichtet (W. 2, 340). Friedrich Leopold bewunderte den Otanes mehr als irgend ein Stück der Welt: das könne ihm die klarste aristarchische Welle nicht benetzen.

Christian’s Leben verlief nach der Schweizer Reise sehr einfach. 1776 zum dänischen Kammerjunker (1800 zum Kammerherrn) ernannt, heirathete er im Sommer 1777 die Oberjägermeisterin Friederike Luise v. Gramm, geborne Gräfin Reventlow aus der dänischen Linie (geboren am 21. August 1746, vermählt 1761, verwittwet 1768, † am 29. November 1824) und blieb von 1777 bis 1800 Amtmann in Tremsbüttel, in regem Verkehr mit adeligen Freunden und Verwandten, wie den Emkendorfer Reventlows, aber auch mit Boie (Weinhold S. 92 f.), oft vom Bruder besucht, den sie 1784 nach Weimar und Karlsbad begleiteten. Seine glückliche Ehe, die einen Herzenswunsch der Gräfin Bernstorff erfüllte, blieb kinderlos. Gräfin Luise war eine ungemein gebildete, kluge, kritische Frau, die dem Gatten auch bei seinen litterarischen Arbeiten half, wie er für den „Otanes“ bemerkt, und, selbst des Lateinischen mächtig, Voß zur Uebersetzung der Georgica antrieb. Scharfer Verstand, aber zugleich gewinnende Liebenswürdigkeit sprechen aus ihren Briefen. In der französischen Revolution war das Paar lange geneigt, sogar der Zerstörung der alten Stammbäume zuzujubeln (Herbst 2, 295), und Friedrich Leopold schrieb an Jacobi (17. Februar 1793): „Mein Bruder ist viel zu spät, doch ist er von seiner Verblendung zurückgekommen.“ Der Uebertritt Friedrich Leopold’s wurde von ihnen schwer empfunden, wie auch Luisens Correspondenz mit Herder und Jacobi, und Christian’s peinliche Verhandlungen mit Voß bezeugen (z. B. Zöppritz 2, 243), während bei den Emkendorfer Reventlows der Katholicismus gehegt wurde. Indeß siegte über alles die warme Brudertreue. Seit 1805 ist auch bei der dogmenlosen Gräfin Luise eine Wendung zum positiven Glauben zu verzeichnen, nicht aber zur römischen Kirche, der die Schwägerin Katharina 1803 nur zu kurzer Einkehr beitrat. 1800 siedelte Chr. auf das neuangekaufte Gut Windebye bei Eckernförde über, wo er – seit 1806 auch Rath am Schleswig’schen Landgericht – bis zum 18. Januar 1821 lebte, ein fester Patriot, ein guter Preußenfreund (vgl. Menge 2, 352. 355) in den Kriegsjahren, die seine Lyrik gegen das Drachennest Babel und Elbas Augustulus, zu überladenen Siegesliedern und bardischer Mahnung: „An die deutsche Rathsversammlung in Wien“ aufriefen. 1805 schrieb er anonym ein Heft zu Gunsten des wegen reactionärer kirchlicher Maßregeln befehdeten Reventlow, Curators der Kieler Universität (siehe A. D. B. XXVIII, 336). Sein Letztes ist der in tiefer Empörung gegen Voß [350] (vgl. Herbst II 2, 186), aber unwirksam gegebene Schluß der „Abfertigung“ von dem verstorbenen Bruder. (Nachträglich sei citirt Bobé, Gräfin L. Stolberg. Eine Studie nach ungedr. Briefen, Die Nation 1893, Nr. 33.)